Buch des Monats: Oktober 2018

Klapproth, Erich

Der Esel Bileams. Fahrten und Gedanken auf märkischen Landstraßen.

Wuppertal-Elberfeld: Verlag R. Brockhaus 1941. 32 S. Kart. Mit 8 Abb. von Eberhard Tacke.

Vor 75 Jahren starb Erich Klapproth (1912–1943). Er zählte zu den engagiertesten Nachwuchstheologen der Bekennenden Kirche in Preußen. Etliche seiner Weggefährten, mit denen er dienstlich und freundschaftlich eng verbunden war, avancierten später zu wichtigen akademischen oder kirchlichen Funktionsträgern der Nachkriegszeit, darunter Martin Albertz, Otto Dibelius, Gerhard Ebeling, Hermann Ehlers, Kurt Scharf, Albrecht Schönherr und Claus Westermann. Anders als den Genannten blieb Klapproth jedoch die Fügung verwehrt, den nationalsozialistischen Gesinnungsterror und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu überleben. Deshalb fiel sein Name, nachdem er am 18. Juli 1943 an der deutschen Ostfront einem Granatvolltreffer erlegen war, weithin dem Vergessen anheim.
Das kirchliche Wirken Klapproths wurde durch seine enorme dichterische Begabung bereichert. Er verfasste biblische Laienspiele, qualitätvolle geistliche Lyrik und insbesondere auch zahlreiche Stücke evangelischer Jugendprosa, die in der von Udo Smidt herausgegebenen Zeitschrift Jungenwacht publiziert wurden. Nachdem das Organ 1938 sein Erscheinen hatte einstellen müssen, schmiedete Klapproth diesbezüglich einen anderen Plan. Er entsprang seiner von August 1938 bis Januar 1940 hauptberuflich wahrgenommenen Tätigkeit als Vertrauensmann der bekenntniskirchlichen Vikare, Prädikanten und Hilfsprediger in Preußen. Um diesen Dienst, der immer wieder mehrtägige Reisen in der Mark Brandenburg mit sich brachte, ausüben zu können, hatte man ihm ein Motorrad zur Verfügung gestellt.
So schuf er nun eine Serie von Kurzgeschichten für heranwachsende Jungen, die allesamt von seinem Motorrad, das er liebevoll und beziehungsreich (vgl. Num 22–24) Der Esel Bileams nannte, den Ausgang nahmen. Diese Bezeichnung stand dann auch der im Sommer 1939 abgeschlossenen Sammlung, die zunächst nur in maschinenschriftlichen Durchschlägen umlief und erst 1941 im Druck erschien, als Überschrift vor. Was mit dem Titel gemeint war, fand sich im Vorwort erläutert:
Kennt ihr die wundersame Geschichte von dem Propheten Bileam und seinem Reittier, das zu ihm redete? Die folgenden Seiten wollen dankbar und fröhlich davon erzählen, wie auch ein modernes Reittier, nämlich ein DKW 200 ccm Motorrad, seinem Reiter einige geistliche Wahrheiten zu Gehör gebracht hat. Der Reiter hält sich dabei nicht gerade für einen Propheten. Wenn sich aber der Leser an dem kühnen Vergleich stoßen sollte, dann mag er denken, daß in jener alten Begebenheit doch wohl der Esel der wahre Prophet, der Prophet aber eher der Esel zu nennen ist. (5)
Zwischen dem Fußgänger und dem Autoreisenden erkannte Klapproth in der Situation des Motorradfahrers das bessere Abbild christlicher Existenz. Lerne dieser bei dem erforderlichen körperlichen Energieeinsatz, der steten Gefährdung seiner Person und den vielfältigen Unbilden des Wetters, denen er ausgesetzt war, doch wohl am besten, „was es heißt, gefährlich und wagend zu leben“, und wie unentbehrlich es deshalb ist, „sich dabei allemal in Gottes Hände zu befehlen“ (6). Die dann folgenden 13 Geschichten erzählten jeweils von einem Eindruck, einer Überlegung oder einem plötzlichen Widerfahrnis aus Klapproths Dienstfahrten mit dem Motorrad, die danach, mehr oder minder geschmeidig, gleichnishaft auf Grundfragen des christlichen Glaubens angewandt und religionspädagogisch konkretisiert wurden. Überschrieben waren die Geschichten jeweils mit sprechenden Titeln wie Der Tank ist leer! (9–11), Die großen Straßen (22 f.) oder Jede Kleinigkeit bekommt Gewicht (16).
Es scheint, als habe Klapproth dabei einen Ton getroffen, der die Jungen seiner Zeit unmittelbar anzusprechen und zu berühren vermochte. Das vervielfältigte Typoskript fand weite Verbreitung und ging oftmals von Hand zu Hand. Die im dritten Kriegsjahr mit neu hinzugekommenem Untertitel gedruckte Heftausgabe hatte Eberhard Tacke mit schlichten, hübschen Zeichnungen versehen und Hermann Ehlers mit einem empfehlenden Nachwort bedacht. Das Büchlein ist längst vergriffen, steht aber in etlichen öffentlichen Bibliotheken zu anregender Einsichtnahme und womöglich sogar zum Nachdruck durch einen geschichtsinteressierten Verleger bereit.
Zwar haben sich die sozialen, kommunikativen und mentalitätsprägenden Umstände, aber auch die religionspädagogischen Handlungskoordinaten inzwischen so sehr verändert, dass man Klapproths Esel Bileams kaum noch als gegenwartstaugliche christliche Jugendprosa wird einsetzen können. Gleichwohl bedeutet es einen Akt dankbarer historischer Respektserweisung, an dieses kleine Juwel kirchlicher Publizistik und damit zugleich an seinen Verfasser, dieses besondere, hoffnungsträchtige und lebensbetrogene Glied einer verlorenen Generation, zu erinnern.

Albrecht Beutel (Münster)

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