Buch des Monats: November 2017

Roser, Traugott

Spiritual Care. Der Beitrag von Seelsorge zum Gesundheitswesen.

Stuttgart: Kohlhammer, 2., erweiterte und aktualisierte Auflage 2017. 565 S. = Münchner Reihe Palliative Care, 3. Kart. EUR 39,00. ISBN 978-3-17-021439-2.

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Zehn Jahre nach der Publikation seiner Münchener Habilitationsschrift (s. Rezension durch Ulrike Wagner-Rau ThLZ 2009, 507-509) legt hier der mittlerweile in Münster Praktische Theologie lehrende Autor eine fast doppelt so umfangreiche „2. erweiterte und aktualisierte Auflage“ vor, wobei die Veränderung des Untertitels eine auch thematische Erweiterung impliziert. Hieß es 2007 „Ethische, organisationelle und spirituelle Aspekte der Krankenhausseelsorge“ so jetzt: „Der Beitrag von Seelsorge zum Gesundheitswesen“. Inhaltlich behandelt Roser kenntnisreich und sowohl praxisbezogen als auch theoriebewusst drei Handlungs- oder wohl besser: Konfliktfelder: „Seelsorge in Krisensituationen am Anfang des Lebens“, wobei nicht zuletzt die Frage nach der – möglichen – Taufe von „stillborn babies“ reflektiert wird; „Spiritual Care in der Hochleistungsmedizin am Beispiel der Transplantationsmedizin“, mit gewichtigen, in den Bereich der Ethik verweisenden Überlegungen zum Verständnis des Todes; „Seelsorge bei chronisch degenerativen Krankheiten am Beispiel der Demenzerkrankungen“, die u.a. der Frage nach dem Person-Status nachgeht. Dabei findet zum einen jeweils – selbstverständlich – eine Öffnung der Perspektive über den deutsch(sprachig)en Raum hinaus statt, zum anderen stellen medizinische Diskurse und die dabei verwendeten Methoden durchgehend wichtige Bezugspunkte dar. Dazu kommen in einem einleitenden Teil eine praktisch-theologische Verortung, u.a. beim Ansatz von Don Browning, sowie am Ende grundsätzliche Bestimmungen zum Konzept „Spiritual Care“.
Besonders ist dieses Buch aber auch – und darauf sei hingewiesen – in einer weiteren, nur ganz am Rand thematisierten Hinsicht, nämlich dem der Kirchentheorie. Entgegen den kirchenamtlich seit Längerem inszenierten. Letztlich erfolglosen Reformprogrammen und -konzepten („Wachsen gegen den Trend“) macht Roser darauf aufmerksam, dass die – dem Grundimpuls Jesu folgende – Hinwendung zu den Menschen sich anderswo vollzieht. Das Konzept „Spiritual Care“ ist kein kirchliches Reformprogramm, sondern Resultat von genauer Wahrnehmungs-, Reflexions- und Gestaltungskunst – so die jeweilige Untergliederung der drei genannten Themenbereiche. Mit vielen eindrücklichen, manchmal sogar autobiografische Bezüge andeutenden Beispielen macht Roser auf die auch theologischen Herausforderungen aufmerksam, die im Gesundheitsbereich bestehen. Sie können nur von Seelsorger/innen aufgenommen und konstruktiv bearbeitet werden, die in das soziale System Krankenhaus eingebunden sind, zugleich hierzu aber Distanz wahren, wozu nicht zuletzt die Verbindung mit Kirche dienen kann. Der Palliativ-Diskurs, in dem die Absolutsetzung der kurativen Perspektive durch eine neue Aufmerksamkeit auf die spirituelle Dimension relativiert bzw. korrigiert wird, bietet dazu neue Möglichkeiten. Damit tritt neben die klassische seelsorgerliche Praxis des Gesprächs eine ethische Herausforderung, die sich organisatorisch z.B. in der Mitarbeit von Klinikpfarrer/Klinikpfarrerinnen in Ethik-Kommissionen niederschlägt. Kirche fungiert hier also nicht als ein eigenes, am selbsterhalt interessiertes System, das andere zu sich einlädt – und dann wundert, dass dem nur wenig folgen –, sondern agiert zugleich integriert und kritisch in einem gesellschaftlichen Großsystem. Nicht das institutionelle Erhaltungsinteresse, sondern das „well being“ der Menschen steht dabei im Vordergrund. Ohne Schwierigkeiten lässt sich diese Form assistierender Präsenz in struktureller Kopplung auch auf ein anderes Großsystem gegenwärtiger Gesellschaft, die Schule und das Erziehungswesen, übertragen. Parallel zur Relativierung der kurativen Ausrichtung wird auch hier eine lange exklusive Konzentration, nämlich die auf Unterricht zunehmend überwunden (Stichworte: Ganztagsschule; Inklusion), was u.a. in dem prosperierenden Handlungsfeld der Schulseelsorge zum Ausdruck kommt. Kirche begegnet hier ebenfalls als Assistenzsystem und hilft personenbezogen neue Herausforderungen zu bearbeiten.

Christian Grethlein (Münster)

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