Buch des Monats: Januar 2017

Robert Jütte

Leib und Leben im Judentum.

Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2016. 544 S. mit 28 Abb. Geb. EUR 32,95. ISBN 9783633542826.

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Körpergeschichte hat seit längerer Zeit Konjunktur in den Geschichtswissenschaften. Inzwi-schen auch in der Religionsgeschichte. Insofern überrascht es, dass erst jetzt eine Geschichte des jüdischen Körpers vorgelegt wird, die von den biblischen Quellen bis in die unmittelbare Gegenwart geführt ist. Denn angesichts der ungemein vielen Stereotypen über jüdische Körper, die bis heute auch in christlichen Kreisen noch verbreitet sind, lohnt eine sorgfältige Aufarbei-tung von Sichtweisen auf Körper in jüdischen wie nichtjüdischen Kontexten und die verschie-denen Wechselwirkungen wahrscheinlich besonders. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Ge-schichte der Medizin der Robert Bosch-Stiftung hat sich dieses drängenden Desiderates ange-nommen und als Ergebnis längerer Studien ein ebenso gründlich recherchiertes wie lesenswer-tes Buch vorgelegt. Medizingeschichte, Ideengeschichte und Sozialgeschichte werden auf ein-drückliche Weise und ganz selbstverständlich kombiniert; für die judaistische Seite konnte Jütte zusätzlich die Beratung des an der Harvard University wirkenden Judaisten David Stern in An-spruch nehmen. Durchaus nicht im Trend einer landläufigen Körpergeschichte, die „Körper“ lediglich als ein Konstrukt thematisiert, liegt der dezidierte Beginn des Buches beim biologi-schen Körper und die Gliederung, die vom intakten Leib über den hinfälligen Leib und hilfsbe-dürftigen Leib zum vergänglichen Körper voranschreitet. Damit wird aber genau die eingeführte Differenzierung zwischen Körper als Bezeichnung vor allem der materiellen Aspekte und Leib als Terminus für die in irgendeiner Weise über das Materielle hinaus qualifizierte lebendige, in geistiger Tätigkeit selbstbezügliche Materialität aufgenommen. Das Buch nimmt seinen Aus-gang bei biblischen und postbiblischen Texten, integriert ganz selbstverständlich rabbinische und nichtrabbinische Texte, aber spannt den Bogen bis zu Zeitungsartikeln und Gerichtsent-scheiden der unmittelbaren Gegenwart in Israel wie in der Diaspora. Tätowierung und Piercing werden so durch alle Zeiten seit der Antike bis in die Gegenwart von entsprechenden Studios in Tel Aviv behandelt (S. 157-173).
Immer wieder ist von antijüdischen oder antisemitischen Stereotypen die Rede, die auch den biologischen Körper in seiner Faktizität vollkommen zu überlagern vermögen. Natürlich steht man insbesondere nach der Lektüre des ersten Abschnittes über den biologischen Körper leicht erschüttert vor dem, was über solche Vorurteile zu lesen war: Obwohl die antijüdische Stereo-type einer besonders expressiv geformten Nase selbstverständlich ein reines Konstrukt darstellt, dessen Genese Jütte nachzeichnet, lassen sich bis heute Hundertausende in den USA als „jü-disch“ empfundene Nasen korrigieren (S. 47). Der Autor weist auch auf die erschütternde Ver-bindung zwischen den nationalsozialistischen Stereotypen über den Schmutz bei Juden und der Tarnung von Gaskammern als Desinfektionsräume hin (S. 92). Aber neben solchen sehr be-trüblichen Aspekten des Themas versteht Jütte auch amüsante Details zu erzählen, beispielswei-se über die Geschichte der jüdischen Turnbewegung und ihre Nähe zur zionistischen Bewe-gung: Emanzipation und gleichberechtigte Teilnahme am militärorientierten wilhelminischen Reich erforderte das energische Training der eigenen Muskeln, um der durch die Turnerbewe-gung gestählten christlichen Jugend in nichts nachzustehen (S. 94-114). Immer wieder verblüfft der Autor durch seine staunenswerte Belesenheit, so wird zum Thema „Nacktheit“ nicht nur die entsprechende rabbinische Literatur zitiert, sondern auch eine Erinnerung von Peter Gay erzählt, der im Berlin des Jahres 1930 die Vorstellung, seine eigene Mutter nackt zu sehen, nur für ver-rucht hielt (S. 134). Man versteht bestens, warum gegenwärtige jüdische Ethik beispielsweise der Forschung an Stammzellen wesentlich offener gegenübersteht: Kinderlosigkeit wird von nicht wenigen sehr gefürchtet (S. 217f.).
An vielen Details merkt man, dass hier ein Medizinhistoriker schreibt: Ist Beschneidung nicht rein medizinisch, also auch ohne jeden religiösen Hintergrund sinnvoll? Sind koschere Produkte nicht eigentlich „Super-Bio-Produkte“ (S. 260)? Solche Fragen und die Antworten, die Jütte auf solche Fragen gibt, zeigen, wie aktuell ein kulturgeschichtlich orientiertes Buch an manchen Punkten sein kann. Vor allem die Abschnitte am Schluss zu Komplexen wie Selbstmord (S. 395-403), Auferstehungsglauben (S. 404-410) oder Feuerbestattung (S. 415f.) locken natürlich zu Vergleichen mit Vorstellungen im Rahmen des Christentums. Jütte vermeidet solche Verglei-che, denn angesichts des begrenzten Umfangs seiner ebenso dichten wie gründlichen Monogra-phie hätte sich ein knapper summarischer Absatz, formuliert im Sinne des berühmten Sprich-worts „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich auch“, eher etwas merkwürdig abgehoben. Das Buch eignet sich ebenso als fesselnde Lektüre wie zur gelegentlichen Konsultation, da es sehr klar und fast enzyklopädisch aufgebaut ist. Wer sich bisher eher wenig mit der Materie vertraut gemacht hat, wird wieder sehr überrascht sein, wie unterschiedlich das Judentum zu bestimmten Fragen optiert und wie fröhlich man sich über alle diese Fragen gestritten hat und weiter streiten kann. Bedenkt man, wie viele jüdische Menschen unterschiedlichsten Hintergrunds inzwischen wieder hierzulande leben oder für kürzere wie längere Zeit zu Besuch kommen, dann hilft die Lektüre des Buches von Jütte bei etwas ganz Schlichtem: Beim unmittelbaren Verstehen der eigenen Gegenwart.

Christoph Markschies (Berlin)

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