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Ausgabe:

1968

Spalte:

348-350

Kategorie:

Neues Testament

Autor/Hrsg.:

Brown, Raymond Edward

Titel/Untertitel:

The gospel according to John 1968

Rezensent:

Holtz, Traugott

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Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 5

348

hinaus ist D. so vorsichtig, nicht zu fragen, ob sich die Ereignisse
so abgespielt haben, wie diese Traditionen sie wiedergeben; er will
zunächst nur feststellen, ob sich im JE eine hinter ihm liegende
und von ihm unterschiedene Tradition erkennen läßt. Dabei verwendet
er außerordentlich viel Raum für den Nachweis, daß Johannes
nicht von den synoptischen Evangelien abhängig ist. Man
wird es als ein besonderes Verdienst des Buches betrachten dürfen,
daß dieser Nachweis wirklich gelungen ist. Das JE berührt sich
nicht mit den Synoptikern, sondern nur bisweilen mit der von diesen
benutzten Tradition, meint D. Andererseits scheint uns D.s
Fragestellung doch auch ihre Schwächen zu haben. Weil er nur
mit mündlicher Tradition und Bearbeitung durch den Evangelisten
rechnet, untersucht er nicht, ob die vom JE verwertete Tradition
wirklich im Einklang mit der Theologie des Evangelisten steht. Er
macht zwar klar, daß der Evangelist die eschatologische Naherwartung
durch eine „realized eschatology" ersetzt hat. Aber er
meint, daß Johannes die futurische Eschatologie — als ein Fernziel
— beibehalten hat. Dem Gedanken, daß diese zweite Eschatologie
erst durch eine Bearbeitung in das Evangelium hineingekommen
sei, gibt D. keinen Raum. Ebensowenig will er etwas davon
wissen, daß die vom JE aufgenommene Tradition (die sich öfter
schon bei Lk ankündigt) deutliche Spuren einer ins Legendarische
abgleitende Spätentwicklung zeigt. Papias hätte eigentlich ein warnendes
Beispiel dafür sein müssen, wie wenig man der angeblich
„bleibenden und lebendigen Stimme" mündlicher Überlieferung
trauen darf.

Sehen wir zu, was sich aus D.s Art des Vorgehens in wichtigen
Perikopen ergibt. Zu der auffallend von der synoptischen Darstellung
abweichenden Schilderung der Gefangennahme Jesu hebt 1).
Recht hervor, daß das JE vom ölberg schweigt und (wie auch Lk)
Gethsemane nicht nennt, wohl aber den Kidronbach und einen
„Garten". Aber auch der Schlaf der Jünger und Jesu Gebet fehlen
bei Johannes. Das letztere sei damit zu erklären, daß der Evangelist
aus ehrfürchtiger Scheu einen Schleier geworfen habe (68).
Denn der Evangelist habe sie gekannt; das schließt D. aus 12,27 f.
Vielleicht sei diese Szene eine selbständige Einheit gewesen, die
man umstellen konnte. U. E. bewegt sich D. hier ebenso auf apologetischen
Wegen wie hei der vorsichtig vorgetragenen Vermutung
Daubes, Petrus habe dem Knecht des Hohenpriesters ein Ohr abgeschlagen
, um damit indirekt dessen Herrn zum Hohenpriesteranit
unfähig zu machen (70. 80). Daß die Namen Petrus und Malchus
erst im JE auftauchen, hält D. (79) nicht für eine legendarische
Erweiterung — vielleicht habe man, solange Petrus noch lebte, ihn
nicht genannt, um ihn nicht zu gefährden! Warum aber der Getroffene
, der bei den Synoptikern ebenso anonym bleibt wie der zuschlagende
Begleiter Jesu, nun den Namen Malchus bekommt,
bleibt bei dieser treuherzigen Erklärung freilich dunkel. D. macht
auch nicht deutlich, wie ganz anders das Gesamtbild der Gefangennahme
Jesu im JE ist. Mit dem Jesusbild des JE wäre das
Gethsemanegebet ebenso unvereinbar wie der Judaskuß: Jesus
tritt den Feinden majestätisch entgegen, läßt sie mit seinem Wort
zu Boden stürzen und erlaubt ihnen erst nach diesem Beweis seiner
Macht, ihn gefangenzunehmen, nachdem er noch den freien
Abzug der Jünger erwirkt hat (18,8f.). Daß die darauffolgende
Szene des Schwertschlags nun sinnlos wird, bleibt bei D. außer Betracht
(der Evangelist hat sie nur übernommen, um die Antwort
Jesu darauf bringen zu können). Von der zweiten Phase der Formgeschichte
, ihrem Übergang zur Redaktionsgeschichte, ist in diesem
Buch nichts zu verspüren.

Ein zweites Beispiel: Weinwunder zu Kana und Erweckung des
Lazarus. Der Geschichte vom Weinwunder liege ein Gleichnis vom
Hochzeitsfest zugrunde, in das schon während der mündlichen
Uberlieferung eine Dionysoslegende eingedrungen sei. Aber die
Benutzung eines Hochzeitsgleichnisses bleibt eine reine Vermutung
, und daß Dionysos Wasser in Wein verwandelt hat, erzählt
die Dionysoslegende nirgends (vgl. dazu Heinz Noetzel: Christus
und Dionysos, Evg. Verlagsanstalt Berlin 1960). Die Erzählung von
der Auferweckung des Lazarus habe der Evangelist als ein dramatisches
Lehrstück vorgefunden, das vermutlich nie » ine feste Form
besaß (232). Wir meinen, der Evangelist habe hier korrigierend in
eine schriftliche Tradition eingegriffen. Denn wenn Martha 11,32
sagt: „Nun weiß ich, daß Gott dir geben wird, worum du ihn bittest
", so ist das die höfliche Bitte, Jesus möge Lazarus jetzt auferwecken
. Dann erscheint es aber unverständlich, daß Martha auf
Jesu Zusage, „Dein Bruder wird auferstehen! ', antwortet: „Ich

weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten
Tage". Sinn bekommt das nur und erst dann, wenn man erkennt:
Der Evangelist hat hier (gegen seine Vorlage!) der Martha den üblichen
Gemeindeglauben in den Mund gelegt, damit im Kontrast
das eigene Verständnis der Auferstehung um so deutlicher hervortritt
, das in Jesu Wort, „Ich bin die Auferstehung und das Leben"
seinen klassischen Ausdruck bekommt.

D. hat sich nicht auf die Abenteuer der kritischen deutschen
Johannesforschung eingelassen. Sein Werk bleibt im Rahmen der
englischen Arbeit am JE. Daß er innerhalb der von ihm gewählten
Grenzen (jroßes geleistet hat, soll hier dankbar anerkannt werden
.

Münster/Westf. Ernst Baenehen

Brown, Kaymond E„ S. S.: The Gospel Acvording to John (1 bis
XII). Introduction, Translation and Notes. New York: Double-
day & Comp. 1966. CXLVI, 538 S. gr. 8° = The Anchor Bible, 29.
Lw. $ 7.-.

Der Kommentar von R. E. Brown zu Job 1—12 überschreitet offenbar
nicht nur umfangsmäßig, sondern auch inhaltlich den all
gemeinen Rahmen, den die Herausgeber für „The Anchor Bible"
abgesteckt haben. Jedenfalls liegt nun der erste Teil eines großen
neuen Kommentars zum JohEv vor, der aufmerksame Beachtung
auch im deutschen Sprachraum verdient. Insofern allerdings bleibt
das Buch — wohl notwendigerweise — seiner Reihe verpflichtet, als
in ihm kein fremdsprachiger Satz angewendet wird und manche
Erörterungen breiter angelegt sind, als in einem Werk solchen
Hanges unbedingt nötig erscheint.

In einer fast 150 Seiten umfassenden Einleitung erörtert der Verfasser
sehr umsichtig und mit höchst informativer Berücksicbti
gung der internationalen wissenschaftlichen Literatur die allge
meinen Probleme des JohEv. Ich hebe einiges Wesentliche hervor.
Die vorliegende Gestalt des Evangeliums erklärt B. aus seiner Entstehungsgeschichte
. Er lehnt die Annahme von Quellenbenutzung
ab, glaubt aber, fünf Stufen des Werdens erkennen zu können:
1. Die Existenz von Traditionen über Worte und Werke Jesu, die
den synoptischen Traditionen ähnlich, jedoch nicht mit ihnen
identisch sind. 2. Diese Traditionen sind über einen längeren Zeitraum
hinweg mündlich in Predigt, Unterweisung und beginnendem
liturgischem Gebrauch bearbeitet und gestaltet worden von
einem geschlossenen johanneischen Kreis, der unter der maßgeblichen
Leitung eines Einzelnen stand, der der ganzen Arbeit seinen
Stempel aufdrückte. 3. Die Gestaltung eines Evangeliums aus dem
bearbeiteten Traditionsmaterial, vermutlich durch das Haupt des
joh. Kreises, den eigentlichen „Evangelisten". Dieses Evangeliuni
trug bereits die wesentlichen Züge des jetzigen JohEv, in ihm war
aber noch nicht alles „johanneische" Material aus Stufe 2 aufgenommen
. 4. Eine Neuherausgabe des Evangeliums durch den Evangelisten
, mit der dieser sein Werk der inzwischen veränderten Zeit
und ihren Problemen anpaßte (z. B. durch eine schärfere Auseinandersetzung
mit der Synagoge). 5. Eine abschließende Edition
oder Redaktion des Werkes durch einen engen Schüler des Evangelisten
, der seine Aufgabe vornehmlich darin sah, das vom Evangelisten
nicht in das Werk aufgenommene Material der Stufe 2 in
dieses einzufügen, und zwar bei weitgehender Bewahrung der ursprünglichen
Gestalt des von ihm bearbeiteten Evangeliums. Daher
brauchen die literarisch jüngsten Stücke im Evangelium, die
erst der Redaktor ihm eingefügt hat, keineswegs von ihrer Entste
hung her die jüngsten zu sein, sondern können im Einzelfall sogar
älter als die sie umgebenden Teile sein. - Den Wert der Jesus-Traditionen
, die im JohEv verarbeitet sind, beurteilt B. im ganzen
hoch, ohne ihnen indessen einen durchgehenden Vorrang vor der
synoptischen Tradition einzuräumen. Eine Abhängigkeit von den
Synoptikern schließt er im allgemeinen aus für das JohEv, hält
aber gelegentliche Beeinflussungen im Stadium der mündlichen
Überlieferung für möglich und ebenso, daß der Redaktor Mk gekannt
und vereinzelt benutzt hat. Für historisch zutreffend hält B.
z. B. die joh. Überlieferung von einer zeitweisen täuferischen
Wirksamkeit Jesu vor seiner Lehrtätigkeit, von einer mehrjährigen
öffentlichen Wirksamkeit Jesu mit mehrfachen Zügen nach
Jerusalem, sowie von Einzelheiten der Passionsdarstellung. Diese
Traditionen gehen nach B. auf Johannes den Zebedäussohn zurück
, der mit dem Lieblingsjünger identisch ist. Die zunächst