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Ausgabe:

September/2020

Spalte:

880–882

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Hensel, Silke, u. Barbara Rommé [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Aus Westfalen in die Südsee. Katholische Mission in den deutschen Kolonien. Be­gleitband zur Ausstellung im Stadtmuseum Münster vom 22. September 2018 bis 13. Januar 2019.

Verlag:

Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2018. 280 S. m. zahlr. Abb. u. 2 Ktn. Geb. EUR 39,00. ISBN 978-3-496-01611-3.

Rezensent:

Ulrich van der Heyden

Wenn man zu Beginn der 1990er Jahre annehmen konnte, dass die bisher oftmals pauschal vorgetragenen Vorwürfe über das enge Verhältnis zwischen Mission und Kolonialismus zu verhärteten Fronten, Ignorierung von historischen Quellen und Forschungsleistungen in der Wissenschaftslandschaft führte, gelang es in den Folgejahren, mit den beteiligten Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen. Vor allem den bisher von profanen Historikern missachteten missionarischen Quellen wurde zunehmend der Stellenwert zugemessen, der ihnen in der Geschichtsschreibung zukommt. Denn die europäischen Missionare waren ja diejenigen Menschen aus dem Norden, die oftmals als Erste indigene Kulturen und Völkerschaften des globalen Südens besuchten und darüber die anderen, die Daheimgebliebenen, informierten. Dass solchen schriftlichen – gedruckten wie noch zum Teil bis heute unausgewerteten in den Missionsarchiven lagernden – Quellen, zunehmend in der gegenwärtigen Forschung auch den visuellen, mit der notwendigen Quellenkritik mit produktiven Ergebnissen zu begegnen ist, erscheint schon jedem Geschichtsstudenten als selbstverständlich. Viel ist darüber auch schon diskutiert und geschrieben worden.
Kaum wird heutigentags bezweifelt, dass es zur Zeit der direkten Kolonialherrschaft in Deutschland enge Verbindungen zwischen dem Kaiserreich und den christlichen Missionsgesellschaften gegeben hat. Die Frage danach hat besonders auch für Ozeanien ihre Berechtigung. Auch in jener fernen Region hatte Deutschland neben seinen vier weitaus bekannteren Kolonialgebieten in Afrika neben dem »Pachtgebiet« Kiautschou in China eine Kolonialherrschaft über mehrere Inseln errichtet. Hier durften laut Anweisung der Reichsregierung nur deutsche Missionsgesellschaften bzw. -orden ihrem missionarischen Auftrag nachkommen.
Aus der Region von Münster (Westf.) waren zwei katholische Orden an der Mission in Ozeanien beteiligt. Die eigens gegründeten Hiltruper Herz-Jesu-Missionare und die Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu aus Münster-Hiltrup sowie die Rheinisch-Westfälische Ordensprovinz der Kapuziner übernahmen die Christianisierung in Papua-Neuguinea und Mikronesien.
Erstmals wird in dem vorzustellenden Buch die katholische Missionsgeschichte in den deutschen Kolonien in Ozeanien aus un­terschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Alleinstellungsmerkmal erhält dieser Band durch sein Bemühen, ländliche Gesellschaften in Westfalen und Ozeanien vergleichend darzustellen und die Verflechtungen zwischen Deutschland und Ozeanien aufzuzeigen. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben.
Mit so einer vergleichenden Sichtweise unter besonderer Be­rücksichtigung der durch den Missionierungsprozess entstandenen Verflechtungen kommt der hervorragend mit aussagekräftigen Illustrationen gestaltete Band einem aktuellen Trend in der deutschen Wissenschaft entgegen, Kolonialgeschichte (zum Teil auch Missionsgeschichte) von »unten«, von den Regionen her zu erzählen. Und dabei auf die gegenseitigen, dadurch neu entstandenen Verbindungen zu achten. Eine solche Sicht auf die Missionsgeschichte hat in den vergangenen Jahren eine Anzahl von populär gestalteten Büchern sowie von Fallstudien hervorgebracht.
Der Band besteht neben Vorwort und Einleitung aus 22 Einzelstudien, die zum großen Teil von ausgewiesenen Wissenschaftlern erarbeitet worden sind; einige stammen von Nachwuchswissenschaftlern. Auch einige Museumsfachleute haben an dem Buch mitgewirkt. Die alle ein hohes wissenschaftliches Niveau aufweisenden und doch auch für Nichtfachleute verständlichen Studien sind in drei Komplexe geordnet. Der erste trägt die Bezeichnung »Mission und Kolonialismus«. Hier macht Thoralf Klein deutlich, wie die Forschungen zur Kolonial- und zur Missionsgeschichte inzwischen als wichtige Bestandteile der transatlantischen und transimperialen Verflechtungsgeschichte verstanden werden. Hermann Mückler, einer der besten Kenner der ozeanischen Missionsgeschichte, gibt einen Überblick über katholische und protestantische Missionsbestrebungen auf den Südseeinseln in der Zeit von den 1850er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die ebenfalls auf ihrem Gebiet bestens ausgewiesene Felicity Jensz untersucht die Rolle von Missionsperiodika und deren Rolle in der deutschen Öffentlichkeit. Einen wissenschaftsgeschichtlichen An­spruch verfolgt Georg Evers, der am Beispiel des Be­gründers der katholischen Missionswissenschaft Josef Schmidlin die Anfänge dieses Wissenschaftszweiges in Münster darstellt. Danach werden die Arbeiten der Missionsschwestern vom Heiligen Herzen Jesu und der rheinisch-westfälischen Kapuzinermission in der hier im Mittelpunkt stehenden Region werden untersucht. Barbara Rommé stellt dar, welche historischen Voraussetzungen dazu betrugen, dass die erstgenannte katholische Mission nach Münster kam.
Der zweite, »Ländliche Gesellschaften im Vergleich: Westfalien – Ozeanien« genannte Komplex enthält weniger komparatistische Untersuchungen, wie man bei der Überschrift annehmen könnte. Es sind vielmehr Fallstudien, so in Bezug auf die Südsee: Glaubensvorstellungen in Mikronesien am Beispiel von Chüük (Lothar Köser), einen Überblick zur Geschichte der internationalen Ge­schichtsschreibung zur deutschen Kolonialherrschaft in Ozeanien von Peter Hempenstall, zu sozialen Beziehungen in Papua-Neuguinea (Alexis von Poser) und von Gerd Hardach: »Kontinuität und Wandel der Wissenschaft in Ozeanien während der deutschen Kolonialzeit«. Fünf Beiträge beschäftigen sich mit westfälischen regionalen kirchengeschichtlichen, kunstgeschichtlichen und so­zialgeschichtlichen Fragestellungen.
Der dritte Komplex will sich konkret mit Verflechtungen zwischen Deutschland (also nicht nur mehr mit westfälischen Beziehungen) befassen. Behandelt werden solche Themen wie zur Bedeutung von Menschenbildern und Weltsichten für die heimatliche Missionsarbeit (Reinhard Wendt), zur Geschichte und Bedeutung der europäischen wissenschaftlichen Expeditionen nach Ozeanien (Marion Melk-Koch) sowie zu der heute aktuellen Frage des Handels mit Ethnographika aus Ozeanien (Markus Schindelbeck). Hervorzuheben ist der Beitrag von Hilke Thode-Aurora, die seit den 1990er Jahren die Geschichte der Völkerschauen in Deutschland wesentlich geprägt hat, mit einer Thematik zu den Samoa-Völkerschauen in den Jahren 1896 und 1897. Die Bedeutung der Missionsfotografie bekräftigt der Beitrag von Andrea Gawlytta, die die aus der Mission der rheinisch-westfälischen Kapuzinerprovinz stammenden Fotografien analysiert und darlegt, für welche Verwendungen in der Publizistik diese eingesetzt wurden.
Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass es sich bei dem vorgestellten Buch um einen wichtigen Sammelband zur katholischen Missionsgeschichte handelt, der die Kenntnisse über diese historischen Vorgänge nicht nur vertieft, sondern auch neue Blicke auf die Missionsgeschichte erlaubt. Bestimmte Sichtweisen wie die auf die Verflechtungsgeschichte oder die Missionsfotografie oder zur Bedeutung missionarischer Publizistik bereichern die relevanten Diskurse erheblich. Die Lektüre eines jeden Artikels bereichert unsere Kenntnis über die Missionsgeschichte der Südsee.