Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

Juni/2020

Spalte:

562–566

Kategorie:

Kirchengeschichte: Neuzeit

Autor/Hrsg.:

Griesbach, Johann Jakob

Titel/Untertitel:

Anleitung zum Studium der populären Dogmatik. 4 Auflagen: 1779–1789. Bibliothek der Neologie. Kritische Ausgabe in zehn Bänden. Bd. III. Hrsg. v. M. Stallmann.

Verlag:

Tübingen: Mohr Siebeck 2019. XXVIII, 225 S. Lw. EUR 89,00. ISBN 978-3-16-158157-1.

Rezensent:

Markus Wriedt

Neben dem angegebenen Titel in dieser Rezension besprochen:

Nösselt, Johann August: Anweisung zur Bildung angehender Theologen. 3 Auflagen: 1786/89–1818/19. Bibliothek der Neologie. Kritische Ausgabe in zehn Bänden. Bd. IV. Hrsg. v. A. Beutel, B. Lemitz u. O. Söntgerath. Tübingen: Mohr Siebeck 2019. XXXIII, 843 S. Lw. EUR 154,00. ISBN 978-3-16-158159-5.
Stallmann, Marco: Johann Jakob Griesbach (1745–1812). Protestantische Dogmatik im populartheologischen Diskurs des 18. Jahrhunderts. Tübingen: Mohr Siebeck 2019. XI, 359 S. = Beiträge zur historischen Theologie, 190. Lw. EUR 89,00. ISBN 978-3-16-156802-2.


Wer gedacht hätte, dass nach dem Abschluss der dreizehnbändigen Spalding-Ausgabe der Elan der Münsteraner Forschungsstelle und ihrer Mitarbeitenden unter ihrem Leiter Albrecht Beutel erlahmt sei, sieht sich angenehm überrascht. Ist es dem evangelischen Kirchenhistoriker doch gelungen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft erneut und erfolgreich um einen veritablen finanziellen Zuschuss zu der letztlich immer wieder entsagungsvollen Editionstätigkeit aufgeklärter Schriftstücke anzugehen. In Zusammenarbeit mit den IT-Technikern der Abteilung Forschung und Entwicklung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ist nunmehr eine »Bibliothek der Neologie« in zehn Bänden angekündigt. Alle Bände werden als Hybrid-Ausgabe auch elektronisch über die Homepage der Edition unter bdn-edition.de einzusehen sein. Es ist dem Verhandlungsgeschick des Hauptherausgebers zu verdanken, dass die Online-Edition zwar den Volltext und den gesamten wissenschaftlichen Apparat enthält, aber nicht die bibliophil ausgestattete Buch-Edition ersetzt hat. Deren erste beiden Bände – in der aktuellen Zählung die Bände III und VI – liegen nun vor. In gewohnt bibliophiler Ausstattung und mit dem in de r vorhergehenden Edition bewährten Verfahren werden zunächst die »Anleitung zum Studium der populären Dogmatik« von Jo­hann Jakob Griesbach und die »Anweisung zur Bildung angehender Theologen« von Johann August Nösselt, die beide mehrere Auflagen bis in den Beginn des 19. Jh.s hinein erlebt ha­ben, vorgelegt.
Johann Jakob Griesbach (1745–1812), der schon als Student in Tübingen, Halle und Leipzig bei namhaften Aufklärungstheologen gehört hatte, wirkte seit 1775 selbst als Professor für neutes-tamentliche Wissenschaft in Jena. Er ist vor allem seiner These we­gen bekannt geworden, wonach der Evangelist Markus seine Schrift als Kompilation der ihm bereits vorliegenden Evangelien der Apostel Matthäus und Lukas verfasst habe. Die nach ihm benannte These wird immer noch in bestimmten Kreisen vor allem der US-amerikanischen Forschung vertreten. Neben seiner These und der überzeugenden Handhabung der Evangelien-Synopse als einem exegetisch unverzichtbaren Handwerkszeug hat Griesbach allerdings auch einführende und allgemeinbildende Vorlesungen gehalten. Der Herausgeber bezeichnet seine »Anleitung zum Studium der populären Dogmatik« als ein »gattungsbegründendes Lehrbuch« (V) und ihn selbst als einen »repräsenta-tiven Populartheologen der Neologie« (XXI). Erst seit wenig mehr als 40 Jahren wurde sein Œuvre wieder ans Tageslicht befördert. Griesbach ist nicht nur ein »Bahnbrecher der neutestamentlichen Textkritik« (Karl Aner), sondern auch ein Repräsentant der »ereignishaften Kommunikationsverdichtung von Aufklärung, Klassik, Idealismus und Romantik.« Freilich nicht nur seine Vernetzung, auch das selbständige Mitgestalten des aufgeklärten Diskurses machen ihn zu einem in besonderer Weise zu berücksichtigenden Exponenten theologischer Aufklärung am Ende des 18. Jh.s. Hatte sich Griesbach aufgrund seiner exegetischen Überlegungen deutlich von der altprotestantischen Dogmatik und der von ihr vertretenen Verbalinspirationslehre emanzipiert, zeichnet der Herausgeber den Jenenser Theologen in die vielgestaltige Entwicklung der protestantischen Aufklärungstheologie im letzten Drittel des 18. Jh.s ein. Wilhelm Abraham Teller und Gotthilf Samuel Stein bart, aber auch Gottfried Leß können als Referenzgrößen der Transformation bestehenden Lehrwissens angeführt werden. Sie repräsentieren in unterschiedlicher Weise die Auflösung der in der Schuldogmatik bestehenden Spannung zwischen akroamatischer und katechetischer Universitätslehre zugunsten einer intersubjektiven Erweislichkeit der Theologie, die vom Begriff der Religion sorgsam geschieden wird. Die das bisherige Lehrspektrum exegetischer und kirchenhistorischer Angebote überschreitende Vorlesung Griesbachs von 1779 bedurfte bereits 1786 einer weiteren, erweiterten Auflage. Das Werk erfreute sich überregionaler Anerkennung. Bis 1789, also binnen zehn Jahren, erlebte das Werk insgesamt vier Auflagen. Es besteht aus einem einleitenden Kapitel (Vorerinnerung) und sieben materialdogmatischen Artikeln. Auf der Basis der Unterscheidung von Religion und Theologie erzeigt sich die Populardogmatik als funktionale Interpretation der Religion Jesu und der dadurch initiierten Lehre der Religionslehrer zur moralischen Besserung. Sie hebt ebenso auf die praktisch-theologische Übersetzung der protestantischen Kirchenlehre ab. Zunächst erläutert Griesbach den epistemischen Grundsatz seiner Analyse. In einem zweiten Kapitel wendet er sich der Gottesvorstellung zu und hebt sodann im dritten Kapitel auf die Werke Gottes ab. Davon setzt er viertens sodann die Bestimmung und moralische Natur des Menschen ab, die fünftens in einer Charakteristik des Menschen vor und nach dem Fall gipfelt. Das sechste Kapitel ist der Soteriologie gewidmet, während das abschließende Kapitel die Frage zu beantworten sucht, wie der Christ durch seine Reli- gion zu seiner großen Bestimmung geführt werde. Es ist auch dem unbefangenen Leser rasch deutlich, wie die Populardogmatik Griesbachs einerseits zum Vorbild religionspädagogischer Entwürfe etwa bei August Hermann Niemeyer wie auch zur theologisch-enzyklopädischen Selbstvergewisserung etwa bei Johann August Nösselt beigetragen hat. Bereits die Gliederung des Vorlesungstextes lässt erkennen, wie hier die Wege zum theologischen Neuaufbruch des 19. Jh.s etwa bei Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher gebahnt werden.
Schon die Lektüre des Werkes macht deutlich, dass es hier nicht um museale Bewahrung von bereits seit längerer Zeit in Vergessenheit geratenen Texten geht, sondern um einen veritablen Beitrag zu einer in breitere Kreise hinein vermittelnden Theologie, die zumindest dem Bildungsbürgertum und den akademischen Eliten eine lange Zeit vorenthaltene Diskursfähigkeit zurückgab.
Die sehr viel umfangreichere »Anweisung zur Bildung angehender Theologen« von Johann August Nösselt erlebte zwischen 1786/89 und 1818/19 insgesamt drei Auflagen. Der 1734 geborene und in der res publica literaria bestens vernetzte Theologe avancierte in Halle zur »Leitfigur der aufklärerisch gesinnten Theolo-gischen Fakultät« (XXVII). Nach seinem Studium bei dem als Vermittlungs- oder Übergangstheologen nur unzureichend charakterisierten Siegmund Jacob Baumgarten übernahm er im Wintersemester 1757/58 erste Lehraufgaben an seiner alma mater, an der er trotz eines ehrenvollen Abwerbeversuchs aus Göttingen verblieb. In Kreisen der theologischen Aufklärer erwarb sich Nösselt große Anerkennung durch seinen Widerstand gegen das Religionsedikt von Johann Christoph von Woellner. Den Erfolg seiner Bemühungen konnte er allerdings nach der Wiedereröffnung der Universität Halle 1807 nicht mehr erleben, hinterließ aber eine eindrückliche Menge an literarischen Werken. Dazu zählt auch die zum Druck beförderte theologische Enzyklopädie, die er wohl auf Anregung des »Meistertheologen der Neologie« (Beutel) Johann Joachim Spalding ab 1765 vortrug.
Einerseits greift er damit einen Traditionsstrang orthodoxer lutherischer Theologie seit dem 16. Jh. auf, geht er doch aufgrund des überproportionalen Wachstums der durch die Aufklärung zu­sammengestellten Wissensbestände daran, die Einheit und Auf-gabe der theologischen Wissenschaft zu dokumentieren. Vorarbeiten sind bereits bei Johann Franz Buddeus und Johann Salomo Semler zu erkennen. Nösselt übernahm ab 1769 die von Semler ungeliebte Lehraufgabe und hielt das Kolleg wiederholt ab. Daraus erwuchs die dreibändige theologische Enzyklopädie »Anweisung zur Bildung angehender Theologen«. Das umfangreiche Werk ist in vier Teile gegliedert. Gleichsam propädeutisch wendet sich der erste Teil den »Vorbereitungs- und Hülfswissenschaften« zu, denen der Hallenser Theologie Philologie, Philosophie, Geschichte und die ›Schönen Wissenschaften‹ zurechnet. Im zweiten Teil werden die »eigentlichen theologischen Wissenschaften« traktiert, zu de-nen Nösselt Exegese, Geschichte (im Sinne der Kirchengeschichte), systematische und von eher marginaler Bedeutung die symbo-lische Theologie zählt. Sein spezifisches Profil erhält diese Zusammenstellung im dritten Abschnitt, der die »Anweisung(en) zur rechten Führung des Amtes eines Lehrers der Religion« (491) unter Berücksichtigung von Homiletik, Katechetik, Pastoraltheologie und Kirchenrecht bietet. Der abschließende vierte Teil handelt so­dann »Von den Fähigkeiten eines künftigen Lehrers der Religion, und von den allgemeinen Uebungen, wodurch er zu einem solchen gebildet werden kann« (587). Das Werk erfreute sich großer Anerkennung bei den Zeitgenossen, und man geht nicht fehl, in ihm eine gewichtige Vorarbeit zu der Enzyklopädie Schleiermachers von 1811, 21830 zu identifizieren, der die Besonderheit der theologischen Ausbildung in ihrer Funktion als Vorbereitung auf das kirchenleitende Amt erkannte.
Beide Bände zeichnen sich durch ein angenehmes Druckbild, einen auf das pragmatische Maß zurechtgeschnittenen, dennoch keine Lücken erkennen lassenden Anmerkungsapparat (Erläuterungen), eine kurze Einführung der Herausgeber sowie knappe Register zu Bibelstellen, Personen, Autoren und Sachen aus. Auf einen aus sprachwissenschaftlicher Hinsicht interessanten Be­griffskatalog verzichten diese Ausgaben. Möglicherweise auch darum, weil über das aufgeklärte Deutsch von Spalding hinaus kaum wesentliche Kenntnisse zu verzeichnen gewesen wären.
Während das Werk von Nösselt bereits 2012 in einer Dissertation von Malte van Spankeren ausführlich, wenngleich angesichts des großen Umfangs auch noch nicht erschöpfend erschlossen wurde, hat der Editor des Werkes von Griesbach, Marco Stallmann, mit seiner Dissertation das Gesamtwerk des Jenenser Gelehrten einer würdigen Durchsicht unterzogen. Er wurde mit dieser Arbeit 2018 in Münster promoviert und mit dem Promotionspreis seiner Universität ausgezeichnet. Die Arbeit besteht aus drei größeren Ab­schnitten, denen eine methodisch sorgfältige und das Gesamtunternehmen hermeneutisch reflektierende Einleitung voran-gestellt ist. Der erste Teil stellt eine bio-bibliographische Lebens-beschreibung dar, in der das Gesamtwirken Griesbachs, das be­kanntermaßen über die exegetische Theoriebildung hinausging, re­konstruiert wird. Der zweite Teil wendet sich sodann der »Anleitung« zu, die in ihrer Durchführung unter Berücksichtigung der gesellschaftlich-sozialen Entwicklungen interpretiert wird. S. ordnet die Populardogmatik »in den Funktionswandel protestantischer Dogmatik in der Frühaufklärung bzw. in den populartheologischen Diskurs der deutschen Aufklärungstheologie ein.« (17) Der dritte Teil schließlich wendet sich der theologiegeschichtlichen Einordnung des Werkes im Blick auf ihre normbildende Funktion in der Debatte um die Populardogmatik zu. Der große Reiz der Lektüre dieser Graduierungsarbeit besteht darin, wie verschiedene Asymmetrien und Gewichtsverlagerungen im Einzelnen durchgeführt werden. Dazu zählt die Herausforderung, allgemeinverständlich die akroamatische Normaldogmatik der konfessionellen Orthodoxie zu entwirren und dabei auf die üblicherweise sichtbaren Verbindungen zu Vorlagen, Terminologien und theologiegeschichtlichen Hinweisen oder Autorisierungen ganz zu verzichten. Dennoch lassen sich im Werk theologische Traditionen und Einflüsse aufweisen, die auch ein spezifisches konfessionelles Profil erkennen lassen.
Zu Recht verweist S. weiterhin darauf, dass eine Rekonstruktion der nachhaltigen Wirkungsgeschichte des Werkes kaum gelingen kann, mithin die Rezeptionsgeschichte ein nur be­dingt taugliches Instrument der Werkanalyse darstellt. Die grundsätzlich gut lesbare, weil glänzend geschriebene Untersuchung weitet zum Schluss den Blick in den breiten Horizont der liberalen Theologie. S. sieht in der Aufklärungstheologie gerade nicht den vielfach postulierten Bruch mit der vorherigen wissenschaftlichen Theologie, sondern den wirkmächtigen Versuch einer kritischen Umformung überlieferter Glaubensüberzeugungen vor dem Hintergrund komplexer und gravierender gesellschaftlicher Umbrüche. Er zeichnet Griesbach als einen moderaten Vertreter der theologischen Aufklärung, der sein weitgehend reformkonservatives Anliegen der Populardogmatik einzeichnet in liberale Vermittlungsprozesse. Er kommt zu dem nach der Lektüre des Buches einleuchtenden Schluss, dass Griesbach »über seinen Status als Bahnbrecher neutestamentlicher Textkritik hinaus zusammen mit anderen Po­ pulartheologen eine Reformbewegung, welche die Notwendigkeit der Vermittlung von moderner Wissenschaft und christlicher Glaubenslehre, neuzeitlichem Selbstbewusstsein und konfessioneller Identität, gesellschaftlichem Christentum und kirchlicher Partizipation erkannt und die Theologie zukunftsträchtig transformiert hat, repräsentiert.« (310) Damit wird mit einem gewissen Pathos die Forderung verbunden, die Aufklärungstheologie aus ihrer kirchenhistorischen Nischenexistenz herauszuholen und ihr in der theologischen Selbstbestimmung ein größeres Gewicht beizumessen. Dem ist auch deswegen zuzustimmen, weil die beiden Quellenwerke eindrucksvoll den sich in der Mitte des 18. Jh.s abzeichnenden Professionalisierungsanspruch der wissenschaftlichen Theologie illustrieren.
Den Quellenbänden ist ebenso wie der gelehrten Rekonstruktion von S. eine große Aufmerksamkeit zu wünschen, welche die stetige »Neuerfindung des Rades« wissenschaftlicher Theologie der Gegenwart zu erden in der Lage sein könnte.