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Ausgabe:

Mai/2020

Spalte:

452–545

Kategorie:

Systematische Theologie: Ethik

Autor/Hrsg.:

Peng-Keller, Simon, u. David Neuhold [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Spiritual Care im globalisierten Gesundheitswesen. Historische Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Verlag:

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg Academic) 2019. 278 S. Geb. EUR 38,00. ISBN 978-3-534-40222-9.

Rezensent:

Eckhard Frick

Simon Peng-Keller ist einer der führenden (katholischen) Theologen im Feld Spiritual Care und insbesondere bezüglich der Begriffsgeschichte von »Spiritualität«, der hermeneutischen Vermittlung zwischen verschiedenen Sprachhorizonten sowie der systema-tischen (pneumatologischen) Grundlegung ein verlässlicher Ge­währsmann. Er bekleidet die Professur für Spiritual Care an der Zürcher Theologischen Fakultät, wo David Neuhold (habilitierter Kirchengeschichtler) mit ihm zusammenarbeitet. Das Werk steht im Kontext umfangreicher Forschungsaktivitäten sowie nationaler und internationaler Drittmittelprojekte der Zürcher Professur. Bereits im Vorwort nehmen die Herausgeber zur Frage des überraschenden Zusammenhangs der Titelbegriffe Stellung: Das Thema sei historisch (vor allem durch die Geschichte der Weltgesundheitsorganisation) bedingt und empirisch durch das weltweit verbreitete Faktum spiritueller Überzeugungen und Praktiken im Kontext von Krankheit, Sterben und Tod. »Global« ist aber auch der bald inter-, bald transreligiöse Zugang zu Spiritual Care mit zwei thematischen Schwerpunkten: Der Diskussion der spirituellen Dimension in der WHO und die besondere Situation in islamisch geprägten Ländern, insbesondere des Mittelmeerraums.
Das Werk gliedert sich in zwei Hauptteile: I. Historische Hintergründe; II. Gegenwärtige Entwicklungen. Die beiden ersten Beiträge sind nach Forschungsertrag und Prägnanz der Thesen wohl die wichtigsten des Werkes: 1. Simon Peng-Keller: Spiritual Care im Gesundheitswesen des 20. Jahrhunderts. Vorgeschichte und Hintergrunde der WHO-Diskussion um die »spirituelle Dimension«; 2. Raphael Rauch: Von A wie Alkohol-Prävention bis Z wie Zakat: die spirituelle Dimension von Gesundheit in der WHO-Region Östliches Mittelmeer.
Ad 1: Peng-Keller arbeitet in dieser außergewöhnlich detailreichen Studie eher historisch als systematisch. Er zeigt die lange Vorgeschichte der letztlich hochambivalenten und kompromisshaften Berücksichtigung des Spirituellen in Resolution WHA37.13 sowie deren je nach Region und Religionszugehörigkeit zögerlichen Re­zeption. Die Vorgeschichte beginnt nicht erst am Ende, sondern schon zu Beginn des 20. Jh.s, in der Zwischenkriegszeit vor allem aus christlichen Wurzeln, aber auch mit psychoanalytischen Einflüssen. In der Vorgeschichte der Resolution WHA37.13 (1943–1983) entdeckt Peng-Keller als Strukturelement den Dual körperlich/spirituell, der allerdings lange Jahre keinen Eingang in offizielle WHO-Dokumente fand. Neben islamischen Ländern befördern kleinere Staaten wie Swaziland die spirituelle Dimension, während sich die westlichen Industrieländer zurückhalten und die Sowjetunion diplomatisch bremst. Die 1984 verabschiedete Resolution ar­gumentiert humanistisch und transreligiös, ohne den Transzendenzbezug zu thematisieren. Peng-Keller urteilt abschließend, »dass die ›spirituelle Dimension‹ der Gesundheitsversorgung zwar nicht erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s entdeckt wurde, in dieser Zeit jedoch einen neuen Institutionalisierungsgrad erhielt«. Es handle sich um das »›re-entry‹ einer Dimension«, »die im Prozess der funktionalen Ausdifferenzierung von Medizin und Religion in vielen […] Bereichen moderner Gesundheitsversorgung ausgeblendet wurde oder zumindest in eine randständige Position geriet« (61).
Die Nachgeschichte fällt im Vergleich zur Vorgeschichte knapp aus. Immerhin könnte man die Bangkok charter for health promo-tion in a globalized world (2008) als einen weiteren Versuch werten, das Anliegen von Spiritual Care zu »globalisieren«, freilich wiederum in einem regionalen (südostasiatischen) Kontext. Auch die später im Buch (Beitrag Holder) dargestellte Rezeption des Palliative Care-Modells von Cecily Saunders durch die WHO wäre hier zu nennen.
Ad 2: Rauch beleuchtet, wie die »semantische Unterbestimmtheit« des Spiritualitätsbegriffs in den untersuchten Ländern so­wohl im Sinne des Islams als auch in säkularer Weise aufgegriffen wird: »Spiritualität ist kein klar umgrenzter und eindeutiger Be­griff und gerade deshalb so produktiv, weil er in verschiedenen Kontexten unterschiedlich ausgelegt und spezifiziert werden kann« (74). Rauch beurteilt die flexible Adaption des Spiritualitätsbegriffes letztlich als ambivalent (»religiöse, gesundheitspolitische, sozialpolitische und eine Gleichberechtigung der Geschlechter fordernde, aber auch repressive, misogyne oder homophobe Motive« (119).
Der abschließende Beitrag des I. Hauptteils aus der Feder der reformierten Theologin Martina Holder behandelt Partikularität und Universalität von Spiritual Care am Beispiel Cicely Saunders’. Holder zeigt, wie das Leben und Wirken der Pflegefachkraft, Ärztin, Sozialarbeiterin und gläubigen Christin durchaus partikular und singulär verlief, sich andererseits früh universalisierte, etwa durch das Lernen von David Tasma, ihrem polnisch-jüdischen Patienten. Letztlich war es dieser universale Pol ihres Wirkens, der zur Rezeption ihrer Palliative Care-Definition durch die WHO führte.
Die fünf Beiträge des II. Hauptteils schlagen einen weiten Bogen von Afrika nach Südamerika sowie über die muslimische Welt nach Indien und China. Der Mediziner, Theologe und Anthropologe Walter Bruchhausen warnt davor, afrikanische »Traditionelle Me­dizin« in unsere Konzepte von Medizin und Religion zu »integrieren«. Vielmehr sollten die zugrundeliegenden Konzepte vom Menschen, von Krankheit und Heilung »in ihrer Eigenständigkeit respektiert werden« – eine offensichtliche Nuancierung des Globalisierungsgedankens. Die Psychologin Ilana Berlowitz befasst sich mit indigenen, vor allem auf der pflanzlichen Heilkunde beruhenden Traditionen in Peru und anderen Ländern Südamerikas. Ebenso wie Bruchhausen thematisiert sie eine zentrale Stichwortbrücke des Spiritualitätsbegriffs: nämlich die »spirits« im Plural, nicht den singulären Geist (wie in den abrahamitischen Religionen). Die Islamwissenschaftlerin, Soziologin und Turkologin Dilek Ucak-Ekinci lädt zu einer Reise durch die Türkei, den Iran, die Niederlande und Großbritannien ein, um muslimisches Spiritual Care in diesen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Kontexten zu be­leuchten. Zwei englischsprachige Beiträge führen den Leser nach Asien: Joris Gielen und Komal Kashyap untersuchen Palliative und Spiritual Care in Indien. Fabian Winiger zeigt einerseits, dass Spiritualität in der Volksrepublik China anders verstanden wird als in unseren Breiten (weniger transzendent als immanent, weniger individuell als sozial verbunden), aber dennoch nicht fehlt, sondern sich »im täglichen Leben von gewöhnlichen Chinesen verleiblicht«.
Das besprochene Sammelwerk löst sowohl historisch-diachron als auch vergleichend-synchron sein Versprechen ein, Globalisierung und Spiritual Care aufeinander zu beziehen. Die Rezeption des englischsprachigen »Spiritual Care« im Deutschen ist bereits Ausdruck dieser Globalisierung. In den deutschsprachigen Beiträgen des Buches wird das englische Neutrum »Spiritual Care« in Analogie zu »Seelsorge« und »Pflege« mit dem weiblichen Artikel versehen (»die« Spiritual Care) – vielleicht ein Versuch, ein globales Phänomen regional anschlussfähig zu machen und dessen begriffli che Unterbestimmtheit abzumildern. Weder kompromisshafte gesundheitspolitische Resolutionen noch Saunders’ klinische Er­fahrungsberichte zeichnen sich durch diskursive Tiefenschärfe aus. Umso mehr ist es zu würdigen, dass der Band die verwickelte ›Globalisierungsgeschichte‹ von Spiritual Care sichtet und für die aktuelle interdisziplinäre Debatte erschließt.