Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

Mai/2020

Spalte:

451–452

Kategorie:

Systematische Theologie: Ethik

Autor/Hrsg.:

Oermann, Nils Ole, u. Hans-Jürgen Wolff

Titel/Untertitel:

Wirtschaftskriege. Geschichte und Gegenwart.

Verlag:

Freiburg i. Br.: Verlag Herder 2019. 271 S. Geb. EUR 24,00. ISBN 978-3-451-38420-2.

Rezensent:

Martin Honecker

»Wirtschaftskriege« von Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff ist ein interessantes und aktuelles Buch. Die Darstellung ist nicht nur detailliert, sondern auch differenziert. Unterschieden werden drei Arten von Wirtschaftskriegen: 1. Die wirtschaftliche Dimension bewaffneter Konflikte. Bewaffnete Konflikte mit wirtschaftlichen Zielen waren beispielsweise der »Salpeterkonflikt« oder Hungerblockaden. 2. Der Kampf gegen die feindliche Kriegswirtschaft. 3. Ein Kampf gegen die gegnerische Wirtschaftskraft ohne bewaffnete Konflikte. Exemplarisch dafür ist der Suezkonflikt (21 ff.59).
Die Einleitung »Krieg, Handel und Piraterie« äußert die Sorge um den Zustand der Welt. Die Autoren halten diese Sorge für be­rechtigt.
Kapitel I legt Definitionen und Geschichte(n) von Wirtschaftskriegen vor. »Es gibt zu viele, die vom Wohlstand durch Globalisierung schwärmen und achselzuckend an deren Opfer vorbeisehen; die den Freihandel loben und zum eigenen Vorteil verhindern; die eine ›regelbasierte internationale Ordnung‹ preisen, darin aber bloß Trittbrettfahrer sein wollen und die Instandhaltungskosten anderen überlassen.« (13) Am britischen Beispiel wird der Wirtschaftskrieg in der Geschichte veranschaulicht. Die Geschichte be­ginnt mit dem Konflikt 1494 zwischen England und Portugal und endet mit der Suezkrise (37–58).
Kapitel II erörtert wissenschaftliche Perspektiven (59 ff.). Ethische, rechtwissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche und politologische Sichtweisen sind erforderlich. Am Anfang der Reflexion steht die Lehre vom gerechten Krieg, die Beachtung von Kriegsgründen, Kriegszielen und Kriegsführung. Zu berücksichtigen ist auch eine Ethik von Sanktionen und Folgeabschätzung. Mit wirtschaftsethischen Abwägungen steigt die Komplexität (73). Themen sind: das internationale Recht in Finanzbeziehungen; GATT; Subventionen; Freihandel und Protektionismus. Was ist mit einem sozialen Ausgleich für Freihandelsverlierer? Diese Besprechung kann nur die Stichworte nennen. Die Argumentation ist eingehend und beruht auf Sachkunde. Das Kapitel endet mit der Frage nach Gewinnchancen von Handelskriegen (111–124).
Kapitel III ist der Entwicklung seit 1989 gewidmet (127 ff.). Die Entwicklung ist komplex: Kennzeichnend sind demographische und technologische Sprünge; Umwälzungen in Wirtschaft und Finanzen. Es entsteht ein neuer Staatskapitalismus (135). Die Frage ist, ob die Welt auf dem Weg in eine neue Weltordnung ist (140 ff). Die Frage wird skeptisch beantwortet: Denn der Vergleich ab dem Jahr 1989, als ein hohes Maß an politischer Entspannung geschah, mit 2014, als es in der Welt spannungsvoller als selten zuvor wurde, ernüchtert. Neue Aspekte sind die Veränderung des Weltwirtschafts- und Weltfinanzsystems durch Globalisierung und Digitalisierung, die Verstärkung von Wirtschaftsspionage und Sabotage, die Wirklichkeit einer Terrorfinanzierung. Auswirkungen hat die Krise der transatlantischen Beziehungen (167 ff.). In diesem Kapitel ist die USA durchweg Paradigma. Diskutiert wird auch der Angriff auf den Dollar.
Kapitel IV befasst sich mit der chinesischen Herausforderung und dem gespaltenen Westen (173 ff.). Chinas finanzieller Einfluss wächst. China strebt nach der Kontrolle von Wissen und benutzt dazu das Internet. Die Frage ist: Wohin strebt China? Nach der Weltherrschaft?
Kapitel V »Was tun? Acht Empfehlungen« (201 ff.) erteilt politische Ratschläge. Auf S. 201 sind sie knapp zusammengefasst. Das westliche Modell befindet sich in der Systemkonkurrenz im Niedergang. Globale Politik ist Teil der Außen- und Sicherheitspolitik insgesamt. Die transatlantische Partnerschaft ist brüchig. Besonders herausgestellt werden China, Russland, Iran (217 ff.). Der Ausblick bleibt, wie zu erwarten war, skeptisch: »Kein Ende in Sicht« (225 f.).
Welchen Zweck hat die Besprechung dieser Studie in einer theologischen Zeitschrift? Bereits ein ethisches Urteil zum Thema setzt Sachkenntnis und sorgfältige Wahrnehmung und Analyse einer komplexen Realität voraus. Theologische Ethik hat zu dieser Fragestellung keinen unmittelbaren Zugriff. Das Buch ist nicht nur höchst instruktiv. Es hält zu nüchternem Realismus, etwa bei der Betrachtung und Bewertung der Globalisierung, an. Damit warnt es sowohl vor apokalyptischer Weltangst wie vor einem unkritischen Zutrauen auf den wirtschaftlichen und politischen Fortschritt.