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Ausgabe:

Mai/2019

Spalte:

469–471

Kategorie:

Kirchengeschichte: Mittelalter

Autor/Hrsg.:

Bünz, Enno

Titel/Untertitel:

Die mittelalterliche Pfarrei. Ausgewählte Studien zum 13.–16. Jahrhundert.

Verlag:

Tübingen: Mohr Siebeck 2017. IX, 862 S. m. 23 Abb. = Spätmittelalter, Humanismus, Reformation, 96. Lw. EUR 109,00. ISBN 978-3-16-153874-2.

Rezensent:

Markus Wriedt

Der in Leipzig lehrende Inhaber des Lehrstuhls für Sächsische und Vergleichende Landesgeschichte Enno Bünz hat mit der imposanten Sammlung von 21 zum größten Teil bereits veröffentlichten Aufsätzen zur Geschichte der spätmittelalterlichen Kirche ein gewichtiges opus magnum vorgelegt. Als Landeshistoriker mit den besonderen Schwerpunkten Sachsen, Thüringen, Franken und Schleswig-Holstein in zahllosen Beiträgen ausgewiesen, legt er hier einen Teil der weitverstreuten Aufsätze konzentriert vor. Mit weit über 300 Publikationen (Monographien, Herausgeberschaften und wissenschaftlichen Aufsätzen) zählt B. ohne Zweifel zu den produktiven Vertretern seiner nicht selten marginalisierten Zunft. Und so sind es auch im vorliegenden Band nicht die großen historiographischen Theoriediskurse, sondern in minutiöser Kleinarbeit gewonnene Einsichten, die sich bei der Lektüre zu einem faszinierenden Bild der Kirche und ihrer Strukturen im ausgehenden Mittelalter zusammenfügen. Es ist nicht zu übersehen, dass mehr als 30 Jahre des engagierten Forscherlebens des Norddeutschen sich insbesondere auf mittel- und süddeutsche Phänomene beziehen.
Insbesondere für protestantische Kirchenhistoriker ist die Struktur der mittelalterlichen Reichskirche ein arcanum. Dem hilft B. im Ersten Teil mit einer allgemeine Perspektiven enthaltenden Einführung in den Forschungsgegenstand, die mittelalterliche Pfarrei im Kontext der umfassenden Forschungsdebatten. Die Entwicklung der Seelsorgestrukturen – nicht selten als Leistung der Kirchenreformbewegungen behauptet – und ihre kuriale Wahrnehmung sind wichtige Aspekte der 150 Seiten umfassenden Einleitung. Ihr schließen sich Teile mit unterschiedlichen Fo­kussierun- gen auf Probleme der spätmittelalterlichen Kirchengeschichte an. Der Zweite Teil des Bandes behandelt vergleichende Perspektiven und betrachtet die Korrelation von Frömmigkeit, Ökonomie, Ge­sellschaft und Kultur. Hierbei geht es um die kirchliche Bauwirtschaft um 1500, die bäuerliche Erinnerungskultur auf dem Dorf, Vikariestiftungen, Pfründenwerte, Buchbesitz und Pfarrei- und Pfarrersiegel. Trotz der weiten Streuung der Themen wird der unauflösliche Zusammenhang zwischen den sozioökonomischen Be­dingungen und der Entfaltung einer die gesamte Gesellschaft um­fassenden christlichen Lebenskultur sichtbar. Man muss kein marxistischer Historiker sein, um diese Zusammenhänge zu analysieren und zu verstehen. Sie bilden ein bemerkenswertes Korrektiv zu der sich allein auf theologiegeschichtliche Erörterungen des vermeintlichen Verfalls im Spätmittelalter konzentrierenden Forschung.
Der Dritte Teil fasst regionale Perspektiven auf Bistümer, Landschaften und Orte zusammen. Drei Aufsätze thematisieren die fränkisch-bayerischen Strukturen, drei weitere regionale Besonderheiten in Sachsen und schließlich zwei weitere das Gebiet Dithmarschen im heutigen Schleswig-Holstein. Neben der Stiftung von Kirchen und der ökonomischen Ausstattung von Pfarrkirchen enthält dieser Teil interessante Strukturanalysen nicht allein zu Orten, sondern zu Regionen. Damit nimmt B. die kulturwissenschaftliche Betonung des Raumes auf – freilich lange bevor der ›spatial turn‹ überhaupt literarisch sichtbar wurde.
Der Vierte Teil befasst sich mit prosopographischen und bio-graphischen Perspektiven und fokussiert dabei die Pfarrer in Thüringen und im Erzbistum Mainz. Zwei weitere Beiträge widmen sich einer Persönlichkeit vom Mittelrhein – Winand von Steeg (1371–1453) – und dem Dithmarschener Pfarrherren Andreas Brus (ca. 1470–1532) in Büsum.
Ein umfangreicher Anhang enthält Abbildungen, Nachweise und die üblichen, diesen voluminösen Band allererst erschließenden Register. Außerdem findet sich ein Auswahlverzeichnis der einschlägigen Veröffentlichungen von B.
Dessen umfassende Kenntnis ist schwer zu systematisieren. Der interessierte Leser kommt nicht umhin, zu seinen jeweiligen Schwerpunkten einige Aufsätze zu lesen und dann eine selbständige Systematisierung vorzunehmen. Nach eigenem Bekunden legt B. seinen Akzent gerade nicht auf die Institutionen- oder Strukturgeschichte der mittelalterlichen Kirche, sondern sucht die praxis pietatis von Klerikern und Laien, von Männern und Frauen zu erfassen. Er bezeichnet das als Frömmigkeitsgeschichte unter Berufung auf Arnold Angenendt, Peter Dinzelbacher und Berndt Hamm (7 mit Anm. 12). Dieser schwierig zu fassende Begriff konkurriert nun nicht mit der Institutionen- oder sozialgeschichtlichen Sichtweise. Er ergänzt sie vielmehr komplementär. Die Einleitung verzeichnet eine Vielfalt von Quellen, die nur sehr vordergründig zu spezifischen Corpora zusammengefasst werden. Sie enthalten Informationen in universaler, regionaler und lokaler Zuspitzung. Darum wählt B. die Pfarrei als Zentrum seiner Untersuchungen und stellt zunächst die Institution vor. Er kommt zu dem bemerkenswerten Schluss, dass »zu keiner Zeit in Deutschland so intensiv über Pfarrei und Niederklerus geforscht worden [ist], wie in den letzten drei Jahrzehnten. Dennoch ist es noch nicht gelungen, die Pfarrei konsequent in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen«. Diese Lücke füllt die vorliegende Sammlung ohne Zweifel. Sie wird ergänzt durch die Sozialgeschichte der Pfarrgeistlichkeit und die Geschichte der Frömmigkeit. B. ist nun nicht der Erste, der diese Forschungen aufnimmt, aber sein 73 Seiten umfassender Forschungsbericht lässt den Un­kundigen zweifeln, ob er je dieses weite Feld intensiver Forschungen überhaupt zu überblicken in der Lage ist. So nimmt es kaum wunder, dass die Aufsätze allesamt ein reiches Anmerkungsmaterial enthalten. Neben der einschlägigen Literatur sind es auch Archivalien und ältere Werke, die hier Berücksichtigung finden. Leider gibt es kein zusammenfassendes Literaturverzeichnis. Man muss sich die Literaturverweise aus den Anmerkungen über die detaillierten Re-gister suchen. Dabei wird man auch auf etliche Mehrfachnennungen stoßen, die den Umfang des Werkes mit bedingen. Dieser für die historiographische Kärrnerarbeit kaum zu überschätzende Wert der Veröffentlichung wird auch durch die Tatsache, dass eine systematisierende Zusammenfassung – besonders für Interessierte, denen jegliche Kenntnis mittelalterlicher Kirchengeschichte mangeln – fehlt, nicht gemindert.
Das einleitende Kapitel weist noch auf eine weitere Problematik hin, die von B. nicht gelöst werden kann, aber künftige Arbeit beeinflussen sollte. Die neuere Historiographie ist nicht zuletzt durch Einflüsse aus anderen historisch arbeitenden Disziplinen von einem starken Trend zur Profilierung belastet. Dem dient nicht nur die vereinfachende und popularisierende Darstellung, sondern auch immer häufiger eine behauptete Konkurrenz bi- oder auch multipolarer Positionen, die sich zueinander agonal verhalten. Es fällt auf, dass sich B. auf diese, gewissermaßen »modische« Selbstinszenierung in seinem Fall der Mediävistik nicht einlässt. Seine Darstellung ist von einem starken Bemühen zu einer die Quellen in vielfältiger Weise betrachtenden Hermeneutik geprägt, welche die Agonalitäten in Komplementaritäten zu wandeln und aus der Wechselwirkung scheinbar diametral entgegengesetzter Forschungsansätze weitere Einsichten zu gewinnen versucht. Da­zu gehört auch die sorgsame Abwägung der gewählten Untersuchungsmethoden. Dieser Aspekt kommt, trotz der weit über 800 Seiten umfassenden Sammlung, zu kurz. Er sollte gemeinsam mit der historischen Zusammenfassung baldmöglichst nachgeliefert werden.
Der Rezensent widersteht dem Bedürfnis, ein gewichtiges und umfangreiches Werk durch eine nicht minder lange Besprechung zu würdigen. Im Gegenteil: Anstelle sich mit der Besprechung aufzuhalten, sollten die Leser baldmöglichst mit der Lektüre des Bandes beginnen. Man muss ihn nicht in einem Stück durchlesen, sollte aber die Fülle an Befunden bei künftigen Aussagen über »die spätmittelalterliche Kirche«, ihre Strukturen und Repräsentanten wenigstens teilweise berücksichtigen. Das veranlasst zu einer akademischen Demut, die manche vorschnellen Pauschalurteile zu dekonstruieren und künftig zu vermeiden hilft. Insgesamt ein wichtiger Beitrag zur mittelalterlichen Kirchengeschichte, der in keiner Bibliothek fehlen darf.