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Ausgabe:

1995

Spalte:

849-850

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Die Geschichte der Jeypore-Kirche und der Breklumer Mission : 1995

Rezensent:

Moritzen, Niels-Peter

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Seite 1

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849

Theologische Literaturzeitung 120. Jahrgang 1995 Nr. 9

850

lung in Deutschland ist bekanntlich für beide Großkirchen
gegenläufig. Welche Schlagworte auch immer als Deutemuster
herangezogen werden - die Kirchen haben sich dem Umstand
zu stellen, daß vielen Menschen die Sprache des christlichen
Glaubens weithin entglitten ist und daß die Kirchen die Sprache
.der Leute' nicht mehr sprechen.

Wenn die Vorstellung eines im Geiste Jesu gelebten Lebens, verknüpft
mit einer Einladung zu kirchengemeindlicher Verbundenheit, für viele
Menschen nicht mehr verständlich und unakzeptabel erscheint, dann ist ,Re-
Kontextualisierung'. .Inkulturation', .eine neue Missiologie für Europa' -
wie auch immer - nicht nur eine hermeneutische. sondern auch eine praktische
Herausforderung geworden. Das zu verdeutlichen, ist ein zentrales
Anliegen dieser Arbeit. Konzeptionell reißt Ü. nicht sehr viele neue Perspektiven
auf. Doch wer täte das schon? Im übrigen belegt die exemplarische
Veranschaulichung des Umgangs mit dem Thema Mission in katholischen
Diözesen (184ff). daß protestantische und röm.-kath. Kirche nicht nur
vor ähnlichen Fragen stehen, sondern auch strukturell und inhaltlich zu analogen
Lösungsvorschlägen kommen: Glaubensverantwortung vor Ort. ohne
die Zumutung weltweiter Horizonte abzublenden. Verknüpfung von Glaubenszeugnis
. Diakonie und Friedensdienst, gemeindenahe Rezeption der
Partnerschafts- und Patenschaftsdiskussion, neue Bestimmung des Missionars
und der Rolle der Laien in der Kirche usf. Ganz der sog. Integration der
Mission in die protetantischen Großkirchen während der 6()cr Jahre entsprechend
hat sich in der katholischen Kirche eine Rezeption der von Missionsorden
und anderen eher am Rande der Ortskirche angesiedelten missionarischen
Initiativen des vorigen Jh.s in die gemeindlichen und großkirchlichen
Strukturen hinein ergeben. Der Vf. weist die Missionsorden (213ff) strikt an
den deutschen Kontext als ihr Missionsfeld. Mission soll auch heute durch
Randständige, aber mit neuem Focus ausgerichtet werden. Was wäre also
ein glaubwürdiges Zeugnis, „ein lebendiger Beweis, ein wirklicher und
wirksamer Beitrag zu einer Gegenkultur des Christlichen" (239)?

Die angebotene Palette missionarisch-pastoraler Empfehlungen
ist breit (225ff) und entspricht m.E. der pluralistischen Ver-
faßtheit der Großkirchen, mit der sie sich von der gesamtgesellschaftlichen
Lage nicht nur abheben, sondern diese vor allem
spiegeln. Auch diese Arbeit fragt am Schluß „Wo sind die netten
Wege, die christliche Botschaft in das konkrete Leben der
Menschen zu tragen?" (255) Der Vf. vermutet, daß nur eine
..Zurückführung" auf die Quellen der Werte europäischer Kultur
„Europa heilen" (256) könne. Welche Werte der europäischen
Kultur? Das Buch wird spannend, wo es aufhört.

Hamburg Theodor Ahrens

Waack. Otto [Hg.) mit A. Brunn. A. Asha u. S. C. Sekhoro
Mohoriya: Indische Kirche und Indien-Mission. Teil 1: Die

Geschichte der Jeypore-Kirche und der Breklumer Mission
(1876-1914). Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission 1994.
XXIII. 491 S. gr.8° = Erlanger Monographien aus Mission
und Ökumene. 20. Kart. DM 60.-. ISBN 3-87214-320-4.

Ein seltener Glücksfall: Der Autor kennt beide Seiten und beide
Sprachen (Deutsch und Odiya) und hat die Zeit bekommen und
die Ausdauer aufgebracht, die Geschichte der Breklumer Mission
und ihrer Arbeit in Indien zu schreiben.

Dieser Komplex kommt sonst in der geschichtlichen Behandlung
oft nur am Rande oder in Schlaglichtern vor; es mag dafür
äußere Gründe geben, z. B. die Randlage im jeweiligen Land.

Kirchengeschichte soll dargestellt werden; so muß man sich
durch zwei Kapitel Vorgeschichte hindurcharbeiten: Jeypore, das
Land und seine Menschen (1-99) und: Breklum. die Mission und
ihre Missionare. Man muß dem Leser zur Ausdauer raten,
es lohnt sich: vieles von dem, was später geschieht, gewinnt
dadurch an Perspektive und Hintergrund. Die Rückständigkeit
und die Randlage Jeypores aus der Sicht der britischen Administration
sind ebenso wichtig wie die Zusammensetzung der
Bevölkerung: und es ist ebenso wichtig zu begreifen, daß die
Breklumer Mission nicht nur Christian Jensens Gründung ist,
sondern daß er sie auch fast zugrunde gerichtet hätte, wenn nicht
kirchliche Kräfte zu Hilfe gekommen wären.

Die beiden nächsten Kapitel: Breklum in Indien-Begegnung
durch das Evangelium (192-247) und: Die Missionsarbeit (248-
351) sind auch noch als Vorgeschichte verstanden; das eine
schildert das Auffinden des Arbeitsgebietes und die Entstehung
des Stationsnetzes - der eigentlichen indischen Kirchengeschichte
vorgegeben so gut wie die Missionsarbeit, soweit sie denn von
den Europäern geplant, gesteuert, getan und durchgeführt wurde.

Das Ziel des Ganzen: Die Christen und ihre Gemeinden (352-
468) bringt dann das Geschehen, in dem die Inder im Vordergrund
stehen - mit vielen Details, und wie alles vorzüglich dokumentiert
. Der Leser, den der Stoff gepackt hat, wartet mit Spannung
auf Band II; die Darstellung hört ganz ohne Schlußwort
einfach auf (vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges).

Es hat eine intensive Debatte darum gegeben, wie denn heute
recht Geschichte der Mission von ihrem Ziel der lokalen Kirche
her zu schreiben sei; aber man findet bisher recht selten eine
Durchführung der programmatischen Thesen über Ausschnitte
hinaus. Hier liegt nun eine Probe vor. Sie ist auch darin wohltuend
zu lesen, daß sie nicht den Stoff zum Beleg der eigenen
Thesen verwendet, sondern den Menschen, auch den Erben dieser
Geschichte, deutlich zugetan bleibt. So fehlt grundsätzliche
und auch tiefgreifende Kritik nicht, z.B. an der Ausrichtung
aller Arbeit auf die Zentralstationen hin, die die Ortsgemeinden
an Eigenständigkeit hinderte.

Der Leser älterer Missionsberichte erwartet, daß er etwas
erfährt, was ihn erheben und erschüttern kann - an menschlicher
Opferbereitschaft, aber auch Zeugnis von den großen
Taten Gottes. „Jeder Versuch, das Handeln Gottes unmittelbar
an konkreten historischen Ereignissen ablesen und festmachen
zu wollen, wird kaum der Gefahr entgehen, menschliches Handeln
zu glorifizierren" (XXII), schreibt der Autor, und er möchte
die Aufgabe dem Leser selbst überlassen, „das Handeln Gottes
durch Verkündigung und Annahme des Evangeliums zu
erkennen und bekennen" (XXII), aber er selber bekennt sich
dazu, daß in dem berichteten Geschehen Gott seine Gemeinde
gebaut hat. Was er aber darstellt, ist das menschliche Handeln
mit seinen Motiven - und das ist schon bewegend.

Erfreulich auch die Art, wie andere Darstellungen, soweit sie
denn vorliegen und nicht zutreffen, nebenher korrigiert werden.
Reichliche und genaue Fußnoten, etliche Tabellen und 22 Seiten
Quellen und Literaturverzeichnisse zeichnen das Werk atis; man
hätte eine Karle dazu gewünscht, auch weniger Druckfehler, die
zum Glück meist den Sinn nicht verdecken. Man wünscht sich
den 2. Band, und dem Werk indische Mitarbeiter und Nutzer
über das bescheidene Maß (ca. zehn Seiten sind von Indern beigetragen
) hinaus.

Erlangen Niels-Peter Moritzen

Woga, Edmund: Der parentale Gott. Zum Dialog zwischen
der Religion der indonesischen Völker Sumbas und dem
Christentum. Nettetal: Steyler 1994. 439 S. gr.80 = Studia
Instituti Missiologici Societatis Verbi Divini, 59. Kart. DM
58,-. ISBN 3-8050-0344-7.

Angestoßen durch das Zweite Vatikanische Konzil wurden in
der katholischen Missionstheologie in zunehmendem Maße
Versuche unternommen, im Blick auf das Verständnis nichtchristlicher
Religionen eine Neuorientierung zu gewinnen und
eine theologisch verantwortbare Grundlage für den Dialog mit
Menschen anderer Glaubens- und Weltanschauung zu finden.
Das Bekenntnis des Vatikanums zur Achtung der nicht-christlichen
religiösen Reichtümer fordert einerseits die wissenschaftliche
Prüfung der Interpretationen der „übernatürlichen" Offen-
barungs- und Heilswirklichkeit der nicht-christlichen Religionen
und führt andererseits zu der Frage nach der integralen
Wahrheit einer im Rahmen der Heilsgeschichte erfolgten