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Ausgabe:

1995

Spalte:

848-849

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Üffing, Martin

Titel/Untertitel:

Die deutsche Kirche und Mission 1995

Rezensent:

Ahrens, Theodor

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Theologische Literaturzeitung 120. Jahrgang 1995 Nr. 9

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Auch im zweiten Schritt ist bei aller Vielfalt eine Vorgehensweise
offensichtlich: eine „homiletische" Exegese. Dabei wird
der Versuch unternommen, in einer Kurzexegese von Anfang
an die Predigt zu berücksichtigen. Kernaussagen, Verdichtungen
oder spezifische Akzente der Perikope können dabei zu
Hilfen beim Anknüpfen eines Dialoges mit Gott werden.

Voraussetzung für eine gelingende Meditation, den dritten und jeweils
ausführlichsten Schritt, ist das Formulieren kurzer, einfacher und wesentlicher
Sätze. Sie helfen, den Predigttext meditationsfähig zu machen. Einige
Autoren erliegen der Versuchung und legen beinah schon ein Predigtmanuskript
vor. Versteht man das vielschichtig verstandene Wort: Meditation als
eine Fähigkeit des Menschen, das was ihm begegnet, mit seinem ganzen Sein
wahrzunehmen und in die Mitte seines Wesens empfangend, aufnehmend
und teilnehmend einzulassen (K. Johne), so geht es um eine Unmittelbarkeit,
die einer manchmal verengenden Bibelexegese entgegensteht. Die oft zugegebenermaßen
grobe Skizze meditativer Erschließung eines Predigttextes soll
einerseits der Gefahr wehren, daß die Verkündigung in rationalen Bemühungen
und theologischen Erklärungen steckenbleibt. Andererseits vertieft
meditatives, textgeleitetes Verweilen das Verständnis vom Wort Gottes, das
schenkt, was es verspricht. Der Leser wird eine Vielzahl gelungener Beispiele
zur Vorbereitung auf Predigten finden, die die Wahrheit des Evangeliums,
die Metapher und Bilder meditieren und ihnen „gelassen die Kraft zutraut,
die in ihnen steckt" (C. Möller).

Der Beitrag eines der Hgg. ist exemplarisch für ein derartiges
Nachempfinden des Predigttextes und für das Bewußtwerden
heutiger Situation. Im Zusammenhang von Jo 4,5-14 ist dort zu
lesen: „Jesus hat uns die Quelle lebendigen Wassers in seinem
Tod am Kreuz schon geschenkt. Sie ist schon in uns. Aber wir
sind oft nicht in Berührung mit ihr. Wir sind wie abgeschnitten.
Unser Ärger, unsere Angst, unsere Eifersucht, unsere Alltagssorgen
legen sich zwischen sie und unser Herz. Im Gebet und in
der Meditation könnten wir die harte Schicht unserer Emotionen
durchdringen und die Quelle in uns entdecken, die klares,
lebendiges Wasser in unsern Leib und unsere Seele, in unser
Denken und Fühlen, in unser Reden und Handeln ausgießen
möchte. So möchte uns das Evangelium vom Gespräch mit der
Samariterin einladen, im Gebet und in der Meditation immer
wieder nach innen zu horchen, um die Quelle zu entdecken, die
seit Jesu Tod schon in uns ist und die in uns sprudeln möchte
zum ewigen Leben." (V,l, 72).

Die sich bei den Autoren widerspiegelnde Meditationspraxis
knüpft dabei an Luthers Übung an, wonach sie einem Einverleiben
des biblischen Wortes (ruminatio) ähnelt. Prediger, die die
meditatio versäumen, gleichen dem „unzeitige(n) Obs, das abfeilet
, ehe es halb reiff wird". (WA 50, 657-661).

Die Reihe bringt eine Fülle von Anregungen auch als Vorbereitungshilfe
für andere Veranstaltungen der Gemeindearbeit:
praktische Konkretionen, die Einladung der Predigthörer zu
Metaphermeditationen, erdachte Gespräche mit dem Vf. des
Predigttextes, Bildbetrachtung, aber auch Erlebniswissen aus
der Arbeit in Meditationskursen, Literaturbeispiele und Kurzerzählungen
.

Die vorgelegte nichtdiskursive Arbeitsweise ist, das soll hier
kritisch angemerkt werden, in erster Linie auf den Zugang zur
Predigt ausgeführt. Die Impulse für die gottesdienstliche Ausgestaltung
, die im Titel mitangezeigt sind, finden sich vergleichsweise
sparsam. Der Eingang in den gottesdienstlichen
Bereich im Sinne einer Wirklichkeitserschließung, die nicht auf
das Verbale und Intellektuelle beschränkt bleibt, steht weithin
aus. Hierher gehören spirituell bedeutsame, gemeinschaftsför-
dernde Handlungen, in die der Einzelne seine Emotionen einbringen
kann. Rituale an kirchlichen Festtagen bieten Gelegenheit
zu verstehender Annahme. Sie können für „das Leben im
Leben" aussagen.

Die einmal über die sechs Predigtreihen hinausgehenden über
400 bearbeiteten Predigttexte bieten inhaltlich und methodisch
ein gutes Fundament, auf dem der Verkündigungsdienst und die
gottesdienstliche Ausgestaltung aufbauen können.

Leipzig Friedrich Krause

Ökumene: Missionswissenschaft

Üffing, Martin: Die deutsche Kirche und Mission. Konsequenzen
aus dem nachkonziliaren Missionsverständnis für
die deutsche Kirche. Nettetal: Steyler 1994. 285 S. gr.8° =
Studia Institut! Missiologici Societatis Verbi Divini. 60. Kart.
DM 40,-. ISBN 3-8050-0346-3.

.Mission in Europa' bleibt für die europäischen Kirchen zumindest
seit den Initiativen der französischen Arbeiterpriester vor
etwa vierzig Jahren ein virulentes Thema. Üffing greift mit der
in den deutschen Großkirchen nach wie vor nicht wirklich rezipierten
Prämisse, auch Deutschland sei Missionsland geworden
(16), einen wichtigen Strang nicht nur der röm.-katholischen,
sondern auch der ,GenP verbundenen, protestantischen ökumenischen
Diskussion (22ff) auf. Nach einer Rekonstruktion
der vatikanischen und nachvatikanischen missiologischen Diskussion
(20-80) blickt er auf die Regionalkirchen in Deutschland
und deren Umgang mit dem Thema Mission.

„Die deutsche Kirche" ist für Ü. durchgängig die röm.-kath.
Kirche in Deutschland - trotz eines abschließenden ökumenischen
Winks auf Seite 256! Nun war schon im Missionsdekret
des Zweiten Vaticanums die ökumenische Perspektive deutlich
schwächer ausgebildet als in anderen Dokumenten dieses Konzils
, das die Verantwortung christlichen Glaubens in ökumenischer
Praxis wahrhaftig mit weitreichender Wirkung ermutigt
hat. Eine „neue" Auffassung von Mission ergab sich denn auch
nicht aus dem Missionsdekret Ad Gentes, das, wie Josef Glacik
MSC einst feststellte, „zahlreiche unausgeglichene Aussagen"
enthält, sondern „aus der Ekklesiologie" des Zweiten Vatika-
nums (Ü., 30), die u.a. die Bedeutung der Ortskirchen und der
regionalen Bischofskonferenzen nachdrücklich hervorhebt. Als
,neu' wird die Auffassung eingeführt, daß Mission nicht mehr
als Bewegung aus einer christlichen in eine nicht-christliche
Welt gedacht wird, sondern - weil die Kirche als Sacramentum
Mundi und Lumen Gentium verstanden wird - als „Führung der
Abständigen und Nichtglaubenden zur Kirche und zum Glauben
" (151, vgl. AG 6, 10.20). Ist das nicht traditionell? Neu ist,
was Ü. mit Verweis auf Felix Winfred SJ konstatiert, nämlich,
daß eben dies Verständnis von Mission von führenden christlichen
Intellektuellen des Südens energisch bestritten wird (63f).
Ist jener Idealtyp von Mission, der die Unterscheidung von
Glaube und Unglaube zentral stellt, endgültig abgelöst von der
Vorstellung einer universalen Präsenz Gottes, der als Heiliger
Geist - durchaus auch extra ecclesiam - weltweit Heil und
Gerechtigkeit bewirkt? Diese Frage ist in der katholischen Missionswissenschaft
offensichtlich ebensowenig gelöst wie in der
protestantischen.

Für die Besinnung auf die „Situation der deutschen Kirche"
(81 ff) und der deutschen Regionalkirchen im Netzwerk weltkirchlicher
Strukturen (I66ff) im zweiten und dritten Teil seiner
Arbeit bezieht Ü. sein Material fast ausschließlich aus Verlautbarungen
der röm.-kath. deutschen Bischofskonferen/. synodalen
Erklärungen etc., kurz, aus kirchenamtlichen Verlautbarungen
. Sie kommen zu ähnlichen Ergebnissen, wie sie in den 80er
Jahren etwa zeitgleich auf protestanischer Seite formuliert wurden
(VELKD-Studie zur missionarischen Doppelstrategie, Projekt
,Neu anfangen', EKD-Studie zu Strukturbedingungen der
Kirche auf längere Sicht u.ä.). Nicht nur die Lagebestimmung
für die Kirchen in Deutschland (83ff), sondern auch das, was
als Engagement deutscher Ortskirchen in weltkirchlicher und
ökumenischer Verantwortung skizziert wird (133ff. I66ff).
ähnelt den Gegebenheiten in den protestantischen Kirchen. Hier
wie dort wird realisiert, daß die Christenheit in den letzten 200
Jahren wirklich zur Weltkirche, aber auch zu einer Kirche
mehrheitlich der Armen im Süden geworden ist. Die Entwick-