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Ausgabe:

1995

Spalte:

190-192

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Carmona Moreno, Felix

Titel/Untertitel:

Fray Luis Lopez de Solis, OSA 1995

Rezensent:

Prien, Hans-Jürgen

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Theologische Literaturzeitung 120. Jahrgang 1995 Nr. 2

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drittens konnten sie nicht auf Öffentlichkeit als Kommunikationsmedium
zurückgreifen. Damit ist schon deutlich, daß diese
Gruppen nicht aus den Kerngemeinden heraus entstanden sind,
sondern wie im Westen auch als Bürgerhewegungen hervortraten
und dann - anders als im Westen - im Raum der Kirche
Zuflucht suchten. In dieser prekären Lage blieb ihnen auch gar
nichts anderes übrig, als sich sehr zurückhaltend zu bewegen
und gewissermaßen immanent zu argumentieren. Und doch gerieten
sie schon damit ins Abseits. Bereits kleinste Schritte katapultieren
die Mitglieder der Bewegung in extreme Lagen.

Diese Außensicht der Geschichte der Bewegungen wird im
zweiten Teil aus der Perspektive der Innensicht ergänzt. Dazu
werden verschiedene Gespräche mit Vertretern von alternativen
Gruppen dokumentiert. Diese Gespräche wurden in zwei Phasen
, nämlich 1990 und 1992 mit insgesamt zwölf Personen
geführt. Dabei ergibt sich freilich eine spezifische Konstellation
daraus, daß erst nach der Wende gefragt wird und hier in einem
Augenblick, in dem man noch sehr stark in die Umbrüche
involviert ist. Alle Befragungen sind sehr stark von dem Prahlern
der Transformation alter Anliegen in eine neue Zeit geprägt
. Der Vorteil ist, daß der Leser einen sehr guten Eindruck
davon erhält, wie die Betreffenden den Anschluß an die Bundesrepublik
erleben. Der Nachteil ist freilich, daß nicht grundsätzlich
nachgefragt wird. Statt z.B. den eigenen Beitrag innerhalb
der neu entstehenden politischen Öffentlichkeit zu diskutieren
, wird über die eigene Einstellung gegenüber der Politik
gesprochen. Schon an diesem Beispiel wird für den Leser viel
deutlich: Die Menschen, die lange für eine authentische politische
Öffentlichkeit gekämpft haben, nehmen an ihr nach der
Wende (mit einer Ausnahme) kaum teil. Sie erleben sich infolgedessen
marginalisiert. Die Vermutung drängt sich auf, daß es
hier eine unheilige Allianz gegeben hat. Zum einen werden die
Bürgerrechtler abgedrängt, weil andere die politische Öffentlichkeit
blitzschnell erobern. Zum anderen haben sie das Feld
nie beansprucht, weil sie sich mit der neuen politischen Öffentlichkeit
nicht identifizieren können oder wollen. Anders als in
der alten Bundesrepublik, wo die Initiativen die Öffentlichkeit
von Beginn an als Gegenöffentlichkeit nutzten, erleben diese
Gruppen offenbar die Öffentlichkeit eher als neue Kolonialisie-
rungsinstanz.

Im dritten Teil der Arbeit werden verschiedene Interpretationen
über das Interviewmaterial vorgetragen, wobei allerdings
kaum auf die Implikationen der Vorgangsweise eingegangen
wird. Das ist ärgerlich, weil die moderne Biographieforschung
hier durchaus hilfreich hätte sein können. Wolfgang Elvers und
Hagen Findeis analysieren die Situation der Gruppen vor der
Wende. Dabei wird deutlich, wie sich die oben angesprochene
doppelte Klammer auf die Struktur der Gruppen auswirkt. Zum
einen fühlen sich die Bürgerrechtlcr im Rahmen der Kirchengemeinden
sehr stark als Gruppe, ja als ..Familie". Zum anderen
hesitzen sie als kirchlich eingebettete Oppositionsbewegung eine
deutlich wertrationale Ausrichtung, die mitunter schon extrem
fundamentalistische Züge trägt: Gruppenpositionen werden zum
Bekenntnis. Damit entsprechen die Gruppen ihrer Einbettung
und gewinnen zugleich die Kraft, der Kriminalisierung durch den
Staat entgegenzutreten. Aber spätestens in dem Augenblick, in
dem der alte Staat verabschiedet wird, werden diese Bindungen
inhaltlich und strategisch zur Fessel. So kann Detlef Pollack
dann zum Schluß davon reden, daß sich die Gruppen im nachhinein
auf diese Weise sogar noch mit der paternalistischen DDR-
Provinzialität zu identifizieren beginnen.

Die Bürgerbewegungen wurden in der DDR dank jener doppelten
Rahmung gleichsam aufs falsche Gleis gesetzt, ein Gleis,
das nicht nur zu Lebzeiten der DDR. sondern sogar noch nach
deren Ableben dafür sorgt, daß der Bürgerwille klein gehalten
wird. In seiner Gesamteinschützung bleibt Pollack dennoch sehr
vorsichtig und abwägend. Seine These, die Bürgerbewegungen

hätten es wegen ihrer allzu pragmatisch auf die Bedingungen
der alten Gesellschaft fixierten Problemsicht nicht verstanden,
sich in den seit der Wende entstandenen neuen Formen des
Politischen zu etablieren, ist zwar überzeugend, aber etwas
knapp. Diese Deutung erscheint denn doch zu niedrig angesetzt.
Das wird sofort klar, wenn man die alternativen Bewegungen
aus der DDR und die aus der alten Bundesrepublik miteinander
vergleicht, was freilich in der Arbeit nur gelegentlich anklingt.
Während sich die Bewegungen in der BRD nämlich im Anschluß
an kulturelle Auseindersetzungen in der gesamten westlichen
Welt schrittweise entfalten konnten und auf diese Weise
allmählich neue Themen in die politische Öffentlichkeit einbringen
, immer wieder präzisieren und schließlich politisch
bestätigen lassen konnten, haben sich die Bewegungen in der
DDR ohne diesen ganzen Hintergrund entwickeln müssen. So
belegen die Schwierigkeiten dieser Bewegungen in den neuen
Bundesländern einerseits nachhaltig die fundamentale Bedeutung
kultureller Kommunikation für die Gestaltung politischer
Öffentlichkeit oder der "civil society" überhaupt. Und sie illustrieren
anderseits zugleich auch, wie wenig in entscheidenden
Augenblicken die Kirchen zu helfen vermochten. Ihr Beitrag
zur kulturellen Kommunikation war noch nicht einmal ansatzweise
präsent. Zu dieser Thematik fehlt ein abschließendes
Kapitel. Ich denke, es geht nicht um die Entzauberung des Politischen
, wie der Titel postuliert, sondern um die Bewältigung
von Schwierigkeiten, die automatisch entstehen, wenn man mit
Vorstellungen über ein gutes Leben in einer puralistischen
Öffentlichkeit aktiv wird und das persönlich für gut gehaltene
in politisch allenfalls richtiges Handeln transformieren muß.

Köln Wolf-Dietrich Bukow

Ökumenik: Missionswissenschaft

Moreno, Felix Carmona: Fray Luis Lopez de Solis, O.S.A.
(Figura estelar de la evangelizaciön de America). Madrid:
Ed. Revista Augustiniana 1993. 223 S. gr.8° ■ Historia Viva,
6. ISBN 84-86898-23-4.

Der Vf., selber Augustiner-Eremit, hat während seiner zwölfjährigen
Tätigkeit in Ekuador erfahren, daß in Quito die Erinnerung
an den 4. Bischof (1594-1606) noch lebendig ist. Seine in
eher panegyrischem als wissenschaftlich objektivem Stil geschriebene
Lizentiatenthese. am ehesten einer Magisterarbeit
bei uns zu vergleichen, dient vom Vorwort an dem Erweis, daß
sein Confrater in der Kirchengeschichte völlig zu Unrecht dem
Vergessen anheimgefallen sei, was hinsichtlich der Fachliteratur
allerdings nicht stimmt. Ohne herausragende Originalität
verkörpert Fray Luis (*I535 Salamanca - tl606 Lima) doch
die besten Traditionen des spanischen Reformkatholizismus, so
daß es sich lohnt, sich mit ihm zu beschäftigen, um Einblicke in
die nachtridentinische kirchliche Situation des Vizekönigreichs
Peru zu erhalten.

Luis Lopez, der mit 18 Jahren nach einjährigem Noviziat
1553 in Salamanca seine Profeß ablegte, ist ein Beispiel dafür,
wie lebendig Luthers Orden, der in Amerika einen erheblichen
Anteil an der Evangelisationsarbeit hatte, in Kastilien in der 2.
Hälfte des 16. Jh.s noch war. Der Vf. meint, von Luthers „Pseu-
doreform" sprechen zu müssen (19). Das Provinzialkapitel von
1531 hatte die Entsendung von Missionaren zunächst nach
Mexiko beschlossen. 1551 reiste die erste Gruppe nach Peru
aus. Noch während seiner Studien in Salamanca ließ sich der
junge Profeß 1556 von dem aus Peru zurückgekehrten Pater
Cepada für die Missionsaulgabe begeistern und reiste 1558 von