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Ausgabe:

1989

Spalte:

779-780

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Hasselhorn, Fritz

Titel/Untertitel:

Bauernmission in Südafrika 1989

Rezensent:

Krügel, Siegfried

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Seite 1

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779

Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 10

780

Hasselhorn, Fritz: Bauernmission in Südafrika. Die Hermannsburger
Mission im Spannungsfeld der Kolonialpolitik 1890-1939. Mit
einem Vorwort von W. Kistner. Erlangen: Ev.-Luth. Mission 1988.
238 S. 8° = D 7 Göttinger Philos. Dissertationen. Erlanger Monographien
aus Mission und Ökumene, 6. Kart. DM 35,-.

Die vorliegende Publikation stellt keine theologische, sondern eine
historische Studie dar, auf Grund deren Vf. in Göttingen zum Dr. phil.
promoviert wurde.

Das Buch umfaßt 10 Kapitel: 1. Südafrika: Der geschichtliche
Hintergrund. 2. Anfänge und Prägung der Hermannsburger Mission.
3. Treuhänderschaft und Grundherrschaft als Modelle der Missionsarbeit
. 4. Handelskrise und Konsolidierung: 1880-1886. 5. Von der
Generalvisitation bis zum Burenkrieg: 1887-1902. 6. Zentralisierung
und Sprachenstreit unter Egmont Harms: 1903-1913. 7. Der erste
Weltkrieg und die Ära Wiese: 1914-1927. 8. Rationalisierung im
Zeichen der Finanzkrise: 1928-1939. 9. Die Hermannsburger Mission
im Kontext der südafrikanischen Missionsgeschichte. 10.
Anhang.

Wenn der Untertitel des Buches von einem Spannungsfeld spricht,
so handelt es sich in Wirklichkeit um einen Zwiespalt, der mitten
durch die Missionare selbst hindurchging. Er gründete in der
romantischen, an die mittelalterliche Klostermission anknüpfenden
Konzeption, die Ludwig Harms entwickelt hatte. Hätte Harms seinem
Zeitgenossen Karl Graul Gehör geschenkt und seinen Beitrag zu einer
einzigen, kirchlich approbierten lutherischen Mission geleistet, statt
eine eigene Gesellschaft zu begründen, so wäre den Hermannsburgern
nicht nur die sie stets schwer belastende Distanz zur Landeskirche
erspart geblieben, sondern es hätten wohl auch die Missionare eine
gründlichere theologische Ausbildung erfahren, durch die sie dann
auch befähigt worden wären, den Afrikanern und ihrer Kultur gerecht
zu werden. Harms selbst blieb in einer angesichts seiner geistlichen
Prägung kaum begreiflichen Weise dem Zeitgeist insofern völlig verhaftet
, als er den Afrikanern jede Kultur absprach - ein Schuß Rousseau
: (der „edle Wilde") war praktisch ohne Bedeutung -, so daß das
Christentum und seine Mission - hier dann groteskerweise mit „den
Weißen" einfach identisch - zunächst einmal die Funktion hatte,
Kultur zu bringen.

Die Hermannsburger kamen als Missionare nach Südafrika, gleichzeitig
aber als Siedler, die Land erwerben wollten. Zwar bezeichnete
Harms den Kolonialismus als „Betrug und offnen Raub" (33), aber
schon August Hardeland, Superintendent der gesamten südafrikanischen
Mission 1860-1863, wußte Rat. Dieser Mann, der „auf der
persönlichen Ebene in seiner Reitpeitsche ein Instrument der Mission
sehen konnte" (35), verkündete: „Auch wenn das Eindringen der
Europäer ein subjektives Unrecht wäre, sei es eben ,göttliche Zulassung
nach göttlichem Rechte'" (ebd.).

Es gereicht den Hermannsburgern zur Ehre, daß sie wenigstens teilweise
versuchten, das Land nur als Treuhänder für die Afrikaner zu
erwerben. Welch schweren Stand jedoch die wenigen Missionare
hatten, die die Rechte der Afrikaner einigermaßen zu wahren suchten,
stellt Vf. anschaulich in Kap. 3 dar.

Man hätte erwarten können, daß die Missionare im Lauf der Jahre
durch den dauernden persönlichen Umgang mit den Afrikanern zu
besseren Einsichten über deren Kultur gelangt wären. Das Buch zeigt,
daß das Gegenteil der Fall war. Die Missionare identifizierten sich
zunehmend mit den Weißen im ganzen, den Buren im besonderen.
Die empörende Einstellung gegenüber den Afrikanern kommt u. a. in
dem Unterabschnitt „.Erziehung zur Arbeit' und das Bild vom Afri-
kaner"(93ff) zur Darstellung.

Die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs führten in vielen Bereichen
der Weltmission zu begrüßenswerten Neuansätzen. Nicht so in
Südafrika. Die Rassentrennung nahm immer schärfere Formen an.
„Auch bei besonderen Anlässen wie Missionsfest oder Kirchweihe
fanden in der Regel getrennte Gottesdienste statt. Die Missionarskinder
wurden nicht in der Gemeinde ihres Vaters, sondern in einer

deutschen Gemeinde getauft und konfirmiert" (164). Auf einer
Missionskonferenz 1924 wurde gesagt - ohne daß sich Widerspruch
regte -, „daß die wichtigste Aufgabe der Missionarsfrau darin bestehe,
den Umgang ihrer Kinder mit den afrikanischen Kindern zu unterbinden
oder doch einzuschränken ..., ,den Kindern muß das Bewußtsein
beigebracht werden, daß sie Herrenkinder sind'" (165). Zwar gab
es „Außenseiter" (172ff), aber auch z.B. der zu ihnen zählende
„Asmus optierte für die Regierungspolitik der weiteren politischen
Entrechtung der Afrikaner" (173). Besonders Superintendent Wiese
(1912-1934) vertrat schroff die Politik der Apartheid.

Jedem Okumenismus, auch wenn er sich nur auf eine innerlutherische
Kooperation erstrecken sollte, standen die Hermannsburger
Missionare in Südafrika ablehnend gegenüber. Auch hier spielte
Wiese wieder eine besonders unrühmliche Rolle (179).

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es wohl Missionare, etwa Dehmke,
die sich für eine Pflege des afrikanischen Volkstums einsetzten, dabei
aber auch nicht annähernd an die Erkenntnisse und das Wirken etwa
Bruno Gutmanns heranreichten. Vf. stimmt W. Eiselen zu, „wenn er
einen maßgebenden Einfluß der Hermannsburger Mission auf die
Entwicklung der Apartheid konstatiert" (198).

Die Mission beteiligte sich skrupellos an der Ausbeutung der Afrikaner
und setzte ihren sozialen Abstieg zu Landarbeitern durch (200).
„Bescheidener Wohlstand bei Afrikanern galt als Beweis eines
bequemen Lebens, dem Wickert ein Ende bereiten wollte" (ebd.). Bei
den Afrikanern darob entstehende Unruhe wurde als „nur von einer
Handvoll von Agitatoren aus Johannesburg angestiftet" (ebd.) abgetan
. Wickert, bis 1959 Kondirektor der Hermannsburger Mission,
gehörte zu den Hauptverantwortlichen dafür, daß diese Missionsgesellschaft
sich noch in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts
schwer tat, ihre Stellung in der Frage von Rassismus und Apartheid zu
revidieren.

Nach alledem verwundert es nicht, daß Hitler unter den Hermannsburger
Missionaren begeisterte Anhänger fand; erfreulicherweise gab
es aber auch solche, die sich von den Nazis distanzierten (201 ff).

Es ist dem Vf. hoch anzurechnen, daß er die Fülle unerquicklicher,
ja empörender Fakten, die'er aufzuzeigen hat, in eindrucksvoller
Sachlichkeit und sprachlicher Disziplin vorträgt. Daß seine Äußerungen
dann wenigstens in dem die Darstellung abschließenden 9. Kap'
relativ scharf ausfallen, ist verständlich. Er widerlegt u. a. die verbreitete
Auffassung, daß vorwiegend reformierte Theologumena zur
Rechtfertigung der Apartheid verwendet worden seien. In Wahrheit
haben gerade die Hermannsburger durch ihre freilich nicht lutherische
, sondern pseudolutherische Ordnungs- und Obrigkeitstheologie
Rassismus und Apartheid kräftig abgestützt.

Was in dem Buch entsprechend seiner Themenstellung kaum deutlich
wird, aber immerhin aus vier graphischen Darstellungen (2250
abgelesen werden kann, ist die von den Hermannsburgern nun eben
doch geleistete, zur Gemeindebildung führende Missionsarbeit-
Offensichtlich erwies sich das Evangelium selbst in der armselig verengten
, ja verfälschten Form, in der es mißbraucht wurde, um „kulturlose
, faule, sittenlose Kaffern" zu „disziplinieren", noch immer
als so lebensmächtig, daß es den Weg zum Heiland der Welt zu weisen
vermochte. Man fühlt sich einmal mehr an das alte Wort erinnert,
daß Gott auch auf krummen Linien gerade zu schreiben vermag.

Damit ist allerdings nicht gesagt, daß das Versagen der Mission -
keineswegs nur der Hermannsburger - leicht genommen werden
dürfte. Vielmehr gebührt dem Vf. Dank, daß er die Kirche nötigt, sich
höchst beschämenden Kapiteln ihrer Geschichte bußfertig zu stellen-
Dank ebenso dem Verlag, der den Mut hat, einen hoffentlich sehr
breiten Leserkreis daran zu erinnern, daß Menschen, die Christen zu
sein behaupteten, an Rassismus und Apartheid ein gerütteltes Maß
Mitschuld tragen, damit endlich praktische, wirksame Konsequenzen
darausgezogen werden.

Leipzig Siegfried Krügel