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Ausgabe:

1989

Spalte:

775-778

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Siglo XVI 1989

Rezensent:

Prien, Hans-Jürgen

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775

Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 10

776

Ökumenik: Missionswissenschaft

Duran, Juan Guillermo: IYlonumenta Catechetica Hispanoamericana
(Siglos XVI-XVIII). Vol. I (Siglo XVI). Buenos Aires: Facultad de
Teologia de Ia Pontificia Universidad Catolica Argentina „Santa
Maria de Los Buenos Aires" 1984. 745 S. m. zahlr. Abb. Ktn. u.
Taf. z. T. färb. 4'.

Der 500. Jahrestag der „Entdeckung" der Neuen Welt im Jahre
1992 wirft seine Schatten in Form kirchengeschichtlicher Veröffentlichungen
in Lateinamerika voraus. Auch die vorliegende Quellenpublikation
, die auf zwei Bände mit einer Auflage von jeweils 1000
Exemplaren angelegt ist und die eventuell um zwei zusätzliche Bände
erweitert werden soll, versteht ihr Herausgeber als einen Beitrag zu
diesem Ereignis. Durän, Professor für Kirchengeschichte an der
Argentinischen Päpstlichen Universität, deutet dieses Ereignis in
seiner umfangreichen „Allgemeinen Einleitung" (S. 23-59) unkritisch
als „Entdeckung und Kolonisierung" durch das „christliche
Spanien, die geliebte Tochter der Kirche". Die Errichtung des ersten
Kreuzes auf der Insel Guanahi durch Christoph Kolumbus i. J. 1492
kommentiert er: „Das Kreuz Jesu Christi, das große Zeichen des
Christentums, wurde erstmals in jener unendlichen Geographie aufgerichtet
und rief alle Menschen und Kulturen, die in der Breite und
Länge ihrer Ausdehnung vertreut waren, zum Glauben" (S. 33). Kein
Wort davon, daß es sich hierbei um eine Invasion mit grausamen
Folgen und eine gefährliche Mischung imperialistischer Machtansprüche
und christlicher Mission, gedeckt durch päpstliche Breves,
handelte. Durän spricht in der Sprache der Zeit nur von der „Eroberung
der ,Indien der Erde'" und der „Eroberung der ,Indien des
Himmels'" (S. 33ff), wobei letzterer Begriff Evangelisierung und
Christianisierung bezeichnet. Er möchte den „schädlichen Wirkungen
einer liberalen Interpretation, die oft von der berühmten .schwarzen
Legende' inspiriert ist, entgegenarbeiten" und der „Mutterkirche
unseres Glaubens", d. h. der spanischen, Gerechtigkeit widerfahren
lassen (S. 54).

Duräns triumphalistische Sicht der Geschichte wird durch zahlreiche
Zitate aus Ansprachen Papst Johannes Pauls II. untermauert.
Wie in seiner Kommentierung der Kreuzaufrichtung durch Kolumbus
bereits angedeutet, macht er sich die These der III. Allgemeinen
Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopats (Pucbla 1979) von
der Evangelisierung der Kulturen und der Bildung einer grundlegend
katholischen Substanz (radikal substrato catölico) der Völker Lateinamerikas
zu eigen (S. 53). Durän spricht zwar vom ethnologischen
Informationswert der katechetischen Literatur, die zumindest indirekt
Aufschluß über indianische Mythen und Glaubenspraktiken zu geben
vermag (S. 470, verschweigt aber, daß die indianische Religiosität
im 16. Jh. von den spanischen Missionaren in Bausch und Bogen als
Teufelszeug verdammt worden ist, nachdem sie den enormen Abstand
zwischen dem iberischen Christentum und den amerikanischen
Kulturen durch die Identifizierung von deren Göttern mit
dem Teufelsverständnis der Renaissance überbrückt hatten und die
indianische Religiosität als Pendant zum teuflischen Wirken in der
europäischen Reformation verstanden.

Die missiologische Neubesinnung, die innerhalb der katholischen
Kirche Lateinamerikas vom IL Vatikanischen Konzil ausgegangen ist,
scheint an Durän spurlos vorübergegangen zu sein und keine Kategorien
zur kritischen Beleuchtung der Indio-Mission des 16. Jh. geliefert
zu haben. Diesbezüglich wäre an die Konstitution Ad Gentes zu
erinnern, die auf zwei Möglichkeiten für die Mission hinweist: Man
erforscht die religiösen Werte eines Volkes und versucht in ihnen die
Gegenwart Christi aufzuzeigen, oder man beschränkt sich darauf,
durch die eigene Präsenz christliches Handeln zu bezeugen. In jedem
Fall, so betont Bischof Samuel Ruiz von San Cristöbal de Las
Casas/Chiapas (Mexiko), der früher die Missionsabteilung des Lateinamerikanischen
Bischofsrats'(CELAM) geleitet hat, muß Mission das
historische Bewußtsein des jeweiligen Volkes beachten. Drückt sich

seine Weltanschauung in Mythen aus, dann müssen sie in die christliche
Verkündigung einbezogen werden. Ist kein historisches und
religiöses Bewußtsein mehr vorhanden, dann muß die Katechese im
lebendigen Dialog von den vitalen Problemen der gegenwärtigen Kulturausgehen
.

Diese Impulse des II. Vatikanums haben in Lateinamerika zu zahlreichen
Konsultationen über die Praxis der Indianermission bei
Mikroethnien und über die Pastoral bei oberflächlich christianisierten
Makroethnien geführt. Die kritischen Anfragen der Barbados-Erklärung
(1971) an kirchliche Missionspraxis wurden 1972 in größerem
Rahmen auf der Konsultation von Asunciön aufgenommen, die von
der Bewegung für Evangelische Einheit in Lateinamerika (UNELAM)
und dem Ökumenischen Rat der Kirchen veranstaltet wurde. Daran
nahmen Vertreter ökumenisch offener protestantischer Kirchen und
der römisch-kath. Kirche teil. Dort bekannten die Kirchenvertreter,
daß ihre Kirchen oft genug solidarisch mit Ideologien und Praktiken
gewesen sind, die Menschen unterdrückten. „Trotz einiger Beispiele
für konkrete Aktionen hartnäckiger und manchmal gefährlicher Verteidigung
indianischer Gruppen erkennen wir an, daß, geschichtlich
gesehen, unsere Kirche die lateinamerikanische Gesellschaft mit
befreiender christlicher Liebe, ohne Diskriminierung nach Rasse.
Glaube oder Kultur nicht zu durchdringen vermochten".

Dieses mutige Bekenntnis hat sich freilich weder im großen Rahmen
der röm.-kath. Kirche Lateinamerikas - etwa auf der 3. Allg-
Konferenz des lateinamerikanischen Episkopats in Pueblo 1979 -
durchsetzen können, noch in der breiten Gruppe evangelikaler
Missiortcn. Es gibt aber sogar Ansätze zu ökumenischer Neubesinnung
über die Indianerpastoral. So hat im Nov. 1980 in Manaus das
Ökumenische Treffen für Indianerpastoral in Amazonien stattgefunden
, gemeinsam organisiert von der „Evangelisch-lateinamerikanischen
Kommission für christliche Erziehung" (CELADEC) und dem Katholischen
Missionsrat Brasiliens (CIMI). Bei dieser Gelegenheit wurden
die Indios gemeinsam um Vergebung für entfremdende Mission gebeten
, die Kultur und Identität der Indios nicht respektiert hat.

Die Defizite Duräns im missiologischen Bereich mindern freilich
keineswegs den Wert seiner Quellcnedition, die mit großer Sorgfalt
vorgenommen worden ist. Die spanischen Texte sind in bezug auf
Orthographie und Syntax modernisiert, ihre Kirchenväter/itate anhand
der Patrologie von J. P. Migne bzw. dem neuen Corpus
Christianorum überprüft worden. Altertümliche Ausdrücke werden m
Fußnoten erläutert. Es handelt sich nicht um Erstdrucke, sondern um
Inkunabeln des 16. Jh., die meist schwer zugänglich sind, und zu den
ersten Erzeugnissen der 1539 in Mexiko und 1584 in Lima errichteten
Druckereien gehören. Jeder Text ist mit einer ausführlichen Einleitung
versehen, die in den Kontext und den Autor einfuhrt und vielfach geradezu
einen Essay darstellt, der wertvolle Informationen enthält.

Aufgenommen worden sind drei Gruppen von Texten:

1. Katechismen, d.h. Grundbücher des Glaubens, die eine
„elementare Darstellung der fundamentalen Wahrheiten des Christentums
" enthalten. Die indianischen Katechismen, die auch „doc-
trinas christianas" genannt werden, sind meist zweisprachig, werden
aber nur in ihrem spanischen Teil wiedergegeben. Sie sind von
Umfang und Zielsetzung her bescheidener als andere zeitgenössische
Katechismen. Sie sollen die Neophyten durch eine systematische Darstellung
der wesentlichen Offenbarungsinhalte die Teilhabe am
Glaubensdepositum erleichtern und sie langsam in das christliche
Leben hinsichtlich Moral, Gebet und Sakramentsempfäng einführen
.

2. „Confesionarios", Beichtbücher, die es den Geistlichen in den
Missionsgemeinden (doctrinas) und den Neophyten erleichtern sollten
, ihre Sünden umfassend zu bekennen, besonders jene Sünden
nicht verschämt zu verschweigen, die mit ihrer angestammten religiösen
Praxis zusammenhängen wie Götzenverehrung, kultischem Alko-
holgcnuß, Aberglaube, Vogelschau oder aber Verbrechen wie Mord.
Raub, Abtreibung, Homosexualität, Unzucht, Ehebruch, schlechte
Behandlung von Familienangehörigen etc.