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Ausgabe:

1987

Spalte:

157-158

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Gutiérrez, Gustavo

Titel/Untertitel:

Aus der eigenen Quelle trinken 1987

Rezensent:

Schoenborn, Ulrich

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Seite 1

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Ebersdorfergrund Ulrich Schoenborn

157 Theologische Literaturzeitung 1 12. Jahrgang 1987 Nr. 2 158

Gutierrez. Gustavo: Aus der eigenen Quelle trinken. Spiritualität der von Loyola. Johannes vom Kreuz (vgl. 941T) und andere Mystiker mit
Befreiung. Aus dem Span, von H. Goldstein. München: Kaiser; der lateinamerikanischen Situation in Beziehung gebracht. Bemer-
Mainz: Grünewald 1986. 151 S. 8* = Fundamentaltheologische kenswert in dem biblischen Rekurs ist die Rezeption paulinischer
udien. 12. Kart. DM 24.80. Theologie (vgl. 64ff). ein m. E. in den Befreiungstheologien bisher vernachlässigtes
Feld. Anfragen stellen sich u. a. dort, wo das historische
Bereits in seiner „Theologie der Befreiung" (Lima 1971: Mainz/ Profil von Textzusammenhängen unbeachtet bleibt und wo eine geMünchen
61982, 190-196) hatte der Vf. das Thema „Spiritualität der samtbiblischc Perspektive ohne Interpretation eingebracht wird. Der
Befreiung" angeschnitten. Unter dem Eindruck der theologischen protestantische Leser muß mit einer'semantischen Herausforderung
Diskussion und der historischen Konflikte, die seitdem in Latein- rechnen: vieles erinnert an D. Bonhoeffers Überlegungen zum Thema
amerika' stattgefunden haben, nimmt G. jene Gedanken wieder auf. „Nachfolge"; G. hat die Wurzeln jedoch in der katholischen Spirituals
geht darum, den Bereich zu beschreiben, der, ebenso wie die Praxis lität, die subversiv angeeignet wird. Wer Theologie der Befreiung bis-
des Glaubens, jeder theologischen Reflexion vorausgeht und diese erst her ausschließlich mit einem Praxismodell identifiziert hatte, wird
ermöglicht: die spirituelle Erfahrung. mit den Erfahrungen von Leiden, Glauben und Hoffen der Armen
Am Anfang heißt es programmatisch: ..Christsein besteht darin, konfrontiert, die ausführlich zu Wort kommen. Die Plausibilität, mit
Jesus nachzufolgen" (9). Auf den Weg der Nachfolge Führt aber nicht dcrG. von Volk, Armut. Sünde, Umkehr, Erfahrung, Martyrium usw.
e'ne heroische Entscheidung, sondern die Begegnung mit dem gekreu- spricht, macht schließlich auf Unbewältigtes im Protestantismus auf-
zJgten und auferstandenen Herrn. Im Engagement Für Überleben und merksam und provoziert einen theologischen Dialog über kontinen-
Gerechtigkeit machen die Christen in Lateinamerika Erfahrungen, die talc und kulturelle Grenzen hinweg.
S|ch als vitale Quelle im Befreiungsprozeß erweisen.

G. entfaltet das Thema in drei Schritten. Das erste Kapitel (14-42)
gibt Auskunft über den Kontext der Erfahrung. Skizziert wird die kon-

t,nentale Wirklichkeit vorzeitigen und ungerechten Todes, die eigent- ' Vg1 Eduarde. Bonnin (Hg.), Spiritualität und Befreiung in Lateinamerika.

Ileh Dank und Gebet verstummen lassen müßte. Skizziert wird auch Würzhurg !984(=San JoscdcCosta Rica 1982).

der Aufbruch der Armen. Denn sie haben die Ursachen der Unge- , Vgl- dagcgcn Joscph RalzinScr- Politik unu ErlösunS- Zum Verhältnis von

rechfiot»-. .j i. j u j- , , , ..... . . , Glaube. Rationalitat und Irrationalem in der sogenannten Theologie der Bc-

^'iiigkeit entdeckt und versuchen, dieses Joch abzuschütteln. In den . . _, . . . „, .... , . ., .. ,„„

Kam r „ r . , Ireiung. Rneinisch-westlalischc Akademie der Wissenschaften. Vortrage 279.

x<"npicn um Befreiung und Menschenwürde entwerfen sie ihre Opladen 1986

C|gene Spiritualität, die von Hoffnung und österlicher Freude geprägt
'st. Weil in Gestalt der Rechtlosen der Herr selbst erscheint, ist der

historische Augenblick als Zeit des Heils qualifiziert. Darum stellt Von Personen

sich die Frage, ob Kirche bereit ist. „sich in das Leben der Armen

hineinzubegeben" und „in Sachen Spiritualität mit dem Volk wieder- Konrad Onasch zum 70 Geburtstag

^uersiehen" (41). am4.8.l986'

Im zweiten Kapitel(43-101) reflektiert G. das Thema „Nachfolge"

ln den Perspektiven des Neuen Testaments. Vielfältig bringen die Hochverehrter Herr Kollege,

Evangelien zur Sprache, daß Jüngerschaft sich der Begegnung mit zu Ihrem 70. Geburtstag grüßt Sie die Sektion Theologie der
Jesus und seiner Initiative verdankt. Paulus meint diesen Sachverhalt. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit herzlichen Segens-
Wenn er vom „Wandel im Geist" (Rom 8,4 u. ö.) spricht. Mit ausfuhr- wünschen.

'ichen Erörterungen zu Rom 8 und Gal 5 thematisiert G. die pauli- Dieser Geburtstag läßt uns zum einen mit Dank zurückblicken auf
n'sche Antithese von Geist und Fleisch, um die Dialektik zwischen Ihre Verbundenheit mit unserer Fakultät und Sektion, die nun bereits
Tod und Leben zu erhellen, die den Befreiungsprozeß in Latein- länger als 35 Jahre währt. Es ist dies ein Zeitraum, den man üblicher-
arr>erika bestimmt. Die dritte Perspektive beschreibt Nachfolge als weise für eine ganze Generation nimmt. Sic haben während dieser Zeit
„Weg", den der Exodus des Volkes Israel und das Leben der ersten bei nicht wenigen Generationen von Thcologiestudcnlcn, die heute
Gemeinden (vgl. Apg 9,2; 22,4 u. ö.) dokumentieren. Das Charakteri- im Pfarr- oder Lehramt wirksam sind, lebhaftes Interesse und Vermische
des Weges sind Suche nach Gott, fortwährender Kampf gegen ständnis für Geschichte und Gegenwart der Orthodoxen Kirchen ge-
"ie Faszination durch die Fleischtöpfe Ägyptens und Freiheitspraxis weckt. Dabei haben Sic in sowohl völlig sachentsprechender als auch
unter dem Primat der Liebe. Spiritualität erscheint darum als Lebens- ganz persönlicher Weise Liturgie und Kunst dieser Kirchen ins Zen-
st'l bzw. als „kollektives Abenteuer kraft des Geistes Gottes" (94). trum Ihrer Forschungen gestellt. Ihre genuinen, international ge-

Das dritte Kapitel (102-149) stellt exemplarische Faktoren der schätzten Beiträge zum Verständnis der Orthodoxen Kirchen und die

Spirituellen Erfahrung in Lateinamerika vor. wobei G. die Interdepen- damit erwiesene Hilfe in der ökumenischen Annäherung der Kon-

denz von geschichtlicher Lage und Herausforderung durch das Evan- fessionen sind von vielen Seiten anerkannt worden, was nach Ihrer

Selium hervorhebt. Wer Solidarität praktizieren will, muß zu Um- Emeritierung durch die Verleihung der Würde eines Doktors der

*ehr, d. h.. auch zum Bruch mit dem Status quo bereit sein. Engage- Theologie ehrenhalber von Seiten unserer Alma mater hallensis be-

ment an der Seite der Armen bedeutet Sclbstcntäußerung und verlangt redten Ausdruck gefunden hat. Ihre Forschungen und Publikationen

Demut. Wie Glaube nur in der Gemeinschaft authentisch lebt, so zur Geschichte und Konfessionskunde der Russischen Orthodoxen

slrebt auch Spiritualität aus der notwendigen Erfahrung von Einsam- Kirche, zur Liturgie und Kunst, besonders zur Ikonenmalerei der öst-

keit- der dunklen Nacht der Ungerechtigkeit -immer wieder dorthin, liehen Kirchen, aber auch zu den theologischen Hintergründen der

wo die Freude an der Auferstehung des Herrn mitten in martyraler Werke Dostojewskis, haben nicht nur den Theologen die ihnen gleich-

^irklichkeit gefeiert wird. zeitig fremde und verwandte Welt der Orthodoxen Kirchen näher-

Mit diesem Buch meldet sich das Sclbstvcrständnis lateinamerika- gebracht, sondern auch ein breite Wirkung im außertheologischen

nischer Theologie - „Unsere Methodologie ist.. . unsere Spirituali- und außerkirchlichen Bereich enfaltet. Damit haben Sie auch bei uns

tat" (150). „Das Martyrium ist . .. Merkmal . . . auch der theolo- in sehr breiter Weise zum Verständnis der durch orthodoxe Tradi-

Sischen Reflexion geworden" (10)-in einer Weise zu Wort, die häre- tionen geprägten Nationalkulturcn Ost- und Südosteuropas beige-

siologische Debatten2 eigentlich ausschließt. Der Diskurs von G. tragen.

kommt fast ohne Polemik (vgl. 19: „Innerkirchlicher Verdacht ist Dieser Geburtstag läßt uns zum anderen vorausschauen und auf

heute ein Splitter des Kreuzes.") und theologische Grabenkämpfc aus. Grund der intensiven Fortführung Ihrer Forschungen auch nach der

'n überzeugender Weise werden Augustin. Franz von Assisi, Ignatius Emeritierung hoffen, daß Sie von Ihren Arbeitsfeldern noch viel in die