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Ausgabe:

1985

Spalte:

474-475

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Scherer, James A.

Titel/Untertitel:

... daß das Evangelium rechtschaffen durch die Welt gepredigt werde 1985

Rezensent:

Ratzmann, Wolfgang

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473

Theologische Literaturzeitung 110. Jahrgang 1985 Nr. 6

474

Unter diesen Gedankengängen kann man eine Grundthese erkennen
: Das diakonische Verständnis der Kirche korrespondiert
unaufhörlich mit dem kirchlichen Verständnis der Diakonie.

Das so prägnant vorgetragene und konsequent angewandte
Diakonieverständnis Philippis reizt zur Diskussion, vielleicht auch
zum Widerspruch. Es ist u. a. zu fragen, ob das „feindliche Gegenüber
" wirklich die für Philippi vorgegebene Territorialgemeinde ist.
Die neutestamentliche Gemeinde verwirklicht sich auch in der
Territorialgemeinde. Ungehört kann dieser Versuch zur theologischen
Konzentration aller diakonischen Erfahrungen, Probleme
und Programme nicht bleiben. Vf. macht Ernst mit der Aussage von
der „Verleiblichung des Evangeliums" in der Diakonie, die bei ihm
(fast) sakramentalen Charakter annimmt.

Dieses Buch muß im Kontext des Diakoniewissenschaftlichen
Instituts in Heidelberg gesehen werden, das zwei Aufgaben erfüllen
soll:

1. Vorbereitung der verantwortlichen Mitarbeiter in der Diakonie
auf ihre Aufgaben.

2. Geordnetes Lehrangebot im Bczugsfeld der Theologie und anderer
Humanwissenschaften. Dialog zwischen Theorie und Praxis,
Sozialpolitik und Ekklesiologic, Anthropologie und Theologie.
Für alle diese Aspekte liefert ..Diaconica" Beispiele. Es kann deshalb
als ..Sachbuch für Studierende der Diakonie aller Art" eingestuft
werden.

Eine Schlußbemerkung sei erlaubt: Ich kann mich nicht mit dem
Begriff ..diakonieren" anfreunden, da er eine fatale Assoziation zu
..dienern" auslöst.

Leipzig Heinz Wagner

Moltmann. Jürgen: Diakonie im Horizont des Reiches Gottes.

Schritte zum Diakonentum aller Gläubigen. Mit einem Beitrag von
Ulrich Bach und einem Geleitwort von Theodor Schober. Neukirchen
-Vluyn: Neukirchener Verlag 1984. 105 S. 8°. Kart.
DM 18,-.

..Diakonie und Theologie bedingen einander", erklärt Th. Schober
in seinem Geleitwort. Moltmann bestätigt diesen Zusammenhang
mit sechs Arbeiten zur Diakonik aus den Jahren 1975-1982. Bisher
nicht veröffentlicht waren die „Thesen zum Verständnis von Krankheit
und Gesundheit" (89-91). M. versteht Diakonie als „Schriftauslegung
durch Praxis, und diakonische Theologie ist dann das kritische
Bewußtsein dieser Praxis. Beide haben ihre eigene Würde im gleichen
Rang neben der Verkündigung, dem Unterricht und dem Gemeindeaufbau
". In dem besonders wichtigen Beitrag, der dem Band den Titel
gab, bedenkt M. Diakonie nicht nur „im Horizont des Reiches Gottes
", sondern auch unter den Aspekten des Kreuzes und des Heiligen
Geistes. Die theologischen Erwägungen lühren zur praktischen Forderung
: „Es ist heute die wichtigste Aufgabe, die Gemeindediakonie
zu stärken und diakonische Gemeinden in der Gesellschaft aufzubauen
" (38). Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Behindertendia-
konie. über die M. am eingehendsten in dem Vortrag „Befreit euch -
Nehmt einander an" nachdachte. Der Vortrag „Medizin für die
Menschlichkeit des Menschen" plädiert für „ein umfassendes Verständnis
von der Gesundheit als sinnerfüllter Menschlichkeit".

Der selbst körperbehinderte, durch profilierte Beiträge zur Diakonik
bekannte diakonische Praktiker Ulrich Bach beschließt den Band
mit dem Beitrag „Der behinderte Mensch als Thema der Theologie".
Das Buch ist ein erfreulicher Beweis für die wachsende Einsicht, daß
Theologie und Diakonie einander brauchen.

E.W.

Turre. Reinhard: Es gibt immer eine sociale Frage. Gerhard Uhlhorn zur
Auseinandersetzung zwischen Christentum und Sozialismus. Hannover:
Lutherhaus Verlag 1985. 36 S. 8' = Vorlagen, 27. Kart. DM 6.-.

Ökumenik: Missionswissenschaft

Scherer, James A.: ... daß das Evangelium rechtschaffen durch die
Welt gepredigt werde. Mission und Evangelisation im 20. Jahrhundert
. Ein Beitrag aus lutherischer Sicht. Ins Deutsche übers, v.
J. Rothermundt. Stuttgart: Kreuz Verlag 1982. VIII. 277 S. 8- =
LWB-Report, 11/12.

Der amerikanische Missionswissenschaftler und langjährige Mitarbeiter
in der LWB-Kommission für kirchliche Zusammenarbeit Seh.
war vom Lutherischen Weltbund beauftragt worden, für die internationale
LWB-Konsultation über Mission und Evangelisation in Sta-
vanger (Norwegen) 1982 einen Überblick über die vielfältigen Regionalkonferenzen
des LWB zu diesen Fragen anzufertigen. Auch die
Tagungsergebnisse von Melbourne (ORK) und Pattaya (Lausanner
Ausschuß für Weltevangelisation) aus dem Jahre 1980 sollten mit in
die Studie einbezogen werden. Der Verfasser hat sich diesem Auftrag
in seiner Weise gestellt, wobei nun allerdings eine umfassende missionstheologische
und missionsgeschichtlichc Studie entstanden ist.
Sie setzt mit einer Darstellung des lutherischen Missionsgedankens in
der Geschichte, ausgehend von Luther selbst, ein, skizziert die aktuellen
Versuche im Rahmen des LWB, lutherische Identität heute zu
beschreiben, zeichnet dann eindrücklich die ökumenische Studienarbeit
zur Frage der Mission zwischen der Weltmissionskonferenz
in Whitby 1947 und der Vollversammlung des ORK in Nairobi
1975 und stellt schließlich die drei gegenwärtig wichtigsten Positionen
des ökumenischen Gesprächs über Mission und Evangelisation vor:
die des ÖRK, wie sie sich vor allem in Melbourne gezeigt hat. die des
evangelikalen Strangs missionarischen Denkens von Lausanne 1974
bis Pattaya 1980 und die missionstheologischen Ergebnisse innerhalb
der römisch-katholischen Kirche vom II. Vatikanum bis Puebla 1976.
Dabei tritt zu Tage, daß das Luthertum aus seiner Ursprungsperiode
ein „beträchtliches theologisches Missionspotential" mitbringt, das
aber geschichtlich nur zu „geringer tatsächlicher Missionspraxis" und
zu „enttäuschten Missionshoffnungen" führte, bis lutherischer Pietismus
und lutherische Erweckungsbewegungen späterer Jahre einen
neuen missionarischen Anfang machten, dabei aber teilweise den Sinn
dafür verloren, „daß die Mission Gottes eigenes Werk ist und auf die
Verwirklichung des Reiches Gottes zugeht" (167).

Nach diesem geschichtlichen Resümee wird deutlich, daß die lutherische
missionstheologische Position heute auf die vielfältigen ökumenischen
Anstöße unserer Tage angewiesen ist. Diese dokumentiert der
Verfasser sachkundig und möglichst objektiv, indem er die wichtigsten
Linien historisch und inhaltlich auszieht und aus der Fülle der
ökumenischen Dokumente die deutlichsten Zitate heraushebt. Wer
auf der Suche ist nach einem knapp und sachkundig informierenden
Überblick zum ökumenischen Gespräch über Mission und Evangelisation
bjs zum Beginn der achtziger Jahre, ist mit diesem Buch gut
beraten. Viele nicht leicht auffindbare Dokumente sind hier aufgearbeitet
. Die akademische Missionstheologie mit ihren verschiedenen
Schulen bleibt hier allerdings ganz außerhalb des Blickfeldes. Auch
seine eigene kritische Position hält der Vf. bewußt zurück. Vielmehr
bündelt er die Ergebnisse dieser missionstheologischen Dokumentation
in Form von fünfzehn Fragen, auf die eine überzeugende Missionstheologie
heute zu antworten hat. Auch wenn es inzwischen
einen gewissen Grundkonsens gibt in der Erkenntnis der trinitarischen
Basis von Mission, in ihrer Bestimmung als missio Dei und im Verständnis
der Kirche als wesentlich missionarisch, so wird dennoch auf
fundamentale Fragen unterschiedlich und noch nicht überzeugend
geantwortet, wie z. B. auf diese: „Wer ist Jesus Christus?", „Welches
Ziel hat die Mission Gottes?", „Was ist das Missionarische an der heutigen
Mission?", „In welchem Verhältnis stehen soziopolitische Verantwortung
und Evangelisation?", „Ist das Parteiergreifen für die
Armen eine modische Erscheinung oder ein verbindlicher Maßstab
für die Zukunft?" Es ist deutlich, daß Sch. mit seinen Fragen vor allem
an die künftige Studienarbeit des LWB denkt, die er zu deutlicheren
Antworten herausfordern will.