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Ausgabe:

1978

Spalte:

311-316

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Ökumenisch planen 1978

Rezensent:

Richter, Werner

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3] I

Theologisohe Literaturzeitung 103. Jahrgang 1978 Nr. 4

312

gen: Von Polarisation zum Dialog'' schließt die Stellungnahme
(Kap. VI). Die Verfasser vertreten die Ansicht, die
sachgerechteste und wünschenswerteste Antwort der
(Iroßkirchen dürfe nicht in Modellen wie „Toleranz bzw.
Koexistenz, Integration, Absorption oder Domestizierung
'1 bestehen, sondern müsse im Angebot einer „dialogischen
Pluralität" liegen. „Dies könnte dort geschehen,
wo man im Rahmen und in den Grenzen einer kirchliehen
Tradition einer legitimen Vielfalt theologischer Überzeugungen
und kirchlicher Lebensformen nicht nur Raum
gibt. sondern diese auch biblisch und theologisch begründet
und bejaht.11 (S.42) Wie weit sich diese theoretisch
probate Lösung in der Praxis allerdings durchführen läßt,
bleibt olfen. Hier sind Zweifel angebracht.

Balte (Saale) Bebaut Obst

Volp, Hainer, u. Horst Schwebel [Hrsg.]: Ökumenisch planen.

Dokumentation und Beiträge. Gütersloh: Gütersloher Verlags-
haus Gerd Mohn [1973]. 139 S., 9 Taf. 8° = Schriftenreihe des
Institutes für Kirchenbau u. kirchliehe Kunst der Gegenwart, 4.
Kart. DM 19,80.

Inder Schriftenreihe des Instituts für Kirchenbau und
kirchliche Kunst der Gegenwart erschien als Rand 4 die
Dokumentation über ökumenisches Planen, oder hier
schon angezeigt, über erste Schritte und Versuche dazu.
Die Beiträge der Herausgeber, sowohl katholische wie
evangelische Theologen, Juristen und eines Architekten
zeugen davon, wie mühevoll es ist, über dies Thema eine
eiste Berichterstattung zu wagen, denn bereits die angeführten
Beispiele bereits gebauter ökumenischer Zent reu
als ersten Teil der Veröffentlichung lassen bereits den gewaltigen
Komplex von Problemen, Fragen und bis jetzt
noch festgeschriebener Thesen ahnen. Die nächsten Teile :
Perspektiven der Planung ; Chancen der Ökumene, zeigen
in profilierten Aufsätzen sowohl Schnittpunkte gemeinsamen
Denkens als auch kontrovers sich gegenüberstehende
Theorien sowohl aus der konfessionellen wie aus
der spezifisch punktuellen Sicht des behandelten Themas.

Es scheint deshalb angeraten, bei der kritischen Durchsicht
dieser Dokumentation sich nicht an die Reihenfolge
der Aufsätze zu halten, sondern einzelne Sachgebiete in
ihrer verschiedenen Betrachtungsweise und daher ihrer
verschiedenen Interpretation zu untersuchen.

Eingeleitet wird das Gesamtthema durch die Darstellung
und Beschreibung bereits gebauter oder in der Entstehung
begriffener ökumenischer Zentren. Faßt man die
Beschreibungen zusammen - Beispiele aus England, den
Niederlanden, der Bundesrepublik und hier neben anderen
das Beispiel Marburg-Richtsberg -, so wird man feststellen
müssen, daß die ökumenische Planung keineswegs aus
einem allgemeinen ökumenischen Bewußtsein entsprang,
sondern daß häufig Situationen auf beiden Seiten, nämlich
der protestantischen und der kat holischen, zu einem Reifepunkt
gediehen waren, der die Inangriffnahme eines solchen
risikovollen Werkes ermöglichte. Parallelen untereinander
sind kaum zu ziehen, denn die kirchlichen Strukturen
und die kirchlichen Traditionen in den drei Beispielländern
sind zu unterschiedlich. Kann man von Gemeinsamkeiten
in der Berichterstattung reden, wird es sich nur
um England und die Bundesrepublik handeln können. In
den Niederlanden ist die Situation gemeinsamen Plauens
noch relativ neu, wie Hans. R. Blankestejn berichtet.
Wenn es auch zwischen der „Hervormde Kerk" und der
kleinen Abzweigung „Gereformeerde Kerken" erste gemeinsame
Bauprojekte gab - ökumenischen Nahverkehr
also -, so gab es allgemein „eine ökumenische Verbundenheit
zwischen den verschiedenen Konfessionsgruppen
ebensowenig wie sonst in der Welt". (S.21) Gemeinsame
Kirchenbauprojekte fänden kaum ein besonderes Interesse
, denn „Kirchbau gehört nicht mehr zu den aktuellen
Themen". (S.23)

Allen Berichten - Gilbert (Jope aus England, Blankestejn
aus den Niederlanden, Reinhard Brückner und Heinz
Gerlach aus der Bundesrepublik - kann man jedoch als
gemeinsames Fazit entnehmen, daß es an allen Objekten
möglich war, sich auf das Programm der Nebenräume in
allen möglichen Öffnungen und Abgrenzungen zu einigen,
der Gottesdienstraum jedoch war weder in seinem spezifischen
Charakter als auch in seiner Funktion nie oder ganz
selten gemeinsam einzuordnen. Auch die Gemeinsamkeit
der Nutzung ist in ihren Grenzen aufgezeigt: In Swifter-
band, im neuen Flevopolder (Niederlande), wurde als ein
frühes Beispiel evang.-kath. Nebeneinanders (1966-1970)
so risikolos gebaut, daß zwar Möglichkeiten der Integration
leicht gegeben sind, „aber man könnte auch eine
Mauer ziehen!'1. Dagegen zeigt das Raumprogramm von
St. Michael's in Hall Green, Birmingham, neben einem
Hauptraum für 250 Sitzplätze eine eigene Kapelle.

Es nimmt nicht wunder, daß der Raum für den Gottesdienst
der .neuralgische Punkt ökumenischen Plauens und
Bauens ist. Das Verständnis des Gottesdienstes, sein Inhalt
und sein Stellenwert aus theologischer und gemeindlicher
Sicht ist, wenn auch nicht total verunsichert, so
doch so umstritten und in der Diskussion begriffen, dafl
von ökumenischer Gemeinsamkeit noch lango nicht die
Bede sein kann. Es kann also kaum überraschen, daß der
Begriff des ökumenischen Gottesdienstes in dieser Dokumentation
kaum eine Holle spielt. Denn unmittelbar mit
dem gottesdienstlichen Geschehen ist die Liturgie zu sehen
. Und hier stehen sieb die Konfessionen noch in weiter
Entfernung gegenüber, wenn es um ökumenisches Bauen
geht.

Von der gemeindlichen Sicht her wird so leicht keine
Konfession ihren eigenen Gottesdienst mit seinen spezifischen
Merkmalen aufgeben. Es kommt zu zeit liehen Überschneidungen
in der räumlichen Nutzung. Die Gottesdienste
an kirchlichen Feiertagen, die von beiden Konfessionen
gefeiert werden, werfen jedoch nicht nur Zeitprobleme
auf. Es kamt komplizierter werden, wenn eine
Konfession einen hohen Feiertag begeht, der für die andere
Konfession eine möglicherweise überholte Form der
Herausforderung in sich birgt. Hans Graß sieht im Gegensatz
hierzu eine gewisse Verheißung, die er in seinem Aul-
satz: „ökumenisches Bauen-was denkt sich die Kirche?"
unter dem Abschnitt Chancen der Ökumene aufzeigen will-
Er hält nur von der Liturgie ein Zusammengehen für möglich
, weil er die Wege nicht so weit voneinander ent lernt
sieht und verweist auf das Beispiel modernen Kirchbaus-
Die Bestimmungen des Il.Vatikanum seien so großzügig,
daß sich von der Liturgie her kaum Hindernisse aufbauten
, gemeinsame Nutzungen des gottesdienstlichen Raumes
anzustreben. Er verweist dabei auf katholischer Seite
auf tiefe Wurzeln der Frömmigkeit, wie Marienverehjung
und Hostienkult, die wohl nicht aus der Kirche zu ent lernen
wären, wenn dort Protestanten ihren Gottesdienst
hielten. Allerdings sei der Verzieht der Katholiken nicht
geringer, wenn die Protestanten primär planen. Und hier
kommt Graß auf eine Tendenz, die in der Dokumentation
durchgängig spürbar ist, die katholische Seite hält fest am
Sakralraum, während die evangelische den Mehrzweckraum
bevorzugt. Diese Tendenz ist auch in der Planung
deutlich: die Protestanten beginnen mit dem Gemeindezentrum
und lassen die Kirche nachfolgen - oder nicht .
Die Katholiken fangen stets mit der Kirche an. Vom Gottesdienstverständnis
ist dies erklärlich, denn auf evangelischer
Seite wird bereits die Versammlung der Gemeinde
mit ihren Aktivitäten als Gottesdienst verstanden, was
dazu führt, daß dieser Raum auch geöffnet ist für viele
gemeindliche Zwecke bis hin zu Veranstaltungen „profanen
" Charakters. Die Entwicklung geht soweit, daß der
gottesdienstliche Raum nur noch zur Vorbereitung von
Aktionen dient, die im diakonischen oder gesellschaftlichen
Bereich liegen. Der logische Schluß bestünde dann
darin, daß zugunsten dieser Aktionen auf den Gottesdienst