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Ausgabe:

1971

Spalte:

316-317

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Ökumenisches Modell Holland 1971

Rezensent:

Althausen, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 96. Jahrgang 1971 Nr. 4

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schätzender Bedeutung und wäre würdig, Gegenstand einer
soziologischen Studie zu sein. Doch hätte das wahrscheinlich
den Rahmen der vorliegenden Arbeit gesprengt. Diese
Studie hat übrigens nach Form und Inhalt wenig oder
nichts mit dem „Gesamtthema": „Der Beitrag von Theologie
und Kirche zum Frieden", zu tun. Sie zeigt bestenfalls,
daß Theologie und Kirche sich neuen Fragestellungen, neuen
Betrachtungsweisen und nichtkirchlichen und nichttheologischen
Faktoren öffnen und stellen müssen, wenn sie ihr
Engagement für den Frieden seriös betreiben möchten.

Die beiden vorgelegten Bände erlauben noch keinen Gesamteindruck
von der in diesem Rahmen geplanten Arbeit,
der man ihrem Ansatz nach Erfolg zu wünschen geneigt
sein darf.

Handelt es sich bei den soeben besprochenen Bänden
und Darstellungen um Friedens forschung, so geht es
bei dem dritten Büchlein um Dokumentation eines Stückes
Friedens kämpf. Die Ansprachen, Referate und Diskussionsbeiträge
des X. Internationalen Kongresses der katholischen
Friedensbewegung Pax Christi, an der im November
1968 in Speyer über 400 Teilnehmer aus 20 Ländern
teilnahmen, werden hier nach redigierten und von den Referenten
autorisierten Tonbandnachschriften vorgelegt (7).
Ein Vorwort von Kardinal Döpfner und seine Begrüßungsansprache
auf dem Kongreß eröffnen den Band. Döpfner
erkennt an, „in welchem Maße . . . die große Politik . . .
an den Konsens breiter Bevölkerungsgruppen gebunden
ist" (9). Er stellt weiter fest, daß — „entgegen einer in der
Bundesrepublik weitverbreiteten Ansicht . . . die Rolle der
Vereinten Nationen" in allen Beiträgen positiv gewertet
wird. Er fordert deshalb zur Bewußtseinsbildung „öffentliche
Diskussion der großen Friedensfragen" (10). Allerdings
habe bisher „auch in der Kirche und in der öffentlichen
Meinung der Kirche (die Arbeit für den Frieden) noch immer
nicht den Stellenwert, der ihr gebührt" (12), habe auch
„Pax Christi innerhalb der katholischen Kirche nicht das
Gewicht, das ihr als offizieller kirchlicher Friedensbewegung
zukommt" (13). Der Kardinal wünscht dem Kongreß,
er möge ein weiterer Anstoß sein „zu künftiger konkreter
Friedensarbeit sowohl auf ökumenischer Basis als auch mit
allen anderen Institutionen und Gremien der Friedensforschung
, die zu solcher Zusammenarbeit bereit sind" (13).
Der Band ist ein Beispiel solcher Zusammenarbeit, erhalten
doch auch Nichtkatholiken (z. B. Paul Abrecht, Genf, bekannt
durch die Konferenz „Kirche und Gesellschaft"), ja
auch NichtChristen das Wort. Hier wäre auch zu erwähnen,
daß „auf die positiven Auswirkungen der Christlichen Friedenskonferenz
" hingewiesen und daß der „eigentlich auf
eine Zurückweisung hinauslaufende Standpunkt" der Pax
Christi gegenüber der Berliner Konferenz katholischer Christen
kritisiert wird (65). Kurze Eröffnungs- und Schlußansprachen
von Kardinal Alfrink umrahmen den eigentlichen
Kongreßbericht. Dazu gehören ein Referat von Robert Bosc,
Wissenschaftliche Theorie des Friedens und christliche Friedenstheologie
, drei Podiumsdiskussionen: 1. Europa im
Ost-West-Konflikt, Entspannungspolitik und Friedensregelungen
, 2. Europa im Nord-Süd-Konflikt, Das Verhältnis zu
den Ländern der Dritten Welt, 3. Erziehung zum Frieden.
Beigegeben ist dem Band die „Speyerer Erklärung des Internationalen
Rates der Pax-Christi-Bewegung" (152) und
die „Krefelder Erklärung der Jahresversammlung 1969 der
deutschen Pax-Christi-Sektion zum politischen Engagement"
(154). Ein nützliches Sachregister schließt das Bändchen ab.

Man legt diesen Kongreßbericht mit einer gewissen Genugtuung
aus der Hand. Bei manchen Divergenzen im einzelnen
zeigt sich doch, daß ernsthafte Bemühungen um den
Frieden, sei es von einer theoretisch-wissenschaftlichen Position
oder von einem theologischen Standpunkt aus, sei
es aus römisch-katholischer, protestantischer (ich darf nach
meiner persönlichen Kenntnis hinzufügen: oder orthodoxer
) Grundhaltung, sei es aus der Situation westlich-kapitalistischer
Länder oder sozialistischer Staaten (hier dürfte
man ebenfalls ergänzen: oder aus der Dritten Welt) zu
übereinstimmenden Ergebnissen kommen. Ich kann nur
wenige Sätze zitieren, die von allen verschiedenen Ausgangspunkten
zu akzeptieren wären: „Auf einem weniger
hohen Niveau bleibt die Theologie des Friedens häufig bei
abstrakten, mehr oder weniger nur moralisierenden Aussagen
über die menschliche Brüderlichkeit . . . stehen. Es
ist gerade diese oberflächliche, im Grunde inhaltslose Friedenstheologie
, die den politischen Wissenschaftler ärgert
oder ihn lächeln läßt" (Bosc, 20). „Der politische Wissenschaftler
kann ebenso Opfer von Illusionen werden wie der
Theologe: Er glaubt, er formuliere die Ergebnisse einer
wissenschaftlichen Untersuchung, und in Wirklichkeit verkündet
er Folgerungen, die von seinem ideologischen
Standpunkt diktiert oder seinen mehr oder weniger günstigen
Platz auf der sozialen Stufenleiter und im .Weltklassenkampf
' widerspiegeln" (Bosc, 21). Oder es wird gefordert
, „generell die Diskriminierung der sozialistischen
Ideologie . . . abzubauen" und „die diskriminatorische Politik
gegenüber der DDR . . . aufzugeben" (Czempiel, 41).
Selbst „Konvergenz" wird charakterisiert als „weder eine
notwendige noch ausreichende Bedingung für den Frieden"
(Galtung, 53).

Berlin Gerhard Bassarak

Strauß, Johannes: Ökumenisches Modell Holland. Mit Beiträgen
v. E. Kleine, W. L. Boelens, H. R. Blankesteijn u.
J. C. Hampe. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht [1969].
116 S. 8° = Forum, hrsg. v. P. Rieger, in Zusammenarb.
m. H.-G. Jung, R. Krapp, J. Ziegenrücker, 13. DM 7.80.
Vier erweiterte und für den Druck aufgearbeitete Referate
einer Tagung der Ev. Akademie Tutzing berichten
über die katholisch-protestantischen Entwicklungen der 60er
Jahre in Holland. Die Verfasser sind tief engagiert. Darum
können sie genau und überzeugend informieren. Mit der
Beschreibung werden aber auch Analysen gegeben. Das
macht das Büchlein besonders wertvoll. In einem abschliessenden
Artikel reflektiert Hampe die Bedeutung der jüngsten
ökumenischen Experimente in Holland. Er hat ein abgewogenes
, aber auch äußerst engagiertes Urteil und kommt
zu dem Schluß, Holland ist ein nicht ohne weiteres kopierbares
, aber dringend herausforderndes Modell gerade für
die Kirchen in Mitteleuropa.

Vielleicht darf man noch mehr sagen: Vom „ökumenischen
Modell" zu reden ist besonders auch im Blick darauf
gerechtfertigt, daß die holländischen Kirchen Erfahrungen
und Erkenntnisse verwirklichen, die als Wesenselemente
ökumenischen Denkens und Handelns anzusehen sind. Z. B.
„Die Konversion zur Welt und das weltliche Engagement
kann uns zum kirchlichen Bewußtsein und zur Katholizität
führen" (34). Das ist spätestens seit 1966 eine Grunderkenntnis
der ökumenischen Bewegung überhaupt. Aus ihr
folgt, was in Holland heute selbstverständlich, sonst aber
noch wenig bestimmend ist: „Was die getrennten Kirchen
der Welt gegenüber in Zukunft nicht gemeinsam tun, ist
überhaupt nicht getan" (93). Man ist sich bewußt, daß man
ein Abenteuer begonnen hat. Der holländische Ökumenismus
ist „genährt von den nüchternen Tatsachen — nicht allererst
ein Sehnen nach der Einheit der Kirche, sondern
ein Wissen um .eine Verwandtschaft, die einfach feststellbar
und zwingender als die Zugehörigkeit zur eigenen Kirche
ist." (45f) Vom Abenteuer sprach Hendrik Kraemer bereits
1951. Dabei ist die Erneuerung der Kirche vordringliches
Ziel (vgl. 52ff). So findet man Einheit. Von hier aus gesehen,
sind die Entwicklungen in Holland eine konsequente Weiterführung
dessen, was schon in den 40er Jahren im gleichen
Lande begonnen hat. Darum kann man nun auch den
Fragen der Interkommunion nicht ausweichen. Die „offene
Kommunion" ist üblich geworden. Ähnliche weitgehende