Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1965

Spalte:

861-864

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Lueking, Frederick D.

Titel/Untertitel:

Mission in the making 1965

Rezensent:

Lehmann, Arno

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

861

Theologische Literaturzeitung 90. Jahrgang 1965 Nr. 11

862

MISSIONSWISSENSCHAFT UND OEKUMENE

Lueking, F. Dean: Mission in the Making. The Missionary Enterprise
Among Missouri Synod Lutherans 1846—1963. St. Louis:
Concordia Publishing House [1964]. VII, 354 S. gr. 8°. Lw. $ 7.50.

D a n k e r, William J.: Two Worlds or None. Rediscovering Missions.
St. Louis: Concordia Publishing House [1964]. XIV, 311 S. 8°.
Lw. $ 4.50.

Auch wer „die Missourier" zu kennen meint, erlebt in diesen
zwei Büchern einige Überraschungen. Die Klischeevorstellung
stimmt nicht. Es ist beachtlich, daß es gerade die weltweite
Mission mit ihrer harten Problematik ist, die einen wesentlichen
Anstoß zu einer Überprüfung früherer theologisch-praktischer
Positionen, die heute als Isolationalismus und Separarismus gekennzeichnet
werden, gegeben hat.

F. D. Lueking, Dr. phil. (Chicago) und Pastor in River
Forest/Illinois, schrieb aus den Quellen die Geschichte des Missionserwachens
in der Missouri-Synode und bietet damit einen Einblick
in das kirchliche Leben und theologische Denken und damit
einen wichtigen Beitrag zu dem aktuellen Kapitel Mission und
Kirche. Er findet keinen Anlaß zu Selbstzufriedenheit, wohl aber
zur Buße (S. 3). Das Besondere aber ist, daß diese Kirche nicht
nur eine Mission „hat", sondern „ist" (S. 84, 86, 308/9), und
dies auch, als die Synode noch klein war.

Zu einer Missionsaktivität ist es trotz bester theologischer
Ansätze und guter Gelegenheiten erst relativ spät und mühsam
gekommen, was auch an dem Mangel an Mitteln (auch dort gab
es Defizits) und dienstwilligen Menschen erkennbar ist. Ein wirklicher
Einsatz ist erst seit dem Ende des 1. Weltkrieges zu verzeichnen
.

Die große und theologisch so interessante These des Autors
ist die Auflockerung und schrittweise Ablösung des „scholastic
confessionalism" durch den „evangelical confessionalism". Das
ganze Buch ist eine Illustration dieses Themas. Zuerst wird das
Dauerthema erkennbar in der Arbeit unter Indianern, wobei auch
die Namen von Wyneken und Löhe erscheinen, und man liest
von dem mehr als nur gespannten Verhältnis der Missourier und
der Methodisten. Wichtiger als die Indianer oder Neger erschienen
sehr bald die einwandernden Deutschen. Trotz einer
weiten missionarischen Lethargie kam es doch zu einer Neger-
Mission. Von besserndem Einfluß war die literarische Arbeit,
welche den Blick in die Weite und auf den Einsatz anderer
Kirchen führte. Es kam zu einer Arbeit unter den Juden
(13 Jahre, 37 Taufen). Nach 1890 florierte eine „Innere Mission
im Ausland", aber immer ging es dabei um die Gewinnung und
Pflege der Deutschen („work of preservation", „ministering to
the orthodox diaspora").

Die entscheidende Horizonterweiterung wurde von außen
her ausgelöst, sie kam nicht aus der Kirche selbst. Man wurde
auf Indien hingelenkt durch eine Absplitterung von der Leipziger
Mission, wobei es um zwei durchaus „debatable" Lehrpunkte
ging und in deren Verlauf auch „unethical manner" zu beklagen
war (S. 205, 204). Wie auch sonst, so fällt auch hier manches
kritische Wort, auch hinsichtlich der Frisierkünste in der heimatlichen
Berichterstattung. Der Eintritt in die indische Arbeit
brachte den Anschluß an die bis dahin nicht beachteten Arbeitsmethoden
der missionierenden Kirchen. Die Wende ging bis in
den Vokabelgebrauch, und die bisher allein gültige scholastischkonfessionelle
Sicht erfuhr eine Entschärfung: das geschah, als
die Missionare mit anderen Christen in Berührung kamen (S. 226).
Die Arbeit selbst erforderte eine Konzentration auf die fundamentalen
Schriftwahrheiten, wie es sich besonders in der „Heidenpredigt
" zeigte, wofür das Buch Proben bringt. Mehrfach weist
der Verf. auf die Ironie auch in der Kirchengeschichte hin. Ein
Beispiel: es zeigte sich „the ironic truth", daß unter den orthodoxen
slogans eine Auffassung und Praxis zutage trat und sich
Geltung verschaffte, die nicht von der verschieden war, die man
anfangs verworfen hatte (S. 227). Dasselbe zeigte sich bald auch
in China (S. 248/9, 256 fl.), wenn auch die „scholastic con-
fessional emphasis" noch wirksam und das „American pattern"
im Geiste Walthers noch nicht abgetan war.

Eine neue Ära für die geographische Ausweitung und innere
Ausrichtung begann nach 1945. Von 1947—1950 kamen zu den
drei Arbeitsgebieten sieben weitere hinzu. Deutschen Lesern muß
es geradezu imposant erscheinen, daß 1960 in elf Ländern
147 Missionskräfte stehen konnten und daß die von Laien getragene
und kostspielige „Lutheran Hour" eine so große Arbeit
tun kann. 1962 kam das Budget auf 3 127 800 Dollar. Die neue
Ära zeigte sich vor allem darin, daß es als eine lange Zeit unbeachtet
gebliebene Wahrheit erkannt wurde, daß Mission und
christliche Einheit untrennbar sind und daß eine „right
relationship" mit der größeren Gemeinschaft der „heiligen
christlichen Kirche", die man bekennt, zu finden sei, weil sonst
die missionarische Sicht und Praxis verkürzt und isoliert werde.
Nach 120 Jahren erscheint es als von vitalem Interesse, aus der
Vergangenheit zu lernen und das Gelernte auf die Arbeit von
morgen anzuwenden (S. 310).

Man muß dem Autor, dem Verlag und dieser Kirche zu dem
Mut zur Selbstkritik gratulieren, die sich mit konfessioneller
Treue sehr wohl verbinden läßt. Christen sind es gerade, welche
die Wahrheit über sich selbst und ihre Väter ertragen können
(S. 3).

Wie in der Missionsarbeit, so hat diese Kirche einen beachtlichen
Vorsprung vor anderen luth. Kirchen gerade durch die
offene und saubere Darlegung ihrer inneren Entwicklung.

Bei der Lektüre fielen nur zwei Druckfehler auf: S. 117 (hindrance)
und S. 140 (pulpit). Auch zu Naethers Zeiten war Bautzen schon eine
Stadt und kein village (S. 205). Das S. 72 erwähnte Seminar dürfte
das in Tranquebar (nicht Trichinopoly) gelegene sein.

Äußerst bedauerlich ist, und das gilt auch für Dankers Buch, das Fehlen
eines Index, dessen eigene Erstellung beim Lesen sehr hinderlich ist.
Wie gut wäre es für eine weiterwirkende Auswertung so guter Bücher,
wenn der Leser alle Angaben beisammen hätte, so z. B. ad Motive,
Kirche und Mission, Geld, Leipziger Mission (die über 30 mal genannt
wird) etc.

In anderer Weise ist W. D a n k e r s Buch gleich wertvoll.
Es bietet den Ertrag, von Feldspezialisten nachgeprüft, einer
längeren Studienreise (Indien, Neu-Guinea, Philippinen, Hong
Kong, Taiwan, Japan, Korea), von welcher der Autor in mancher
Hinsicht mit mehr Fragen als Antworten heimkehrte. Aber es
entstand kein Reisebuch der üblichen Art, sondern ein theologisches
Buch des Missionsprofessors und Fachmannes, mit Anspruch
auf Beachtung. Daß es, wie das von Lueking, den verläßlichen
Inhalt in einer auch für die sogen. Laien lesbaren Form
darbietet, scheint mir überhaupt und gerade heute vorbildlich zu
sein, da man weiß, daß die Reformationskirchen die missionarische
Aufgabe „shamefully neglected" haben (S. 27) und es an
der Zeit ist, allen Christen das Teilhaben an Erkenntnissen zu
ermöglichen.

Die Fülle von Beobachtungen erfreulicher und kritischer Art
ist in wenigen Zeilen nicht wiederzugeben: die Lektüre des
Ganzen bringt den Gewinn. Der Hinweis auf einige Grundzüge
möge den Wert des Werkes erkennen lassen. Da ist zunächst zu
sagen, daß Dankers Buch geradezu eine Fortsetzung des Lueking-
buches ist, und zwar aus weiter Schau und aus der Gegenwart.
Danker bestätigt Luekings Grundthese von der Notwendigkeit
der Hinwendung zum „evangelical confessionalism". Das alte
Missouri-Klischee reicht wirklich nicht mehr aus. Danker spricht
von einem „open confessionalism" und einem „affirmative
ecumenical confessionalism", den bereits am Werke zu sehen
ihm eine Ermunterung war. Der Große Auftrag ruft die Christen
nicht auf, „miniature repiclas" der Missouri-Synode in aller Welt
zu errichten (S. 280). Es geht um mehr, grundsätzlich und heute:
um den „one body of Christ" und nicht um „private denomi-
national empire building" (S. 218). Für „ecclesialistical colo-
nialism" gibt es weder Raum noch Entschuldigung (S. 151). An
mehr als 30 Stellen (die leider kein Index nennt) werden die
heutige Notwendigkeit und der Wille zur Kooperation betont,
und zwar incl. auch Kooperation an Theologischen Seminaren,
statt mehr kleine und weniger leistungsfähige und auch zu teure
eigene Anstalten aufzutun. In dem Kapitel „Wettlauf mit der
Zeit" liest man, was nur wenige wissen: Daß man, zusammen
mit der befreundeten australischen Kirche, das Gespräch sucht