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Ausgabe:

1950 Nr. 3

Spalte:

166

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Melzer, Friso

Titel/Untertitel:

Theologische Begegnung mit Indien 1950

Rezensent:

Schlunk, Martin

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Seite 1

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165

Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 3

166

Raum der evangelischen Kirche um die Gestaltung einer deutschen Oregorianik
bemüht sind. — Im dritten Hauptteil wird von der Predigt gehandelt. Hier
wird als Ziel die „Predigt als freie Rede" aufgestellt und ein systematisch ausgebauter
Weg ausführlich beschrieben, auf dem das Ziel erreicht werden kann.
Ausgegangen wird dabei von der Erkenntnis, daß eine vorher wortwörtlich
aufgeschriebene Rede mehr oder weniger Papier bleibt, daß echte Ausdrucksgestaltung
nur möglich ist in der augenblicklichen Neuprägung des sprachlichen
Ausdrucks beim Oegenübergestelltsein von Redner und Hörer. Diese Gedanken
können für eine Neubesinnung auf die rechte Sprachgestalt der Predigt
sehr fruchtbar werden, auch dann, wenn man ihnen nicht völlig zustimmen
sollte.

Ein nachdenklicher Gedanke mag auch noch angefügt
sein, ohne die Verdienste dieses sehr reichen und sehr anregenden
Buches einzuschränken. Es wird in ihm zwar des
öfteren herausgestellt, daß der echte Ausdruck der Stimme
aus seelisch geistigen Tiefen kommt, daß die Stimme aus der
Totalität des menschlichen Seins sich formt, daß also echte
Stimmerziehung Menschenerziehung ist. Aber diese Zusammenhänge
hätten mit viel größerem Nachdruck, am besten in
einer besonderen Darstellung, gegeben werden sollen. Der
Leser hat jetzt leicht den Eindruck einer Überbetonung der
technischen Seite der Stimmerziehung. Auf keinen Fall denken
wir gering von der technischen Übung, aber es scheint, als habe
unsere Zeit nötig, bei aller Gestaltung durch die leiblichen
Organe, den geistigen Ansatzpunkt zu begreifen, also von
innen her, nicht so sehr von außen her an die Dinge heranzugehen
. So ist Atmen z. B. nicht nur eine Technik, sondern
ein Vorgang, der bei rechter Erziehung bis in die Tiefen unseres
Menschseins wirkt. So setzt rechte Sprachgestaltung ein
neues Begegnen nicht nur mit dem geistigen Gehalt, sondern
auch mit der Lautgestalt der Sprache voraus. Das ist
ohne Erziehung zum Hören, dieses aber ohne Ausgangspunkt
von der konzentrierten inneren Stille her unmöglich. Vielleicht
sind diese Dinge für einen katholischen Priester Selbstverständlichkeiten
, nicht aber für viele andere Menschen,
deren Erziehung gerade an diesen Punkten einsetzen müßte.
Dann werden die technischen Übungen erst die rechte Voraussetzung
haben.

Ilsenburg/Harz Alfred Stier

MISSIONS WISS ENSCHA FT

Jahrbuch für Mission 1947/48. 45. Bd. Für die Bayerische Missionskonferenz
hrsg. v. Friedrich Wilhelm Hopf. Rothenburg ob d. T.: J. P. Petersche
Buchdruckerei [1947]. 176 S. kl. 8° = Jahresgabe der Bayer. Missionskonferenz
an ihre Mitglieder. DM2.—; für Nichtmitglieder DM3.—.

Der Inhalt dieses ersten deutschen Missionsjahrbuches,
das nach dem Krieg wieder erscheinen konnte, hält sich in
seiner Reichhaltigkeit durchaus auf der Höhe der früheren
Jahre. Naturgemäß nehmen die Lageberichte einen großen
Raum ein. Der Überblick über die kirchliche Weltlage von
W. Freytag ist bereits 1946 geschrieben und daher in den
Einzelangaben teilweise überholt, zeichnet aber in bleibend
gültiger Weise die Grundlinien der Neubesiunuug der Kirche
nach dem Krieg. C. Ihmels und W. Schilberg, der Leipziger
bzw. Neuendettelsauer Missionsdirektor, berichten über die
Lage ihrer Gesellschaften, O. von Harling und K. H. Reng-
storf über Geschichte und Neuansatz der deutschen Judenmission
. Der Herausgeber ergänzt diese Einzelbilder durch
Ausschnitte aus den Berichten anderer Missionsgesellschaften,
so daß dem Leser gutes Rüstzeug für eine Bestandsaufnahme
der deutschen Missionsarbeit nach dem Krieg an die Hand gegeben
ist.

Einblicke in die Arbeit auf dem Missionsfeld geben Beiträge
von B. Gut mann (über „Erntenot und Erntefreude am
Kilimandscharo", mit wertvollem Material über Erntebräuche

der Dschagga), G. F. Vicedom, der den Leidensweg einer
Papuagemeinde während des Krieges schildert, und Th. Mey-
ner, der ein Lebensbild des trefflichen Leipziger Indien-Missionars
Wannske zeichnet. G. Olpp läßt den Leser an missionsärztlichen
Erlebnissen aus den beiden letzten Kriegen teilnehmen
. Von dem 1942 verstorbenen Neuguinea-Missionar
J. Herrlinger ist ein bedeutsamer Beitrag über das „Gemeindegewissen
auf Neuguinea" aufgenommen, der Aufschluß
darüber gibt, wie die Neuendettelsauer Missionsarbeit unter
den Papua an das vorhandene Sippen- und Stammesbewußtsein
anknüpfte und wie das „Gemeindegewissen", d. h. das in
seiner ganzen Orientierung und „Gangrichtung" erneuerte
natürliche Gemeinschaftsgewissen, ganz von selbst die auf der
Seite des Menschen entscheidende Instanz sowohl in der ersten
Begegnung mit dem Evangelium als auch im Gemeindeaufbau
wurde und blieb.

Zwei grundsätzliche Aufsätze verdienen besondere Hervorhebung
:

H. Sasse stellt in seinem Beitrag über „Die Frage der
Einheit der Kirche auf dem Missionsfeld" der Not der konfessionellen
Spaltung, die in der Mission so stark fühlbar wird,
den Glauben an die Una Sancta entgegen, die „trotz des Unheils
der Spaltung da ist". Zugleich ist aber mit der Frage der
Einheit auch immer die Frage der Wahrheit gestellt, denn
nicht alle Spaltungen der Christenheit sind als lieblose Rechthaberei
abzutun. Daher müssen auch die jungen Kirchen
lernen, „daß der Kampf um die eine Kirche der Kampf um
die wahre Kirche ist" (S. 43). — W. Trillhaas endlich tritt
in einem Aufsatz über die heimatliche Missionspredigt dafür
ein, daß diese, abseits aller verkrampften Apologetik und alles
gut gemeinten Pragmatismus, nichts anderes sein darf als
Predigt des unverkürzten Evangeliums; denn die Sache der
Mission „ist einfach die Sache des Evangeliums in der Weite
der Welt" (S. 19). Die Predigt von Chr. Stoll, die den Band
einleitet, gibt dafür ein schönes Beispiel.

Hamburg H.-W. Gensichen

Melzer, Friso: Theologische Begegnung mit Indien. 2. Aufl. Gütersloh
: Bertelsmann 1949. 52 S. kl. 8° (1. Aufl. = ökumenische Erfahrungen
H. 2). Kart. DM2.40.

Aus fünfjähriger Erfahrung der Missionsarbeit in Indien
leitet der Verf., der sich in der deutschen Sprachwissenschaft
und in der Theologie als Fachmann fühlen darf, die Forderung
ab, die evangelische Theologie müsse in der Begegnung mit
der indischen Religionswelt in wesentlichen Stücken umlernen
. Man wird ihm zu gut halten, wenn er sowohl in der
rückschauenden Kritik wie in seinen Zukunftsplänen die Farben
reichlich stark aufträgt. Dadurch werden seine Anliegen
nicht entwertet. In allen liegt Wahrheitserkenntnis, die Beachtung
erfordert. So sollten die bereits in zweiter Auflage gedruckten
, an Prälat Hartenstein gerichteten Briefe von unsern
Theologen aufmerksam gelesen werden. Es wäre für Verkündigung
, Gottesdienstgestaltung, christliches Leben und eine
künftige missionarische Theologie wertvoll, wenn das Gespräch
mit dem Verf. aufgenommen würde. Ist Theologie „Christuswissenschaft
" ? Ist Meditation oder, wie Melzer sagt, „Inne-
rung" nach indischer, mystischer und echt christlicher Erfahrung
dasselbe ? Sind die Avataren mit der Fleischwerdung
des Logos in Parallele zu bringen ? Sind diese und andere
Fragen, wie etwa die über das Gebet im theologischen Arbeiten
Deutschlands wirklich auf Grund genauer Sachkenntnis
bis in ihre letzten Tiefen durchdacht ? Bedarf nicht alles
der Bekehrung, der Mensch, sein Denken, seine Sprache, sowohl
in Indien wie immer wieder in Deutschland, um den Vollgehalt
des Evangeliums genau wiederzugeben ? Man prüfe und
suche sich selbst die Antwort.

Tübingen M. Schlunk

BERICHTE UND

Das Heilige Jahr 1950

i.

In der,,Commedia" (Paradiso XXV,52ff.) läßt sich Dante durch Beatrice
das Zeugnis geben, daß die kämpfende Kirche keinen Sohn habe, dem die Hoffnung
so viel bedeute, wie es bei Dante der Fall ist. Gewöhnlich werden diese
Worte so gedeutet, als ob die kämpfende Kirche keinen Sohn habe, auf den
sie größere Hoffnung setzen könne. Aber dies Selbstlob des Dichters würde
auch dadurch nicht entschuldigt werden, daß Dante es in den Mund Beatrices
verlegt. Man darf nicht übersehen, daß Beatrice jene Worte zu dem Apostel
der Hoffnung, dem Apostel Jakobus, spricht. Jakobus ist der Apostel der

MITTEILUNGEN

Pilger, um dessen willen die Pilger nach Compostella in Spanien wanderten.
Dort sollte nach einer — allerdings noch auf dem 4. Laterankonzil (1215) angefochtenen
— Legende das Grab des Jakobus sein. So weist denn auch Beatrice
zur Begründung des Lobes, das sie Dante erteilt, darauf hin, daß es ihm
durch Gott vergönnt sei, eine unvergleichlich erhabenere Pilgerfahrt — von
Ägypten, d. h. aus der sündigen Welt, nach Jerusalem, d. h. zur Schau Gottes
— zu machen. Daß damit die Reise gemeint ist, die Dante in der,,Commedia"
schildert — seine Reise durch Hülle und Fegefeuer zum Paradlese —, ist eindeutig
.

Vergegenwärtigt man sich nun, daß Dante im ersten Verse der ,,Com-
medla" seine Pilgerfahrt in sein 35. Jahr verlegt, d. h. in das Jahr 1300,d.h.

i