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Ausgabe:

1949 Nr. 10

Spalte:

624-626

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Campbell, John Macleod

Titel/Untertitel:

Christian history in the making 1949

Rezensent:

Rosenkranz, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1949 Nr. 10

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ob seine Gegenwart uns erquickt oder ob er uns im Dunkel läßt" (S. 22).
Diese Liebe des Christen ist geduldig, die, welche ein Stück Welt an die Stelle
Gottes setzt, ist ungeduldig. Hier unterscheidet sich wahre von der falschen
Liebe, die Begehrlichkeit ist. Der Mensch soll Gott lieben, sonst nichts. Alles
andere ist nicht Liebe, sondern Begehrlichkeit. Dies gilt auch vom scheinbar
rein geistigen Streben, das nicht von der Gottesliebe getragen ist. Dieses
Streben des Geistes verbirgt nur, so meint Mauriac, eine sinnliche Begierde.
„Beweise mir, sagt das Fleisch zum Geiste, daß es sich hier um eitle Traumbilder
handelt, damit ich meiner Lust folgen kann, ohne diese Angst, jemanden
zu beleidigen, ohne diese Furcht, die Leiden eines Gottes noch zu vermehren"
(S. 26). Der raffinierteste Selbstbetrug ist die Lust am Leid, die das Leid des
Sinnenmenschen nicht als Gottes Gericht erkennen will. „Es klingt unglaublich
, ist aber doch wahr: auch die Lust am Leid ist eine sinnliche Begierde"
(S. 34). Diese Begehrlichkeit kann nur enden durch den Tod des Menschen
oder durch die Gnade Gottes, die ihn nicht nur seine falsche Liebe erkennen,
sondern sie auch aufgeben läßt. Dies vollzieht sich auf dem Wege der Bekehrung
. Nach diesen Ausführungen über das Leid des Sünders spricht Mauriac
vom Glück des Christen. Es besteht für ihn darin, daß der Mensch nicht etwa
die Aussagen über das ewige Leben untersucht und seine Deutung hineinliest,
sondern daß er sein befristetes Leben danach formt. Dies führt zur Heiligung
auch des Leibes. Der Mensch von heute aber ist in der Gefahr, Gott zu verdrängen
; er ist sich seiner Gottbezogenheit nicht mehr bewußt. Dies zeigt sich
auch darin, daß er Christus immer mehr beiseite schiebt, daß er ihn z. B. für
eine mythische Gestalt erklärt. Das aber ist das Glück des Christen, daß er in
der lebendigen Begegnung mit Christus dessen Lebensvollmacht, die sich auf
das gesamte Sein erstreckt, in sich aufnimmt. Das Leben aus der Gnade bedeutet
die Überwindung aller Gleichgültigkeit gegen Mensch und Welt, bedeutet
die Erfüllung der Beziehung zum Nächsten durch echte Liebe. Im Leib
des Christen erlebt er den unendlichen Abstand zwischen sich und dem Herrn,
im Glück des Christen die Gnade, daß dieser Abstand überbrückt wird: „Möge
dich dieser Abstand zwischen dir und Ihm nicht zur Verzweiflung treiben: er
geht seinen Weg zu Ende. Er spendet nicht nur Gnade und Erleuchtung, er
selber kommt in diese elende Behausung deines Fleisches und Blutes und setzt
sich zu dir an den unsauberen Tisch" (S. 67). Dadurch wird eine Harmonie
zwischen Liebe und Freiheit geschaffen. Der Christ ist ganz frei, er bringt
Ordnung in die Welt; aber er ist frei in der Liebe und durch die Liebe. Er
darf sich nie gehen lassen; aber er verliert in dieser inneren Zucht nicht jene
Ursprünglichkeit, die ihn als Menschen lebendig erhält und ihm erst den Weg
zum Herzen des Nächsten öffnet. „Christus hat nicht nur den Tod besiegt,
sondern auch die Einsamkeit des Menschen überwunden" (S. 90).

Dieses kleine Buch Mauriacs stellt eine außerordentlich
geschickte psychologische Stvidie vom Standpunkt eines
katholischen Christen dar. Es ist das Erfreuliche an dieser
kleinen Schrift, mit welcher Sicherheit sie in die Tiefen des
menschlichen Seelenlebens hineinleuchtet. In der meisterhaft
klaren Formulierung des Franzosen gelingt es Mauriac, diese
Sichten überzeugend zu gestalten. Darin liegt zweifellos der
Wert dieses Buches. Es ist eine Hilfe für jeden, der in der
Arbeit der Seelsorge steht dadurch, daß es ihn neue Blicke
für die Haltung des Menschen gewinnen läßt. Mauriac steht
der Haltung der neukatholischen Mystik nahe, es tauchen Gedankengänge
auf, die wir bei Juan de la Cruz finden können,
bei Michael de Molinos, bei Frau de Chantal und Frau de la
Mothe-Guyon, auch bei Pascal, den er gern nennt, und bei
F^nelon. Das Buch möchte wohl auch als Zeugnis und seelsorgerliche
Hilfe verstanden sein. Man könnte theologisch
manches in ihm vermissen. Der Gedanke des Gerichts im Leid
darf doch nicht so ganz beiseite gelassen werden; desgleichen
wäre zu fragen, inwieweit das Leid der Läuterung dient, inwieweit
wir durch das Leid unterscheiden lernen zwischen zeitlichen
und ewigen Werten; man hätte sprechen können von
der Bewährung des Christen im Leid. Desgleichen wäre noch
manches zu sagen gewesen von dem Glück des Menschen; man
hätte sprechen können von der Freude der schöpferischen Arbeit
, von dem Glück geoffenbarter Erkenntnis. Doch dies
würde vielleicht den Rahmen solch einer kleinen Schrift überschreiten
und würde den Charakter dieses Büchleins entscheidend
verändern. Es will wohl kein Lehrbuch sein, kein
Traktat, sondern ein Zeugnis von erlebtem Christenleid und
■glück und als solches hat es ohne Zweifel seinen Wert.

Leipzig Hans Köhler

Lieb man, Joshua Loth (Herausgeber): Psychlatry and Religion. Boston:
The Beacon Press 1948. XIX, 202 S. 5 3.—.

Der Gegenstand des Titels ist nicht im Sinne einer funktionellen
Durchdringung und Begrenzung der beiden Gebiete,
Psychotherapie und Religion, gemeint, wie der deutsche Leser
zunächst annehmen würde. Ins Auge gefaßt war von dem Herausgeber
bzw. dem Veranstalter der Konferenz, deren Aussprachen
in dem Buche wiedergegeben sind, lediglich die
äußerliche Möglichkeit, daß Vertreter der Religion und solche
der Psychotherapie auf derselben Plattform zum Worte kommen
. Daher sprechen vor allem die Heilwissenschaftler von

ihren Erfahrungen mit Neurotikern ohne Bezugnahme auf
Religion, während die drei praktischen Theologen (jüdisch,
katholisch, protestantisch) gelegentlich die Verbindung zur
Neuropathologie herzustellen suchen. Man ist sich wohl bewußt
, daß eine feste Grenzlinie nicht zu ziehen ist und die
pastorale und psychiatrische Funktion einander bei der Behandlung
seelischer Konflikte ergänzen müssen.

Im einzelnen möge erwähnt werden, daß z. B. Harry Solomon
bei seiner Beschreibung des Weges erfolgreicher Psychotherapie
nicht an eine Beziehung zur Religion denkt, während
doch zahlreiche Fälle der Neurose nach religiöser Aufhellung
schreien. Selbst der vorzügliche Beitrag George Gardners über
die Gefühlsnöte des Kindes, der auf die verschiedenen Kampfeinstellungen
jugendlicher Perioden eingeht, weist für die
Lösung des Sicherungsproblems der Religion keine Stelle zu.
Auch Lydia Dawes findet in ihrer Erörterung der Reifejahr-
zehnte keine Gelegenheit, die Religion zu berühren. Wenn sie
sagt, daß „der Jugendliche die vollkommene Selbstbestimmung
über sein eigenes Instinktleben haben muß", so wird
dabei mit keinem Wort dessen gedacht, welche bedeutsame
Rolle die Religion dabei spielen sollte. Das Problem des jugendlichen
Schuldgefühls wird von Paul Johnson besonders behandelt
. Nach der Besprechung von Gram und Kummer
seitens Henry Brewster's setzte eine recht interessante Diskussion
mit dem Herausgeber über die psychosomatischen
Symptome des Kummers ein. Man wird tiefer in das Wesen
derartiger Fragen dringen, sobald einmal die beklagenswerte
Scheu vor öffentlicher Erörterung der religiösen Grundprobleme
im Rahmen einer nicht kirchlich abgestimmten Gesellschaft
geschwunden sein wird.

Chicago Karl Beth

MISSIONS WISS EN SC HA FT

Seumois, Andreas, p. Dr., OMI., Univ.-Prof.: Auf dem Wege zu einer
Definition der Missionstätigkeit. Übers, von Joseph Peters. Hrsg. vom
Gen -Sekretariat d. Priester-Missionsbundes in Aachen. M.-Gladbach: B.
Kühlen 1948. 64 S. 8°. DM2.10.

Als Joseph Schmidlin 1917 seine Missionslehre veröffentlichte
, überraschte er durch seine starke Abhängigkeit von
Gustav Warneck, die sich sogar so weit erstreckte, daß er die
Verkündigung des Evangeliums unter Häretikern und Schismatikern
entgegen dem genuin katholischen Denken nicht
Mission nennen, sondern diesen Begriff auf die Verkündigung
unter Nichtchristen beschränkt wissen wollte. Es war zu erwarten
, daß hier der Widerspruch und die theologische Diskussion
einsetzen würde. Das Ergebnis dieser Gedankenarbeit
nach 30 Jahren zusammenzufassen, ist der Zweck des Heftchens
. Nach genauer Registrierung der wichtigsten, seitdem
in der katholischen Theologie für die Mission aufgestellten
Definitionen, und unter Beachtung des logischen Schemas, das
für katholische Theologie typisch ist, kommt der Verf. unter
Berücksichtigung des Dogmas und des nicht minder wich! ig/'11
Kirchenrcchts zu folgender Begriffsbestimmung: Die Mission
„ist jener Teil des kirchlichen Dienstes, der das Apostolat de*
Einpflanzung der katholischen Kirche in den Gegenden betrifft
, wo sie noch nicht dauerhaft eingerichtet ist. Ihr Z'el
ist auf die Bekehrung der Seelen und deren normale Rechtfertigung
gerichtet. Diese Tätigkeit findet ihre Rechtfertig^^
im göttlichen und kirchlichen Recht, aber auch in der Natu/
der Kirche selbst und noch direkter in der räumlichen Katholi'
zität, die ihrerseits gegründet ist auf die Katholizität der Per'
sonen und auf die Universalität der Erlösung".

Ob diese Begriffsbestimmung die katholische Theologie
befriedigt, sei ihr überlassen zu entscheiden.

Tübingen m. Schlunk

Campbell, j.McLeod.: Christian History in the Making. mtroduet»*

by the Archbishop of York. London: The Press & Publlcations Board ofth
Church Assembly 1946. VIII, 368 S. m. mehr. Ktn. 8°. Pp. 10 s. 6d.
In der Einführung, die der Erzbischof von York dieser M.1*'
sionsgeschichte der Kirche von England mitgegeben hat, he»*5
es, Campbell — ehemaliger Leiter des Trinity College in Ka«d-
und Generalsekretär des Missionsrates der Kirchenversa«»'
lung — habe mit ihr für die Anglikanische Kirche das yo'
bracht, was Professor Latourette für die Missionen im «{E
meinen geleistet habe. Sofern dieses Lob der übersichtlich
und fesselnden Darstellung seines Buches gilt, ist ihm da«*°'gS
zuzustimmen. Und es spricht ebenfalls für das Bucli, d*»
im Leser Wünsche weckt. Wer mit der allgemeinen Miss>° •
geschichte vertraut ist, kennt die Tatsachen und Daten,
Campbell mitteilt. Er weiß auch um die hohe Bedeutung.