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Ausgabe:

1939

Spalte:

109

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hauptmann, Hans

Titel/Untertitel:

Der Glaubensweg eines Siebzigjährigen 1939

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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10!)

Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 3.

110

es je in seiner Ganzheit erreichen. In den „Ausnahmen",
die den Alltag infragestellen, und in der echten Autorität
berührt uns die Wahrheit. „In den Grund der Wahrheit
dringend, die aus konkreter Wirklichkeit an uns
herantritt, begegnen uns Ausnahme und Autorität. Ausnahme
ist das Infragestellende, das Erschreckende und
•das Faszinierende, Autorität ist die Fülle des mich Tragenden
, das Bergende und das Beruhigende". Hinter
ihnen als ihr Umgreifendes steht Wahrheit, die sich in
der Vernunft bezeugt und über alle Brüche, Risse und
ZerfäHungen des Lebens zu einer letzten Kommunikation,
zu einer letzten Einheit strebt-

Dieser Weg der Wahrheit führt an die letzte „Wirklichkeit
", die sich uns im geschichtlichen Leben erschließt
. „Zwischen dem Nichts und dem All, ständig
nur Übergang, ohne Vollendbarkeit eines allumschließenden
Ganzen, in jedem Fall ist der Mensch wirklich nur
als geschichtlich". Damit stoßen wir auf die Transzendenz
. „Einheit ist, wenn sie ist nur in der Transzendenz
. Von da wird sie in der Welt ergriffen; der eine
Gott ist für uns fühlbar durch die unbedingte, ausschließende
Einheit unserer Lebensverwirklichung. Einheit
ist, im Transzendieren über alle immanente Einheit,
die Wirklichkeit selbst. In der Transzendenz ist die
wahre Einheit als die Angel aller sich verwandelnden
Einheil in der Welt, ist die Einheit als Urbild aller uns
sichtbaren, spiegelnden Einheit". So stellt die Philosophie
uns vor die letzte Entscheidung, ob wir die Welt
als ein in sich abgeschlossene Ordnung verstehen wollen,
^der ob sie uns transparent bleibt für Transzendenz.

Damit ist die Stelle gegeben, wo Philosophie und
Religion in der gleichen Richtung fragen, aber ewig
getrennt bleiben. „Die Sprache der transzendenten Wirklichkeit
ist eine Gegenständlichkeit unvergleichlichen und
unableitbaren Ursprungs: Es ist die Chiffre für die
Philosophie. Es ist die Gegenwart der wirklichen Transzendenz
in Mythus und Offenbarung für Religion".
Doch bleibt das, was J. sagt, soweit es die Religion betrifft
, in einem Rcligionsverständnis stecken, das echt
evangelischer Sicht auf die Religion nicht Genüge tut.
Ein Wort über die Gefährlichkeit der Philosophie, über
»hre „ruinöse und zersetzende Denkweise", die nur „halber
" Philosophie eigen ist, schließt das Buch, dazu ein
Lobpreis auf die „ganze" Philosophie: „Ganze Philosophie
ist wesentlich das Konzentrierende, worin der
Mensch er selbst wird, indem er der Wirklichkeit teilhaftig
wird."

I-anz (Westprignitz). Kurt Kesseler.

Hauptmann, Hans ; Der Glaubensweg eines Siebzigjährigen.

Stuttgart: Georg Truckcnmüller 1937. (83 S.) kl.8°. RM 1.20.

Ein leidenschaftlich und interessant geschriebenes Buch des Schriftleiters
des „Weltkampf" schildert die Entwicklung des Verf. vom „Zwangskatholiken
" über Luthertum und manche andere Stadien zu einer sich
nur auf die Rasse gründenden Religion. Das Christentum erscheint als
ausschlielilich jüdisch bestimmt und wird mit fanatischem Hai! abgelehnt
und bekämpft. Was das Buch, das sich kaum über das Niveau der
übrigen deutschgläubigen Schriften erhebt, will, zeigt richtig das Begleitschreiben
des Verlags: Das Buch lehrt, aus Erlebnistatsachen heraus,
dal! nur RassebewulStsein imstande ist, das einzig gültige Oottesbewulit-
sein zu werden.

Halle/S. Wilhelm Usener.

C o r d i e r, Leopold: Die Jugenderziehung vor der Christusfrage.

Die Christusbotschaft der Schrift und das Erziehungs- und Bildungswerk
der christlichen Kirche. 1. Halbband. Schwerin (Meckl.): Friedrich
Bahn 1938. (388 S.) 8° = Evangelische Pädagogik II Band 1. Halbband
. RM 12-; geb. 15—.
Ein Buch voll erstaunlicher Belesenheit. Es bringt
in 3 Teilen: die Botschaft von Jesus Christus. Das Christuszeugnis
der Schrift, die Grundlage christlicher Erstehung
, dann: Christus und die Welt. Der Eintritt des
Christentums in die Welt und die Erziehungs- und Bildungsfrage
und Christus und die Völker. Die mittelalterliche
Weltkirchc und die Erziehung der Völker. Reicht
also von der Antike bis zur Reformation. Geht vom Alten
Testament ins neue, von den Kirchenvätern zu den

Lehren der Kirche, stellt Alles und Jedes heraus, was
in dieser Spanne der Kirchengeschichte über die christliche
Erziehung gehandelt und geschrieben ist. Im
Vorwort entschuldigt sich C, daß er als Nichtkirchen-
historiker sich auf die Vorarbeiten des Fachgelehrten habe
verlassen müssen und nennt als solche vor allem H. v.
Schubert und A. Hauck. Aber man spürt es Seite um
1 Seite ab, wie er selbständig gearbeitet hat und vor allem
i sich sein eigenes Urteil bildete. Das ist immer gemes-
! sen an der biblischen Begründung der Erziehung. „Wir
unterstellen damit das erzieherische Denken und Handeln
der Herrschaftsgewalt und der Erlösungstat Jesu Christi
" (S. 26). „Jesus Christus ist uns im N.T. als Gegenstand
des Glaubens nicht aber zur moralisch-sittlichen
. „Nachahmung" bezeugt (S. 69). Hiermit ist das letzte
Urteil über Mensch und Welt gegeben. Das wird aber
immer lauten: „Die Welt steht unter den Ordnungen
der Sünde und des Todes" (S. 91). Durch den Christus
steht die Welt vor einer Neuschöpfung, vor dem Geheimnis
der Wiedergeburt des Menschen aus den Kräften
. des Todes und der Auferstehung Jesu (S. 93). Somit
hat alle christliche Erziehung nur den Sinn und dann
Wert, wenn sie zu einer Begegnung mit Christus verhilft.
D. h. mit dem Christus der Bibel „Die christliche Er-
i ziehung ist in diesem Sinn Erziehung mit der Bibel,
oder sie ist nicht (S. 100). Wenn die christliche Erziehung
von der Kirche getrieben wird, kann sie nur „im
! Namen Christi ein junges Geschlecht an das Heil des
Lebens weisen und so ausrüsten, daß es in der Kindschaft
Gottes durch diese Welt gehen kann" (S. 110).
Sie kann also nicht selbst am Kind handeln, sondern
muß Gott handeln lassen und nur sein „Mitarbeiter"
sein. Sie kann und darf also Jugend nicht fromm ma-
[ chen wollen, sondern kann nur Jugend zum Christus
; führen, daß durch ihn an ihr die Entscheidung geschieht,
j Kein Wunder, daß von dieser Schau her die ganze
Entwicklung der christlichen Erziehung bis zum ausgehenden
Mittelalter unter dem Gericht von C. Wort
steht: sie wird nicht sein. Alte Bildungsideale, die Predigt
als Kunstform, der Einfluß des Staates auf die
Kirche, die Kirche als die große Erziehungsanstalt des
Volkes und der Völker — das alles und noch mehr,
wie C. ausführt, bringt sie immer mehr von dem ab,
was die Bibel fordert. Sie hat eben mit den Mitteln
der Psychologie, der „Bildung" des Staates, der Lehr-
; formen Jugend und Völker zu erziehen versucht. Und
nicht mit der Bibel. Glaube an die Dogmen der Kirche
ward je länger je mehr ihr Ziel und nicht Glaube an den
lebendigen Christus. Gehorsam gegen die Kirche wurde
alles und Gehorsam gegenüber dem Gnadenwillen des
I lebendigen Gottes trat zurück. Den Menschen wurde
der lebendige Herr zur Entscheidung vorenthalten und
, sie in die Entscheidung eines weltlichen „Stellvertreters"
i gedrängt. Es ist ein erschütterndes Bild vom Versagen
• der Kirche, der die Frohbotschaft anvertraut ist, daß
. C entrollt. Er läßt allein die Tatsachen und die Wirklichkeit
der Geschichte sprechen und sucht Ursachen und
Hintergründe herauszuarbeiten. Darum wirkt dieses
Stück Kirchengeschichte, das hier von einer bestimmten
Seite aus aufgezeichnet wird, doppelt ernst — und be-
' lastet schwer. Man erkennt hier deutlich, wie Gott trotz
aller Irrwege, welche die Kirche mit ihrer Verkündigung
| und ihrer Erziehung geht, sein „Wort nicht leer zurück-
] kommen" läßt und immer nocli Menschen aufruft und
erweckt. Aus biblischem Auftrag — wie C. einleitend
sagt — ist kirchlicher Anspruch gewesen. Ich bin voll
Dank für dieses gelehrte, tiefgründige Buch gespannt auf
die Darstellung der Reformation und der evangelischen
Kirche. Diesen Band wünsche ich in die Hände vieler
Religionslehrer und Pfarrer und Jugendlicher. Es zeigt
den Ursinn aller „christlichen Erziehung" der Bibel
auf und warnt vor dem Irrweg, den die Kirche des Mittelalters
ging und bis heute noch geht. Wir Evangelischen
am Ende auch?

! Bonn.___ Haun.