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Ausgabe:

1939 Nr. 3

Spalte:

103-104

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Litt, Theodor

Titel/Untertitel:

Der deutsche Geist und das Christentum 1939

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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103

Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 3.

104

sam gegen seinen Willen einen „Moralisten" aus ihm.
Auch Pascal, den ein christlicher Rigorismus gänzlich
über den Menschen und seine empirische Situation hinauszuführen
scheint, biegt seine Auffassung zu einer
„Lebensweisheit" zurück, wenn er erklärt, „in seinem
natürlichen Geltungsbereich" habe alles seine Richtigkeit.

So geistreich all diese Thesen vorgetragen werden,
so geschickt ihnen Biographie und Werkanalyse jeweils
den Weg bereiten: sie sind von vornherein darauf bedacht
, den Begriff „Lebensweisheit" in einem bestimmten
Sinne zur Geltung zu bringen. Ganz grob gesagt
werden die französischen Moralisten von der modernen,
freilich völlig sublimierten Zivilisationsideologie der
Franzosen her ausgelegt. Ich kann das hier im Einzelnen
nicht beweisen. Die bloße Behauptung mag genügen.
Daß sich innerhalb eines solchen Auslegungshorizontes
die Tiefen und Abgründe eines Pascal etwa nicht wahrhaft
zeigen können, überrascht nicht. So wird man
schließlich das glänzend geschriebene und ausgezeichnet
übersetzte Buch zwar als einen aufschlußreichen Beitrag
zum Selbstverständnis des modernen französischen Geistes
mit Gewinn lesen. Wer sachliche Auskunft über die
behandelten Moralisten sucht, wird bald die Grenzen
der Darstellung Strowskis empfinden.
Marburg. _ W. Kalthoff.

Litt, Theodor: Der deutsche Geist und das Christentum. Vom

Wesen geschichtlicher Begegnung. Leipzig: Leopold Klotz Verlag 1938.
(64 S.) 8°. RM 1.80.

Von der Beobachtung ausgehend, daß „in dem Kampf
um Wert und Wirkung des Christentums, der heute so
viele Gemüter bewegt, gewisse wesentliche Gedanken
bisher so gut wie überhaupt nicht zu Worte gekommen
seien", möchte der Verfasser von philosophischer Seite
aus, das Problem der schicksalhaften Völkerbegegnung
zur Diskussion stellen, denn wenn je eine Völkergruppe
in ,Begegnungen' groß geworden ist, dann kann dies vom
Germanentum behauptet werden. Es war sein geschichtliches
Schicksal, daß es „in der frischen Bildsamkeit
unverbrauchter, werdefroher Jugend mit geistigen Mächten
in Verkehr trat, die ihm in der Ausreifung ihrer inneren
Möglichkeiten weit voraus waren: Antike und
Christentum" (S. 40). Diese schicksalhafte Begegnung
war eine Art ,Prüfung', eine folgenschwere Krise, aber
man könne nicht sagen, daß das Germanentum als eine
zerbrochene, eine um seine Zeugungskraft betrogene Nation
aus dieser Krise hervorging. Vielmehr gingen daraus
einzigartige, unvergängliche Geistes- und Kultur-
taten hervor, die Weltbedeutung haben. Und es ist nach
Th. Litt ein „offenkundiger Widerspruch, diese Schöpfungen
zu feiern, die ohne den Anhauch christlichen
Geistes nicht geworden wären, und zugleich dem Christentum
seihst die Absage zu erteilen. Und es ist erst
recht ein untragbarer Widerspruch, auf die Gesundheit
der völkischen Substanz zu bauen, in die christliche Gesinnung
nun einmal tief und unaustilgbar eingewachsen
ist, und zugleich das Christentum wie eine schädliche
Belastung abstreifen zu wollen. Auch hier gibt es kein
Ausweichen vor der Alternative: entweder Bruch mit
dem Christentum, dann aber auch unumwundene Verleugnung
alles dessen, was das christliche Erbe offen
oder insgeheim an und in sich trägt, oder Festhalten
an der Hinterlassenschaft des christlichen Zeitalters, dann
aber auch zumindest Achtung vor der Macht, der abzuschwören
diesem Zeitalter höchster Frevel war!" (S.
56). Wie der Verfasser in der Vorbemerkung zu den
Anmerkungen hervorhebt, seien die Grundgedanken dieser
Schrift nicht erst in der Beschäftigung mit den
heutigen Kontroversen entstanden, sondern haben ihn
schon seit etwa 20 Jahren beschäftigt, vor allem in
seinen Büchern Individuum und Gemeinschaft' (1926)
und in .Einleitung in die Philosophie' (1933). Die gedankenreiche
Schrift führt zu ernster Besinnung über
höchst aktuelle Probleme; nur hätten vielleicht Vergleiche
mit ähnlichen Vorgängen aus der Kultur- und
Religionsgeschichte Asiens zu allseitiger Erfassung des

, Problems beigetragen. War doch die Begegnung der
| israelitischen Stämme mit den Kulturen Vorderasiens
oder die des chinesischen Kulturvolks mit der buddhistischen
Lehre und ihren kulturellen Auswirkungen eben-
1 so folgenschwer wie die geistig-religiösen Begegnungen
des Germanentums mit dem hellenisierten Christentum.
I Und es bleibt immer wieder die Frage, ob diese antik-
j hellenisierte Prägung des Christentums als das Christentum
angesehen werden darf und vor allem auch,
I inwieweit die Kulturschöpfungen des Mittelalters nicht
| durch die überragende Höhe der antiken Formung mitbeeinflußt
sind. Das Christentum ist nun einmal mit
stark synkretistischem Einschlag an die einzelnen Völkerschaften
Europas herangetreten und das eigentliche
Problem dieser weltgeschichtlichen Wende bleibt, testzustellen
, welche Einzelfaktoren in diesem religiösen Ringen
mitbestimmend gewesen sind.

München. R. F. Merkel.

Fasen er, Prof. D. Erich: Große Deutsche begegnen der Bibel-

Eine Wegweisung für deutsche Christen. Zweite veränderte Ausgabe.
Halle: Akademischer Verlag 1937. (133 S.) 8° = Evangelium und
Deutschtum, hrsg. v. Prof. D. Dr. E. Barnikol. Heft 2. RM 2.50.

Wenn heute vielfach die Bibel als „art- .und wesensfremdes
Buch" Ablehnung erfährt, handelt es sich
oft genug um das Urteil solcher, die weder sachlich
noch persönlich die Berechtigung zur Entscheidung der
Frage besitzen. Um so mehr Aufmerksamkeit aber verdient
das Lebenszeugnis derer, die es nach der Tiefe
ihres Lebenseinsatzes wert sind, von uns gehört zu
I werden, zugleich aber sich lebenslang mit der Bibel in
Ehrfurcht und im Suchen nach Wahrheit beschäftigt
haben. Solche Männer läßt Fascher hier zu Worte
kommen, beginnend mit M. Luther, dem dann die Dichter
Lessing, Herder und Goethe folgen. Aus der Reihe der
großen deutschen Denker begegnen uns Kant, Fichte,
Schelling, Hegel, Schopenhauer, E. von Hartmann, Nietzsche
, P. de Lagarde, Bismarck, und Vertreter der Frontgeneration
beschließen die eindrucksvolle Auswahl, für
die wir dem Herausgeber zu Dank verpflichtet sind.
Er beschränkt sich nämlich weder einseitig auf bloß
bejahende Urteile noch auf reine Kritik, sondern versteht
es, durch seine Zusammenstellung verschiedenartigster
Lebensbekenntnisse die Bedeutung der Bibel als Lebensbuch
auch deutscher Menschen zu erweisen. Daß
in Einzelheiten noch Wünsche offen bleiben, ist verständlich
. So hätte z. B. Kant als Bibelleser noch durch den
Hinweis auf die 32 Randbemerkungen gekennzeichnet
werden können, die in seinem BibelexempTar eingezeichnet
sind: zum 1. Buch Mose sieben, zum Psalm 103
drei, zum Evangelium Matth, sechs, zum Evgl. Luc. elf
u.s. f. Auf einem losen Blatt, das sich in Kants
Nachlaß gefunden hat, vermerkte er: „Ich lese d.ie
j Bibel gern". Davon legen auch die 280 Stellen
Zeugnis ab, an denen er in seinen Werken die Bibel zi-
| tiert oder auslegt. (H. Borkowski „Die Bibel Im.
j Kants". Veröffentlichungen aus der Staats- und Universitätsbibliothek
zu Königsberg, herausgegeben von C.
Diesch). Wenn der Verfasser ferner von Nietzsche
sagt, daß sein Haß gegen das Christentum beweise, daß
J er von der Tradition nicht losgekommen sei, ließe sich
I diese Tatsache noch durch den Nachweis illustrieren,
wie sehr die Lutherbibel auf Nietzsches S p r a c Ii e gewirkt
hat: Der „Zarathustra" allein ist nach H. Vollmers
Feststellungen an 105 Stellen von der Bibel abhängig
. (Deutsches Bibel-Archiv-Hamburg 1. Sechster
Bericht, Hamburg 1936). Auch das Nietzschewort aus
dem 36. Kapitel des „Antichrist" vermißt man: „Daß
die Menschheit vor dem Gegensatz dessen auf den Knien
liegt, was der Ursprung, der Sinn, das Recht des Evan-
| geliurns war, daß sie in dem Begriff „Kirche" gerade
I das heilig gesprochen hat, was der „frohe Botschafter"
I als unter sich, als hinter sich empfand — man sucht ver-
! gebens nach einer größeren Forin welthistorischer Ironie
." Daß Lagarde nicht an eine völkische National-
| religion im Stil der deutschen Glaubensbewegung ge-