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Ausgabe:

1939 Nr. 3

Spalte:

102-103

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strowski, Fortunat

Titel/Untertitel:

Vom Wesen des französischen Geistes 1939

Rezensent:

Kalthoff, W.

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 3.

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gar nicht, wenn anders eine Anwendung des katholischen
Traditionsprinzips auf die Abendmahlsfrage die Bezeichnung
historisch im modernen Sinne des Wortes nicht
verdient, von dem Anspruch auf philosophischen Charakter
ganz zu schweigen. Mit den wohl oder übel in
Harmonie gebrachten Äußerungen einer Reihe von Kirchenvätern
, die Ursinus für seine symbolische Deutung
ins Feld geführt hat, sowie des Papstes Leo I. und
Innoeens III. (S. 126) ist alles entschieden. Die katholische
Lehre ist nachweislich auch die der Kirchenväter,
und von dieser kann mit Sicherheit auf die der Ur-
apostcl zurückgeschlossen werden, die ihrerseits wiederum
keine andere als die Jesu gewesen sein kann.
Qu od erat demonstrandum.

Ja der Verf. wartet gar nicht erst das Resultat
seiner „geschichtlichen Erforschung" ab, sondern verwertet
es schon bei der ihr vorangeschickten Gegenüberstellung
der katholischen und der protestantischen Abend-
niahlslehren. Da werden diese letzteren ohne Weiteres
an dem Maßstabe der „Entfernung vom Standpunkte
des Katholizismus auf dem abseitsführenden Wege zur
Auflösung des altkirchlichen Abendmahlsbegriffs" gemessen
und beurteilt. Luther ist ihm recht weit entgegengekommen
; immerhin hat er sich, weniger „aus Gründen
der Überzeugung" als „aus Nützlichkeitserwägungen"
genötigt gesehen, „in einem so wichtigen Punkte . . .
vom Katholizismus sich zu distanzieren, um nämlich die
Fühlung mit seineu reformierten Kampfgenossen nicht zu
verlieren! Andrerseits bewahrte ihn sein Gewissen davor
, „bis zur Konformität mit Zwingli fortzuschreiten",
wiewohl er es „aus Haß gegen das Papsttum" am liebsten
getan hätte! Calvin „entfernt sich" trotz seines
j.Bemühens, das alte Glaubensgut in seinein Kern zu erhalten
, nicht allein von Rom, sondern auch von Wittenberg
erschreckend weit." Zwingli „sieht den Vorgang
nüchtern, fast brutal nüchtern an ohne jede Voreingenommenheit
als mit der des Widerspruchs gegen jede
menschliche Autorität. Alledem gegenüber ist die katholische
Erklärung „von einer brutalen Einfachheit, ohne
zu beargwöhnende Kunstgriffe, reinlich, sauber". (S.
17 ff.).

Diese kaum obejktiv zu nennenden Urteile greifen
nicht nur der Untersuchung vor, sondern nehmen sich
auch höchst sonderbar aus in einem Abschnitte, der die
Gleichberechtigung sämtlicher Auffassungen vom wissenschaftlichen
wie vom christlichen Standpunkte aus
dartun will. Dann müßte es doch gleichgültig sein,
welche von ihnen man vertritt, — wenn nicht die kirchliche
Lelirüberliefcnmg und Lehrautorität für die Auswahl
des einen als des richtigen für den Verf. entscheidend
ins Gewicht fiele.

Eine wirklich objektive Erörterung der Abendmahls-
frage geht nicht hiervon aus, sondern von den neutesta-
mentlichen Berichten über seine Einsetzung, behandelt
s'e zunächst textkritisch und sucht sodann ihren ursprünglichen
Sinn zu ergründen. Das gibt der Verf.
auch grundsätzlich zu (S. 13 ff.), schiebt sie aber alsbald
als dürftig und unklar beiseite, um den „Beweis der
Tradition" für die Deutung, zu der er sich bekehrt hat,
zu führen. Es gilt heute „ein besseres Verständnis für
solche Lehren" zu gewinnen, „die im Boden uralter
Tradition wurzeln und darum keine Veränderung und
Umbildung dulden" (S. 104). Aber, was ihm so praktisch
, um der Einigkeit der christlichen Kirche willen
(S. 106), als notwendig erscheint, ist darum noch nicht
als wissenschaftlich wahr anzusprechen. Das ergibt sich
nicht durch Berufung auf die vielfach irrige Tradition,
sondern durch die Befragung der (auch nach dem Verf.)
»ersten und nächsten Quellen" (S. 86). Da darf der
Historiker nun nicht auf den Buchstaben pochen und jede
»weitere Reflexion als nur die . . des primitiven, natürlichen
Verstandes" (S. 17 f.) ausschließen, sondern er
muß die ganze Art Jesu zu reden, auch die Situation, und
Was in ihr überhaupt möglich ist, in Betracht ziehen.
Und dann läßt sich schwerlich eine andere Auffassung

als die symbolische rechtfertigen, deren Möglichkeit —
auch vom christlichen Standpunkte — der Verf. selbst
zugibt (S. 20 vgl. 25ff.). Sie ist aber nicht nur eine
mögliche, sondern die einzig mögliche. Wie sollte Jesus
bei seinem Abschiedsmahle in der Lage gewesen sein,
den Jüngern in der (scheinbaren) Gestalt von Brot und
Wein seinen Leib und sein Blut mitzuteilen? Eine gro-
, teske Vorstellung, die trotz aller Widerrede des Verf.'s
[ (S. 20) ins Gebiet des Magischen gehört! Und könnten
die Jünger ihn dann verstanden haben? Wohl aber war
ihnen der Gleichnischarakter seiner Rede vertraut (der
sich hier auch auf die Handlung erstreckt).

Aber — und damit komme ich zuletzt noch auf eine
methodisch wichtige Frage — wenn der Verf. allein die
Transsubstantionslehre gelten läßt, warum stellt er anfänglich
die, von ihr doch himmelweit entfernte, symbolische
Deutung als gleichberechtigt und durchaus an-
j nehmbar hin? Das ist doch eigentlich ein unglaubliches
j Zugeständnis an seine Hauptgegner! Er macht es aus
I taktischen Gründen. Er will „gleich vorweg" die (nicht
unberechtigte!) Sorge, daß auf dem Standpunkte, den
! er vertritt, die Vernunft zu kurz komme, bannen. Sie
j soll völlig befriedigt werden. Sie hat die Freiheit, auch
j eine der anderen Auffassungen zu der ihren zu machen.

Und doch bleibt die katholische die einzig richtige!
| Nämlich, „was theologisch, d. h. im Gesichtsfelde der
Offenbarung durchaus falsch sein kann, braucht philo-
I sophisch, d. h. im Lichte der rein natürlichen Vernunft,
! nicht auch falsch, sondern kann durchaus wahr und rich-
| tig sein." (Vorw.).Also doppelte Wahrheit! Andrerseits
| beabsichtigt der Verf. ,,bisher Sichere, Satte, vollauf Befriedigte
, weil vollauf (von einer anderen Auffassung)
j Überzeugte, in ihrer Überzeugung zu erschüttern und
I ihnen zu einer vertieften Klärung zu verhelfen" (ebenda),
j Ich glaube nicht, daß das seiner (angeblich) historischen
Untersuchung gelingen wird. Wohl aber wird sich die
i katholische Kirche darüber freuen, in einem evangelischen
Pfarrer einen Verteidiger ihrer Lehre gefunden zu haben.

Königsberg Pr.__M. Schulze.

Strowski, Fortunat: Vom Wesen des französischen Geistes.

La Sagesse Francaise. Übers, von Hans Hennecke. München: R
Oldenburg 1<J37. (VI, 207 S.) 8°. RM 4.8o!

Editorische und darstellende Arbeiten hatten For-

1 tunat Strowski längst in die vorderste Reihe der fran-

'• zösischen Geistesgeschichtler gerückt, als er, einer schönen
Gepflogenheit der Gelehrten seines Landes folgend,
im Jahre 1925 den wesentlichen Ertrag seines bisherigen
Forschens in einer weite Kreise ansprechenden Form zusammenfaßte
und niederschrieb. Er betitelte sein Buch

I La Sagesse francaise. Es enthält Essays über Montaigne
, Franz von Sales, Descartes, La Rochefoucauld
und Pascal. Diese Geister, so tut die Einleitung dar,
bilden auf Grund mannigfacher Ähnlichkeit eine Art
von Familie. In dem Anliegen, das sie miteinander
verbindet, und der Art, wie sie es verfolgen, erkennt
Frankreich den reinsten Ausdruck seines Wesens. Frank-

1 reich verdankt jenen „Moralisten" den Inbegriff der
„Lebensweisheit". Unter Lebensweisheit ist dabei das

j rechte Wissen vom Menschen verstanden; das rechte
Wissen: d. h. ein Wissen, das jedem Dogmatismus und
aller Pedanterie abhold ist und der Wirklichkeit anschmiegsam
und gestaltend Rechnung trägt. Montaigne
wendet sich gegen einen scholastisch erstarrten Humanismus
und setzt ihm den geschmeidigeren Humanismus des
„Ehrenmannes" entgegen. Franz von Sales holt das
Christentum aus seiner Weltfremdheit in die Welt hinein.
La Rochefoucauld macht seinen Zeitgenossen klar, daß
aller „Scholastik der Weltlichkeit" und aller verdek-
kenden „Höflichkeit" zum Trotz Eigensucht den wah-

| ren Kern des menschlichen Wesens ausmacht. Descartes

' scheint sich mit seinem nach Totalität strebenden mathematischen
Wissenschaftsbegriff ganz aus dem Bereiche
der menschlichen Wirklichkeit zu entfernen: der französische
Geist bewahrt ihn davor, sich diesem Extrem
bedingungslos und starr preiszugeben und macht gleich-