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Ausgabe:

1939

Spalte:

97-102

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heman, Richard

Titel/Untertitel:

Mysterium sanctum magnum 1939

Rezensent:

Schulze, M.

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97

Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 3.



nicht unterdrückt und vergewaltigt, sondern aufgerichtet,
gereinigt und gestärkt wird, gehören zu den besten des
Buches.

So geht seine Bedeutung über seinen nächsten Zweck,
die Diskussion in der holländischen Theologie weiter zu
führen, weit hinaus. Es ist nur zu bedauern, daß die
holländische Sprache der verdienten Beachtung natürliche
Schranken setzt; denn auch auf deutschem Sprachgebiet
könnte es in hohem Grade klärend und verständigend
wirken. Es verbindet verständliche, flüssige
Sprache, religiöse Wärme und Klarheit der Argumentation
, Entschiedenheit und Weitherzigkeit in schönster
Weise. Dank verdient die besonnene und tiefe Art,
Wie die Eigenart des Religiösen zur Geltung gebracht
ist, wie Hauptsachen und Nebensachen unterschieden
werden (von unnützen Spitzfindigkeiten ist es frei)
und wie Wahrheiten von der einen und der andern Seite
verbunden werden, ohne daß ein willkürlicher Eklektizismus
entsteht; es ist durchaus eine eigene Linie konsequent
durchgeführt. Es strebt über die bisherigen Positionen
des eigenen Lagers hinaus, ohne die Arbeitsgemeinschaft
in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Darum
ist dem Buch eine nachhaltige Wirkung zu wünschen.
_ Basel. R. Liechtenhan.

He man, Richard: Mysterium Sanctum Magnum. Um die Auslegung
des Abendmahls. Zwingli? Calvin? Luther? Rom? Historischphilosophische
Studie. Luzertl U. Leipzig: Räber & Cie. 1937. (171 S.)
8°. RM 3.50.

Eine merkwürdige Schrift! Ein protestantischer Pf arter
, „der drei Jahrzehnte hindurch in unangefochtener
Befriedigung die calvinische Erkenntnisform des Abendmahls
vertrat", aber „durch das Studium der sogenannten
Kirchenväter in der scheinbaren Festigkeit seiner
Position erschüttert" wurde (vgl. das Vorwort des Verf.'s
und das Nachwort des Verleg.'s), sucht darin nachzuweisen
, daß die katholische Lehre von der Verwandlung
<üc einzig wahre ist.

Allerdings billigt er zunächst auch den drei reforma-
torischen Auffassungen des Sakraments insofern üleich-
l-erechtigung zu, als „sie sämtlich exegetisch durchaus
■auf der Höhe der wissenschaftlichen Erfordernisse, logisch
einwandfrei gesichert, rationell nicht angreifbar
Und an sich selbst ganz und gar nicht wider den Geist
der Christlichkeit" sind (S. 34, vgl. 17 ff.). Indessen
trotz: dieser „relativen Vortrefflichkeit sämtlicher vier
Auslegungen" (der, übrigens nach Matthäus zitierten,
Einsetzungsworte), denen man also „wirklich ... in
urteilsfähigem Zustand mit Wärme und ohne Rückhalt
zuzustimmen sich in der Lage sehen darf" (S. 33 f.), ist
«ioch „ausgeschlossen, daß sie alle in sich richtig sind;
mindestens drei von ihnen müssen als irrtümlich ausgeschieden
werden" (S. 35). Es fragt sich nur, welche.
In dem vorangehenden (ersten) Abschnitt über die Frage
"ach dem Sinn der Einsetzungsworte hatte der Verf.
..prinzipiell" erklärt: Wenn das Mahl nicht seinen Charakter
als Stiftungsmahl, als Mahl des Herrn verlieren
solle, sei die Frage näher dahin zu präzisieren: „welchen
Sinn und welche Bedeutung hat der Stifter Jesus Christus
seinem nach ihm benannten Mahle gegeben?" (S.
15). Darnach hatte man erwartet, daß er sich vor allem
der Auslegung der von Jesus dabei gesprochenen Worte
zuwenden werde. Inzwischen hat sich ihm jedoch bei der
Behandlung der diesbezüglichen Unterscheidungslehren
ergeben, daß die vier Erklärungsversuche exegetisch
ebenbürtig sind, die Wahrheit also auf diesem Wege
»icht herausgestellt werden kann (S. 33ff.). Sie muß
also auf einem anderen Wege gefunden werden, und
zwar auf „dem Wege der geschichtlichen Erforschung",
der „durch die Jahrhunderte der christlichen Kirche bis
/ur ■ ■ Endstation" (d. h. zu ihren Anfängen) zu verfolgen
ist (S. 37).:

Da „darf es nun als ausgemachte Sache gelten",
k "vo" der Reformation ab rückwärts bis tief in das
Frühmittelalter hinein ... die Lehre von der Trans-
si'hstantion die herrschende gewesen ist", wenn sie auch

erst im späteren ihre dogmatische Fixierung erhalten hat
i (S. 39 f.). Aber wie steht es mit der Zeit vorher, der
„Epoche der Kirchenväter"? Wenngleich sich alle Konfessionen
auf sie berufen, so war doch auch für sie
„die Unantastbarkeit der Glaubenswahrheit, daß Leib
und Blut die Stelle von Brot und Wein vertreten, gradezu
eine Selbstverständlichkeit". Man muß sich nur „davor
hüten, gelegentliche Äußerungen von ziemlich unbedeutender
Natur, Bemerkungen, die so nebenher mitunter-
laufen sind, als Zentralgedanken, als vollentwickelte
Lehre auszuschlachten und als Beweise für Abweichun-
'< gen von der (katholischen) Kirchenlehre zu vertreten."
Vielmehr sind „die mehrdeutigen Stellen nach den eindeutigen
zu erklären, mit diesen in Einklang zu bringen,
oder, wo letztere fehlen, aus dein Verhältnis des kirchlichen
Schriftstellers zu der von ihm anerkannten, ihm
übergeordneten kirchlichen Lehrautorität zu beurteilen"
(S. 41 ff.). In diesem Sinne werden die von Ursinus —
einem der Verfasser des heute noch in der reformierten
I Kirche hochangesehenen Heidelberger Katechismus —
„leichtfertig, unverantwortlich und auf die Unwissenheit
I und Leichtgläubigkeit der Leser spekulierend" ins Feld
geführten Zitate aus den Kirchenvätern von Justinus
J Martyr bis Augustin einer eingehenden Behandlung un-
j terzogen (S. 44—80) mit dem Ergebnis, daß sie mit
der Kirchenlehre übereinstimmen. Besonders wird auch
noch auf das „wahrheitsgetreue Zeugnis des großen
j Papstes Leo I" Wert gelegt, „daß die reale Gegenwart
I Christi im Abendmahl im Sinne der Transsubstantiation,
wenngleich diese Bezeichnung fehlte, der allgemeine und
einhellige Glaube der Kirche sei" (S. 79, vgl. 43).
j Ein Zeugnis, das ebenso unüberhörbar ist wie das Zeug-
! nis des größten Kirchenlehrers, Augustins, „für die
! Wahrheit, die seit Jahrhunderten unterdrückt und einem
i großen Teil der Christenheit in unbegreiflicher Verblen-
•■ düng vorenthalten wird" (S. 80).

Allerdings kann man sagen: Ausschlaggebend in dieser
Hinsicht ist doch nicht die Meinung der Kirchenlehrer
vom zweiten Jahrhundert an, sondern die Anschauung
j des ersten, besonders die der Urgemeinden und in erster
I Linie die ihrer Gründer, der Apostel. Und so spitzt sich
} jetzt die Frage nach Sinn und Bedeutung der Einset-
: zungsworte dahin zu . . . Was glaubten sie? Mit ihrer
j Beantwortung würde die patristische Vorstellung vollkommen
unser Interesse verlieren. Aber wie sollen wir
den Glauben der Apostel hinsichtlich des Abendmahls
feststellen? „Die Evangelien, die ersten und nächsten
| Quellen, aus denen zu schöpfen wäre, sind zu schweigsam
, als daß auf ihren spärlichen Berichten eine sichere
i Lehre aufzubauen möglich wäre". Nicht viel anders
1 stehts um die Briefe der Jünger Jesu. Paulus ist zwar
/innlich deutlich, wenn man „den aller Symbolik feind-
; liehen Realismus seines Denkens" berücksichtigt. Aber
er ersetzt uns die Urapostel nicht. Wir sind indessen
wohl in der Lage die Meinung dieser festzustellen,
und zwar — mit Hilfe der Kirchenväter (S. 85f.).
Eine überraschende Wendung! Erst wird die An-
! sieht letzterer, trotzdem ihre Herausstellung einen so
großen Raum einnimmt, für nebensächlich im Verhältnis
zu der der Urkirche erklärt, und dann wird zwecks Feststellung
dieser auf jene zurückgegriffen! Indessen der
j Verf. hat dafür seine, wie er meint, guten Gründe. Wir
stehen nämlich vor der „unwiderleglichen" Tatsache, daß
] nur etliche Jahrhunderte nach der Gründung der christ-
lichen Kirche „der Glaube an den wirklichen Genuß von
Fleisch und Blut des Herrn in den verwandelten Elementen
" überall in ihr angetroffen wird. Wie erklärt
■ sich diese Allgemeinheit und Einhelligkeit? Darauf kann
eine gewissenhafte Geschichtsforschung nur antworten:
Schon die Apostel haben so gedacht. Wäre es anders,
! hätten sie die symbolische Auffassung, oder auch die
lutherische, von der sich doch ebenfalls zu der katholischen
„beim besten Willen keine Verbindungsbrücke
schlagen" läßt, so wäre absolut unerklärlich, wie es
so bald zur Herrschaft dieser letzteren gekommen sein