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Ausgabe:

1939

Spalte:

91-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hirsch, Emanuel

Titel/Untertitel:

Die Umformung des christlichen Denkens in der Neuzeit 1939

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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9]

Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 3.

92

das Verhältnis des Oberpräsidenten und Staatsministers ten aus dem Reich des Gedankens zu veranschaulichen".
Th. v. Schön (1773—1856) zu Liberalismus, Demokratie Mit diesen Worten beginnt der Verfasser seine gedrängt
und Revolution sowie zu Friedrich Wilhelm IV. als Krön- | orientierende Vorrede, die in der Fortsetzung dem heute
prinz und als König dar. Der Aufteilung des ersten besonders beachtenswerten Gedanken Ausdruck verleiht,
Abschnittes „Schön und der König" in die Unterteile I daß „es zu den Aufgaben des theologischen Unterrichts
„Kronprinzenzeit'', „Vorstoß und Sturz" sowie „nach gehöre, den jungen Theologen die Lage deutlich zu mader
Entlassung" entsprechen in Anlage II 40 zwischen dien, in die das christliche Denken und Leben durch
Schön und seinem königlichen Herrn gewechselte Briefe, die Geschichte des abendländischen Geistes während
davon 11 aus der Kronprinzenzeit, 26 beiderseits oft der letzten Jahrhunderte gekommen" sei. „Sie müssen
außerordentlich umfangreiche aus den ersten drei Re- i die Gedanken kennenlernen, welche da mit zerstörender
gierungsjahren anknüpfend an Schöns „Woher? und wo- und mit umformender Macht, in Verständnislosigkeit und
hin?" und nur drei aus den letzten Jahren herrühren. in Verständnis, vermittelnd und abwehrend, kurz in all
Dem Abschnitt „Schön und die Revolution" mit den den unendlich verschiedenen Tönen, die ein Ja und Nein
Kapiteln „Praktischer Einsatz", „Verfassungsfrage" so- haben kann, an unserem Verhältnis zum Christlichen ge-
wie „Einheitsfrage und Nationalitätenproblem" entspre- arbeitet haben. Sie müssen wissen, wie es den großen
chen weitgreifende Abdrucke aus Schöns ungedruckteu 1 Denken; und Dichtern unsers Volkes bei ihrer Begeg-
Papieren (1842—1847) und seine Bekenntnisbriefe an j nung mit dem Christentum während der letzten Jahr-
Brünneck und andere, namentlich aus der Revolutionszeit, j hunderte ergangen ist, und wie die theologischen Denker,
Rothfels lehnt es ausdrücklich ab, etwa eine „Rettung" die inneren Anteil hatten an diesem Geschehen, sich zu-
Schöns zu unternehmen. Immerhin wären wir heute in 1 rechtzufinden versucht haben". Und mit unerbittlicher,
der Lage, die Dinge um Schön und Schön selbst in- ! an S. Kierkegaard geschulter dialektischer Schärfe spricht
mitten seiner Umwelt anders zu beurteilen, als das nach es der Verfasser aus: „Nur so könne" der jungen Gene-
Treitschke noch Max Lehmann (1<J02ff.) und mit ihm , ration „das Schicksal deutlich werden, das an der theolo-
andre Träger angesehener Namen für richtig und wis- gischen und der christlichen Reflexion von uns allen
senschaftlich erforderlich hielten. Die neue Bewertung mächtig ist: daß wir entweder eine von Grund auf
und Eingruppierung, die der Freiherr vom Stein 1931 neue Gestalt christlichen Glaubens, finden müssen, oder
namentlich durch G. Ritter erfahren hat, ermöglichte aber ein in Wahrhaftigkeit gegründetes Verhältnis zum
auch, Schön anders zu sehen und auf Grund der ein- i Christlichen für alle geistig Lebendigen in unserm Volke
gellenderen Durchforschung der Quellen uns zumal heute j — und nicht nur in unserem Volke, sondern im ganzen
näher zu bringen. , Bereich der weißen Menschheit — unmöglich wird. Das
Das Entscheidende dürfte wohl darin liegen, daß ; Tor zur christlichen Vergangenheit ist uns allen zuge-
man Schön nicht als liberalen und demokratischen Par- ■ schlagen, seitdem dies Schicksal über uns gekommen ist:
teimann ansehen daif, der aus Parteidoktrin gegen den ! nur in den Formen der Sehnsucht und des Selbstbetrugs
König frondiert. Schön dachte in allen seinen Hand- : ist für den, an dem die Reflexion der letzten Jahrhun-
lungen und Plänen nur an den Staat Preußen, den er derte ihr Werk getan hat, noch ein Verhältnis zur alten
auch über den König stellte und der keinen reaktionären Gestalt christlichen Glaubens und Denkens möglich".
Charakter hallen durfte. Und diesen preußischen Staat, Da nun angesichts der Fülle des Wissensstoffes der
in dem für Schön jegliche Reichsidee Anfang und Ende heutige deutsche Theologiestudent kaum in der Lage ist,
fand, wollte er keinerlei romantischer und mystischer '. fangreiche Quellenstudien zu unternehmen, so versucht es
Phantasterei und politischen Experimenten ausgeliefert ' dieses Lesebuch, ihm „alles in die Hand zu geben, was er
sehen: da war er dann wieder ganz und gar antiliberal 1 zum Verständnis des Schicksals christlichen Glaubens und
im Sinne der Parteidoktrin. Denkens in der Neuzeit braucht". Die christliche Aufklä-
Schön ist der erste typische Vertreter des Ostdenkens, rung wird charakterisiert durch Proben aus Leibniz, L.
dem der Westen, dem die Rheinpreußen nicht ganz ge- von Mosheim, J. S. Semler, Spalding, Frdr. W. Jerusa-
heuerlich, wenigstens nicht ganz zuverlässig erschienen. lern, Chr. Frdr. Ammon, K. G. Bretschneider, W. A.
In dieser immer wieder betonten preußischen Ost-Starr- Teller, während Lessing, David, Hume, Kant, Goethe
heit liegt auch ein gut Teil protestanticher Haltung, unter dem Abschnitt ,Die großen Beweger' zusammen-
die in den schwersten Entscheidungen des Staatsman- gefaßt sind. Das dritte Kapitel: .Fichte, Sendling und
nes immer mitschwingt. Und wenn er grundsätzlich Schleiermacher' enthält eingehende Auszüge aus den
immer nur den Staat, nie aber das Volk als eigen- Werken dieser philosophischen Klassiker, während das
ständige Größe sah, so konnte er doch, nüchterner Real- vierte und letzte Kapitel: ,Hegel und die Stellung der
Politiker, der er war, im preußischen Osten an der Theologie zu ihm' außer Abschnitten über ,Hegels philo-
Tatsache des Vorhandenseins von Polen, Litauern und sophisches Begreifen von Religion und Christentum'
Masuren nicht vorüber. Da trat er dann auch im recht- und .einzelne christliche Lehren und Vorstellungen' auch
verstandenen Interesse des Staates für die Pflege des die Äußerungen Ferd. Christ. Baur's über ,den Ursprung
besonderen Volkstums ein; da sah er dann auch die des Christentums' sowie die vom Verfasser selbst über-
Gefahren, die auf diesem Gebiete von der katholischen setzten bedeutsamen Gedanken ,Sören Kierkegaard's zur
Kirche her drohten. Im Übrigen aber hat ein Schüler dialektischen Kritik am idealistischen Christentumsver-
von Rothfels die Kirchenpolitik Schöns dargestellt, und ständnis' bringt. Manche Stücke sind, wie der Verfasser
es sei deshalb auf dies Buch hier hingewiesen (Herward selbst zugibt, für den mit der Geschichte der philosophi-
Bork: Zur Geschichte des Nationalitätenproblems in sehen Begriffswandlung wenig Vertrauten, „nicht leicht
Preußen. Die Kirchenpolitik Theodors v. Schön in Ost- zu verstehen" und es kam mir daher der Gedanke, ob
und Westpreußen. 1933). man das Ganze nicht so hätte gestalten können, daß die

Beilin. Otto Lerche. Umformung des christlichen Denkens in der Neuzeit am

--____ , Wandel der Auffassungen zentraler christlicher Vorstel-

Hirsch, Prof. D. Emanuel: Die Umformung des christlichen lungen, wie z. B. Offenbarung, Gottesglaube, Sohn Oot-

Denkens in der Neuzeit. Ein Lesebuch. Tübingen: J. C. B. Mohr tes, Versöhnung, biblischer Kanon, Reich Gottes u.a.

(Paul Siebeck). 1938. (343 s.) 8°. rm 7.80; geb. 9.60. i aufgezeigt worden wäre. Vielleicht würde auf diese
„Das Lesebuch, das hier aus den Zeiten etwa von Weise der Wandel christlichen Denkens von der Auf-
Leibniz bis Hegel zusammengestellt ist, will weder ein klärung bis in die Gegenwart noch deutlicher erkenn-
theologiegeschichtliches oder philosophiegeschichtliches har geworden sein. Doch auch in der vorliegenden Form
Quellenwerk noch auch ein dogmatisches Kompendium bildet das Buch eine vorzügliche „Unterlage für theosein
. Es beschränkt sich auf den einen Zweck, das logische Übungen zur Geistesgeschichte der letzten Jahr-
Schicksal des christlichen Denkens in der Neuzeit an hunderte".

für uns in Deutschland wichtigen Geschehnissen und Ta- | München. _ _R. F. Merkel.