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Ausgabe:

1939 Nr. 2

Spalte:

63-66

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonhoeffer, Dietrich

Titel/Untertitel:

Nachfolge 1939

Rezensent:

Michel, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 2.

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Besonders wichtig ist, daß Hirsch sich eindeutig auch
für ein neues Verhältnis zum römischen Katholizismus
einsetzt. „Die Entscheidung darüber, ob Deutschland
künftig noch das Land der Reformation sein wird oder
nicht, darf von uns, wenn wir auf lange Sicht arbeiten,
nicht an den Bestand einer evangelischen Konfessionskirche
gebunden werden. Es kann im Letzten nur darum
gehen, daß das Verständnis des christlichen Glaubens,
das im deutschen Volke künftig lebendig sein wird, bestimmte
, uns unaufgebliche Züge reformatorischen Christentums
trage und bewahre. Das ist aber nicht auf dem
Wege konfessioneller Selbstbehauptung zu erringen, sondern
allein dadurch, daß die evangelischen Christen lebendig
genug sind, das Evangelium in die heutige Gestalt
deutschen Denkens und Lebews hineinzuleben"
(S. 69 f.).

In dem Aufsatz über „Geschichtserkenntnis" geht es
um die Frage nach der Objektivität der geschichtlichen
Erkenntnis. Klar und bewußt verlangt Hirsch auch von
dem Historiker eine Entscheidung über die letzten Zusammenhänge
und Bindungen, von denen aus überhaupt
erst das Geschehen zu verstehen ist. Der Sinn jeder geschichtlichen
Erscheinung wird in den Grenzsetzungen
durch das Politische und Religiöse erfaßt. Besonders
wichtig ist hierbei, daß eine gläubige Geschichtserkenntnis
auch einen Blick für die Umwege und für die Verschlingung
von Tat und Fügung hat.

„Luthers Berufung" wird mit derjenigen von Paulus
verglichen. Gemeinsam ist bei beiden die Berufung durch
den Gott des Evangeliums. Verschieden ist aber die Art
der Berufung. Bei Luther gliedert sich in ein langsames
Werden auf, was bei Paulus plötzlich über ihn kommt.
Der wichtigste Unterschied liegt darin, daß es sich einmal
um eine Berufung zum Christentum handelt, das
andere Mal um eine solche im Christentum. Die rassische
Verschiedenheit ist wesentlich mitbestimmend.

In dem Kierkegaard-Aufsatz wird besonders auf dessen
germanische Frömmigkeitsart hingewiesen. Gleichsam
als Symbol für die weltweite Geöffnetheit der deutschen
Theologie steht am Ende eine kurze Besprechung
der amerikanischen Rede von Hans Grimm.

Bei der Durcharbeit entstehen mancherlei Fragen.
Vier Einwände seien genannt: 1. Bei der Neubesinnung
der Theologie dürfte Schleiermacher eine positivere Würdigung
erfahren als es geschehen ist (S. 66, 71).

2. Bei der Geschichtserkenntnis ist die Abgrenzung
der „Tatsachen" von der „Geschichte" nicht einleuchtend
. Hirsch nimmt die Feststellung der Tatsachen aus
der existenziellen Bindung des Erkennenden heraus und
läßt diese nur für die Geschichtserkenntnis gelten (S. 76,
77, 79f.). Durch diese Unterscheidung wird die strenge
Wissenschaftlichkeit auf die Voraussetzungslosigkeit eingegrenzt
.

3. Bei der Vergleichung der beiden Berufungsarten
erschließt sich in der vorliegenden Form kein Verständnis
für die paulinische Art der Berufung auf germanischchristlichem
Boden. Hier gab es doch auch plötzliche Bekehrungen
bei Menschen, die desselben Blutes waren wie
Luther. Es fehlt neben der rassischen Beurteilung noch
die charakterliche.

4. Sehr bedenklich ist es, von einer Gemeinsamkeit
im Gottesglauben zwischen dem Alttestamentlich-Jüdi-
schen und dem Christlich-Germanischen zu sprechen
(S. 102). Das sehr schwierige Problem liegt hier in der
grundsätzlichen Verschiedenheit der beiden Beziehungen,
die durch die beiden Bindestriche zum Ausdruck gebracht
werden.

Jena. H. E. Eisenhuth.

Bonhoeffer, Dietrich: Nachfolge. München: Chr. Kaiser 1937
(VII, 229 S.) gr. 8°. RM 4.40; geb. 5.60

Man könnte sich denken, daß dies Buch manchen
Theologen, der eine wissenschaftliche Untersuchung des
Nachfolge-Problems erwartet, die an sich wirklich nötig
wäre, enttäuscht, weil es alles exegetisch-gelehrte Bei-

j werk und jede geschichtliche Herausarbeitung der Frage-
! Stellung vermeidet. Eine derartige Enttäuschung würde
I vielleicht dazu führen, daß man B.'s Arbeit nicht ernst
I genug nimmt. Außerdem geht es wohl jedem theolo-
! gischen Leser dieses Buches so, daß viele Fragen ge-
: rade durch seine Lektüre wachgerufen werden, die exege-
tisch und theologiegeschichtlich beleuchtet werden müssen
, die darum auf eine weitere Bearbeitung drängen.
! In diesem Sinne wünsche ich ihm, daß es kein Einzel*
! gänger, sondern ein Wegbereiter werde. B.'s Buch ist
j ein in strengem Sinne kirchliches Buch, das also theolo-
I gische Arbeit nicht intellektualistisch treibt, sondern im
' Zusammenhang mit der Lehre vom Worte Gottes und
mit der Tatsache der Kirche zu denken lehrt. Das Nachfolge
-Problem ist nicht gerade beliebt, lauert doch links
und rechts vom Wege eine Fülle von Gefahren: auf
j der einen Seite verirrt man sich leicht in eine Gesetz-
l lichkeit, die das Wort Jesu mißversteht, auf der anderen
Seite wird durch einen raschen Rückzug auf die Christ*
t liehe „Gesinnung" der Ernst des biblischen Wortes
! entleert. P. Althaus hat einmal die schöne Wendung
gebraucht: „Wir sollen seinen Weg als einen eignen
Weg gehen" (Leitsätze zur Ethik, 1928, 31), aber in
der Ausführung dieses Satzes bleibt das, was er ver-
j meiden will, sehr viel deutlicher als das, was nun positiv
i zu sagen wäre (a. a. O. § 11). Und wir müssen be-
| stätigen: katholische invitatio und Werkgerechtigkeit,
! falsch-pietistisches Heiliguingsstreben und bedenkliche
Gesetzlichkeit („what would Jesus do?"), das vielgerühmte
„Tatchristentum" aller Schattierungen machen
' nicht gerade Mut, wenn man den biblischen Begriff
i der Nachfolge zu Ehren bringen will. Man kann unter
dieser Parole mancherlei Verkürzung und Entstellung
| auf die Beine bringen. Und doch sollte man nicht den
i Versuch aufgeben, die christliche Heiligung als „Nach-
i folge" zu beschreiben; in dieser Verdeutlichung kommt
[ ein bestimmtes theologisches Verständnis zum Ausdruck.
! Theologie der „Nachfolge" wäre vielleicht sogar ein
besserer Begriff als etwa „Ethik", wenn man ihr
Grundverständnis gesichert hätte. Und es ist nun
| einmal so, daß wir es hier mit einer Kernfrage
unserer Zeit zu tun haben. Es ist Tatsache, daß
eine Predigt von der „billigen Gnade" bei uns
j im Schwange ist, um einen Ausdruck B.'s zu verwenden
, die den Ernst der Nachfolge verdirbt. Man
müßte kirchengeschichtlich fragen: wo setzt die Umbildung
der schrankenlosen und radikalen Gnadenverkümdi-
gung zu einer sich selbst isolierenden, die Nachfolge
i nicht einschließenden Gnadenanbietung ein? Ist nicht
I mit dieser Umbildung auch eine bezeichnende Veränderung
auch des Gottesgedankens gegeben? Ist die im
I Protestantismus gegebene Verflochtenheit des Evangeliums
mit dem Kultur- und Staatsleben bereit, die Nach-
| folgeforderung aufzunehmen? Ist Luthers Theologie und
j sein neues Verständnis des Evangeliums auch eine Wie-
i derauf nähme der Nachfolge-Forderung? Wir kommen
! um diese Fragen nicht herum. Die wichtigsten Thesen
! B.'s müssen hier genannt werden: 1. Billige Gnade heißt
j Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, ver-
i schleuderter Trost, verschleudertes Sakrament. Billige
I Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System;
| heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt
j Liebe Gottes als christliche Gottesidee (S. 1). 2. Der
I Ruf in die Nachfolge ist Bindung an die Person Jesu
] allein, Durchbrechung aller Gesetzlichkeiten durch die
Gnade dessen, der ruft. Nachfolge ohne Jesus Christus
ist Eigenwahl eines vielleicht idealen Weges, vielleicht
! eines Märtyrerweges, aber sie ist ohne Verheißung, Jesus
muß sie verwerfen (S. 14, 15). 3. Nachfolgen heißt
bestimmte Schritte tun. Bereits der erste Schritt, der
auf den Ruf hin erfolgt, trennt den Nachfolgenden von
seiner bisherigen Existenz. So schafft sich der Ruf in
die Nachfolge sofort eine neue Situation. In der alten
Situation bleiben und nachfolgen schließt sich aus (S.
17). 4. Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur Ge-