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Ausgabe:

1939 Nr. 2

Spalte:

59-61

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scherding, Pierre

Titel/Untertitel:

Christophe Blumhardt et son Père 1939

Rezensent:

Wolf, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 2.

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Hinweise seien als Andeutungen gegeben: besonders j
deutlich wird, wie Fliedner in seiner zähen Nüchternheit ■
sich das einmal als richtig erkannte Ziel nicht verrücken
läßt, wie er mit dem romantischen Grafen v. d. Recke :
und allezeit auch mit den oft noch romantischeren j
Abwegigkeiten seines Königs fertig wird, wie er alle j
Hemmungen aus der Regierungsbürokratie und auch j
aus der der Kirche nicht fremden „guten" Gesellschaft j
überwindet, wie er langsam Stein um Stein das Werk
der Satzungen, der Hausordnung, der Leitung, der Wirtschaft
und der Finainzen selbst baut und seiner Schöpfung
in der Tat das senfkorngleiche Leben einflößt, j
mit dem sie in 100 Jahren stark und kräftig geworden
ist. Aber es sind ja nicht nur die Diakonissensache und
die Einbeziehung brachliegender weiblicher Arbeitskräfte I
in die kirchliche Arbeit, die Fliedner Entscheidendes
zu verdanken haben. Wenn Fliedner auch nicht so tief
wie Wichern von den sozialen Nöten der Zeit ergriffen
war, so tat er doch was er nur tun konnte auf dem
Gebiete des Gefängniswesens, der Fürsorgeerziehung,
der Kleinkinderschulung, der Lehrerinnenbildung, der j
Waisenpflege und dann auch zur Ausbildung des Pfarrer- I
nachwuchses und vor allen Dingen zur Belebung des
evangelischen Buchhandels. Aus dem Kapitel „Wider
Rom" heben wir mit Zustimmung die Ausführungen über I
den Duisburger Katechismus hervor und stimmen G. gern |
in der Beurteilung des Protestantischen Bundes und des l
Protestantischen Vereins bei. Den Abschnitt betr. den
Gustav Adolf-Verein hätten wir lieber nicht im Kapitel
„Wider Rom", sondern sachlich verknüpft inmitten der
weltweiten Arbeit Fliedners gesehen: Jerusalem, Konstantinopel
und Smyrna z. B. sind in der evangelischen |
Kirchengeschichte Deutschlands Begriffe, in den Flied-
nersche Diakonissenarbeit und Gustav Adolf-Vereinswerk
ganz eng und segensreich verbunden erscheinen. Im t
letzten Abschnitt des Buches wird der Arbeit Disselhoffs,
der in Fliedners Fußtapfen trat, gedacht.

Aller mit Fliedners Hilfe, Anregung und Beratung |
erbauter und gegründeter Diakonissen-Mutterhäuser wird i
z. T. mit reichen Nachweisen Erwähnung getan. Über
die Berliner Einrichtungen — namentlich über Bethanien
— hörte man gern noch Weiteres. Bei der so häufigen
Erwähnung des Koblenzer Hauses der Barmherzigen
Schwestern vermissen wir eine Erwähnung des ausgezeichneten
Bonner Hauses dieses Ordens und seiner
Leiterin, der Amalie von Lasaulx (Schwester Augustine), j
einer wahrhaft evangelischen Diakonisse im katholischen
Ordenskleide (gest. 1872).

Begrüßenswert ist besonders, daß G. immer wieder
die zumal heute voll verständliche politische Haltung
Fliedners und seine Stellungnahme zu Zeitereignissen !
und Zeitfragen deutlich werden läßt. Unzweifelhaft geht j
dem Diakonissenvater eine gewisse Enge und eine kal- I
vinisch angehauchte harte Strenge, die sich oft in Barschheit
äußert sowohl gegenüber den Schwestern wie auch
in der Familie nicht ab, so daß es oft schwer wird,
neben der Leistung des Mannes auch die kämpferische,
aufrichtige Persönlichkeit in ihrer Frömmigkeit und Zartheit
anzuerkennen. G. hat hier und da einen Vergleich
mit Wichern angedeutet, aber nicht durchgeführt. Ein
solcher Vergleich fiele nicht zu Gunsten Fliedners aus.
Beide, Wichern wie Fliedner, belastet durch ein dunkles i
Erbe, geprüft in schwerem Lebensleid und geladen mit
unerhörter Arbeitsenergie, haben auf ihrem Gebiete I
Bahnbrechendes geleistet, aber eine Zusammenarbeit
war nicht möglich.

Berlin.___Otto Lerche. j

Scherding, Pierre: Christophe Blumhardt et son Pere. Essai !
sur un mouvement de realisme chr£tien. Paris: Librairie Felix Alcan j
1937 (211 S.) gr. 8° = Etudes d'Histoire et de Philosophie religieuses
Publikes par la Faculte de Theologie Protestante de l'Universitd de j
Strasbourg. Nr. 34.
Die vorliegende Habilitationsschrift des Bischweier
Pfarrers, der sich dadurch den Titel eines Lizentiaten der j
Theologie erworben und inzwischen zum außerordent- j

liehen Professor (maitre de Conferences) für praktische
Theologie an der Straßburger Fakultät ernannt worden
ist, sucht durch eine Prüfung der religiösen Gedankenwelt
der beiden Blumhardts ihre theologische Grundhaltung
herauszuarbeiten und damit den theologischen
Ertrag des Wirkens dieser prophetischen Persönlichkeiten
neu ins Licht zu stellen. Wenn man an die gegensätzliche
Beurteilung denkt, die Blumhardt Sohn im Lager
der dialektischen Theologie erfahren hat, wo E. Thur-
neysen (1927) ihn ebenso anerkennend würdigte, wie
Paul Schütz (1932) ihn mit Schleiermacher als Imma-
nentisten weit von sich stieß, wenn man weiter überlegt,
daß Ragaz mit der Zeichnung des Kampfes von Vater
und Sohn (1921) seine eigene Auffassung aufs engste
verwoben hat, so wird man eine erneute sachliche Untersuchung
als überaus dankenswert bezeichnen müssen.

Sch. entwirft zunächst ein Bild der Entwicklung und Wirksamkeit, sowie
des theologischen Denkens vom Vater Joh. Chr. Blumhardt, dessen hetero-
doxe Eigenart in der Ursprünglichkeit seines realistisch-eschatologischen
Reichsgottesbegriffs deutlich zu Tage tritt und das bereits alle Elemente
in sich enthält, die der Sohn theologisch weiterentwickelt hat. Diesem
erwachsen die Grundlinien seines Denkens aus einer tiefgehenden Kritik
des zeitgenössischen Christen- und Kirchentums. Der Schöpfungsgedanke
ist für Bl. von grundlegender Bedeutung. Die Schöpfung ist der Beginn
der Inkarnation, sie richtet sich gegen die Mächte des Bösen, die der
Mensch als Ebenbild Gottes vernichten soll. Auch der Sündenfall kann
daran nichts ändern, das Böse wird letztlich ein Mittel im Dienst der
göttlichen Vorsehung. Die Erlösung gipfelt in der Sündenvergebung und
hat als Hintergrund keine Satisfaktionstheorie, sondern die Gesinnung
des verlorenen Sohnes, der die vergebende Liebe des Vaters ergreift. Jesus
wird in seiner Menschlichkeit geschaut und verstanden als Repräsentant
Gottes in der Menschheit, der die Mächte des Bösen besiegt hat. In
ihm ist das Reich Gottes eingebrochen in die Zeit, durch ihn kommt
die Schöpfung zur Vollendung. Das Reich Gottes ist transzendent und
immanent zugleich, es verwirklicht sich in der Zeit und auf dieser Erde,
(wie das jüngst noch Karl Heim (Jesus der Weltvollender) in acht schwäbischem
Realismus betont hat). Menschwerdung und Erlösung haben
kosmische Bedeutung, was wir überall da finden, wo der Auferstchungs-
gedanke den Vorrang gewinnt vor dem Kreuzesgedanken, wie das auch
die Christengemeinschaft zeigt. Es ist somit richtig, dali die Theologie
Blumhardts in schärfstem Gegensatz zur Konzeption der dialektischen
Theologie steht, die weder mit dem Gedanken der Inkarnation, noch
mit der Menschheit Jesu etwas anzufangen weiß und viel eher paulinisch
als synoptisch orientiert ist.

Der christliche Realismus, wie Scherding die Blum-
hardtsche Auffassung des Christentums zusammenfassend
bezeichnet, richtet sich einmal gegen den Spiritualismus
, indem er mit Oetinger die von Gott geschaffene
Leiblichkeit zur Geltung kommen läßt. Er richtet sich
weiter gegen den religiösen Transzendentalismus, der den
Menschen individualistisch und oft egoistisch auf das
Jenseits verweist, ferner gegen den optimistischen Idealismus
, der die Macht der Sünde und die Realität des
Bösen verkennt, die Blumhardt mit den dunkelsten Farben
gezeichnet hat. Aber Bl. ist auch ein Gegner des
evolutionistischen Historismus und Immanentismus, weil
der Fortschritt des Reiches Gottes nur durch Gottes
Eingreifen bewirkt wird und seine Vollendung auf seinem
endgeschichtlichen Handeln beruht. Immanenter Fortschritt
hat oft für das Reich Gottes einen Rückschritt
bedeutet. Auch soll nicht der Christ von der Welt, sondern
mit der Welt erlöst werden und ist zur Mitarbeit
an dieser Erlösung aufgerufen. Die „Zeichen der Zeit"
lassen bald Eingriffe von oben erwarten, bald weisen sie
auf Aufgaben, die in Angriff zu nehmen sind. (So erklärt
sich Bl. Eintritt in die sozialdemokratische Partei.) So
sucht Bl. Tranzendenz und Immanenz in enge Beziehung
zu bringen, was mit seinem Biblizismus unmittelbar zusammenhängt
.

Scherding weiß lichtvoll die theologischen Gedanken
Bl. darzustellen, er weist nach, daß die Lehren des Vaters
vom Sohne, ohne daß von einem Bruch geredet werden
könnte, weiterentwickelt worden sind. Er weist zwar
auch auf Widersprüche in Bl. Theologie hin, aber bei
welchem Denker wären solche nicht zu finden? Mit
Recht aber betont er, daß Bl. ein großer Anreger gewesen
ist. Die Religiös-Sozialen der Schweiz (Ragaz,
Kutter und Frankreichs (Chr. Dieterlen, der Rothauer