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Ausgabe:

1939 Nr. 1

Spalte:

21-23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riedesel, Erich

Titel/Untertitel:

Pietismus und Orthodoxie in Ostpreußen 1939

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 1.

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Mitherausgeber des Lexikons. Die „Einflüsse auf die bei näherem Zusehen ergibt sich, daß es nicht die grund-
Geschicbte der Mennoniten" geben einen großzügigen sätzlichen Lehrmeinungen sind, die die Kirche gespalten
Überblick; seit 1530 kehrt sich der Kurfürst nicht mehr i haben, sondern es sind die führenden Männer, die Per-
nm das kaiserliche Mandat. Das Mittel der Religionsge- [ sönlichkeiten in ihrer oft nicht zureichenden Zulänglichspräche
spielt eine große Rolle, dazu Verbot der Wer- keit. Johann Jacob Quandt, der Oberhofprediger und
bung. Über Täufer in Speyer berichtet Hein-Sembach, ! in Königsberg führende Theologieprofessor, der Vater
Vertriebene Tiroler haben 1533 da für ihren Glauben der Orthodoxie in Ostpreußen, war ohne Zweifel ein
gearbeitet und etliche gewonnen. Ein umfangreicher ernsthafter Theologe und in seinen jüngeren Jahren
Prozeß brachte Tortur mit Widerruf und Urgicht, Oe- t auch ein angesehener Hochschullehrer gewesen. Aber
iängnis, Ausweisung und Brandmarkung. Dagegen er- wenn es jemals richtig ist, daß die der Reformationszeit
wies der Vorwurf des Libertinismus sich als Verleumdung folgenden Theologen aus der wieder entdeckten frohen
wie auch anderwärts. Im Ganzen bietet sich eine auch Botschaft von der Gnade Gottes eine erkältende Lehre
sonst bekannte Entwicklung. Einige interessante Urkuu- ] gemacht haben, dann ist das auf Quandt anzuwenden;
den zur Geschichte des Täufertums im Stift Kempten i und wenn je eine theologische Lehre lebensfremd und
legt W. Köhler-Heidelberg vor. Es ist eines der wenigen i volksfern gewesen ist, dann wird man es von der
katholischen Gebiete, in denen man den kaiserlichen i Quandts und seiner Schüler sagen dürfen. So korrigiert
Edikten zuwider zu handeln wagte, sicherlich unter Ein- R. in vieler Hinsicht die sonst so dankenswerte und auf-
fluß der protestantischen Nachbarstädte. Die Landes- schlußreiche Biographie Quandts aus der Feder A. Nietz-
ordnung von 1544 setzte Verkauf von Hab und Gut kis (1908). Die Sympathien des Verfassers befinden sich
und Ausweisung fest. (Der Satz S. 68 scheint mir ganz offenbar auf der Seite Rogalls und Schultzens,
darum nur bedingt richtig: Die Täufer . . werden . . auf der Seite der Hauptvertreter des ostpreußischen
dem Reichsrecht unterstellt). Eine weitere Verordnung Pietismus, dessen führende, tätige Männer eine Syn-
von 1562 befahl die Beisetzung akatholisch Verstor- these der Lehre und ihrer Anwendung im menschlichen
bener unter dem Galgen. Über die Geschichte seiner Alltag in jenen Königsberger Tagen verlebten, die auf
Gemeinde Elbing-Ellerwald schreibt E. Händiges. Von dem Gebiete der kirchlichen Praxis und der Schüler-
Herzog Albrecht trotz des Abratens Luthers angesiedelt Neuerung schlechthin Vorbildliches leisteten,
erlebten die dortigen Taufgesinnten eine verhältnismäßig Von besonderer Bedeutung ist die Heranziehung und

ruhige Entwicklung. Durch Urbarmachung von Sumpf- , ab und zu die selbständige Einmischung der Staats-
gelände und Neugewinnung von Nutzland wie durch ; führung in den Kampf der kirchlichen Gruppen. Der
industrielle Tüchtigkeit gewannen sie so die Gunst des j alte Holzkämmerer Oehr, der Vater des Kollegium
Rates, daß ihnen selbst Freiheit vom Eid genehmigt Fridericianum, — vgl. Th. Wotschke, zit. Theol. LH.
wurde. Durch Sittenstrenge erwarben sie auch hier sich i Ztg. 1936, Nr. 23, Sp. 421 — und Lysius, in ihrer
die Achtung der Mitbürger, sodaß sie ebenso vor dem ■ Weise Vorläufer Rogalls, hatten für ihre Absichten VerNeid
der Städter wie vor den Verdächtigungen des Cul- | ständnis und Förderung bei König Friedrich [. geloschen
Bischofs und den Ausweisungsbefehlen des pol- funden. Nichts war selbstverständlicher als daß der
nischen Königs Schutz fanden. Crous-Berlin gibt aus Pietistenkönig Friedrich Wilhelm I. Rogall und Schultz
seinem Arbeitsbereich einen Beitrag zu den Bibelüber- | eifrig und aufrichtig förderte; und nur allzu begreiflich
Setzungen von Haetzer und Denk. Sie werden biblio- mußte es sein, daß die zu Rationalismus und Aufklärung
graphisch interessant beschrieben; zugleich erfahren wir, i neigenden Vertreter der alten Orthodoxie beim Thronweich
eigenartige Wege die Drucke zurücklegten, durch Wechsel Morgenluft witterten. Aber König Friedrich II.
Klöster und Jesuiten, über Professoren und Pfarrer Heß die Pietisten, ließ Schultz und die Seinen in ihrer
in öffentliche Büchereien. Den Beschluß des Buches Tätigkeit und in ihrer dem Lande in seinen vielen Nöten
bildet eine Übersicht über die Mennoniten in der allge- 1 und Unruhen aufhelfenden Wirksamkeit für Kirche und
meinen deutschen Literatur und eine Bibliographie von t Schule. Lediglich in der äußeren Verwaltung der Kirche
D. Chr. Neff (S. 89—96), dem hochverdienten Führer schuf er eine Staatsbehörde, das Konsistorium, das aber
deutschen Mennonitentums und Bahnbrecher mennoni- weder der einen noch der anderen kirchlichen Partei
tischer Geschichtsforschung, dem auch das Heft gewid- und theologischen Richtung verhaftet war. Riedesel zeigt
inet ist. Es ist dem mennonitischen Geschichtsverein die vielseitigen und wohltätigen Wirkungen des ost-
zu wünschen, daß er noch weitere Arbeiten herausbriu- preußischen Pietismus, der aus dem lebenswarmen, prak-
gen kann. tischen Geiste Schultzens lebte und die Enge der alt-

Robert Dollinger. gewordenen Hallenser weit hinter sich ließ. Schultz

- und die Seinen waren als Hochschullehrer Gelehrte

Riede sei, Erich: Pietismus und Orthodoxie in Ostpreußen. |!nd F"hrer des theologischen Nachwuchses von vorbild-
Auf Grund des Briefwechsels O. F. Rogalls u. F. A. Schultz' mit den , "cnem hinsatz. Gerade gegenüber Quandt und seinen
Halleschen Pietisten. Königsberg u. Berlin: Ost-Europa-Verlag 1937. veralteten akademischen Methoden vertraten die Pietisten
(VII, 231 S.) 8° Schriften d. Albertus-Univ. Oeisteswiss. Reihe. in Königsberg eine lebendige und pädagogisch gut fun-
Bd. 7. RM 8.50. dierte und anspruchsvolle Wissenschaft. Im letzten Jahr-

Das vorliegende Buch bietet zunächst eine Enttiiu- zehnt Friedrich Wilhelms I. hat Schultz mit seiner
schung. Man greift zu ihm in der durch den Titel glühenden Seele die ostpreußische Kirche neuaufgebaut
geweckten Hoffnung, daß hier bisher unbekannte Quel- ; und sie auf eine Höhe geführt, die Speners Idealen in
len benutzt und dargeboten werden. Tatsächlich aber vieler Hinsicht außerordentlich nahe gekommen ist.
hat R. nur die von Th. Wotschke 1928—1930 heraus- ,; Das Wertvollste an R.'s Buch ist die uns immer
gegebenen Briefe seiner Arbeit zu Grunde gelegt. Da- , aufgezwungene Notwendigkeit, geschichtliche Vergleiche
neben aber hat er vor allen Dingen Rogalls (gest. anzustellen und Parallelen etwa mit der kirchlichen üe-
1733) und Schultzens (gest. 1763) theologisches Schrift- genwart zu ziehen. Der Pietistenkönig wußte, was er
tum, die Bibelausgaben, die Gesangbücher, die Denk- von seinen Untertanen zu halten hatte: „Die Leute wür-
und Streitschriften, die Schul- und Kirchenordnungen ( den auf sein Begehren ja Juden, Türken und Heiden
Ostpreußens jener Zeit sorgfältig herangezogen, und werden, wenn er ihnen nur ein Scharwerk erließe, weil
so ist ein recht vortreffliches und wohlabgewogenes Bild sie von Gott nichts wüßten!" —

von der Überwindung der abgestorbenen Orthodoxie in Was wird aus der Lehre von Buße und Gnade hier

Ostpreußen entstanden, für das wir dem Verfasser von und da, vom tätigen Christentum und von kirchlicher
Herzen dankbar sein können. Zucht in dieser und in jener Hand, nach diesem und nach

Es ist im Grunde auch hier das alte Lied von zwei jenem Vorbilde!? Wie kann dieselbe reine Lehre in
theologischen Schulmeinungen, die aus Prinzipien her- praktischem Idealismus vorgelebt und in weltfremdem
aus im härtesten Kampfe wider einander liegen. Aber | Doktrinarismus erschlagen werden!