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Ausgabe:

1939

Spalte:

7-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwyzer, Eduard

Titel/Untertitel:

Griechische Grammatik ; 1.Allgemeiner Teil, Lautlehre, Wortbildung, Flexion 1939

Rezensent:

Walters, Peter

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Theologfische Literaturzeitung 1939 Nr. 1.

Schwyzer, Prof. Eduard: Griechische Grammatik im Anschluß
an Karl Brugmanns Griechische Grammatik bearbeitet. 1. Lfg. Allgemeiner
Teil und Lautlehre. München: C. H. Beck'sche Verlags-
buchh. 1934. (XXVII, 414 S., m. 3 Karten, davon 2 im Text) 4° =
Handbuch der Altertumswissenschaft, hrsg. v. Walter Otto. II. Abt.,
I. Tl., 1. Lfg. RM 22-.

Daß Kenntnis des Griechischen zur unentbehrlichen Ausstattung des
Theologen gehört, ist eine der unverlierbaren Einsichten der Reformation.
Daß aber hierzu der auf der grammatischen Forschertätigkeit der Alexandriner
aufgebaute Schulbetrieb nicht die ausreichende Grundlage biete,
hat die vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft des letzten
Jahrhunderts erwiesen. Hat sie doch ungeahnte Hintergründe enthüllt
und erst den Maßstab zur Beurteilung überlieferter Lehren und Tatbestände
geliefert, wie auch zur Bewältigung des fast unübersehbaren neu
erschlossenen Reichtums an Inschriften, Papyris und literarischen Neufunden
. Ohne ihre Hilfe wäre die Frage nach dem Verhältnis der Dialekte
zu einander .wie der allgemein sprachgeschichtlichen Entwicklung
nicht zu beantworten gewesen. Und doch ist der Beitrag, den nur sie
zu liefern imstande ist, noch längst nicht so ins allgemeine Bewußtsein
eingegangen und zur selbstverständlichen Grundlage des Betriebs von
der Elementarstufe an geworden, wie es erforderlich ist. Das ist insofern
schwer zu verstehen, als in der Lebensarbeit von Männern wie Delbrück
, Brugmann, J. Schmidt, J. Wackernagel, W. Schulze, Solmsen die
strengsten Anforderungen an philologische Exaktheit in der Beurteilung
der Sprachzeugnisse erfüllt sind.

Was hier allgemein ausgeführt ist, kann jeder Benutzer von De-
brunrcers ntl. Grammatik bezeugen. In ihr hat die philologisch gewordene
Sprachwissenschaft dem Theologen ein ausgezeichnetes Arbeitswerkzeug
dargeboten. Nur daß die ntl. Grammatik, will sie ihre Grenzen
nicht überschreiten, stets nur die Teile des Sprachganzen ausführlicher
behandeln kann, die dem NT in Auswahl, Entfaltung, Fortbildung oder
Neugestaltung des klassischen Reichtums eigen sind. Um so dankbarer
dürfen wir sein, daß nunmehr eine Gesamtdarstellung aufgrund derselben
gleichmäßigen Durchdringung der sprachgeschichtlichen wie einzelsprachlichen
Einsichten erscheint, die gestattet, jeden besonderen Zweig der
Sprachentwicklung plastisch auf dem Hintergrund des Ganzen zu sehen,
und die Voraussetzungen, die Debrunners Werk so fruchtbar machen,
ausdrücklich und ausführlich entwickelt. Darum ist das Erscheinen von
Ed. Schwyzers Griech. Grammatik, von der der „Allgemeine Teil" und
die Lautlehre vorliegt, ein bedeutsames Ereignis auch für den Theologen.
Ihm ist der Verfasser kein Fremder. Hat er uns doch 1898 die erste
geographisch abgegrenzte Darstellung des hellenistischen Idioms geschenkt
, die „Grammatik der pergamenischen Inschriften", eine Züricher
Preisschrift, die, oft weit über den abgesteckten Rahmen ins Grundsätzliche
hinausgreifend, das Muster einer Reihe ähnlicher Arbeiten, bis hin
zu Maysers Papyrusgrammatik der Ptolemäerzeit, geworden ist. Ihm verdanken
wir die Endgestalt von Meisterhans' Grammatik der attischen
Inschriften (1900) wie die Darstellung der Vulgärsprache der attischen
Fluchtafeln (NJklA 1900) und eine Fülle von Einzelstudien, deren Ertrag
nun in das große, langsam reifende Gesamtwerk eingeht, ein Werk,
das nicht, als „Handbuch", von eigner Forschung Abstand nimmt, sondern
, gerade in der Zusammenfassung, selbst Forschung und Anregung
in lebendiger und weit über Handbuchweise zum richtigen Lesen einladender
Darstellung bietet.

Die Weite der Gesichtspunkte mögen die Eingangsworte zeigen:
„Lebenselement alles philologisch-historischen Wissens ist Vertrautheit
mit der Sprache. Das bedeutet zunächst praktische Sprachkenntnis. Denn
diese muß die Grundlage bilden auch für die wissenschaftliche Sprachbetrachtung
, die neben dem Sprachkönnen ihr eigenes Recht hat. Wissenschaftliche
, insbesondere geschichtliche Sprachbetrachtung ist nicht etwa
nur Selbstzweck, sondern schlechthin unentbehrlich auch für das Verständnis
der Literatur wie der Realien und der Geschichte eines Volkes.
Für die Realien steht der Wortschatz voran, zu dessen Ergründung sich
sachliche und grammatische Forschung die Hand reichen müssen ; für
Literatur und Geschichte ist jede sprachliche Äußerung vom Laut über
Wort- und Formenbau zu Satzbau und Gedankenführung von Belang.
Als Äußerung des Volkes, das eine Sprache spricht, ist jede Sprache ein
Zeugnis der Volksgeschichte."

Von besonderer Bedeutung für uns und in dieser Zusammenfassung
für Viele ganz neu ist der vorausgeschickte „Allgemeine Teil" (1 — 165).
Fr bespricht der Reihe nach : A. Stellung und Bedeutung der griech.
Sprachgeschichte. B. Überblick über die wissenschaftliche Beschäftigung
mit der griech. Sprache von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dann
ausführlicher C. Sprachtheoretisches und Methodologisches (Lautgesetz
und Analogie; Erklärung der lautl. Veränderungen ; Soziologische Sprachbetrachtung
; Methodologisches). D. Lexikographie, Wortforschung, Etymologie
. Dann auf über 90 Seiten mit viel Kleindruck E. Äußere Geschichte
der griech. Sprache: 1. Abstammung und genealogische Verwandtschaft
. 2. Nachbarschaftliche und geschichtlich-kulturelle Beziehungen
zu indog. und nichtindog. Spr.; vorgriechische Substrate (das
ägäische Substrat und protoindog. sowie mittelmeerländische Elemente).
3. Das Urgriechische. 4. Die gr. Dialekte (mit Karten). 5. Die vorhellenistischen
Literatursprachen. 6. Das Gr. als Weltsprache des Hellenismus
: die Koine. 7. Die attizistische Reaktion. 8. Ausblick vom

I Altertum zur Gegenwart. 9. Das gr. Sprachgebiet im Wandel der Zei-
I ten (mit Karte). Dann folgt F. Die Schrift und G. Die Nebenüberlieferung
des Griechischen (das Griech. in fremden Spracheu sowie das
Fremde im Griechischen). Es versteht sich, daß neben der Fülle dessen,
was nur durch Voranstellung eines eigenen Hauptteils überhaupt vorgeführt
werden konnte, in Vorausnahme der folgenden Einzeldarstellung
i eine Menge wichtiger Sprachtatsachen so in ein eindrucksvolles Gesamt-
' bild zusammengefaßt werden konnte, das dem Nichtphilologen nun seiner-
j seits Lust macht, an die Darstellung des Besonderen Teils, der Laut-
I lehre, heranzugehen. Diese führt in zwei Hauptabschnitten vor „Die
gr. Laute in geschichtl. Zeit vom Beginn der Überlieferung bis zum
. Übergang ins Mittel- und Neugriechische" (178 - 234, Tabelle auf S. 233)
sowie, von der andern Seite, „Die Herkunft der gr. Laute". Phonetische
i und lautpsychologische Betrachtungen geben die Voraussetzungen für
das Verständnis an die Hand. Abschnitte über „Akzent und Quantität"
sowie über „Sandhi und Pause", also die Lautlehre der Wortgruppen,
vervollständigen das Bild.

Man darf wohl schon jetzt sagen, daß auch innerhalb des Ganzen
der „Allgemeine Teil" für den, der nicht Fachmann im engeren Sinn
ist, die größte Fülle des Neuen und Fesselnden bringen dürfte, wenngleich
beim Fortschritt des Werks über die Lautlehre hinaus, zur For-
I men-, Wortbildungs- und gar erst Satzlehre (Syntax) die unmittelbare
Anwendbarkeit für den Ausleger von Stufe zu Stufe wachsen wird. Die
j Fülle der in den Noten beigezogenen Parallelen aus modernen wie aus
uns entlegenen Sprachen auch außerhalb des Indogermanischen stellt
! noch einen besonderen Anschauungsschatz dar. Wie Wackernagel und
| Debrunner ist Schwyzer Deutsch-Schweizer, und es ist, als ob die Dop-
! pelsprachigkeit zwischen Dialekt und Schriftdeutsch das Beobachtungs-
I vermögen noch besonders schärfte. Bei Schwyzer kommt seine frühere
I Mitarbeit am Schweizerdeutschen Idiotikon hinzu, und er beschenkt uns
im Vorübergehen mit immer neuen aus feinster Beobachtung geschöpf-
j ten Belegen aus den heimischen Mundarten. Vielfach weiß er dem Bild
! auch dadurch schärfere Lichter aufzusetzen, daß er die Weiterentwicklung
ins Neugriechische angibt. So berichtet er S. 40 über eine Statistik
des griech. Sprachforschers Hatzidakis, nach der von 6840 home-
'• rischen Wörtern noch schwach die Hälfte im Attischen lebt; „von diesen
[ homerisch-attischen Wörtern ist etwa ein Drittel noch neugriechisch ;
i von etwa 4900 Wörtern des NT ist die Hälfte noch jetzt im Gebrauch ;
| vom Rest sind 400 heute unverständlich, die übrigen sind ebenfalls
I außer Gebrauch, werden aber noch verstanden". Die Charakteristik des
i indogermanischen Sprachzweiges geht bis in die Neufunde hinein ; wir
| werden über das Hettitische und Tocharische unterrichtet. Beim Abriß
! über die Wortforschung wird in die Probleme des Lehnworts, des Be-
I deutungslehnworts und des Sprachabklatsches eingetreten. Damit werden
uns wichtigste Gesichtspunkte an die Hand gegeben, ohne die wir die
Probleme unsrer biblischen Literatur nicht bewältigen können, in der das
griechische Idiom sich auf eigenartige Weise des zuerst semitisch geprägten
Stoffes bemächtigt, so gut es gehen will. Mit Recht fragt
( z.B. Wackernagel (IF31 [1913], S. 262 ff.), wieso gemeinromanisch
parabola anstelle von verbum treten konnte, und zeigt, daß in Lxx
! jiaQußoAi'i zu dem üblichen „ Vergieichang, Gleichnis" hinzu noch
j Sprichwort; (liedartiger) Spruch; Gnome; Gerede, Gespött bedeutet, und
j zwar all dies in Wiedergabe von hebr. Er findet von hier aus

eine Erklärung des seltsamen johanneischen irtupotuäu Im Sinn von
Rätselrede, das den antiken Gebrauch ebenso verfehle wie Luthers
, Spruch, Sprichwort den Sinn des Originals. Er wählt aus der Fülle
j der Beispiele noch so schlagende aus wie ftOQaxatotv: „Weil es sich
im Sinne von trösten zur Übersetzung gewisser Formen von Dro eignete,
wurde es nun auch in Wiedergabe anderer Formen dieser Wurzel ver-
j wendet" und öfters Passivformen im Sinn von Mitleid oder Reue
i empfinden. Er erweist, daß so noch heute In der gesamten romanischen
i Sprachwelt und in unserm Fremdwortschatz reich vertretene Wortsippen
J auf einer Besonderheit jüdisch-griechischer Übersetzungstechnik beruhen,
! und zitiert: „Im geschichtlichen Leben ist alles voll Bastardtum". Von
„Abklatschen", Neuschöpfungen von Wörtern und Wortgruppen (Redensarten
) nach dem anderssprachlichen Original ist die Lxx voll; fürs NT
verweise ich um der Kürze willen auf Debrunner § 5. Selbst für so
Spezielles findet Schwyzer Platz, wie, daß „die christliche n^turn von
j dem anklingenden hebr. 'ahfbnb f. Liebe beeinflußt sei (nach E. Hoffmann
) und <iy.Qo|St>oTiu für älteres -itoafKa von hebr. bw?, zugleich
I ein Beispiel von Verhüllung", wofür K.L.Schmidt in Theol. Wb. zitiert
I wird. Einzelheiten wie die Wiedergabe von Gubla durch Hi'ifMo;, von
'asdöd durch 'Aoi)8(ott (nicht -eöcüo!) werden gewissenhaft verbucht,
und ein Hinweis S. 25, N. 1 führt darauf, daß nach Solmsen, Beitr.
| z. Wortforschung I S. 31 der Nominativ öooüc, erstmalig in Lxx I. Rg.
I 14,4 auftritt, und Prov. 25, 19 in einem Teil der Überlieferung, wie
| I. Rg; 14,5 in allen Hss zu ööoe, entstellt, sowie, daß die Ansetzung
j von ö8o')v als „ionisch" dem Tatbestand gegenüber einfach nicht stimmt:
] es ist die alte, öSoi'i? die nach öiöov? analogisch neugebildete Form.

Höchst aufschlußreich können schon einfache Zusammenstellungen
i sein, so S. 226 'Evetoi, 'E., jünger (Polyb) Oijevetoi Veneti; "Aotiv,
jünger (Lucian) OiutöTiv für die Königin VaH> im Buch Esther.

Die anspruchslose Aufzählung von ein paar Einzelheiten will den
i Zweck der ganzen Anzeige fördern: Lust zu machen zum Zugreifen