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Ausgabe:

1939

Spalte:

3-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grützmacher, Richard H.

Titel/Untertitel:

Religionsgeschichtliche Charakterkunde 1939

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. I.

mir kein Zufall, sondern eine eng mit der Methode zusammenhängende,
sachliche Konsequenz zu sein, daß gerade der erste Teil des vorgelegten
Bändchens Fragen im Leser wecken muß. Ich habe oben
einige der Stichworte aufgezählt, mit denen die Lebensmitte der positiven
Religion definiert werden soll. Es leuchtet jedem, der sich mit
dem Gebiet befaßt, sofort ein, und ich bin auch der Zustimmung
des Verfassers sicher, wenn ich es hiermit ausspreche, daß diese Formeln
ein hohes Maß von Risiko enthalten. Begriffe wie Ergebung, Erhabenheit
, neues Leben, kosmische Beziehungen, numinoses Gemeinschaftsleben
usw. eignen sich vielfach genau so gut für andere Religionen wie
gerade für die eine Religion, an die der Verfasser dabei denkt. Wäre
es nicht hilfreicher für das Verständnis der Religionen, und würde es
nicht die Exaktheit der Definition fördern, wenn die Frage nach der
Lebensmitte jeder konkreten Religion erst am Ende gestellt würde?
Es müssen zu viele Voraussetzungen, und zwar stillschweigend, gemacht
werden, will man mit dem Thema beginnen. Was ist eigentlich Lebensmitte
? Welche Bedeutung kommt ihr im Gesamtorganismus von Religion
zu? Woran erkennt man, was zur Lebensmitte gehört und was
nicht? Alle derartigen Fragen konnte selbstverständlich der Verfasser
hier nicht behandeln. Ist das nicht ein Wink dahin, daß diese Fragen
überhaupt nicht an den Anfang gehören? Sie haben sogar einen reli-
gions-philosophischen Einschlag und sollten deshalb bei einer Einführung
in die vergleichende Religionswissenschaft besser zurückgestellt werden.
Dann würde das Thema auf die Formenwelt und auf die Gesetzmäßigkeiten
der Religion beschränkt, und auf diese Weise klar abgegrenzt gegen
die Religionsgeschichte einerseits, die systematischen Fächer andererseits
.

Die Brauchbarkeit des Bändchens wird durch diese Notiz nicht berührt
. Selbst wenn man den ganzen ersten Teil überschlagen würde,
bliebe der zweite und dritte Teil inhaltlich durchaus verständlich, und
alle Teile sind in den Angaben zuverlässig. Eine Literaturliste erhöht
den Wert dieser Einführungsschrift für Studierende und sonstige Leser,
die sich weiter mit dem Gebiet beschäftigen wollen.

Marburg.__Heinrich Frick.

Grützmacher, Prof. Dr. Richard H.: Religionsgeschichtliche
Charakterkunde. Heft 1 : Primitive und fernöstliche Religionen:
China und Japan. Heft 2: Indische Religionen : Religion der Veden,
Brahmanismus, Jainismus, Hinduismus. Heft 3: Vorderasiatische,
afrikanische und amerikanische Religionen: Babylon und Assur, Iran,
Ägypten, Mexiko und Peru. Heft 4: Europäische Religionen. Griechische
, Römische und Germanische Religion. Heft 5: Weltreligionen,
Buddhismus und Mohammedanismus. Allgemeinverständlich dargestellt
. Leipzig: A. Deichert 1937/38. Je Heft etwa 50 S., RM. 1.50.

Wie jedes Antlitz einen eigentümlichen Zug besitzt,
der nur dieser einen Persönlichkeit zugehört, so ge^
winnt auch jede geschichtliche Religion einen besonderen
Charakter, dessen scharfe Herausarbeitung der Verfasser
als Aufgabe der religionsgeschichtlichen Charakterkunde
bezeichnet. Das erste Heft behandelt die Grundformen
der primitiven Religionen: Mana, Fetischismus,
Animismus, Totemismus, Urheberglauben und Tabu. Sodann
entwirft der Verfasser ein Bild der altchinesischen
Himmelsreligion, bei dem er die Verbindung zwischen
Natur und Religion betont, wie sie gleicherweise im 18.
abendländischen Jahrhundert in der Aufklärung, aber
auch im deutschen Idealismus und bei Goethe herrschend
war. In Confuzius überwog die männlich-aktive, in
Laotsc die weiblich-kontemplative Natur, aber auch der
Haltung Goethes kann man den letzteren verwandt fühlen
, indem dieser seinen Faust zwar den Weg zu den
Müttern finden, aber diese Urprinzipien aller Dinge
in ihrem Wesen vollkommenes Geheimnis bleiben läßt.
In der japanischen Religion wird die Bedeutung der Son-
nengörttn Amaterasu durch Goethe veranschaulicht, der
es für eine Eigenschaft seiner Natur erklärte, die Sonne
anzubeten. Ebenso verweist Gr. für den japanischen
Kaisermythus auf Goethe, der ihn im 1. Akt seines
2. Faust erneuert habe. Bei der kultisch-magischen Entsühnung
durch den Kaiser, die nach dem Engishiki zweimal
im Jahre stattfindet, sieht Gr. den Gedanken von
den reinigenden Kräften der göttlichen Natur wirksam,
wie ihn in vergeistigter Form noch Goethe zu Beginn
seines zweiten Faust vertritt: „Kleiner Elfen Geistergröße
eilet, wo sie helfen kann, ob er heilig, ob er böse,
jammert sie der Unglücksmann". So naheliegend es ist,
für das Verständnis der Religion der Bhagavadgita Goethes
Gedicht „Der Gott und die Bajadere" heranzuziehen
, ist er auch Gewährsmann für den Macht-begriff,
indem er zusammenfassend das Urelement aller Religion

, die „himmlischen Mächte" genannt habe, ja auch für
t den Gedanken, d;iß nicht alle Menschen unsterblich
i werden, wenn er im 2. Faust die Dienerinnen der Helena
i sich in die Elemente auflösen läßt. So steht in allen
, Heften Grützmacbers Schrift „Goethes Faust" (Berlin
, 1936) im Hintergrund, in der er den heutigen Deutschglauben
in der Faustdkhtung erkennen zu können glaubt.
Wie hier die christlichen Begriffe von Schuld, Gericht
und Gnade aufgelöst werden zugunsten eines „vollkommen
neuen Mythus" deutschgläubiger Prägung, der über-
, sieht, daß auch „arische" Religionen nicht nur den
' F reu n d g o tt-Glauben kennen, läßt Gr. auch die su-
merisch-babylonische Religionsgeschichte charakterisiert
: sein durch den Mythos von der Freundschaft zwischen
Gottheit und Menschheit im Gilgameschcpos, wobei
es nach ihm nahe liegt, in der beherrschenden Gemeinschaftsidee
der Freundschaft im Verhältnis derMen-
; sehen zu den Göttern und der Halbgötter untereinander
' einen Ausdruck nichtsemitischer Religiosität zu
I sehen. In gleicher Weise ist die Vereinfachung des Bil-
j des der chinesischen Religionsgeschichte auf die Formel
„männlich-weiblich" zu einfach, wobei der Widerspruch
: gegen die konfuzianische Uniformierung der Geister ganz
! ausfällt. Einzelgänger wie Wang Yang-ming oder Li
i Tschi nebst vielen andern Unerschrockenen wagten den
j Kampf um die Freiheit des Denkens* und Raum für die
j Persönlichkeit, im Wesentlichen angeregt durch den Buddhismus
. „Das Verlangen nach etwas Höherem als dem,
was der Konfuzianismus bieten konnte, muß damals sehr
stark und weit verbreitet gewesen sein, sonst wären die
leidenschaftlichen Kämpfe des 10. Jahrhunderts nicht
denkbar" (O. Franke). Bei der Behandlung Japans fehlt
die wesentliche Kraftquelle, die der Buddhismus hier bedeutet
, der in Japan einen starken Aktivismus entwickelte,
| für die beiden Grundtugenden des Japaners, Geduld und
j unerschütterliche Ruhe, bestimmend ist, und ein Persön-
! lichkeitsideal besitzt, das eigenartige seelische Kräfte im
einzelnen zur Entfaltung bringt (E. Spranger). Die
; Wandlungen des Buddhismus, abhängig von den sich
ändernden Anschauungen seiner nach Bildungsgrad und
Rassezugehörigkeit wechselnden Bekenner, werden in
i Heft 5 dargestellt, widerstreben aber völlig dem Schema,
das der Rahmen der Darstellung verlangt. Der Abschnitt
! „Homer und Plato als Schöpfer der griechischen Relir
[ gion, die durch Licht und Schönheit charakterisiert ist"
j überstell! den „erbitterten Pessimismus als Hefe im Becher
des Genusses" (Burckhardt-Nietzsche) wie die Re-
: ligion der Tragiker, wenn nicht überhaupt schon Homer
den Schritt vom Übermenschlichen zum Problematisch-
Menschlichen vollzog und ein ungewöhnliches Maß von
tragischem Instinkt erkennen läßt, wie K. Reinhardt in
seinein Buch über das „Parisurteil" erweisen will. End-
i lieb ignorieren Sätze wie der folgende: „Die charakteristischen
Merkmale der nordischen Religion sind derOlau-
| be au einen Götterstaat in Walhall mit einem obersten
' Herrn und der Schicksalsglaube" den ganzen Ertrag der
Erforschung der germanischen Religionsgeschichte, indem
hier alles auf einer Zeitebene gesammelt ist, was
auf ihr nie vorhanden war. So ist z. B. das Heldenlied
des 4. bis 7. Jahrhunderts religionslos, weil die Schicht,
die es trägt, eine durchaus unfromme ist. Der Schicksalsgedanke
, der es durchzieht, ist auch kein Schicksalsglau
be (Schäfer-Trier, Zschr. f. Dcutschkimde 1938,
382). So sehr schon dem Göttinger Religionsforscher
Chr. Meiners eine allgemeine Religionsgeschichte als zu
formlos erschien, weshalb er sich auf die Suche nach den
„Elementen" und der „Harmonie" machte, die wir Strukturgesetzlichkeit
nennen würden, erweist sich der vorliegende
Versuch einer religionsgeschichtlichen „Charakterkunde
", womit der Verfasser eine Phänomenologie der
Religion geben wollte, als mißlungen, denn dieselbe
Religion macht verschiedene Entwick igsstadien durch
und kann geradezu gleichzeitig nebei.einander verschiedene
Typen aufweisen (N. Soederblom), sodaß perspek-
: tivische Verzeichnungen wie „Das Vaterland als Religion