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Ausgabe:

1938 Nr. 9

Spalte:

162-163

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schuster, Otto

Titel/Untertitel:

Aus 400 Jahren 1938

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 9.

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In den Abschnitten über die Gründung des Bistums, über die Weiterführung
der Bamberger Aufgaben im 12. Jh. (wobei die Klosterpolitik
Bischof Ottos II., des Pommernapostels, im Mittelpunkt steht) und über
die kolonisatorische Aufgabe der Bamberger Kirche im Frankenwalde
sucht Büttner seine Aufgabe zu lösen. Doch können auch hier aus
der Fülle der lehrreichen und anregenden Einzelheiten nur die Ergebnisse
angedeutet werden, die sich für die umstrittene Frage nach den
Zielen Heinrichs II. bei der Gründung Bambergs ergeben.

Denn Büttner bemüht sich klar zu legen, daß die
Errichtung des Bistums Bamberg am Anfang der zweiten
großen Polenaktion Heinrichs II. steht, daß er damit
eine wertvolle Etappensicherung und Flankendeckung
nach dem slawischen Osten hin zu gewinnen suchte,
und daß er für die am Ende des 10. Jh.s in das Waldland
am oberen Main vordringende Kolonisation einen
Mittelpunkt schaffen wollte. Dabei leugnet auch B. nicht,
daß der 1003 niedergeworfene Aufstand des Schwein-
furters die Notwendigkeit einer die Reichsgewalt
sichernden Neuordnung der politischen Kräfte am oberen
Main deutlich gemacht habe. Aber abgesehen davon,
daß die Gründung Bambergs erst verhältnismäßig lange
nach der Begnadigung des Markgrafen erfolgte, hätte
als Gegengewicht gegen Schweinfurt die Übereignung
einiger Plätze an Würzburg genügt. Wenn es Heinrich
allein auf einen Aufpasserposten angekommen wäre,
so würde er ihn besser dem ihm getreuen Würzburger
Bischof zugewiesen haben statt gegen dessen Willen
auf Kosten seiner Diözese das neue Bistum zu gründen
und so Gefahr zu laufen, sieh neben dem alten Gegner
noch einen zweiten zu schaffen. Das Gewicht dieser
Argumentation B.s ist nicht zu verkennen. Wie weit
sie Stand hält, wird der Fortgang der Diskussion ergeben
müssen, von dem zu hoffen ist, daß er zur Annäherung
der beiden einander noch widerstrebenden Deutungen
führen wird. Denn nach den Forschungen G.s
und B.s scheint es uns keineswegs ausgeschlossen, daß
die innerpolitischen Zielsetzungen Heinrichs II. (Sicherung
der Reichsgewalt im ehemaligen Schweinfurter
Machtgebiet) in gleicher Stärke wie die die außenpolitischen
(Stärkung der deutschen Ostfront) ihre Rolle
bei der Gründung Bambergs gespielt haben.

Da diese, wie schon angedeutet, zugleich auch für die
Geschichte Würzburgs von großer Bedeutung gewesen
ist, bedeutet die Abhandlung Becks gleichsam die
Grundlage für Büttners Bemühung darzulegen, daß
die Strecke zwischen Würzburg und Bamberg die Spanne
bezeichnet, um die das deutsche Reich von der Mitte
des 8. Jh.s bis zum Beginn des 11. Jh.s sein Machtgebiet
nach dem Osten vorgetragen hatte (S. 219). Wir
heben deshalb vor allem den (2.) Abschnitt hervor,
den B. der Stellung Würzburgs in der Reichspolitik
bis zur Abtrennung des Bistums Bamberg gewidmet hat.
Hier wird sehr eindringlich dargetan, wie die Richtung
der frühesten Würzburger Entwicklung durch die zu
leicht vergessene ürenzlage dieses Bistums gegen den
Osten bedingt gewesen ist. Von besonderem Ertrag für
die allgemeine Reichsgeschichte ist dabei das Kapitel
über Bischof Hugo (983—990) und die letzten Bemühungen
Würzburgs um den Osten, das, um die politischen
Eindrücke Hugos als Hofkapellan Ottos II. zu
schildern, näher auf die Persönlichkeit Papst Benedikt
VII. und seine in kaiserlichen Bahnen geführte Politik
eingeht. So sieht B. in dem von Benedikt wieidererrich-
teten Kloster S. Alessio auf dem Aventin eine Art slawisches
Missionsinstitut, das Hugo dann als Bischof durch
O'e Neubegründung von St. Burchard in Würzburg in
kleinerem Ausmaß nachzuahmen versucht hätte.

Freilich ist das, was B. vorbringt, um die geistige Persönlichkeit
des Kapellans Hugo schärfer zu umreißen, nicht so neu wie es ihm
selber erscheinen möchte. Denn daß der Hugo, an den Gerbert von
Aurillac als Abt von Bobbio während des Veroneser Reichstages einen
Brief richtet, mit dem Kapellan Ottos II. und nachmaligem Bischof von
würzbiirg personengleich sein müsse, haben schon die von B. nicht
berücksichtigten Arbeiten von M. Uhlirz, Arch. f. Urkundenforschung
XI (1930) 403 und MÖIG. XLVIII (1934) 256 Anm. 5 hervorgehoben,
denen auch zu entnehmen gewesen wäre, daß Hugo als Kapellan in
DO. II 311 für die Würzburger Kirche interveniert.

Es bleibt übrig zu erwähnen, daß die Abhandlung
Becks in ihrem ersten Abschnitt das Verhältnis des
| Bistums zu den Klöstern behandelt, um deutlich zu machen
, daß die Würzburger Bischöfe am Ende des 10. Jh.s
I in dem Bestreben, die Klöster dem Bistum einzuverleiben,
j eine konsequente Territorialpolitik getrieben haben.

Beiden Abhandlungen sind Exkurse über kritische
; Spezialf ragen beigegeben, derjenigen Büttners auch
ein Urkundenanhang mit 16 bisher ungedruckten, nur in
der Germ. pont. III verzeichneten Papsturkunden von
Innocenz II. bis Celestin III.
Göttingen. Hans-Walter K1 e w i tz.

Schuster, Pfarrer Dr. Otto: Aus 400 Jahren. Bilder aus der
Württemberg. Kirchengeschichte 1534 —1934. Stuttgart: Calwer Ver-
j einsbuchh. 1935. (VIII, 238 S.) 8°. Kart. RM 4.20; geb. 5—.

Die Eigenart Württembergs und seiner Kirche erschließt
sich bei der Betrachtung seiner Natur und seiner
Geschichte. Beides wurde und wird fleißig erforscht
von vielen Freunden der Heimat. Davon zeugen
auch die vorliegenden 16 Bilder. Der Vf. benützt
j die Vorarbeiten anderer und gibt eigene Forschungser-
| gebnisse besonders aus seinem früheren Wirkungskreis
! in der Nürtinger Gegend. Wer von der Eigenart der
württembergischen Kirche redet, spricht von Brenz und
Herzog Christoph, vom Pietismus und J. A. Bengel.
Mit Recht hebt der Vf. hervor, wie weit die Beziehungen
Württembergs reichen, im Reformationsjahrhundert bis
in die Türkei, im 19. Jh. bis tief hinein nach Afrika.
Fünf Bilder gelten dem 16. Jh.: Luther und Württemberg
, Schwäbische Reichsstädte als Protestanten und
Bekenner 1529 und 1530, Herzog Christoph und sein
Werk, Jakob Andreä und das Konkordienwerk, Tübingen
und Konstantinopel. Die Teilnahme Württembergs
an dem Konzil in Trient, der „Legat Christi" P. P. Ver-
j gerius und die erste württembergische Bibelanstalt in
Urach für slawische Bibeldrucke unter Leitung von Hans
Ungnad und Primus Trüber, die langjährigen Verhandlungen
zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel
und der Tübinger Fakultät werden geschildert. Das
17. Jh. steht im Zeichen der Türkennot, gegen die schon
1566 Herzog Christoph um Mittag die Türkenglocke
eine halbe Viertelstunde zu läuten befahl, und des dreißigjährigen
Kriegs. Hier konnte der Verfasser seine
ortsgeschichtlichen Quellen aus der Pfarrei Grötzingen
verwerten, die von dem schwäbischen Gesandtschaftsprediger
in Konstantinopel Salomo Schweigger erzählen,
I der in Nürnberg voll zur Geltung kam und dort 1622
starb. Ein drittes Bild schildert Joh. Kepler als Christen.
Dann erscheint J. V. Andreä, der „Held im Kirchenrock
", die Blutbibel von Nürtingen und das Totenbuch
von Grötzingen von 1635 als Zeugen des evangelischen
Glaubens im 30j. Krieg. Das 18. Jh. tritt uns in 7
Bildern entgegen; zuerst erscheinen die „Führer des
deutschen Pietismus" A. H. Francke (1717/18) und
j Zinzendorf (1733—39) „auf Besuch in Württemberg",
i dann wird von J. A. Bengel und Brastberger erzählt,'
über die Einführung der Konfirmation 1722 berichtet',
und von der Glaubenstreue unter Herzog Karl gesprochen
; es ist erfreulich, daß in den Lebensbildern
des J. J. Moser und Joh. Lud. Huber so kräftig die
Laienfrommigkeit zu Wort kommt. Fürs 19. Jh sind
| die Werke des Pietismus in der Äußeren und Inneren
! Mission hervorgehoben. Als schwäbische Erforscher Zen-
j tralafrikas werden die Missionare Krapt in Abessinien
und Rebmann, der Entdecker des Kilimandscharo, ge-
| nannt. Die Gründung der pietistisehen Gemeinden Korntal
und Wilhelmsdorf und das Bibelmuseum der württembergischen
Bibelanstalt zeigen, wie stark der Pietismus
sich in der württembergischen Kirche durchgesetzt
i hat. Der letzte Abschnitt behandelt die Kirchenlieder-
j dichter Württembergs mit ihrer hausbackenen, zuverläs-
1 sigen Alltagsfrömmigkeit. Ein Schlußwort sucht „das
i Erbe der Väter" zusammenzufassen als eine „enge Ver-
; bindung von lutherischer Kraft und herzensmaßiger per-
I sönlicher Glaubenswärme des Pietismus". 40 Abbil-