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Ausgabe:

1938 Nr. 9

Spalte:

156-158

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peuckert, Werner

Titel/Untertitel:

Die frühchristliche Volksfrömmigkeit der Nordgermanen 1938

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 9.

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ins Alte und Neue Testament zu ziehen, ernsthafte
religionsgesehichtliche Fragen gesehen und angepackt
hat, so ist er doch der Gefahr starker Konstruktion
und Schematisierung nicht entgangen, hat die Probleme
oft allzusehr vereinfacht und verkürzt; statt vieler Beispiele
nur eines: Jahu, Bacal und Astarte als die angeblich
hebräische Form der alten Trias (Dreiein. Gott
S. 111 f., Hdb. S, 243).

Dieselben Vorzüge und Mängel kehren auch im
neuen Buch wieder. Sein kühner Zugriff scheint mit
einem Schlag Licht und Ordnung in das Gewirr von
Göttern und Mythen gebracht zu haben. Aber bei schärferem
Zusehen — es empfiehlt sich, die vorsichtige
Sammlung und Sichtung des Materials durch H. Bauer,
ZAW 51, 81 ff. und 53, 54 ff. daneben zu halten — sieht
man bald, daß der Sicherheitsgrad in all den Einzelfragen
doch sehr verschieden ist. Der astrale Hintergrund
, bei El und "Spj deutlich, bei Uhr und Slm möglich
, ist bei Mt (S. 67 f.) unerwiesen. Hit bezeichnet
wohl gelegentlich die Asirtu, aber auch die 'Anat (Syr.
XVIII, 94, Z. 17f.). Selbst die Gleichsetzung von Asirtu
und "Spi, von 'Anat und 'Astart kann nicht als wirklich
gesichert gelten usw. Überall ist N. gleich mit
seinem Schema zur Hand, wo religionsgeschichtlich auch
ein anderes, vielleicht etwas komplizierteres Verhältnis
denkbar wäre.

Daß auch philologisch gelegentlich Einwendungen zu machen sind,
sei nur nebenher bemerkt, weil das Schwergewicht des Buches ja nicht
nach dieser Seite hin liegt und seine Hauptthesen davon nicht berührt
werden. So rächt sich die bewußte (S. 8 ') Ignorierung des charakteristischen
dreifachen Alef in der Schreibung 'iSJat (S. 88) statt 'affat;
die für mt „Mann" nach dem Äthiopischen gewählte Lesung met (S. 67.
81) verdient kaum den Vorzug vor (akkadischem) mutti. Nach dem
Vorbild von mdd 'il ym und ähnlichen Namen auch 'al'iyn bn b'l als
„Baal, Aleyan Sohn" zu nehmen (S. 36) empfiehlt sich nicht, weil bn,
wie N. selber einmal gegenüber Montgomery geltend macht (S. 89 '),
sonst nie absolut steht. Die Annahme einer rudimentären Mimnation
bei 'Um usw. (S. 17 ff.), die auch auf das Phönizische und Hebräische
(Elohim!) ausgedehnt und mit weitgehenden religionsgcschichtlichen
Folgerungen belastet wird, ist jedenfalls nicht leichter, sondern, schwieriger
als die bisherige Annahme eines singularisch gebrauchten Plurals
(wie ilanu in Amarua etc.) Tatsächlich gibt sie N. selber zum Schluß
(S. 26 ') wieder halbwegs preis zugunsten eines enklitischen — m(a)
(Ginsberg Ii. a.); so läßt es sich eher hören, zumal da dieses — m oft
auch am Verb auftritt. — Für „Sterne" ist die Form kkbm (S. 39) ein
einzigmal belegt und vielleicht fehlerhaft; sonst immer kbkbm.

Mancherlei Bedenken erheben sich aber auch gegenüber
der alttestamentlichen und allgemeiner der „biblischen
" Seite seiner Untersuchung. Wiederum begegnen
die schon aus dem „Dreieinigen Gott" zur Genüge bekannten
allzu massiven und darum schiefen religionsgeschichtlichen
Formulierungen: „Der Stern von Bethlehem
und der König von Bethlehem gehen in der Geschichte
der Religion weiter zurück, als man bisher gemeint
hat" (S. 41); „. . . wie der Gottessohn Christus als
messianischer Friederosfürst in seiner ursprünglichen
Form als Naturgott offenbar auf die friedliche Gestalt
des Abendsterns zurückgeht . . . ." (S. 62); Christus
gleich Marduk der nordsemitische Gottessohn (S. 114)
usw. Auch die Auffassung der israelitischen Religion
steht ganz im Bann seiner These: Die altarabische Trias
war in der oben erwähnten Form schon den Hebräern
bekannt, wurde dann aber früh auf den Hauptgott reduziert
(S. 52); die da und dort im A. T. zutage tretende
Gestirnreligion ist nicht kanaanäisch und nicht assyrisch,
sondern „früherer heidnischer Kult" (S. 46). N.s Versuch
, in der Urgeschichte Spuren jenes älteren Zeugungsmythus
nachzuweisen (S. 76 ft.) überschätzt die
Einheit der Tradition. Gen 6, 1—4 paßt denkbar schlecht
dazu, daß das oberste Götterpaar allein den Himmel mit
seinen Kindern bevölkert habe, denen selber die Fortpflanzungsmöglichkeit
versagt war; willkürlich ist 4, 1
übersetzt: „einen Mann habe ich erhalten gleich Jahwe,
. . . d. h. einen Mann, der wie Jahwe Ehemann ist und
Kinder erzeugen kann" (S. 78).

Man möchte gern in der Besprechung des Buches
über solche Dinge hinwegsehen und nur das Anregende

und Förderliche, das ihm sicher nicht fehlt, herausheben.
| Aber dafür greift alles viel zu sehr in einander und reichen
die genannten Mängel bis tief in die Gesamtauffassung
hinein. Und so kann das Gesamturteil nur lauten:
ein an sich beachtenswerter Versuch, an dem der auf
diesem Gebiet Arbeitende nicht vorbeigehen kann, aber
mit viel Ungesichertem und Unwahrscheinlichem belastet.

Basel. W. Baumgartner.

I —.--.

i Wendland, Heinz-Dietrich: Die Kirche der Völker. Kassel:
Joh. Stauda-Verlag 1937. (48 S.) 8° = Kirche im Aufbau H. 5.

Kart. RM 1.40.

Ein beachtenswerter Beitrag zur ökumenischen Frage.
Wendland zeigt die verschiedenen Ansatzpunkte, von
denen her man der Einheit der Kirche zustrebt, und
die verschiedenen Wege, auf denen man dahin gelangen
will. Den Versuch, alle Konfessionen durch die Einheit
| eines praktisch-moralischen Christentums zu überwölben,
: lehnt W. mit Recht ab; denn wir können nicht gemeinsam
christlich handeln, wenn wir nicht zuvor in der
Kirche verbunden sind. Ebenso lehnt er den Lösungsversuch
, der auf der Lehre einer organischen Ergänzung
der Kirchen und Konfessionen beruht, ab, ohne zu erkennen
, daß hier, wenn auch die wahre Kirche gewiß
kein Gemisch oder Gebräu ist, ein Wahrheitsmoment
liegt. (Vgl. dazu die bedeutenden Ausführungen von
| Alfred Dedo Müller: Warum Konfession? in: „Christentum
und Leben", Heft 10, 1937, Verlag Brönmer, Frank-
I furt a. M.). Ferner wendet sich W. gegen den Herrschaftsanspruch
eines Konfessionalismus und gegen die
bequeme Ansicht, daß die Einheit der Kirche Voraussetzung
sei und nichts zu geschehen brauche. Dem Ringen
um ein neues, an den heutigen Kampffronten der Christenheit
ausgerichtetes Einheitsbekenntnis läßt W. sein
Recht; doch dürften die hinter den konfessionellen Spaltungen
stehenden Entscheidungsfragen der Lehre nicht
einfach übergangen und müßte die Gefahr eines „Minimalbekenntnisses
" erkannt werden. Wie diese vermiedein
werden kann, hat übrigens in einer noch nicht genug
j ausgewerteten Weise Georg Wobbermin in: Wesen und
Wahrheit des Christentums (Leipzig: J. C. Hinrichssche
Buchhandlung 1925), S. 186—240 gezeigt.

Die positiven Ausführungen Wendlands gründen sich
| auf Eph. 4 und stellen die Einheit der Kirche als eine
! gegebene, als eine werdende und eine kommende dar.
j „Die Einheit der Kirche gibt es nur durch die gnädige
i Gegenwart des Einen Herrn in den Kirchen und durch
i die gläubige Anbetung des Einen Namens, der über alle
| Namen ist." (S. 21). Die Einheit der Kirche bestehe in
der Fülle. Die Darlegungen über den „Theologischen
: Dienst an christlicher Einheit" wollen dazu helfen, zunächst
die richtigen Fragen zu stellen, ohne vorschnell
nach Ergebnissen zu fahnden, und sind, wie
auch die über „Voraussetzungen für Oxford", teilweise
gerade auch nach Oxford lesenswert. Die aus der theolo-
! gischen Haltung schroff gezogenen Folgerungen lassen
! manchmal das Verständnis für das Völkische und Natio-
j nale vermissen. Dies beeinträchtigt auch den letzten Teil
I „Die Kirche und die Völker", z. B. die fünfte Begriff s-
! bestimmung der Kirche Jesu Christi (S. 41): „Sie ist
fünftens ausgerichtet (von mir gesperrt) auf ihre
| Aufhebung und Vollendung in dem einen ver-
' klärten Volke Gottes, das durch die Wiederkunft
1 Jesu Christi an die Stelle der Völker wie auch an die
Stelle der Kirche der Völker treten wird." Die Forderung
ökumenischer Willensbildung in der eigenen
Kirche ist sehr berechtigt.
Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Peuckert, Studentenpfarrer Werner: Die frühchristliche Volks-
frömmigkeit der Nordgermanen. Dresden : C. Ludwig Ungelenk
1937. (48 S.) gr. 8° = Studien z. relig. Volkskunde. H. 2. RM 1.20.
Die Art der innerlichen Aneignung des Christen*
I tums durch die Nordgermanen darzustellen, und zwar in
der Frömmigkeit des schlichten Mannes aus dem Volke,
! ist das Ziel des Verfassers. Er betont, daß eine Völker-