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Ausgabe:

1938 Nr. 8

Spalte:

149-150

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hocks, Else

Titel/Untertitel:

Christine Alexandra 1938

Rezensent:

Lerche, Otto

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Seite 1

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1-49

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 8.

150

im heutigen Katholizismus. O. Clemens sachkundige
Darstellung geht von den Bruderschaften aus, deren
Verehrung einzelner Heiliger den Drang nach Differenzierung
und Individualisierung in religiöser Hinsicht
offenbart. Die Begründung der jeweiligen Beziehung
ist allerdings oft überraschend, so der Anspruch der
Gerber auf den hl. Bartholomäus, weil er lebendig geschunden
wurde, oder der Tischler auf die hl. Anna, weil
sie das erste Tabernakel darstellte, als sie Maria unterm
Herzen trug. Doch wurde die Verehrung der Maria
und Anna getragen von dem dem deutschen Gemüt
eigenen Familiensinn, und die Mariengebete umspannen
die ganze Skala von einfacher Treuherzigkeit bis zum
scholastischen Denksport und mystischer Trunkenheit.
Bei der Bloßlegung der Bausteine, aus denen die Legende
von der hl. Kümmernis aufgebaut ist, ist Cle-
men allerdings die Zusammenstellung neuen volkskundlichen
Materials (Die med. Welt 1930 Nr. 12) entgangen
, die für die Bärtigkeit der Jungfrau einen größeren
rcligionsgeschichtlichen Rahmen erschließt. Bei der
Schilderung des Wallfahrtswesens verdient seine Bemerkung
hervorgehoben zu werden, daß die Mischung
von religiöser Ergriffenheit, befriedigter Neugier und
Abenteurersucht nicht zu verkennen sei, wofür aus
neuerer Zeit J. F. Perkonigs „Wallfahrt nach Berg-
Florion" recht aufschlußreich ist. Das finanzielle Interesse
, aus dem Wallfahrten und Reliquiensammlungen
gefördert wurden, wird so gut behandelt wie der Kampf
des Bischofs von Verden oder der Magdeburger Pro-
vinzialsynode gegen das Wilsnacker „Wunder". Mit der
Betrachtung der religiösen Volksliteratur und des geistlichen
Schauspiels rundet sich Clemens feinsinnige Arbeit
zu einem wohlgelungenen Bild, das durch die Klarheit
der Linienführung und den Verzicht auf gelehrte Anmerkungen
besonders eindrucksvoll ist. Die neue Reihe
volkskundlicher Studien aber wird gerade durch dieses
Heft erfreulich eingeführt, weil Volkskunde nur dann
zu ausreichend gesicherten Ergebnissen kommen kann,
wenn sie auf geschichtlicher Grundlage betrieben wird.
Quakenbrück. 11. Vor . a h 1.

Hocks, Else: Christine Alexandra, Königin von Schweden.

Leipzig: Jak. Hegner 1936. (427 S.) 8". Geb. RM 12-.

Wertheimer, Oskar von: Christine von Schweden. Mit 20

Abb. Wien: Amalthea-Verlag [1936]. (412 S.i gr. 8° RM4.80; geb. 5.80.
Die Literatur über Christine von Schweden erreicht, nachgerade
einen Umfang, der gewiß einer besseren Sache würdig wäre. Die literarische
und wissenschaftliche Beschäftigung mit Gustav Adolf von Schweden
ist demgegenüber ganz und gar in den Hintergrund getreten. Es
sieht so aus, als ob es sich jetzt in erster Linie um die große Tochter
eines märiig begabten Vaters handle. Gewiß: auch Frauen haben Geschichte
gemacht und ganzen Zeitaltern das Gepräge gegeben. Nicht
ohne Grund spricht man in England vom elisabethanischen und vom
Viktorianischen Zeitalter. Das hat nichts damit zu tun, ob wir diesen
Frauen unsere volle menschliche Sympathie darbringen können oder
nicht. Aber bei Christine handelt es sich — soweit wir feststellen können
— um das Negative. Aus dieser Erkenntnis schreibt Else Hocks
ihr Buch: Christine wird unsterblich sein „durch jene Doppeltat der
Thronentsagung und des Glaubenswechsels, deren grundlegende Entscheidungen
so sehr verflochten und auf einander bezogen sind, daß die eine
°hne die andere nicht zu denken ist. Diese Tat steht, rein zeitlich nicht
ganz, aber wesentlich im Mittelpunkt ihres Lebens. Alles Vorangegangene
drängt zu ihr hin, in allem Nachfolgenden wirkt sie sich aus. Ob wir
diese Tat gutheißen oder verdammen, begreifen oder nicht verstehen,
davon wird es abhängen, ob wir in Christine von Schweden die Heldin
eines großangelegten Schauspiels, wenn auch einer Tragödie sehen, oder
ein Opfer ihrer Unzulänglichkeit, die Hauptfigur einer banalen Liebesgeschichte
oder einer Moralität mit dem verdienten kläglichen Ausgang".
D,e Verfasserin läßt Szene auf Szene abrollen und wiegt sich in dem
geschwollenen Pathos der exaltierten Königin und der noch mehr exzentrischen
Exkönigin. So ist der Hauptinhalt dieses Buches auch Theater,
das an den schwülstigen Barock der Jesuitendramen erinnern mag, aber
nicht objektive, sachlich-kühle Geschichtsdarstellung. Vom Standpunkt
der Geschichte aus ist die Fragestellung der Verfasserin überhaupt nicht
gut tragbar. Es kommt für uns lediglich darauf an, die Tatsachen festzustellen
, die Umwelt aufzuklären und nach Möglichkeit die psychologischen
Hintergründe zu durchdringen. Die Geschichte fragt — zumal
heute — wenig nach Meinungen, Gedanken und Plänen, auch nicht
nach den besten Absichten, sondern nach Taten. Und die einzigen er-

I wähnenswerten Taten Christinens waren, wie wir sahen, ganz und gar
negativ: Entsagung der Krone und Abfall vom ererbten Luthertum. Wo
ist da Größe, oder gar tragische Größe?

Auch das nicht so ganz pathetische Buch Wertheimers läßt in zehn
Aufzügen ein großes barockes Schauspiel, das im Grunde des eigentlichen
Inhalts entbehrt, abrollen. Werthcimer folgt nicht genau den
zeitlichen Ereignissen, er übergeht hier und da Dies und Jenes und
rundet das Ganze jeweils zu einem geschlossenen Bilde ab. Diese Bilderfolge
entbehrt nicht eines gewissen literarischen Reizes. Geschichtlich
fundierter aber ist bei allen Einwendungen, die wir grundsätzlich und
im Einzelnen zu machen haben, das Lebensbild der „Christine Alexandra"
von Else Hocks.

Aber selbst dann, wenn wir diese beiden Bücher als besondere
Dokumente der Konvertitenliteratur hingehen lassen möchten, kommen
wir nicht um die Frage herum: wozu das Alles? Nicht die dicksten
Wälzer werden uns davon überzeugen können, daß es sich bei Christine
von Schweden um eine für die Entwicklung der Welt, Europas, Schwedens
— oder auch der katholischen Kirche einzigartige, epochemachende
— also unsterbliche — Persönlichkeit handelt.

Berlin. Otto Lerche.

Kai weit, Paul: Verkündigung. München: Clin Kaiser 1937.
(74 S.) 8°. RM 1.50.

Nach dem Titel scheint das Buch ganz eine praktisch-
theologische Abhandlung zu sein, aber nach seinem In-

| halt ist es zunächst eine die Fragen nach dem Wesen
der Theologie und der Kirche behandelnde systematischtheologische
Studie. Mit Entschiedenheit wird die Be-
zogenheit der Theologie auf die Bibel und auf die
Kirche herausgestellt. Das Daseinsrecht der Kirche grün-

| det sich allein darauf, daß sie in der Bibel „die Kunde

; von Gottes großen Taten, die Bezeugung seines hei-

I ligen Willens und die Zusage seiner Gnade hat, daß
sie darum Gott, sein Gebot und sein Heil verkünden
darf". Das Wesen der Heiligen Schrift ist Verkündigung.
Dadurch daß noch die Fragen nach dem Ver-

; kündiger, dem Inhalt, der Reichweite und der
Weise der Verkündigung aufgenommen sind, kommen

I praktisch-theologische Gesichtspunkte zur Geltung. Der
Wert der Schrift liegt in der Klarheit, mit der die Eigen-
art der Theologie gegenüber den andern Wissenschaften
zum Ausdruck gebracht ist und in der alle Gedankengänge
beherrschenden Durchführung der Erkenntnis, daß
die Offenbarung nicht irgendwie etwas menschlich Erdenkbares
ist, sondern von Gott her zu den Menschen

j ergeht und Gehorsam und Zeugendienst verlangt.
Oldenburg. a. Heger.

Eger, Karl: Evangelischer Glaube in der Welt von heute.

Eine Einführung. Leipzig: J. C. Hinrichs 1937. (210 S.) 8".

Kart. RM 4—; geb. 5—.
Das vorliegende Buch füllt eine Lücke aus. Es mangelt
an wissenschaftlich begründeten und doch den Nicht-
j fachleuten verständlichen Einführungen in die christliche
I Glaubensüberzeugung, die zugleich den durch die neue
j Weltanschauung aufgeworfenen Fragen Antwort und Re-
[ de steht. Denn die vielen kleinen Broschüren, die Schlagworte
oder Teilfragen behandeln, genügen nicht. Da ist
das Werk von Eger zu begrüßen, das in voller Aufge-
| schlossenheit für die Glaubensschwierigkeiten des modernen
Menschen in wissenschaftlich klarer Weise darstellt
, was das Christentum unter Offenbarung versteht,
was dem Christen die Bibel bedeutet und was evangelischer
Glaube seinem Wesen und seinem Inhalt nach ist.
Eger zeichnet bei der Darlegung des modernen Denkens
zugleich den geistiggeschichtlichen Hintergrund, so daß
das Werden der heutigen geistigen Lage, die so viele
neue Fragen weckte und in der heftig um den christlichen
Glauben gerungen wird, besonders deutlich sichtbar wird.
Man möchte nur wünschen, daß hier und da die Ausführungen
noch einfacher für den nicht theologisch
oder philosophisch Durchgebildeten geschrieben seien
und daß noch umfassender auf die neue Weltanschauung
des Nationalsozialismus eingegangen wäre.
| Oldenburg. A. Heger.