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Ausgabe:

1938 Nr. 8

Spalte:

139-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Howald, Ernst

Titel/Untertitel:

Der Mythos als Dichtung 1938

Rezensent:

Herter, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 8.

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bildlichen Darstellungen von Zeremonien, in denen die mystische Schwinge
mit dem Phallos im Mittelpunkte steht, sind rein dionysisch (vgl. Pauly-
Wissowa s. v. Phallos Abschnitt VII): Reinigungsriten dürfen wir ja
nach Serv. Verg. Aen. V! 741 für alle Sacra Liberi erwarten. Lagrange
betont S. 186 selber, daß das orphische Element wenigstens seit der
Kaiserzeit fast völlig aus den Bacchanalien vertrieben worden sei. Es
gab aber, wie er S. 177 ff. mit Recht ausführt, noch lange kleinere
orphische Konventikel, die noch gewisse Grundzüge des 'Ootpirnq ßioq
bewahrten, wie jene kleinasiatische Gemeinde, der das uns erhaltene
Hymnenbuch entstammt; gegenüber dem Zeugnis der von Delbrück und
Vollgraff, Journ. hell. stud. LIV 1934 S. 129 ff., veröffentlichten Alabasterschale
verhält er sich S. 110 ff. skeptisch.

In der Hauptsache beruhte die Wirkung der Orphik
jedoch auf literarischer Tradition, und so haben sich auch
die Christen des großen Namens des Orpheus versichert
, indem sie aufgrund literarischer Fälschungen
von jüdischer Seite an seine Bekehrung zum Monotheismus
glaubten und die Macht seiner Musik für ein geeignetes
Thema christlicher Kunst hielten. Dagegen hat
die Orphik keinen konstitutiven Einfluß auf die christlichen
Dogmen gehabt, wie Lagrange unbedingt zuzugeben
ist; wenn er weiter die Unvergleichbarkeit beider
Lehren darlegt, die Macchioro geradezu für im wesentlichen
identisch erklärt hatte, so scheinen auch mir die
fundamentalen Differenzen nicht zu leugnen, doch finde
ich, daß er der Orphik gerade in diesem Schlußkapitel
nicht immer genügend Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Gewiß erleidet Zagreus nicht den freiwilligen Opfertod
zur Erlösung der Menschheit, aber sein Sterben und
Wiedererstehen ist doch sicher als ein Paradigma für das
Schicksal desMysten empfunden worden; Lagrange nimmt
den Wiedergeburtsmythos zu leicht, wenn er ihn als einen
bloßen Kompromiß auffaßt, der sich aus der Fusion des
zerrissenen Zagreus und des ewigen Dionysos ergab,
und ihn so dem Onomakritos zuzuschreiben geneigt ist
(S. 70ff. u. ö.). Wenn man die dionysische Omophagie
auch für orphisch halten darf, so kann sie zwar ursprünglich
ein Gottessen bedeutet haben (S. 55 ff. 184),
aber das lag auf alle Fälle unendlich weit zurück und
hat in keiner Weise etwas mit der Eucharistie zu tun
(S. 207 ff., vgl. K. Prümm, Der christl. Glaube und die
altheidnische Welt, Leipz. 1935, II S. 390ff.). Die Vorstellung
von dem unreinen Leib als dem titanischen Element
im Menschen gibt keine adäquate Parallele zur
Erbsünde (S. 205ff.); eine gewisse Richtungsgleicliheit
in der Bewertung von Seele und Leib wird dagegen nicht
zu leugnen sein, doch liegt auch hier kein direkter Zusammenhang
vor, wenn man auch an indirekte Beziehungen
denken könnte. Damit ist aber an ein Kardinalproblem
der Orphik gerührt: ist ihre Seelenvorstellung aus
dem dionysischen Element der Ekstase ableitbar oder ist
sie von außen beeinflußt?
Tübingen. Hans Herter.

Howald, Ernst: Der Mythos als Dichtung. Zürich und Leipzig:
Max Niehans Verlag [o. J.] (107 S.) gr. 8°.
Gestützt auf die sich zusehends mehrenden Bodenfunde
ist die Geschichtswissenschaft längst über die Zeit
der dorischen Wanderung in die mykenische Epoche
vorgestoßen. Als literarische Überlieferung bietet sich ihr
für diese Vorzeit statt der historischen die mythische
Tradition, und so hat neuestens namentlich durch Nilsson
die systematische Erforschung ihres Ursprungs und Alters
eingesetzt. Auch Howald sucht den griechischen
Mythos bis auf seine ersten Anfänge zurückzuverfolgen,
aber er setzt die Sagen nicht zu bestimmten, greifbaren
Fakta der mykenischen Kultur und Geschichte in Beziehung
, sondern faßt sie als Erzeugnisse einer völlig
frei schaltenden Dichtung. So spricht er S. 51 die-in
dieser Allgemeinheit überraschende Ansicht aus, daß die
geschichtliche Fundierung der trojanischen Sagen unbewiesen
und unbeweisbar sei, und verhält sich S. 77 erst
recht skeptisch gegen die historische Grundlage des
Zuges der Sieben gegen Theben. Eine Möglichkeit einer
absoluten Datierung der Sagentradition und Bestimmung
ihrer völkischen Herkunft ergibt sich ihm S. 107 nur

aus der „Fremdartigkeit der mythischen Welt", in die
sie ihm zurückzuführen scheint, und einem gewissen Bestände
an ungriechischen Namen oder solchen, die er
als durchsichtigen Ersatz für ursprünglich ungriechische
; Namen betrachtet. Zeit und Ort der Sagenhandlung
j sieht er hingegen als gänzlich irrelevant an und durch-
; bricht diesen Grundsatz nur in dem einen Falle der An-
| setzung der Minotaurossage in dem Kreta des Minos.
I Aber auch hier handelt es sich nach seiner Ansicht, die
| schon sein Schüler Wolgensinger verfochten hat (The-
seus, Diss. Zür. 1935, s. Gnomon XII 1936, 663 ff.),
j nicht um eine aus den historischen Gegebenheiten entwickelte
Sage, sondern um einen bestimmten Märchentyp,
■ der in diesem besonderen Falle nachträglich durch den
Einfluß historischer Erinnerungen eine eigene Färbung
erhalten hat (zur Argonautensage s. S. 94. 98). Dieser
selbe Typ liegt — und das ist nun die Hauptthese Ho-
walds — überhaupt den repräsentativsten Sagen der
hellenischen Mythologie zugrunde: er stellt nichts ande-
i res als die Reise ins Jenseits dar. Dieses eine Motiv
j ergibt sich ihm immer wieder als die Urzelle der verschiedenen
Sagen, die er heranzieht, selbst der trojanischen
. Er setzt voraus, daß „die gleiche Lust an Erweiterung
, Umarbeitung, Ummotivierung, die von Homer über
j die Chorlyrik und die Tragödie bis zu den alexandrinir
I sehen Dichtern festzustellen ist, auch in der epischen
I Produktion vor den homerischen Gedichten bestimmend
vorhanden gewesen sei" (S. 9). So geht er von der
Analyse der Ilias aus, verläßt aber den verhältnismäßig
sicheren Boden, auf dem er hier noch zu fußen glaubt,
sehr bald, um sich in sagengeschichtlichen Spekulationen
j weiter vorzuarbeiten, die ihren Halt in sich selber suchen
müssen. So kommt er im Laufe der Untersuchung immer
| mehr auf die altgewohnten chthonischen und solaren
Deutungen zurück, denn das Jenseits der Dichterphain-
tasie enthüllt sich als „eine Mischung von Unterwelt
und Sonnenreich" (S. 106).

In einer Reihe von Fällen handelt es sich um ein Paar von „Abenteurern
", von denen sich der eine, verbrecherisch tollkühn, an einer
I Göttin vergreift und darum zugrunde geht, der andere, besonnener und
I weniger frevelhaft, die Hilfe einer andern Göttin genießt, die ihn glück-
[ lieh aus der Welt der Gefahren errettet und dann entweder mit ihm
geht oder ihn ziehen lassen muß. Auf dieses Motiv läuft auch die
1 trojanische Sage hinaus, und hier finden wir sogar zwei solche Paare,
J deren Prioritätsverhältnis sich nicht entscheiden läßt (S. 74), nämlich
i Aias ~ Odysseus und Agamemnon ~ Menelaos.- Von den Helden, in
' deren Sondermytlien die Eroberung von Troja = Ilion einmal aufge-
I nommen war (S. 10. 39), hat die Sagendichtung selber Herakles und
I Achilleus wieder einigermaßen eliminiert, jenen durch die Dublette einer
| früheren Eroberung, an der die Väter der jüngeren Trojageneration be-
i teiligt wurden, diesen durch seinen Tod von dem Pfeile des Apollon
! bzw. des Paris, seines Urgegners (S. 53); an Herakles' Stelle trat Phi-
| loktetes in die Reihe der Trojaeroberer der Hauptsagc, während Achills
i Ersatzmann für den Rest der Ereignisse sein Sohn Neoptolemos wurde.
! Das Motiv des frühen Todes Achills ist zusammen mit dein Motiv sei-
j nes Zornes nach dem Vorbilde des Meleagerepos in die Ilias hineinge-
j kommen und setzte sich in dem Motiv des Streites um seine Waffen
| und des Selbstmordes des unterlegenen Aias fort. Nun hatte Aias aber
schon längst seinen festen Platz bei der Zerstörung Iiiotis, und so mußte
ein zweiter Aias erfunden werden, der nach dem Selbstmorde seines
i Namensvetters seine Rolle zu Ende spielen konnte. Wenn also in der
i Ilias die beiden Aianten namentlich in den Kämpfen um Mauer und
Schiffe als ein Paar auftreten in deutlicher Parallele zu dem Paare
Hektor ~ Polydamas auf der Gegenseite, so kann diese Zusammenstellung
erst im Zusammenhange des Zornmotivs erfolgt sein ; ursprünglich
gehörte der „Uraias" mit Odysseus zusammen, mit dem er auch
j wirklich noch gelegentlich vereint ist, und wenn wir andererseits Odys-
j seus mit Diomedes zusammengestellt finden, so ist dieser dem Tydeus
| nachgebildete Held wieder nichts weiter als der Ersatzmann desselben
Aias. Dem so gewonnenen Paare Aias ~ Odysseus kommt die Eroberung
Trojas zu, die in der altertümlichen Fassung des Palladiumraubs und
in der Hauptform der epischen Persis auf uns gekommen ist. Der rohe
| und brutale Aias frevelt gegen Athena und kommt infolgedessen auf
i der Heimfahrt um, der schlaue und durchtriebene Odysseus aber ge-
j langt mit Hilfe einer Göttin (Kalypso, Kirke, Leukothea, Athena,
| Arete ~ Nausikaa) heim. Gleicher Art ist das Paar Agamemnon ~ Mene-
i laos, denn jener frevelt an Kassandra (ein später auf Aias übertragener
: Zug) und findet darum seinen Untergang, Menelaos dagegen erringt die
Göttin Helena (deren Raub erst später zu einer Rückführung gemacht
wurde mit Hilfe der Figur des Alexandros, der mit Paris identifiziert