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Ausgabe:

1938 Nr. 2

Spalte:

37-38

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Augustin, Günther

Titel/Untertitel:

Nietzsches religiöse Entwicklung 1938

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 2.

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sehen Kirche nicht länger habe unterwerfen wollen, ist |
nicht an K. Heims Einwand vorbeizugehen: Das Ringen
des religiösen Subjekts mit Autorität und Tradition,
das in allen höheren Religionen (Judentum, Islam, indischen
Religionen) vorkomme, dürfe nicht einseitig aus
der Eigenart der Rasse abgeleitet werden. Die Reformation
sei nicht eine Reaktion des germanischen Personalismus
, sondern unabhängig von aller nationalen Eigenart
sei hier im Anschluß an den biblischen Positivismus
Occams die Tatsachenwelt der biblischen Offenbarung
wieder hervorgetreten. Ebenso wird die weltanschauliche
Kluft zwischen Lessing und Mendelssohn übertrieben
, wenn gegenüber der „mystisch" genannten Religiosität
Lessings gesagt wird, daß der Orientale an
Mendelssohn das Beherrschtwerden gebraucht habe- H.
Stephan hat auch von der „restlosen Hingabe in den Willen
Gottes, der Bejahung des Leides, weil es von Gott
kommt „beim Tode von Lessings Söhnlein und seiner
Frau sprechen können. Nach dem „Nathan" ist Gehorsam
gegenüber der Vernunft Sache der menschlichen Entscheidung
und doch getragen von dem Willen Gottes
und seinem Schaffen in uns: Das ist die Wendung des
Freiheitsgedankens, mit der Lessing auf dem Boden
Luthers steht. Endlich sagt sein Brief von 1774, der den
Vergleich zwischen dem unreinen Wasser der Orthodoxie
und der Mistjauche der Aufklärungstheologie enthält,
eindeutig, daß er das unreine Wasser nicht eher weggießen
lassen will, als bis man wisse, woher denn reineres
zu nehmen sei. (Zschr. f. Theol. u. Kirche 1929).
Umgekehrt gesteht Gent selbst, daß bei Mendelssohn ein
moralischer Irrationalismus zutage tritt, den man bei ihm
nicht erwarte. Schiller hat seinen Gedanken von einer
Harmonie zwischen Geist und Herz begrüßt und als
Vorarbeit bejaht; er wie Mendelssohn halten einen Menschentyp
für möglich und wünschenswert, für den es
einen Kampf zwischen Sinnlichkeit und Vernunft nicht
mehr gibt. Endlich fehlt in der Analyse Gents Friedrichs
Antwort auf d'Alemberts Bezeichnung der christlichen
Religion „als eine der größten Geißeln der Menschheit
": Wenn man die Religion schmähe, so müsse man
angeben, von welchen Zeiten man redet. Wenn sie im
Laufe der Jahrhunderte entstellt sei, teile sie nur das
Schicksal aller menschlichen Dinge. Unsere jetzige Religion
gleiche der Religion Christi so wenig wie der Irokesischen
." Jesus war ein Jude, und wir verbrennen die
Juden. Jesus predigt die Geduld, und wir verfolgen.
Jesus predigte eine gute Moral, und wir üben sie nicht
aus. (Oevr. XXIV, 503 Brief vom 18. X. 70). Im Ganzen
aber vermittelt Gent ein lebendiges Bild vom Ringen
der Weltanschauungen, das durch seine Zusammenschau
sonst spezialistisch zersplitterter Erkenntnisse geeignet
ist, in den Auseinandersetzungen der Gegenwart klärend
zu wirken und mit seiner gründlichen Beherrschung
der gesamten Geistesgeschichte jener heute so umstrittenen
Epoche und ihrer unbefangenen Analyse Irrtümer
richtig zu stellen, die durch weniger gut fundierte Darstellungen
immer noch genährt werden.
Quakenbrück. H.Vorwahl.

Augustin, Günther: Nietzsches religiöse Entwicklung. Stuttgart
: W. Kohlhammer 1936. (VIII, 126 S.) er. 8°. RM 5.40
Das Bestreben, Nietzsche religiös zu werten, wird immer
stärker. Aber das eigentlich Religiöse bei ihm
zu erfassen und aufzuzeigen, ist noch nicht gelungen
und gelingt auch Augustin nicht. Und es kann
ihm gar nicht gelingen, denn sein Religionsbegriff ist zu
weit, zu allgemein-menschlich: „Unter Religion bzw. religiös
verstehen wir das, was einem Menschen oder einer
Menschengruppe im Einbezogensein in ein Letztes, All-
umtassendes, Wirkliches zum innersten, eigentlichen Anliegen
wird" (S.4. Man beachte, daß es nicht einmal heißt:
»€.in l£ptz.tes> allumfassendes Wirkliches"!). Ja, in denEin-
zelaustuhmngen Augustins handeltes sich zumeistum nichts
anderes als etwa: „das innerste Anliegen". So sagt
Augustin: „Auch die vorhergehenden Entwicklungsabschnitte
wird man als religiös bezeichnen, da er auch hier

von seinem innersten Anliegen ganz durchdrungen und
in seinem tiefsten Wesen ergriffen ist" (S. 106). Hier
ist Religion zu einer immanenten Größe geworden und
bedeutet kaum mehr etwas anderes als tiefstes Menschentum
. Da hat selbst J. W. Hauer, dem die Schrift gewidmet
ist, mehr Sinn für den transzendenten Charakter der
Religion.

Die Darstellung der inneren Entwicklung Nietzsches
durch Augustin nach tiefen innerst menschlichen und
weltanschaulichen Gesichtspunkten ist an sich sehr gut.
So z. B. wenn gezeigt wird, daß der (für die Religion
Nietzsches übrigens nicht entscheidende) Gedanke von
der ewigen Wiederkunft die Antwort auf die Frage bedeute
: Wie geben wir dem Leben das größte Schwergewicht
? —, den Ausdruck einer gewaltig hervorbrechenden
lustvollen Bejahung des Lebens und den Grund der Verpflichtung
zur höchsten Entfaltung des Lebens.

An einigen Punkten kommt Auguistin dem eigentlich
Religiösen an Nietzsche nahe, ohne jedoch hier weiter
zu forschen. S. 68 redet er, nachdem er kurz vorher die
bekannte Stelle aus „Ecce Homo" über die „Inspiration"
zitiert hat, von dem „tiefen Gefühl der Wesensgleichheit
zwischen seinem Selbst und dem Innersten aller kosmischen
Erscheinungen". S. 61 erwähnt er, daß das Bewußtsein
der Gewalt und Schicksalhaftigkeit seiner Aufgabe
, von der Nietzsche in der Zeit seiner Vollendung
ganz erfüllt war, eine religiöse Wurzel hatte; hierher gehört
das Wort Nietzsches, das psychologische Problem
des Zarathustra bestehe darin, „wie der das Schwerste
von Schicksal, von Verhängnis, von Aufgabe tragende
Geist trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann"
(Werke, Großoktavausgabe, XV, S. 96). Von diesen beiden
Punkten aus könnte in das wesenhaft Religiöse
bei Nietzsche vorgestoßen werden. Den Gedanken der
Notwendigkeit als Nietzsches religiöse Weltanschauung
zu bezeichnen (S. 72), genügt nicht. Überaus wichtig
sind einige wenige Bemerkungen Nietzsches in seiner
letzten Schaffenszeit, in denen er die Worte „Religion"
und „Glaube" (die er gewöhnlich im üblichen durch das
Christentum bestimmten Sprachgebrauch verwendete und
bekämpfte) positiv wertet ja sogar für sich selbst in Anspruch
nimmt. Z. B.: „Neue Auffassung der Religion. Meine
Sympathie mit den Frommen — es ist der erste Grad:
ihr Ungenügen an sich" (Werke wie oben XIV, S. 330).
„Was aus Liebe gethan wird, das ist nicht moralisch,
sondern religiös!" (Nachtrag zum Zarathustra, Werke
w.o.XII,S. 289). „Religion —wesentlich Lehre der Rangordnung
, sogar Versuch einer kosmischen Rang-
und Machtordnung" (Werke w. o. XIV, S. 334). Augustin
zitiert diese und ähnliche Äußerungen und entnimmt ihnen
mit Recht, daß Nietzsche die Empfindung gehabt hat,
seine Lehre und sein Wollen seien in irgend einem
tieferen Sinne Religion; aber er geht diesem Sinn nicht
nach. Gerade hier muß weiter geforscht werden.

Im Anhang deutet Augustin Dionysos als „die überströmende Qe-
sundheit, die übergroße Fülle, ein Zuviel von Kraft, die Lust des Schaffens
, der Rausch des ewigen Werdens" (S. 109), womit notwendig das
Zerstören verbunden ist, und bringt Iii Anm. 19 eine beachtenswerte Vermutung
Hauers daß mit der Vorstellung des Dionysos auch der
Gedanke des Zerrissenwerclens und Zugrundegehens verbunden war. Auch
von hier wäre in der Deutung der Religion Nietzsches weiterzukomme

Die Schrift Augustins will einen Beitrag liefern zu
unserm heutigen Weg und unserer heutigen Aufgabe:
das deutsche Volk sei in seinem Kern gewillt, „auch
in der Tiefe seines seelischen Lebens, in seinem Glauben
frei von aller Überfremdung zu seiner Eigengestalt zu
gelangen" (S. V). Ohne Zweifel wird Nietzsche in den
geistigen Kämpfen der Zukunft noch eine große Rolle
spielen. Daß er aber „eine der großen Gestalten indogermanischer
Frömmigkeit, Frömmigkeit nordischer Ar-
j tung" (S. 107) sei, wird in der Schrift Augustins nur behauptet
, nicht bewiesen. Über die Frömmigkeit Nietz-
| sches können wir heute noch mehr erkennen aus dem
; Werk von Theodor Odenwald: Das Religionsproblem
bei Friedrich Nietzsche (Leipzig 1922).

Heidelberg. _ Wilhelm Knevels.