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Ausgabe:

1938 Nr. 21

Spalte:

391-392

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hessen, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Geistesströmungen der Gegenwart 1938

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 21.

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dann stellt man mit gutem Recht an eine solche Neuer- i Geist in der Philosophie, religiöse Strömungen) wird die
scheinung hohe Anforderungen. Das Buch Lieses ist nun geistige Dynamik der letzten Jahrzehnte aufgespürt und
gewiß eine fleißige Materialsammlung, die alle leicht er- I ausdrücklich als das „Heraufkommen einer neuen Epo-
reichbaren Quellen und auch die etwa für einen Kanoni- j che" gekennzeichnet.

sationsprozeß nicht unwesentlichen, oft dem weltlichen j Es ist richtig gesehen, wenn der Verfasser das entBetrachter
nebensächlich erscheinenden Kleinigkeiten scheidende Merkmal dieser geistigen Wende in den letzten
sammelt und berücksichtigt, die aber in der kritischen Be- | Jahrzehnten in der Abkehr vom Statisch-Mechanischen
wertung der Nebenquellen oft gar zu oberflächlich und und in der Hinwendung zum Dynamisch-Organischen
im Vorhinein apologetisch vorgeht. Das ganze Buch ist j sieht. Das gilt zunächst für den naturwissenschaftlichen
nicht die Lebensbeschreibung eines Helden, sondern die Bereich (Driesch, Dacque), das gilt aber auch für die
Verteidigung eines Zeloten und ungeschickten Politikers i Psychologie (Dilthey, Spranger) und für die Geschichts-
im Priesterrock, der zwar immer wieder und wieder ver- Wissenschaft (Windelband, Rickert). In der Kunst zeigt
sagt hat, der aber doch hübsche Anlagen gehabt hat und sich ein neues Gotterleben (u. a. Rilke, Winnig, Schie

im Ganzen gar so übel nicht war.

Konrad Martin ist in der Kirchengeschichte des 19.
Jahrhunderts wichtig durch seine bischöflichen Worte

ber), in der Philosophie gegenüber allem Relativismus die
Bejahung des Absoluten in neuen Geist- und Wertlehren
(Scheler, N. Hartmann). Ja die Philosophie zeigt eine

lehnung von Ernst Bergmann. Im protestantischen Bezirk
wird die Oxford-Bewegung hoch gewertet, an der
dialektischen Theologie ihre „prophetische Kraft und Sen-

Soebcn erschien:

an die Protestanten Deutschlands', die von der naiven | deutliche Wendung zur Religion.
Vorstellung ausgingen, daß in der evangelischen Kirche j Darum ist es nur richtig, wenn der Verfasser den
alles im Zusammenbrechen sei und daß auch im Interesse j außer- und innerkirchlichen Strömungen seine besondere
der nationalen Einheit eine Wiedervereinigung der Kon- i Beachtung schenkt. Die deutschgläubige Bewegung wird
fessionen unter römischer Führung zu wünschen sei. abgelehnt, aber doch wohl die deutsche Glaubensbewe-
Martin hatte auf seinen Firmungsreisen in der Provinz j gung etwas überschätzt, Mathilde Ludendorff dagegen
Sachsen einige Höflichkeiten und Freundlichkeiten von in ihrer Stoßkraft unterschätzt. Erfrischend ist die AbBehörden
und Bevölkerung erfahren, die an sich zu Nichts
verpflichteten, die ihm aber zu Kopf gestiegen sind. Liese
berichtet diese glückseligen Überspanntheiten aus den

Briefen des Bischofs (1857 ff.), ohne die zu Grunde lie- dumg" unterstrichen. Sehr anerkennend steht der Verfas-
genden Tatsachen nachzuprüfen, so daß ein völlig fal- ser den ökumenischen und hochkirchlichen Bestrebungen
sches Bild unbesehen weiter gegeben wird. gegenüber und sieht hier Wege, die vom Protestantismus

Drei Angelegenheiten im Leben des Bischofs und i zur katholischen Kirche führen. Im Katholizismus beProfessors
sind neben der allgemeinen Ablehnung der { grüßt er vor allem den Augustinismus, die liturgische
bischöflichen Worte seitens der Protestanten peinlich: Bewegung und die Bibelbewegung und spürt hier eine
erstens die mißlungene Habilitation in Bonn (1835); Lie- ; „gemeinsame Front mit dem gläubigen evangelischen
se berichtet diese außerordentlich peinliche Geschichte Volk", auch hier Wege sehend, die den Protestanten
ohne ein Wort der Kritik und Aufklärung, allerdings nach Rom führen können.

auch ohne jede Beschönigung. Bedenklich ist sodann j l-an* (Westprignitz). Kurt Kessel er.

die weitgehende Ablehnung der von Martin als Bischof
1867 veranstalteten Diözesansynode, die ohne rechten Erfolg
von den Freunden des Bischofs damals und mit noch
geringerem Eindruck heute von Liese verteidigt wird. Es
würde sich immerhin gelohnt haben, festzustellen, wie
weit Martin hier unter Binterims unheilvollem Einfluß
gestanden haben mag. Am Peinlichsten aber ist die Tatsache
, daß Martin als Bonner Professor ein Lehrbuch der
Moral herausgab, das unwidersprochen weithin die Wiedergabe
eines Dieckhoffsehen Kollegs ist; Liese versucht
auch hier nichts aufzuklären, aber auch nichts zu beschönigen
und zurechtzurücken.

Gelegentlich wendet sich L. scharf gegen die Altkatholiken
, die den Bischof bei seinen offenbaren Schwächen
nur allzuoft nicht ungeschickt angriffen; die allerdings
wesentlich negative Bedeutung Martins im Kulturkampf
wird von L. nicht herausgearbeitet: es bleibt bei
der Schilderung der tatsächlichen Erlebnisse. Für die
Kirchengeschichte bleibt Martin bemerkenswert als Mitbegründer
des Bonifatiusvereins und als Führer der deutschen
Infallibilisten auf dem Vaticanum.

Berlin. Otto Lerche.

Hessen, Prof. D. Dr. Joh.: Die Geistesströmungen der Gegenwart
. Freibure i. Br.: Herder & Co. 1937. (185 S.) 8°.

Kart. RM 2.20; geb. 2.80.
Die kleine Schrift des katholischen Verfassers zeigt
die geistige Bewegung im zwanzigsten Jahrhundert, „Gegenwart
" ist vielleicht nicht ganz treffend, weil manches
Behandelte vor der unmittelbaren Gegenwart liegt, manches
„Gegenwärtige" nicht zu Wort kommt. Doch ist
solche Auswahl natürlich immer subjektiv bedingt, und
man wird immer über die Berechtigung von Erwähnungen
und Weglassungen streiten können. Halten wir uns
an das Gebotene! In vier Kapiteln (Wandlungen in der
Wissenschaft, die Geisteswende in der Kunst, der neue

Politische Absicht
und politische Wirkung
im biblischen Schrifttum

D. Dr. Johannes Hempel

Professor an der Univ. Berlin
48 Seiten. 8°- RM 1.80
Der Alte Orient. 38. Band. Heft 1
Die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik im
biblischen Schrifttum wird in der Weise zu lösen gesucht,
daß zunächst das unlösliche Ineinander beider Größen aus
dem Verlauf der biblischen Religions- und Kulturgeschichte
aufgezeigt wird. Die enge Verbindung von Religion und
Recht sowie die politische Auswirkung des Profetenwortes
als d e s Werkzeuges der göttlichen Geschichtslenkung werden
herausgearbeitet. Das so gestellte Problem läßt sich nicht in
der Weise lösen, daß man moralische Urteile über die politische
Haltung der Profeten oder über die religiöse Haltung
der Politiker fällt, auch nicht durch eine Auflösung der
doppelten Bindung der Profeten an die nationale und die
religiöse Wirklichkeit. Erforderlich ist vielmehr die Ein.
sieht in die Inkongruenz von politischer Absicht und poli-
tischer Auswirkung ihrer religiösen Haltung, eine Einsicht, die
die Tragik ihres Lebens und das Unterliegen Jesu gegenüber
dem politischen Messianismus als notwendig erkennen läßt.

J. C. HINRICHS VERLAG / LEIPZIG C 1

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 22. Oktober 1938.

Verantwortlich: Prof. D.W.Bauer in Göttingen, Düstere Eichenweg 14.
J. C. Hinrichs Verlag, Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.