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Ausgabe:

1938 Nr. 1

Spalte:

20-21

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Lutherische Kirche in Bewegung 1938

Rezensent:

Martin Schian

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 1.

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man behaupten dürfen, daß es an der Zeit und möglich
ist, die Geschichte einer religiösen Haltung zu schreiben
, die heute an einem Punkte ihrer Entwicklung angelangt
ist, von dem aus auf erhöhter Warte ein Rückblick
in die Vergangenheit gestattet ist. Und je mehr
man den Eindruck gewinnt, daß für eine neue theologische
Generation das Wort „religiöser Liberalismus"
nur noch identisch zu sein scheint mit Flachheit, Relativismus
und bourgeoiser Sattheit, desto begrüßenswerter
ist es, wenn Nigg in spannender Diktion und mit lebendiger
Frische eine Geschichte des religiösen Liberalismus
darbietet, die in ihrer ehrlichen Subjektivität und in
ihrer „liberalen" Haltung fast etwas zu sein scheint
wie eine „Ehrenrettung" des Liberalismus.

Allerdings: Das Wesen des religiösen Liberalismus
hat der Verfasser nicht auf eine zusammenfassende Formel
bringen können, er hat von vornherein auf solche
Wesensschau verzichtet und sich damit begnügt, im
Laufe der historischen Darstellung aufzuzeigen, welche
Züge im einzelnen das Bild des religiösen Liberalismus
ausmachen. Man mag es vielleicht vermissen, daß Nigg
nicht etwa am Schluß seiner Darstellung noch einmal
in einem Gesamtbild die Elemente aufgewiesen hat, die
•in den einzelnen historischen Phasen immer wieder
konstitutiv für den religiösen Liberalismus erscheinen:
den erasmischen Geist, den Humanismus, die Ideen
von Individualismus und Toleranz, den Relativismus,
das Ringen mit den Problemen Glaube und Geschichte,
Religion und Kultur.

In den einleitenden Kapiteln geht N. auf die „Entstehung" des
religiösen Liberalismus ein, dessen „Vorläufer und Begründer" für ihn
Humanismus, Reformation, Sozinianismus, Spiritualismus, Aufklärung und
Individualismus sind. Damit wird zugleich die Darstellung bis zur
Schwelle des 19. Jahrhunderts geführt, und wenn nun im Hauptteil die
„Blütezeit" des religiösen Liberalismus dargestellt wird, so bedeutet diese
Darstellung zugleich eine sehr aktuelle Bereicherung der Oeistesgeschichte
des 19. Jahrhunderts. Denn hier erfolgt der historische Aufriß in großer
Breite: er berücksichtigt sowohl die theologische Gedankenarbeit des
Liberalismus als deren Einströmen in größere Vereinsbildungen, wie etwa
den „Deutschen Protestantenverein", er verlebendigt die schweren Kämpfe
des Liberalismus durch eine Skizzierung der berühmten „Fälle", wie die
Fälle Jatho, Traub, Schrempf usw., und er setzt seiner Darstellung weite
Horizonte durch eine Zeichnung des katholischen Modernismus und der
jüdischen Reformbewegung. Zugleich aber wird die Frage des religiösen
Liberalismus in seiner ganzen Problematik so gewürdigt, wie sie im
„Sperrfeuer der Gegner", und zwar der von rechts und links, erscheint.

Die Darstellung legt dabei besonderes Gewicht auf die scharfe
Profilierung von Führergestalten wie etwa F. Chr. Baur, D. F. Strauß
und R. Rothe, wobei schon die Fülle der auftauchenden Namen einen
Eindruck gibt von der Mannigfaltigkeit untereinander sehr abweichender
religiöser und theologischer Haltungen, die unter dem Begriff „religiöser
Liberalismus" zusammengefaßt werden. Das letzte Kapitel, das
mit einem Blick auf die monistische Bewegung, auf den religiösen
Sozialismus und den Fluß der geistigen Auseinandersetzung der Nachkriegszeit
schließt, hat der Verfasser als „Ausklang" bezeichnet. Mit
Resignation, wenn auch nicht ganz ohne Hoffnung, hat er damit zum
Ausdruck gebracht, daß der religiöse Liberalismus in der Gestalt, in
der er einst das geistige Antlitz des 19. Jahrhunderts mitbestimmte, am
Ende seiner Entwicklung steht, so sehr der Verf. hofft, daß in ihm überzeitliche
Elemente des theologischen Denkens und religiösen Empfindens
wirksam sind, die unvergänglich bleiben.

Eine wertende Kritik von Niggs Darstellung könnte
nur dann fruchtbar sein, wenn sie vordränge bis zu dem
Ausgangspunkt seiner Auffassung, d. h. bis zu der
Frage nach dem Rechte einer liberalistischen Deutung
des Christentums überhaupt. Diese Frage kann im
Rahmen einer Besprechung nicht berührt werden. Ein
Referat kann nur — die grundsätzliche Bejahung liberalreligiöser
Haltung durch den Verfasser als berechtigt
vorausgesetzt — die Frage stellen, ob auf diesem Boden
die historische Objektivität gewahrt bleibt. Dazu ist
freilich zu sagen, daß es wenige Seiten des Buches
gilbt, die nicht zum Widerspruch reizen. Man kann
dabei absehen von den überaus scharfen Angriffen gegen
die „geistlichen Schildbürgereien" der heutigen Orthodoxie
, die „Wilhelm Busch neues Material zu Illustrationen
liefert". Wesentlicher erscheint die Frage nach
dem Recht der Beurteilung des Liberalismus als „legitimer
Sohn und Erbe der Reformation' oder die Verkennung
der letzten Hintergründe der „Front von rechts".
Gewiß wird von Theologen, wie etwa Tholuck und
Beck bezeugt, daß sie „nicht aus engstirniger Borniert-
i heit, sondern aus religiösen Gründen" Stellung gegen
den freien Protestantismus nahmen. Aber solche Würdigung
bleibt vereinzelt, und es entsteht im ganzen eben
doch das Bild einer bornierten Orthodoxie, als deren
Prototyp etwa ein Mann wie Hengstenberg erscheint,
die der Weite und dem Glänze liberalen Denkens nicht
! gerecht werden kann und will. Es ist aber weder Freude
I an Ketzergerichten noch wissenschaftliche Rückständigkeit
gewesen, sondern tiefgefühlte Verantwortung für
eine lautere Verkündigung des Wortes, wenn 1911 durch
das Spruchkollegium einem Mann wie Jatho die weitere
| Wirksamkeit untersagt wurde. Diesem mit düsteren Farben
gemalten Bilde der Orthodoxie steht auf der anderen
Seite ein zu helles Gemälde eines Liberalismus
gegenüber, wenigstens soweit er, in breitere Volksschichten
eingedrungen, zum liberalismus vulgaris geworden
ist: Die Dürftigkeit, das aufgeklärte Spießertum
und die geistige Bescheidenheit der Kreise um die „Licht-
freunde" und den Deutschkatholizismus werden sehr
viel gelinder beurteilt als etwa der Glaubenseifer der
Leute um die „Evangelische Kirchenzeitung" und die
Erwecktingsbewegung. Man wird dem Verf. gewiß nicht
vorwerfen können, daß er eine reine Schwarz-Weiß-
Zekhnung bietet, auf der die edlen Liberalen von den
bösen Orthodoxen verfolgt werden; trotzdem bleibt der
Einwurf berechtigt, daß die Verteilung der Akzente sehr
' zu Ungunsten einer gewissensmäßig an das „Wort"
I gebundenen Orthodoxie erfolgt. N. sieht den Zerfall des
| Liberalismus objektiv und scharfsichtig, vor allem in
dessen eigener Haltung und eigenen Schwächen, ohne
der Frage nach der Tragfähigkeit liberalen Denkens bis
in die letzten Konsequenzen nachzugehen.

Dem Verf. ist der Nachweis gelungen, daß der religiöse
Liberalismus nicht eine bloße Folgerung des politischen
Liberalismus ist, wie 'man fälschlicherweise oft
behauptet hat. Trotzdem vermißt man gerade in der
Darstellung des religiösen Liberalismus des 19. Jahrhunderts
ein Eingehen auf die Wechselwirkungen, die
zwischen politischem und religiösem Liberalismus bestanden
und vor allem auf die Frage, inwieweit die politischen
Zustände Deutschlands dem religiösen Liberalismus
eine besondere Note verliehen haben. Besonders
aufschlußreich wäre dabei eine stärkere Bemühung um
die Aufhellung der soziologisohen Hintergründe des religiösen
Liberalismus gewesen, ebenso wie um seine
landschaftlichen Bedingtheiten: man vergleiche etwa die
religiöse Haltung mitteldeutscher Handwerker- und Bürgerschichten
um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der
von soziologisch ähnlichen Schichten Süddcutschlands.

Auch eine Kritik, die sich zu Niggs Darstellung
oft in scharfem und grundsätzlichem Widerspruch befindet
, kann nur wünschen, daß sich das Buch vor allem
in den Händen zahlreicher Theologen des Nachwuchses
befindet, die aus ihm etwas erfahren von dein Ernst
des religiösen Ringens nach Wahrheit, von der Schärfe
wissenschaftlichen Denkens und der strengen Zucht einer
in die Tiefe gehenden Auseinandersetzung mit den geistigen
Grundlagen der Zeit, die ein unvergängliches
! Ruhmesblatt in der Geschichte des religiösen Liberalismus
bilden werden,
j Bonn. Q- Reich.

Lutherische Kirche in Bewegung. Festschrift für Friedrich Ulmer
zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Gottfried W e r n e r. Erlangen : Martin
Luther-Verlag 1937. (XI, 228 S., 1 Titelb.) gr. 8°. , RM 4.80.
Prof. D. Friedrich Ulraer in Erlangen, Leiter des
! Martin Luther-Bundes, feiert den 60. Geburtstag (das
Datum ist nirgends genannt). Ihn zu ehren haben sich
j 18 Lutheraner aus der ganzen Welt, vornehmlich aber
! aus Deutschland, zur Schaffung vorliegenden Buches
j zusammengetan. Vorwort und Sammlung lagen in der
Hand von Gottfr. Werner, Generalsekretär des ge-