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Ausgabe:

1938 Nr. 20

Spalte:

364-366

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bremond, Henri

Titel/Untertitel:

Autour de l'humanisme, d'Érasme à Pascal 1938

Rezensent:

Kalthoff, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 20.

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hen. Erst der Methodismus und die hochkirchliche Oxfordbewegung
bringen einen neuen Aufstieg. Die Zeit
des Verfalls beginnt nach S. schon 1618, nämlich in
dem Augenblick, „in dem der Puritanismus politisch
wird" (53).

In den Rahmen dieses trüben Gesamtbildes spannt
S. seine Darstellung des „werdenden Quäkertums". Die
Aufhellung dieses Werdeprozesses hat darum für die Oesamtbeurteilung
des 17. Jahrhunderts so wesentliche Bedeutung
, weil sich in dem Quäkertum wie in einem
Brennpunkt eine ganze Reihe der Kräfte, die den Verfall
des Puritanismus bewirkten, vor allem aus spiritualisti-
scher Mystik, vergeistigtem Chiliasmus und einem radikalen
Individualismus gesammelt haben. Gelingt es, mit
der Frage der Entstehung des Quäkertums „das große
Rätsel der englischen Kirchengeschichte" (V) zu lösen,
so sind damit entscheidende Erkenntnisse zur Beurteilung
des Revolutionsjahrhunderts gewonnen. In lose aneinandergereihten
Einzelbildern, die durch reiche Stellenbelege
und vor allem die wertvollen Beilagen, in denen Quellen
geboten werden, Anschaulichkeit gewinnen, werden zunächst
die Kräfte dargestellt, die später im Quäkertum
zusammengeflossen sind.

Als Vertreter der spiritualistischeu Mystik wird John
Everard, der „größte" englische Mystiker, „von dem die
ganze spätere Entwicklung entscheidend bestimmt wurde
", genauer behandelt (Kap. 1). „Erstmalig" teilt S. in
den Beilagen ausführlichere Auszüge aus seinen Predigten
mit. In Kap. 2 „Der Niedergang des englischen Puritanismus
" gibt S. einen Gesamtüberblick über die Entwicklung
, wobei der Kampf Roger Williams' gegen das
kirchliche Legitimitätsprinzip Thomas Cartwrights näher
geschildert, und die Ereignisse der Revolutionszeit, besonders
das Aufkommen der Independenten, dargestellt
werden. Der Kampf gegen das presbyterianische Legitimitätsprinzip
und der revolutionäre spiritualistische Chiliasmus
sind nach S. die Momente, die neben der inneren
Zersetzung den Untergang des Puritanismus herbeigeführt
haben (42). Die Theologie der „Heiligen" wird
am Beispiel der Feldprediger im Heere Cromwells, William
Dell und John Saltmarsh geschildert (Kap. 3). Bei
Saltmarsh ist grundsätzlich „schon alles vorhanden, was
dem ursprünglichem Quäkertum sein Gepräge gibt" (98).
Jacob Bauthumley, der „geistig bedeutendste Führer der
Ranters" wird in ausführlichen Zitaten als Vertreter der
Ranters (4. Kap.) dargestellt. Eine erhebliche Bereicherung
erfährt das Bild der Ranters durch die Quellen in
der Beilage, besonders auch die Auszüge aus Joseph Sal-
mons Schriften, der als Ranter „of the sober kind" eine
besonders enge „geistige Verwandtschaft" mit den Quäkern
aufweist. In Kap. 5 „Die Botschaft des Quäkertums
" faßt S. das Ergebnis zusammen. Die ideengeschichtlichen
Voraussetzungen für das Quäkertum waren
mit den geschilderten Bewegungen gegeben. Bleibende
geschichtliche Bedeutung erlangte das Quäkertum durch
den „urchristlichen Prophetismus" von George Fox. Das
Quäkertum ist letztlich „nicht reine Mystik, nicht reiner
Prophetismus, sondern eine Mischung von beiden" (103).
Betrachtung des Wesens und der Eigenarten des Quäkertums
und Ausblick auf seine Geschichte beschließen dieses
Kap., zu dem in den Beilagen (IV) ebenfalls ausführliche
Quellen geboten werden. Das „letzte Geheimnis"
des wandelreichen Quäkertums, das in allem Wandel bis
heute Beharrende, ist sein Kampf für die „religiösen
Menschenrechte" der zarten Gewissen, die soweit reichen,
wie „der Mensch vom Geist Gottes getrieben wird"
(107 f.). Hingewiesen sei hier noch auf die Auszüge aus
Roger Brereleys Predigten (Beil. II), der nach S. neben
Bunyan einer der reinsten Vertreter lutherischer Gedanken
war, und dessen Anhänger in rätselhaften inneren
Wandlungen in den Seekers in Westmorland aufgingen
und „für die Entstehung des Quäkertums von entscheidender
Bedeutung" wurden (56).

S. bezeichnet es als sein „Hauptanliegen", „durch die
umfangreichen Mitteilungen aus schwer zugänglichen

| Quellen auch dem deutschen Forscher ein so anschauliches
Bild von den geistigen Strömungen jener aufgeregten
Zeit zu geben, daß er imstande ist, die hier entwickelte
, von der herrschenden Meinung stark abweichen-
! de Auffassung bis zu einem gewissen Grade nachzuprüfen
" (V). „Überraschend neu" sind ferner seine Nachweise
über den Einfluß von Nicolaus Cusanus und Sebastian
Frank auf John Everard und von Caspar
Schwenckfeld auf William Dell und die damit herausgestellte
Bedeutung dieser Männer für die englische Ent-
1 Wicklung überhaupt. Hier sind Zusammenhänge aufge-
| wiesen, denen in Zukunft noch genauer nachgegangen
i werden muß. Die entscheidende Bedeutung der Schrift
i Sippells liegt darin, daß hier das Quäkertum auf dem
Hintergrunde eines entstehenden neuen Oesamtbildes des
englischen 17. Jahrhunderts dargestellt wird, und daß
es so eine ganz andere Bedeutung im Rahmen der englischen
Kirchengeschichte gewinnt. Es ist der sichtbare
Ausdruck einer Gesamtentwicklung, die, als gesamte gesehen
, Verfall bedeutet.

Der Rahmen, in den das Bild des Quäkertums bei S.
tritt, ist in manchem nur skizzenhaft. Das gegebene Material
reicht noch nicht aus, um seine Gesamtthese über
das englische 17. Jahrhundert zu begründen. Aber der
Weg für die weitere Arbeit ist von einer konkreten Stelle,
I der Entstehung des Quäkertums, aus gegeben. Eins ehr äu-
j kungen an der Gesamtthese werden zu machen sein. So
i ist die Begriffsbestimmung des Puritanismus bei S. als
„Calvinismus, insbesondere Presbyterianismus" (S. 42
| Anm. 1) gewiß vereinfachend aber doch recht problema-
I tisch. Es wird nicht scharf genug gesehen, daß das
Scheitern des Presbyterianismus noch nicht das Ende der
| Wirksamkeit kalvinischen Geistes bedeutet, der im Gegenteil
dem „Puritanismus" die bis heute das englische Le-
! ben mitformende Kraft gab. Die Herauslösung des reinen
Kalvinismus aus dem „Puritanismus" der Revolutionszeit
ist nicht so einfach, wie es nach S. scheinen
könnte. Denn der „Puritanismus" (cf. Baxter) enthielt
neben dem Kalvinismus auch scholastische, humanistische
und rationalistische Elemente, die z. T. später als Fermente
der Zersetzung wirksam wurden. Es fragt sich,
ob der Erfassung des komplexen Gebildes „Puritanismus
" mit seiner einfachen Gleichsetzung mit dem pres-
byterianischen Kalvinismus und dem dadurch vereinfachten
Geschichtsbild gedient ist. Fraglich muß ferner auch
| bleiben, ob die Zersetzung des Puritanismus so stark
I von den Schwierigkeiten der Prädestinationslehre her be-
i stimmt ist, wie es S. annimmt, der selbst das Aufkommen
der Mystik mit ihr in Verbindung bringt (54).

Soltau. W. Oberdieck.

i Bremond, Henri: Autour de L'Humanisme. D'Erasme ä
Pascal. Paris: Bernard Grassel 1937. (302 S.) 8°.

Dies Bändchen umfaßt, von Andre und Jean Bremond
zusammengetragen, eine Reihe von Artikeln und Aufsätzen
des 1933 gestorbenen Verfassers der Histoire
litteraire da sentiment reügieux en France. Wann und wo
die einzelnen Stücke erstmalig erschienen sind, wird leider
nirgends ausdrücklich gesagt. Bei den „Gelegen-
heits"-Arbeiten unter ihnen (und das sind die mei-
| sten) ist das Datum der ursprünglichen Niederschrift
j nicht schwer zu bestimmen. Ob Bremond nun an einem
| Tage geschichtlichen Gedenkens das Wort ergreift oder
ob er seine Aufmerksamkeit einem neuerschienenen Buche
I zuwendet: er macht sich jede Gelegenheit zunutze, um
I am geschichtlichen Stoff der Renaissance- und Barock-
j jahrhunderte seinen Begriff vom rechten Wesen der
Frömmigkeit zu entwickeln oder umgekehrt von diesem
I Begriff her eben jenen Stoff zu gliedern und zu werten.
Er tut das, so beiläufig der Anlaß auch erscheinen mag,
auf eine frisch zupackende und thesenhaft greifbare
Weise. So wird man von dem vorliegenden Buch nicht
so sehr sachliche Auskunft über einzelne Themen als
Aufschluß über die Position des Verfassers eiAvarten.