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Ausgabe:

1938 Nr. 19

Spalte:

341-347

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heiler, Friedrich

Titel/Untertitel:

Urkirche und Ostkirche 1938

Rezensent:

Völker, Walther

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 19.

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die letzte (8.) von Gustav Krüger 1922 Sp. 370 f.
angezeigt worden. (Die 9. Auflage von 1931 war nur
eine photomechanische Wiedergabe der 8.). „Ein kritisch
und gewissenhaft eingestellter Autor wird sein Lehrbuch,
das doch den neuesten Stand der Wissenschaft widerspiegeln
soll, nie als etwas Fertiges und Abgeschlossenes,
sondern immer nur als etwas Verbesserungsbedürftiges
und Wachsendes betrachten", sagt der Verf. in der
Einleitung. Diesem Grundsatz getreu, hat er keine Mühe
gespart, um sein Werk wieder neu durchzuarbeiten und
überall, wo es nötig schien, zu ergänzen. Es ist jetzt
wirklich ganz sein Werk geworden, und die Nennung
des Namens von Funk auf dem Titelblatt ist kaum mehr
als eine pietätvolle Erinnerung. Auch äußerlich hat das
Buch ein etwas stattlicheres Format erhalten und der i
Druck ist weniger sparsam.

Leider ist die mitunter sehr ungeschickte, zerstückelnde Einteilung
und Gliederung des Stoffes, die der Verf. selbst beklagt, trotzdem überall |
beibehalten worden. Das Mönchtum wird z. B. erst nach allen dogma- I
tischen Kämpfen, nach Augustin und nach Gregor d. Gr. behandelt. So- j
weit ich sehe, sind vor allem an zwei Stellen größere und allgemeiner
gehaltene Abschnitte neu eingeschoben worden: ein (nicht bezifferter)
•Rückblick und Vorblick" beim Beginn des zweiten Teils und zwei i
Seiten über die Bedeutung der germanischen Welt und ihrer Christianisierung
§ 43, 1. Sonst handelt es sich um ihrer Ausdehnung nach nur
kleine Erweiterungen und Verbesserungen, angefangen von stilistischen
Dingen bis zur gelegentlichen Einfügung eines neuen Gesichtspunkts ]
(z. B. über „mutterkirchliche" Beziehungen zwischen den Gemeinden im i
§ 20), wiederholt auch um vorsichtigere Formulierungen früherer Urteile
(z.B. § 21,3 über Cyprian und den römischen Primat, §54,4
über Nestorius).

Die katholische Gesamtauffassung der Entwicklung
(und ein dadurch bestimmtes Verständnis mancher Einzel- j
heiten) ist unverändert geblieben. Der Verf. betont, daß j
es ihm nach dem Plan eines derartigen Lehrbuchs nichf
auf „synthetische und ideengeschichtliche Betrachtungen
" angekommen sei, sondern vor allem auf die „genaue
, zuverlässige und unparteiische Darbietung des Tatsachenmaterials
." Man kann ihm mit Dank bestätigen,
daß er dieses Ziel im Ganzen vorzüglich erreicht hat.
Ich habe keine Stelle gefunden, an der wichtige neue Forschungsergebnisse
übersehen und nicht wenigstens mit
einem kurzen Hinweis vermerkt worden wären. Die Literaturangaben
sind außerordentlich sorgfältig und reich,
und jetzt ist dem Band auch ein Register mitgegeben. So
läßt sich auch von dieser zehnten Auflage wie s. Zt.
schon von der achten sagen, „daß die katholischen Studierenden
und Pfarrer, die zu diesem Buch greifen, wohl J
beraten sind."

Greifswald. H. v. C a m p en h a u sen.

Heiler, Friedrich: Urkirche und Ostkirche. München: Ernst
Reinhardt 1937. (XX, 607 S.) gr. 8° = Die katholische Kirche des
Ostens und Westens. Bd. 1. RM 11—5 geb. 13—.

F. Heiler hat im Jahre 1919 in Uppsala Vorträge
Uber „Das Wesen des Katholizismus" gehalten, die er I
alsbald im Druck veröffentlicht hat. Bereits nach wenigen
Jahren (1923) unternahm er einen zweiten Anlauf.
Aus dem temperamentvoll geschriebenen, persönlichen
Bekenntnis wurde ein etwa 700 Seiten starkes, gelehrtes
Werk, das ob seiner Ausführlichkeit, seiner Zuverläs- j
sigkeit, seiner reichen Literaturangaben als ein beachtlicher
Beitrag zur Symbolik zu werten ist. 14 Jahre
später legt H. erneut ein Opus vor, das sich mit der
gleichen Frage beschäftigt und dessen Umfang auf drei
Bände berechnet ist: „Die katholische Kirche des Ostens |
und Westens." Von ihnen ist bisher nur Band I erschienen
(„Urkirche und Ostkirche"), der hier zu würdigen
ist. Wie man schon aus dieser Entstehungsge-
schiebte sieht, handelt es sich um eine Arbeit, die mit
der inneren Entwicklung ihres Verf.s aufs engste zusammenhängt
, so daß sich deren Etappen in dem jeweiligen 1
schriftstellerischen Niederschlag deutlich ausprägen müssen
. H. sagt selbst, daß seine Ansichten durch seine Berührung
mit der griechisch-orthodoxen und anglikanischen
Kirche, durch seine hochkirchliche und ökumenische
Arbeit, sowie durch die Schwierigkeiten, denen sein Wirken
im Protestantismus begegnet ist, weithin andere
geworden seien (S. XI). Nichts muß daher lehrreicher
sein, als die Anfangskapitel des Buches von 1923 (S.
17—97) mit ihrer Umarbeitung von 1937 (S. 21 — 123)
genau zu vergleichen. H.'s Wandlung wird dann deutlich
werden, seine Neuansätze und Änderungen älterer
Anschauungen treten in helleres Licht, und zugleich erkennt
man, ob und wieweit er die katholische Kritik und
deren Einwendungen berücksichtigt hat.

Versuchen wir zuvor eine kurze Inhaltsübersicht
zu geben, die natürlich bei der Fülle des gestalteten
Stoffes nur höchst fragmentarisch ausfallen kann.
Einleitend wird „der Name katholisch und seine Geschichte
" behandelt (S. 1—19), dann schildert der 1.
Hauptteil die Urkirche (S. 21—123), der 2. die Ostkirche
(S. 125—5()7). Der Abschnitt über die Urkirche
beschränkt sich fast ausschließlich auf den Nachweis,
daß alle Züge des späteren Katholizismus bereits im
NT. zu finden seien, während ihre spätere Entwicklung
bis ins 8. Jhd. hinein nur sehr kurz behandelt wird.
Der 2. Abschnitt beschreibt zunächst höchst anschaulich
und lebendig die orthodoxe Großkirche (S. 126
bis 416), ihre Geschichte, ihren gegenwärtigen Bestand,
Recht und Verfassung, ihre Glaubens- und Sakraments*
lehre, Liturgie, Mönchtum, Mystik und Volksfrömmigkeit
. Überraschend ausführlich und von stärkster Sympathie
getragen ist die Darstellung der getrennten Nationalkirchen
(S. 417—544), wobei freilich ein bestimmtes
Schema (Geschichte, Verfassung, Glaubens- und Sakramentslehre
, Liturgie) zu Grunde gelegt wird, das
bei seiner ständigen Wiederholung etwas ermüdend wirkt.
Den Abschluß bildet ein kurzer Abschnitt: „Die Eigenart
der Ostkirche" (S. 545—567), der im 2. Bande
ergänzt werden soll.

Unterscheidet sich somit — rein äußerlich betrachtet
— H.'s Werk nicht sonderlich vom üblichen Aufriß
einer Konfessionskunde, so treten doch sofort die Besonderheiten
in Erscheinung, sobald man die Art der
Behandlung prüft. Was H. von seinem „Katholizismus
" (1923) sagt, trifft auch für vorliegendes Werk
zu: „durchpulst . . . von einem stark affektiven persönlichen
Erlebnis" (S. VII). Die Darstellung ist edel,
der Stil steigert sich zuweilen bis zum begeisterten
Schwung und übt dann auf den Leser eine fast suggestive
Gewalt aus. Das Buch ist seiner ganzen Anlage nach
für einen größeren Leserkreis bestimmt; es handelt sich
also um eine Darstellung für Gebildete, nicht um ein
Werk, das sich allein an die engen Zirkel der Fachgelehrten
wendet. Daraus erklärt sich, daß vieles behandelt
wird, was der Spezialist kennt (S. XIII), daraus
auch eine gewisse Breite in der Gedankenentfaltung
und die Angewohnheit, die Zitate zu übersetzen. Die
Fülle des zu verarbeitenden Stoffes bringt es natürlich
mit sich, daß große Partien nicht auf Grund eigener
Quellenlektüre verfaßt sind, sondern das Material aus
2., bzw. aus 3. Hand beziehen. Doch muß gesagt werden
, daß Verf. sehr sorgfältig vorgegangen ist und
immer nur die jeweils besten und sachkundigsten Werke
herangezogen hat, soweit ich das bei mir zugänglichen
Gebieten kontrollieren konnte. Denkt man an den Leserkreis
, so wird der kompilatorische Charakter des Buches
kaum zu beanstanden sein, wobei jedoch nicht verkannt
werden soll, daß für den aufmerksamen Leser viele
kleine Schwankungen sichtbar werden, die sich aus den
verschiedenen Tendenzen der benutzten Werke erklären.
Sie werden durch den gleichförmigen Stil und die leitenden
Gedanken H.s aber nur mit Mühe verdeckt.
Die Fülle des zu formenden Stoffes verursacht notwendig
in der Darstellung eine Reihe von Mängeln, für die man
den Verf. nur zum kleinen Teile haftbar machen darf.
H.s Eigenart bringt es mit sich, daß die Abschnitte
über Mönchtum, Mystik und Liturgie ihm immer am
besten gelingen. Das zeigt auch dieser Band sehr deutlich
. Das Kapitel über „Die Liturgie der orthodoxen
Kirche" (S. 286—364) ist m. E. der wertvollste Ab-