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Ausgabe:

1938 Nr. 1

Spalte:

294-295

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dessoir, Max

Titel/Untertitel:

Einleitung in die Philosophie 1938

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 15/16.

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verschieden; Verf. sieht darin eine der Ursachen des
Sichnichtverstehens unter den Völkern. Über Volksdeutsche
Dichtung berichtet Heinz Kindermann
-Münster i. W. in einem Vortrag, der anläßlich
eines Empfangs zur Auslanddeutschen Dichterwoche
im Volksklub Berlin gehalten wurde. Es führt in feinsinniger
Weise in die Auslanddeutsche Dichtung der verschiedensten
Gebiete ein, deren Reichtum, Kraft und
Schönheit manchem Leser wohl eine Überraschung ist.

Die Beiträge, die über einzelne Gebiete des Auslanddeutschtums
berichten, führen diesmal bis auf den Aufsatz von M. Dedekind, Zur
Jahrhundertfeier der E van gel. Gesellschaft für die
protestantischen Deutschen in Nord- und Süd-Amerika,
•der von viel treuer Liebe und Fürsorge für die Brüder im Ausland zu
berichten weiß, in den Oslraum. Eine Fortsetzung aus dem vorigen
Jahrbuch bietet Hans Wahl, Evangelisches Staatskirchenrecht
im Auslanddeutschtum (Fortsetzung: Polen), die
sich auf die Lage der unter dem Warschauer Konsistorium stehenden
Gemeinden beschränkt. Er gibt eine ausführliche Darstellung der außerordentlich
verwickelten staatlichen und kirchenrechtlichen Verhältnisse in
ihrer geschichtlichen Entstehung und will „die Beurteilung der Beziehungen
von Staat und Kirche aus der konkreten Situation der evangelischen
Kirche in Polen" verstanden wissen, darum eine ausführliche
Darstellung der Ereignisse der letzten Jahrzehnte mit dem traurigen Ergebnis
, daß sich das Verfassungsleben der Kirche in voller Auflösung
befindet. Die Materialien für den geschichtlichen Teil mußten mühsam
aus älteren Werken zusammengesucht werden. Eine wertvolle Ergänzung
hierzu ist der Beitrag Die kirchliche Lage in Polen, dessen
Verf. aus begreiflichen Gründen ungenannt bleibt, und von der unerhörten
Behandlung der ostoberschlesischen Kirche durch den polnischen
Staat ein erschütterndes Bild gibt. Die deutsche evangelische
Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien von Joh. Pfeiffer
ist eine Fortsetzung von Jahrbuch 1936 S. 192 ff., wo eine Übersicht
über diese Kirche geboten wurde und behandelt den Aufbau der
Kirche und das Werden ihrer Verfassung, ein Schlußabsclmitt soll im
nächsten Jahrbuch folgen. In die nun heimgekehrte österreichische Kirche
führt A. W. Walther, Die evangelische Kirche in Österreich
, es folgt eine Statistik der evangelischen Gemeinden
Österreichs und Ostoberschlesiens von Paul Ullrich
. W. zeigt zunächst die klerikale Umwelt und ihre Literatur und
gibt dann ein gutes kurzes Bild des Werdens der Kirche und ihrer
Schicksale bis in unsere Zeit und von ihrer Arbeit in der Gegenwart.
Nun hat seitdem ein neues Blatt der Geschichte Österreichs und auch
seiner evangelischen Kirche begonnen, möge die neue Zeit mit neuen
Aufgaben und neuen Fragestellungen ihr gesegnet sein! Mit ebenso
großer Liebe wie Sachkenntnis berichtet der aus Petersburg stammende
Geschäftsführer des Verbandes ausländischer Pressevertreter in Berlin
Carlo von Kügelgen über Rußland, Deutschtum und
evangelische Kirche. Wir lernen die Entstehung der ev. Kirche
kennen, die in Stadt und Land auf das engste mit dem deutschen Volkstum
verbunden ist, und die trotz zeitweiliger Bedrückung durch das
zaristische Rußland hohe Bedeutung des evangelischen Deutschtums im
Vorkriegsrußland. Einzelne bedeutende Pfarrer und Kirchenmänner finden
liebevolle Würdigung. Es folgen die verschiedenen Phasen der
Stellungnahme des nachzaristischen Rußland bis zu den brutalen Vernichtungsmaßnahmen
des Bolschewismus, dessen größter Haß in gleicher
Weise dem neuerstarkten Deutschland wie dem christlichen Glauben gilt,
sodaß es manchmal den Anschein hat, als ob alles verloren sei, was es
dort an religiösem und christlichem Leben gibt; und doch sagt in seinem
Ausblick dieser gründliche Kenner der russischen Verhältnisse:
„Das Christentum und insonderheit der evangelisch-lutherische Glaube
unter den rußlanddeutschen Kolonisten haben sich trotz der Zerschlagung
der äußeren Formen der Kirche nicht überlebt, sondern leben in den
einzelnen Gläubigen verborgen. Die Flamme, die von allen Stürmen
leiblicher und geistiger Bedrängnis, Not und Tod nicht ausgelöscht
werden konnte, wird weiterbrennen und, wenn die Zeit gekommen ist,
wieder ihr wärmendes Licht über Land und Volk ausbreiten." Mit
diesem gläubigen Ausblick möge der Bericht über das wieder außerordentlich
wertvolle Jahrbuch schließen.

Halle/S. Wilhelm Usener.

Schöffel, Joh. Sim.: Die Herrlichkeit der Bibel. 3. erg. Aufl.
Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses [1937]. (124 S.) 8°. RM 2—.
So muß man zu den Menschen von heute über die
Bibel und ihre Herrlichkeit sprechen, wie es Schöffel tut.
Wfire so vor Jahren in der Gemeinde und vor der Gemeinde
geredet worden, manches Unheil wäre verhütet
und mancher Angriff von beute unmöglich. Sch. beschönigt
nichts, setzt sich ernst mit all den Vorwürfen, daß
in der Bibel auch „Furchtbares" steht, daß es ein Judenbuch
sei, daß das A T. uns doch im Grunde nichts mehr

angehe, auseinander. Gibt zu, was zugestanden werden
muß. Weiß um die menschliche Seite der Bibel. Erzählt

j auf wissenschaftlicher Grundlage von ihrer Entstehung.
Aber sie ist und bleibt ihm Gottes Wort. Im Sinn und
Verstehen Luthers „was Christum treibet". Denn Wort
Gottes ist ihm die Geschichte Gottes in und an der
Menschheit. Es gibt eine Menschengescbichte, von der
redet die Bibel sehr deutlich und klar und zeigt sie am
Volk Israel. Die endet immer im Tod. Und es gibt eine
Gottesgeschichte. In Jesus Christus Tat und Geschehen
geworden. Die führt zum Leben. Um diese Gottesge-
schichte geht es in der ganzen Bibel. Denn sie kündet
von der Souveränität Gottes. Sie ist geschrieben zur
Doxa Ahou Deou. Er allein setzt wahre Geschichte. Und
alles, was ihm widerspricht, ist totes Geschehen. Zum
Leben führt nur Geschichte, deren letzter Sinn und Inhalt
Christus ist. So will Sch. auch alle Geschichten des A.T.
„vom Ende her" gelesen wissen und zeigt an der
Josephsgescliichte (S. 117 f.) wie sich vom Ende her gelesen
bei ihr alle menschlichen Rätsel und Anstöße lösen.
„Die Gnade ist die Herrlichkeit der Bibel." Wer um
sie weiß und wem sie an Christus aufgegangen ist, findet

I in der ganzen Bibel — nicht Wort für Wort, aber wohl
Seife um Seite — das Buch voller Gnaden.

Bonn. Haun.

Dessoir, Max: Einleitung in die Philosophie. Stuttgart: Ferd.
Enke 1936. (XI, 248 S.) gr. 8°. Kart. RM 5.40.

Eine Einleitung in die Philosophie zu schreiben,
ist immer schwierig. Schreibt man sie referierend über
„Ismen" und Disziplinen, dann haftet ihr, je gründlicher
sie ist, leicht Trockenheit an, sie hört auf, ,,lesbar" zu
sein und wird ein Lehr- bzw. ein Lernbuch; schreibt man
sie persönlich, dann wird sie — je nachdem — ein System
oder ein Bekenntnis und höchstens eine Einleitung
in ein System, nämlich in das des Verfassers. Dessoir ist
einen glücklichen Mittelweg gegangen. Er zeigt Probleme
und Stellungnahmen zu Problemen und rückt
sie in das Licht eigener, auch zum Widerspruch reizender
Stellungnahmen. Das alles geschieht in außerordentlich
eindrucksvoller, lebendiger Sprache, die niemals trok-
ken und langweilig ist. Allerdings: das Buch ist für
Wissende, nicht für Anfänger geschrieben, eigentlich
keine Einleitung, sondern eine Zusammenfassung der
Philosophie. Was kein Tadel sein soll!

Die Probleme, die behandelt werden, sind geschickt
ausgewählt, — über Auswahlen kann man natürlich
immer streiten — sie weisen auf heute Lebendiges und
auf heilte Vernachlässigtes hin. Sie steilen auf dein Boden
der Wirklichkeit und weisen ins Ewige. So lautet
eine Kritik an Nicolai Hartmanns Philosophie: „Was
ihr fehlt, das ist: Gerechtigkeit für das Jenseitige".
Der Existentialphilosophie wird Dessoir nicht gerecht,
Kierkegaard kommt bei ihm schlecht weg. Aber die
religiösen und die religionsphilosophischen Fragestellungen
werden in dieser Einleitung in die Philosophie
erfreulich ernst genommen. Der Theologe möchte vielleicht
manches anders sehen und sagen, aber das Buch
enthält Philosophie und nicht Theologie. Soviel zur
Grundhaltung.

Was zum „Gefüge" der Philosophie über Abgrenzung
von Weltanschauung, Metaphysik und Erkenntnistheorie
gesagt wird, hat mich am wenigsten befriedigt
. Am eindruckvollsten ist der Teil, der als „geschichtliche
Entwickelung" einen Querschnitt durch die
Geschichte der Philosophie legt und nacheinander die
Philosophie des Griechentums, des Christentums, der
Natur und der Geschichte behandelt. Der vorhergehende

! Abschnitt über den „bleibenden Fragenkreis", nämlich
Wahrheit, Wirklichkeit und Wert, umreißt eigentlich das
Thema, das in der geschichtlichen Entwickelung abge-

! handelt wird und dessen Beleuchtung mit einem Bück

| auf den „gegenwärtigen Stand" schließt. Hier werden
anthropozentrische und ontozentrische Denker un-

! terschieden, man denkt dabei als Theologe daran, daß