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Ausgabe:

1938 Nr. 14

Spalte:

248-249

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scott, Charles A. Anderson

Titel/Untertitel:

New Testament ethics 1938

Rezensent:

Michel, Otto

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Seite 1, Seite 2

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'247

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 14.

248

Das neue Buch will einige Punkte beleuchten, die die
Überzeugungskraft des früher entworfenen Geschichtsbildes
steigern müssen. H. sammelt zunächst die Stel-
kn, die sich in den Evangelien auf Jesu Zug nach Jerusalem
beziehen (S. 10—19). Erst nach Cäsarea Phi-
lippi überkommt ihn die Gewißheit, selbst handelnd
eingreifen zu müssen. Bis dahin hatte er seine Aufgabe
lediglich darin erblickt, das von Gott herbeizuführende ;
Kommen des Reiches seinerseits zu verkünden. In ■
die Tätigkeit Jesu bei der Sammlung von Helfern läßt }
uns das önioco yiov einen Blick tun; Kap. 3 handelt davon.
Von Mk. 8,34 und seinem 6re£ow um eM>eiv aus möchte
H. auch das vnayt ojtfoco }i<w V, 33 als eine Aufforderung
zum Eintritt in die Leidensnachfolge deuten (S. 31 f.).

Wichtig ist ferner Matth. 17,22, wo H. die Les- j
art ouoTOfcponth'wv 8e ourtüh' iv rf) r<xXi%a(<; vorzieht und
die Übersetzung wagt: „als sie (die Anhänger Jesu)
in Galiläa Musterung hielten" (S. 38—55; bes. 54).

Der 5. Abschnitt befaßt sich mit dem schwierigen ,
Vers Mk. 10,32, der nach seiner ursprünglichen Gestalt
deutlich neben Jesus zwei Gruppen unterscheidet, j
die Zwölf und noch andere Gefolgsmänner (S- 64), und
ihre tiefe Besorgnis angesichts der nahen Entscheidung ,
richtig festhält. i

Kap. 6 vertritt die Auffassung, daß sich der Angriff i
Jesu nicht gegen Rom, sondern gegen die regierende j
Schicht im eigenen Volke wendet (S. 71). Seine An- j
hänger hätten allerdings angenommen, er würde das j
Volk von dem Drucke Roms erlösen. Deshalb ziehen
sie sich zurück, als er dem Kaiser zubilligt, was dieser
beanspruchen darf (Mk. 12,13—17 Par.).

Abschnitt 7 (S. 75—100) prüft dieStellung des Hero- |
des in der Passionsgeschichte, die von ausschlaggebender ;
Bedeutung sei.

Der letzte Abschnitt (8: S. 101 — 110) sucht darzulegen
, daß auch die beiden Übeltäter, die mitgekreuzigt
werden, zu den Parteigängern Jesu gehört haben und
mit ihm zusammen dem gleichen Schicksal verfallen
sind.

Die allgemeinen Erwägungen, die H. anstellt und
die seine Untersuchungen in Gang bringen, sind nicht !
ohne Berechtigung. Die Darstellung der Evangelien läßt |
tatsächlich allerlei im Dunkeln. Aber das Unternehmen, I
die eigene Auffassung mit der evangelischen Tradition, ,
wie sie nun einmal ist, in Beziehung zu setzen, erreicht j
m. E. keine starke Durchschlagskraft und bezwingende j
Wucht. Die Synoptiker deuten nichts davon an, daß das
Erlebnis von Cäsarea Philippi Jesus die Wendung nach I
Jerusalem gibt. Wenigstens fällt erst Mk. 10,32 das I
Stichwort Jerusalem, nachdem wir Jesus auf der Reise |
durch Galiläa begleitet (Mk. 9,30) und mit ihm in j
Kapernaum geweilt haben (9,33).

Im dritten Evangelium mit seiner „großen Einschaltung
" läßt sich Jesus besonders lange Zeit zum Eintreffen
in der Hauptstadt. Hier kann der Leser am
wenigsten auf den Gedanken kommen, daß Cäsarea Philippi
der von H. gekennzeichnete Markstein auf seinen
Lebensweg sei. Aber gerade Lukas soll der eigentliche i
„Chronist des Zuges nach Jerusalem" (S. 37) sein — J
er der Jesus doch gewiß im Gegensatz zur Wirklichkeit
durch Samarien reisen läßt (über die Unmöglichkeit
seines „Reiseberichtes" s. zuletzt wieder C. C. McCown
im Journal of Biblical Literature 57, 1938, S. 51— 66).

Überhaupt stoßen wir auf eine seltsam günstige Beurteilung
des Geschiehtswertes der lukanischen Darstellung
. Sondergut des dritten Evangeliums, wie die siebzig
jünger oder die Herodesszene 23,7 ff., gewinnt erstaunliche
Bedeutsamkeit. Die letztere wird so verstan- .
den, daß die Verspottung 23,11. 12 einer Verurteilung
durch Herodes gleichkomme. Pilatus habe das seinerseits
aufgenommen. Denn V. 15 das dU ov8i 'Hq$oik
habe keineswegs den Sinn: „auch nicht Herodes", „H.
ebensowenig", sondern es wolle im Gegenteil besagen: I
„nicht so H.": 6U' ob &i = „aber nicht".

Selbst wenn man sich — was mir sehr schwer fällt —

mit der sprachlichen Lösung einverstanden erklären und
das ovte als einfache Negation betrachten wollte, kommt
man über den zwingenden Eindruck kaum hinweg, daß
für Lukas, dessen Pilatus Jesus dreimal für schuldlos
im Sinne der jüdischen Wünsche erklärt (23,4. 14. 22),
und zwar vor wie nach der Herodesszene, auch Herodes
Zeuge der Unschuld Jesu ist. Davon, daß Pilatus dem
Herodes und dann wiederum „dem Volke" eine günstige
Haltung Jesus gegenüber zugetraut, sich jedoch in
beiden Fällen geirrt hätte, sagt Lukas nichts. Nach seiner
Darstellung 23,13 f. rechnet vielmehr der Prokurator
auch den hu',: zu den unerbittlichen Gegnern Jesu,
denen er ihre böse Absicht ausreden möchte. Hier muß
zu viel in den Text hineingelegt werden, als daß man
diesen noch als unbeeinflußten Zeugen anzusehen vermöchte
.

Ähnlich muß ich auch über Beweisgang und Ergebnis
des vierten Kapitels urteilen. Wenn Matth. 17,22 seine
griechische Vorlage (Mk. 9,30) neben anderem durch
den Gebrauch der Vokabel ov<rcoE(peodai verändert, so ist
ihm, wenn H. sein Ersatzwort richtig auffaßt, dieser
Sinn kaum mehr deutlich gewesen. Jedenfalls bezeichnet
ot'OToecpEofhu da, wo Kod. D es in der Apostelgeschichte
hat (10,41. 11,28. 16,39), das Zusammenkommen
einer größeren oder kleineren Anzahl von Menschen
zu allerlei Zwecken — nur nicht zu dem einer „halbmilitärischen
Musterung".

Nach allem möchte ich urteilen, daß Harlows Unzufriedenheit
mit der meist üblichen Motivierung des Zuges
Jesu nach Jerusalem wohl zu Recht besteht. Ob es ihm
aber gelungen ist, an diesem Punkte wirklich neues und
sicheres Erkennen anzubahnen, ist mir nicht ebenso
gewiß. Offenbar kommen wir hier zunächst über Mutmaßungen
noch nicht hinaus.
Güttingen. W. Ii au er.

Scott, C. A. Anderson, D. D. Cantab., Hon. D. D. Aberd.: New Testament
Ethics. An introduetion. Cambridge: Univ. Press 1934. (VIII
152 S.) 8°. Qeb. 3 s. 6 d.

Es ist nicht leicht für eine Rezension, die theologische
und kirchliche Situation eines fremden Landes
so zu überschauen, daß man die Bedeutung eines neu erscheinenden
Werkes richtig einordnen und würdigen
kann. Es soll ja einen ganz bestimmten Dienst in einer
vom Verf. erkannten und erlebten Situation erfüllen, den
ein Fremder nicht ohne Weiteres überschauen kann.
Dazu kommt noch, daß trotz mancher Berührungspunkte
die theologische und kirchliche Entwicklung hüben
und drüben andersartig verläuft, sodaß sie nicht
allzurasch miteinander verglichen werden können. Diese
Vorbemerkung scheint mir gerade für eine Besprechung
der Vorlesungen von C. A. Anderson Scott angebracht
zu sein, die 1929 vor einem weiteren Kreise im Rahmen
der „Hulsean Lectures" gehalten, 1930 zum ersten
, 1934 zum zweiten Mal herausgegeben wurden.
Die zweite Auflage enthält neben einem Stellennachweis
beachtenswerte Anmerkungen, kurze und prägnante Sentenzen
, die gerade für den deutschen Leser ungemein
aufschlußreich sind; Auswahl und Formulierung lassen
einen Einblick in die englische Problemstellung tun:
„Die Autorität stellt den Teil der Religion dar, den
wir nicht uns angeglichen haben" (Inge). „Wenn die
Sünde nicht beachtet wird, wird das Christentum unverständlich
" (Inge). „Englands Unfähigkeit zu hassen
ist sein Trumpf im Lebenskampf" (Hamilton). Dabei
ist der Verf. sowohl in der englischen als auch in der
deutschen Forschung gut zu Hause (H. Preisker „Geist
und Leben" 1933 konnte wohl noch nicht benutzt werden
), er hat eine lebendige Art der Darstellung und betont
besonders die praktische Seite der urchristlichen
Ethik mit Geschick. Wir Deutschen haben allerdings
eine gewisse Unbefangenheit verlernt, die etwa der
Kirche die Aufgabe zuweist, Männer und Frauen „gut
zu machen", die das Gottesreich als „Welt geistiger
Wirklichkeiten und Werte" beschreibt. Wir denken auch