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1938 Nr. 12

Spalte:

218-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Matthäuserklärung : 1. Die griechisch erhaltenen Tomoi 1938

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 12.

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älteste erhaltene Pauluskodex bezeugt also denselben
Zustand wie Marcion. Die Pastoralbriefe haben der
ursprünglichen Sammlung der Paulusbriefe nicht angehört
. Für Ägypten deutet auf den gleichen Sachverhalt
am Emde des zweiten Jahrhunderts Clemens von
Alexandrien, wenn er von „Ketzern" spricht, deren Pau-
luskanon sich von seinem eigenen nur durch das Fehlen
der Pastoralbriefe unterscheidet (Strom. 2, 52, 6).

Die Anordnung, die unmittelbar hinter Rom. und
"vor den Korintherbriefen den Hebr. einschiebt, ist ganz
eigenartig. Denn, was C. R. Gregory, Textkritik I 1900,
S. 299 über die Reihenfolge in der Paulushandschrift
95 (= Min. 455) mitteilt, erscheint so seltsam, daß ich
Bedenken trage, in ihr ein Gegenstück zu unserem Papyrus
zu erblicken. Deutlich ist freilich die große Hochschätzung
des Hebr., wie sie im Osten, in Ägypten
und Syrien schon früh bestanden hat. Die koptische
Gestalt des berühmten 39. Festbriefes des Athanasius
hat wenigstens die Gruppierung: Rom., 1. 2. Kor.,
Hebr., Gal., wie die sahidische Übersetzung des N. T.s
(Gregory II 1902, S. 534). Die Syrische Stichometrie
von um 400 (A. Lewis, Studia Sinaitica I 1894, S. 11
bis 13) läßt zwar Hebr. unmittelbar auf Rom. folgen,
schickt diesem jedoch Gal. und 1. 2. Kor. voraus.
Dürfte man für einen Erklärungsversuch von der p.
X111 mitgeteilten genauen Stichenberechnung für die
paulinischen Briefe ausgehen, so könnte man auf den
Gedanken kommen, die Schreiben wären einfach nach
ihrer Länge geordnet gewesen. Dann stünde Hebr. nur
deshalb gleich hinter Rom., weil er seinen eigentlichen
Platz zwischen den beiden Korintherbriefen nicht gut
beziehen konnte, somit nur die Stelle vor oder hinter
ihnen zur Verfügung hatte.

Auf dem gleichen Wege würde sich dann auch eine
gute Erklärung dafür finden lassen, weshalb der Ephe-
serbrief vor dem Galaterbrief angeordnet ist. Jedoch
der nur wenig jüngere Schreiber, der in unserem Kodex
den einzelnen Briefen Stichenzahlen beigefügt hat,
kann diesen Grundsatz nicht mehr durchschaut haben.
Er verzeichnet eigentümlicher Weise bei Eph. 316 Stichen
, bei dem darauf folgenden Gal. jedoch 375 Stichen.

P. XIII f. handelt kurz vom Charakter der Schrift,
der in spürbarem Gegensatz zum ehester Beatty Pap.
der Evangelien und der Apostelgeschichte eine kalligraphische
Note zeigt, und von der Abkürzung der
uomina sacra, die keine Überraschungen bringt.

Dann schließt die Introduction mit einer Darstellung
der Eigenart des Textes unserer Handschrift. Dieser
wird zunächst statistisch mit dem der wichtigsten Un-
zialen und dem Textus reeeptus verglichen. Es ergibt
sich ein besonders enges Verhältnis zu B, in zweiter
Linie zu n A C. Im Abstand folgen D, weiterhin
F G; und mit dem Textus reoeptus steht es annähernd
ebenso. Kein Zweifel, der Papyrus geht mit den Alexandrinern
zusammen, weit seltener mit dem „Westlichen
•ext", am häufigsten noch im Römerbrief.

Der Kodex weist auch eine Anzahl von Lesarten auf,
denen er allein oder doch fast allein steht. Manches
davon ist sichtlich Versehen oder so belanglos, daß es
beiseite bleiben darf. Dagegen ist es bedeutsam, wenn
"ier die berühmte Schlußdoxologie des Rom. weder
am Ende des 16. noch am Ende des 14. Kapitels steht,
sondern das 15. abschließt. Denn das könnte der alten
David Schulzschen Hypothes einen Auftrieb geben.

Andere bedeutsamere Lesarten sind etwa die folgenden
:

, Rom. 8, 24 8 yäQ ßlexei xic, eXju^ei mit B.Orig. — Rom. 13, 1
Jtaoau; e|ouo(ai? {ijieqexoüocu.; tOTOTOOOEaöe mit D. F. Q. it. Latt.
V^or von Naz. - Rom. 16,7 TouHav statt 'iomaav mit der boh.
Ubersetzung und Vulg.-Handschriften. — V. 24 fehlt wie in N. A. B. C.

Hebr. 1,8 xf<; ßaodeia? avxoü mit N. B. - Hebr. 6,2 öiöuyr'iv
«KB. — Hebr. 10, 14 ganz allein üvaow^oiiEVOii; statt uYia^ons-vouc..

Hebr. 11,37 UUft der Pap. mit geringer Unterstützung das ejieioüö-
y*)<Jav weg. — 1. Kor. 5, 12 toi')? eowüev (Introd. p. XX falsch e|o>üev)
2«MS xomtxE statt ovy.i xoü; eoco {'heic. xoivexe. — 1. Kor. 8, 12_läßt
r allein ürrf>Evovauv weg. — 1. Kor. 11,24 xoöxö eoxiv (iou to oo)|ia.

— l.Kor. 13, 5 ist zwischen xä und Eaimjc, über der Zeile jxt| nach
getragen; vgl. B. — 1. Kor. 14, 33 *>e6c. ohne Artikel. — 1. Kor. 14, 34 f.

I stehen an ihrer Stelle. — 1. Kor. 15, 47 6 öeuxeqoc, uvOqmjioc,
hv5coc, (= JtVEUuaxixöc) e| oüpavoü. — l.Kor. 15,51 jtoVvtec, ov
xoiu.T)thia6u.£{)u oij jtdvTEc, öe äÄAayr|OÖu,Eda (eine überhaupt recht
unzuverlässig überlieferte Stelle). — l.Kor. 16, 15 'Aoiac, statt Ayata?.

— 1. Kor. 16, 19 läßt er mit wenigen Minuskeln (vgl. auch A) vyiäg cu
I sxxXr|öiai xf<; 'Aoia?. do3idt,ETai weg. - 2. Kor. 5, 10 xä Töia xoö
i ocö(iax0? mit vulS- "■ Vä,ern seit °r'£- ~~ 2- Kor. 12, 1 xauxäaöai
i bei- ov crunqpEQOV uiv mit B. F. O. P. — Eph. 1, 1 fehlt ev 'Eq>E0ü>
1 wie in N.B; ebenso V. 15 xi]V ä.ydrcrv. — Eph. 3,19 Iva jitaiptodij

jtäv xö nrQ<nia mit B und einigen wenigen Minusk. — Eph. 6, 12
(offenbar unter dem Einfluß von V. 11) ;to6c, xüc, u,edo8iac, statt jtpöc,
t. äoxdc,, JIqoc, x. i%ovainq. — Gal. 1, 15 fehlt xai xaÄiaac, öiä xfjc,
Xapixoc, ™xoü wie bei Orig. — Gal. 2,9 Tdxcoßoc. xal Ilt'xpoi;, was
! in dieser Reihenfolge einzigartig ist. Leider erlaubt ein Textverlust nicht
: festzustellen, wie der Name in V. 11 gelautet hat. — Gal. 4, 14 fehlt
ovbe. l|e^xuoaxE, und zwar nur in unserem Pap. — Gal. 4, 25 xö öe
2ivä oqo; eox'iv ev vfj 'Aoaßüj. Ein anderer griechischer Zeuge
i für das öe in dieser Gestalt des Textes fehlt bisher. — Gal. 6, 13
j jt£QiXEXu.r|U.EV0i mit B- _ Pbll. 2, 7 Iv ofiowijiaxi ävöpojjtou (statt
üvOpomcov) mit Marcion, Origenes, Tertull., Cypr., Hilarius. - Kol. 2, 18
i ä £ü>pax£v, mit w wie A, während sachlich dasselbe, nur mit der Schreibung
EÖpuxEV, sich auch X. B. D findet. Das sonst EußaxEikov geschrie-
l bene Wort des gleichen Verses hat hier ein 8. — Kol. 4, 8 yvio xä
nEpi v[iö>v mit C. vulg. pesch. boh. gegen die fast geschlossene Front
der alten Unzialen.

Zum Text unseres Papyrus vgl. noch H. Lietzmann, Zur Würdigung
des Chester-Beatty-Papyrus der Paulusbi iefe: Sitzungsber. der Preuß.
Akad. d. Wiss., Phil.-Hist. Kl 1934. XXV.

Der Beatty-Michigan Papyrus bestätigt im Großen
| und Ganzen das Ergebnis der bisherigen Bemühungen
I um eine wissenschaftlich befriedigende Gestaltung des
neutestamenitlichen Textes. Bei dem Mischungsverhältnis,
in dem Brauchbares und minder Wertvolles bei den
1 Zeugengruppen wie den Einzelzeugen schon immer gestanden
hatte, war von vornherein nicht anzunehmen,
die neue Handschrift könnte den Arbeitsvorgang da-
| durch erleichtern, daß die Zahl der überhaupt zu be-
I rücksichtigen den Zeugen bemerkbar zusammenschmelzen
würde. Aber sie bestätigt uns, daß wir auf dem richtigen
Wege sind, und eröffnet uns Blicke in den Werdegang
des neutestamentlichen Textes in der Zeit vor Fertigstellung
der offiziellen Ausgaben. Deshalb können wir
Keiiyon nicht genug dafür danken, daß er uns so schnell
diese niustergiltige Ausgabe geschenkt hat.
Göttingen. W. Bauer.

J Origenes Werke. Zehnter Band: Origenes Matthäuserklärung. I: Die
griechisch erhaltenen Tomoi. 2. Hälfte. Hrsg. im Auftrage der Kirchenväter-
Commission der Preuß. Akad. d. Wiss. unter Mitwirkung von Lic. Dr. Ernst
Benz von D. Dr. Erich Kloster mann. Leipzig: J. C. Hinrichs 1937.
(XIII u. 704 S.) gr. S°. Preis d. vollst. Bd. RM 54 - ; geb. 58.50.

Nachdem im XI. Bande der Werke des Origenes
I der zweite Teil seiner Erklärung des Matthäusevange-
I liums herausgekommen war, d. h. die sog. Commen-
tariorum series, die lediglich lateinisch überliefert ist
! (s. Th. Lz. 60, Nr. 19, Sp. 344 f.), haben wir jetzt in
j dem X. Bande, dessen beide Hälften den Jahren 1935
und 1937 angehören, die griechisch erhaltenen Tomoi.
Ursprünglich waren es 25 Tomoi gewesen, jedoch
[ nur acht Bücher aus der Mitte heraus, die Tomoi 10—17,
sind auf uns gekommen. Sie setzen mit Mt. 13,36
ein und reichen bis 22,33. Nach dem ersten Plane
hatte Erwin Preuschen den gesamten exegetischen Nachlaß
des Origenes, soweit er das NT. betrifft, behandeln
sollen. Aber er hat nur den Kommentar zum Johannes-
I evangelium herauszubringen vermocht (als IV. Band der
' Werke des Origenes, 1903). Über den ersten Vorarbeiten
j für die Edition der Tomoi zum Matthäusevangeliums
nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand, und die
: hinterlassene Aufgabe fiel an Erich Klostermann.

Für die direkte griechische Überlieferung der Tomoi
1 kennen wir heute neun Handschriften, von denen aber
nur zwei von einander unabhängige, freilich nahe ver-
I wandte Codices uns im Grunde etwas zu sagen haben.

Der eine befindet sich in München (13. Jahrhundert),
J der andere heute in Cambridge (14. Jahrh.). Doch steht
leider fest, daß die in ihnen vorliegende direkte grie-