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Ausgabe:

1938

Spalte:

181-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnürer, Gustav

Titel/Untertitel:

Katholische Kirche und Kultur in der Barockzeit> 1938

Rezensent:

Kalthoff, Wilhelm

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181

Theologische Literaturzeitimg 1938 Nr 10.

nicht gerecht. Es lassen sich so noch mancherlei Einzelheiten richtigstellen
. Man gewinnt lebhaft den Eindruck, daß es eben einer gewissen
Vertrautheit mit der ganzen Theologie Luthers bedarf, wenn man die
Frage nach dem Natunecht bei Luther über einige Beobachtungen hinaus
zu einer sachgemäßen Darstellung und Beurteilung fördern will.
Vf. hätte z. B. Luther Oedanken von der viva lex von demjenigen über
Viva vox aus, hätte die Lebendigkeit des „natürlichen Gesetzes", die er
Luther abspürt, von der „Lebendigkeit" der lex Christi her zu begreifen
versuchen sollen. Er wäre dann vielleicht auch Holls Urteil über
Epieikie bei Luther nicht nur an der Oberfläche begegnet.

Erfreulich ist der ruhige Ton der Darlegungen, bei denen der Vf.
auch einer „Staatslehre des Kard. Bellarmin" (1934) sich seiner Beobachtung
bewußt erinnert, „daß dieser größte Kontroverstheologe der
Refonnationszeit die herkömmliche Natui rechtslehre nicht ausdrücklich
Segen Luther zu verteidigen sich veranlaßt sah". Das dogmatische Urteil
über Naturrecht, wird zwar nur ganz selten gegen Luther angedeutet,
bindet aber den Vf. in seinem Verständnis Luthers ähnlich, wie einst
Holl durch die Auseinandersetzung mit dem Naturrechtsgedanken des
Rationalismus daran gehindert wurde, Luther ganz zutreffend nachzuzeichnen
.

Halle a. S. Ernst Wolf.

Schnürer.Gustav: Katholische Kirche und Kultur in der Barockzeit
. Paderborn: Ferd. Schöningh 1937. (XVI, 804 S.)gr.8°. Geb. RM12.50.

Mit dem vorliegenden Buche setzt Schnürer sein
großes, dreibändiges Werk über „Kirche und Kultur
im Mittelalter" fort. Er behandelt diesmal die Zeit von
1500—1700. Während er im Hinblick auf das Mittelalter
von der Kirche schlechthin sprechen konnte, muß
er jetzt schon im Titel das Wort „katholisch" mitnennen
, um seinen Standort und seine Absicht anzugeben.

Man tut gut daran, sich gleich zu Anfang die Grundanschauungen
zu vergegenwärtigen, die sich, die ganze
Darstellung tragend, hinter der Formel „Kirche und
Kultur" verbergen: Kirche und Kultur gehören aufs
engste zusammen. Die Kirche darf nicht in einem leeren
kauine jenseits aller Kultur stehen; sie darf ebensowenig
selbst zu einem einzelnen Kulturgebiet neben
vielen andern herabsinken. Als stilbildendes Element
muß sie vielmehr jegliche Kultur durchdringen und
einheitlich prägen. Eine andere als eine kirchliche „Ein-
heits"-Kultur widerspricht dem letzten Sinne der Geschichte
. Darum sind üurchkirchlichung und Entkirch-
lichung der Welt die Leitfäden, mit deren Hilfe der Historiker
das unendliche Material der abendländischen
Geschichte zu ordnen und zu werten vermag.

Auch über den Standort, von dem aus der Katholik
Schnürer das 16. und 17. Jahrhundert überschaut, ist
ein Wort zu sagen. Der protestantisch-deutsche kann
für ihn nicht in Frage kommen. Dessen Leitbegriffen
Reformation und Gegenreformation würde er es niemals
zutrauen, daß sie den reichen katholischen Gehalt der
Zeit zu fassen vermöchten, nicht nur, weil ihr Blickfeld
begrenzt ist, sondern vor allem, weil sie das ganze
Geschehen auf der katholischen Seite als ein bloß reaktives
erscheinen lassen. — Ebensowenig wie die protestantisch
-deutsche Perspektive würde Scnnürer eine rein
geistesgeschichtliche gelten Lassen, wie sie etwa Dilthey
angewandt hat. Er würde glauben, sie kehre gleichsam
das Unterste zuoberst, wenn sie sich darüber freut, daß
zwischen 1500—1700 eine „gemilderte Religiosität" der
autonomen Vernunft die Herrschaft abtritt und eine allgemeingültige
Wissenschaft den Anspruch erhebt, das
Wahre und ausreichende Fundament aller Kultur zu sein.

Eine katholische Sicht erkennt im 16. und 17. Jahrhundert
vor allem eine eigenständige Erneuerung der
katholischen Kirche, die sich wieder imstandefühlt, alle
Lebemsgebiete mit ihrem Geiste zu durchdringen und zur
Einheitskultur zu verschmelzen. Um den Reichtum dieser
katholischen Erneuerung zusammenzuraffen, bedient
sich Schnürer des heute beliebten Begriffes Barock. Er
kennzeichnete ursprünglich den Stil der bildenden Kunst
cjer Nachrenaissance. Von dort wurde er sinngemäß auf
die übrigen Kunstgattungen der Zeit übertragen. Am
eifrigsten griff ihn die Literaturgeschichte auf. Es
dauerte nicht lange, so benutzte man ihn als Kennwort
tur die geistige Haltung der Zeit zwischen 1550 und
1650 überhaupt. Dann kamen Forscher und lösten ihn

gänzlich von dem bestimmten Gehalt dieser einen Epoche
los, indem sie verwandte Stilformen und geistige Prägungen
andrer Jahrhunderte und Kulturbereiche als Barock
bezeichneten. Diese Vieldeutigkeit wird nicht dadurch
beseitigt, daß man sie verurteilt und insbesondere
jede „Metaphysizierung" des Begriffes tadelt. Man wird

I sich vorläufig mit seiner Mehrstrahligkeit abfinden müs-

I sen. Nur eins ist unerläßlich: wer sich seiner bedient,

! muß genau erkennen lassen, was er meint.

Schnü.rer verwendet ihn also weder in einem kunst-

j historisch engen noch in einem typologisch allgemeinen
Sinne, wenn er ihn als Signatur für die kirchlich durchdrungene
Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts in Anspruch
nimmt. Daß grade ein ursprünglich kunstwissenschaftlicher
Begriff auf diese Weise erweitert wird,
läßt sich von zwei Seiten her rechtfertigen: Während
der ganzen Epoche ist nämlich die Kunst das Gebiet, das
am sinnfälligsten und unmittelbarsten den kirchlichen
Enthusiasmus und seine kulturbestimmende Kraft verrät.
Und zweitens soll bei diesem umfassenden Gebrauche
nachdiücklich die enge Beziehung zum Begriff Re-

| naissance weitergelten, die der kunsthistorischen Bezeich-

| nung von jeher eigentümlich ist.

Mit dieser Bemerkung stehen wir vor der Grundthese
Schnürers: Die Barockkultur ist dadurch entstanden
, daß die Kirche sich der weltlich-heidnischen Kultur
der Renaissance angenommen und sie in ihrem Sinne umgeprägt
hat. „Im Abendland selbst — und das ist für
uns das wichtigste Ergebnis — ist der heidnische Geist
der Renaissancekultur durch den neuen Geist des Barocks
zurückgedrängt worden, dessen Triumph in der
Verchristlichung der Renaissance bestand" (498). Diese
These ist älter als das vorliegende Buch. Ernst Troeltsch
beispielsweise kommt ihr nahe, wenn er behauptet, die
„Renaissance habe erst in der Amalgamierung mit dein
Katholizismus der Gegenreformation ihre große welthistorische
Durchsetzung und Ausbreitung gefunden"
(Schriften IV, 289). Schnürer würde natürlich die Formel
„Renaissancekultur der Gegenreformation" ablehnen,
weil für ihn der Begriff Gegenreformation höchstens
als Name für die Rekatholisierung der an den Protestantismus
verlorenen Gebiete tragbar ist. Trotz dieses Einspruches
müßte er die sachliche Übereinstimmung mit
Troeltsch zugeben, wenn sich auch auf dem Boden dieser
| Übereinstimmung sofort wesentliche Unterschiede herausstellen
würden.

Grundlage und Kern der Barockkultur, als deren
Höhepunkt das Jahrhundert von 1550—1650 zu gelten
i hat, bildet die innere Erneuerung der Kirche selbst.
Sie beginnt mit der Reform des Klerus. Welt- und Or-
densgeistliche wenden sich wieder mit Eifer ihren Pflichten
zu. Es entstehen neue Orden. Die theologischen
Studien blühen auf. Im Vordergrunde stehen die Fragen
j der Controverse und die verzwickten Kapitel der Gnadenlehre
. Jene hängen mit dem Dasein abtrünniger
] Kirchen zusammen. Diese machen auf ihre Weise das
I Thema „Kirche und Kultur" selbst zum Gegenstand der
j Besinnung, wenn sie auf klare Bestimmungen über das
| Verhältnis von Natur und Übernatur, menschlichem Ver-
| mögen und göttlicher Gnade aus sind. Dieser vielseitige
innere Aufschwung der Kirche entbindet Kräfte für eine
! weitreichende Wirkung nach außen. Das zeigen sowohl
der gegenreformatorische Vorstoß in den abgefallenen
, Gebieten als auch die großen Missionserfolge in außereuropäischen
Ländern, in Amerika wie im Fernen Osten.
Die innerlich und äußerlich aufstrebende Kirche
1 greift bestimmend in alle Kulturgebiete hinein, die sich
| während des späten Mittelalters und der Renaissance
| von ihr losgesagt und auf eigene Füße gestellt hatten,
i Sie formt das Gesicht der bildenden Kunst, durchdringt
! die Literatur und befruchtet das philosophische Denken.
Die Musik wäre ohne die Kirche garnicht zu begreifen!
Auch auf politischem Gebiete spielt sie ihre Rolle, sei es'
daß sie die Fürsten in ihrem Geiste erzieht und berät, sei es'
I daß sie unmittelbar das Geschehen der Zeit lenkt und