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Ausgabe:

1937 Nr. 9

Spalte:

160-161

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Monumenta Palaeographica Vetera 1937

Rezensent:

Bauer, W.

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159

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 9.

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bringt, wäre die von H. aufgewandte Mühe der Stellen- |
Sammlung und -durchdringung wohl schwer vorstellbar, j

Auf die Einzelheiten der Behandlung der Inschriften
und Schriftsteller, deren Benutzung gute Register erleichtern
, kann ich als „Gast" in den Jagdgründen
der klassischen Philologie nicht eingehen. Als einzelnes
Beispiel, bei dem die Problemlage mir einigermaßen
bekannt ist, hebe ich die eindringende Auseinandersetzung
über den Apollonias von Tyana hervor, dessen
Vegetarismus H. mit beachtenswerten Gründen vor die
Indische Reise stellen möchte, namentlich auf Grund j
des pythagoreischen Einflusses, den er mit Maximus
von Aigai für von Anfang an gesichert hält (Philostrat,
Vit. Ap. 1,7 ff.). Zur Frage des geschichtlichen Wertes
des Manibildes des Alexander von Lykopolis wird
der Göttinger die letzten Arbeiten von R. Reitzenstein
vermissen (zuletzt: Eine wertlose und eine wertvolle
Überlieferung über den Manichäismus, NGGW N. F. V,
1, 3 1931; weiteres dort S. 28).

Hingegen darf der Religionshistoriker versuchen, die
wesentlichen geistigen Motive, die H. (vor allem in
umfassender Weise für Pythagoras) erarbeitet hat, aus
seiner Darstellung zu abstrahieren. An erster Stelle wäre
ein Moment der Tradition zu nennen. Weder in der
griechischen Helden- oder Göttersage noch in der großen
Mehrzahl der griechischen Kulte ist der Vegetarismus
daheim. Das Opfermahl, bei dem Gott und Mensch j
Genossen einer Speise werden oder der Mensch sakra- i
mental den Gott in der Gestalt seines heiligen Tieres
verzehrt, schließt ihn aus; solche Sitte aber reicht in
der Form des einmaligen Essens rohen Fleisches bis
in die Orphik hinein. Um so auffallender ist es, daß
sich eine Reihe örtlicher Kulte, vor allem — neben der
Verehrung untergeordneter Gottheiten — von Zeuskulten
finden, in denen nur unblutige Opfer dargebracht
werden durften. Auch wer der Zurückführung dieser
Kulte auf die älteste menschliche Nahrung überhaupt,
wie Kern sie versucht hat, angesichts des hohen Alters
von Jagd und Fischfang in der Kultur mit einer gewissen
Skepsis gegenübersteht, wird mit ihm ihren vorgriechischen
Ursprung annehmen müssen, zumal auf
Grund des Sarkofags von Hagia Triada. Die Gründe,
aus denen einst diese Kulte entstanden sind, sind uns
ebenso verschlossen wie die Rassezugehörigkeit der Menschen
, die sie darbrachten. Sehr wahrscheinlich reichen
sie in eine Zeit zurück, in der die wichtigsten Hausund
Opfertiere noch :nicht domestiziert waren; sie be- i
weisen daher auch für einen grundsätzlichen Vegetarismus
nichts, da sie die Fleischnahrung durch Jagd und
Fischfang nicht ausschließen.

Neben der Tradition steht das m a ntisch e Mo-
t i v. Fleisch und Blut des Tieres wohnen bestimmte j
Kräfte inne, welche die „Seele" des Magiers schwächen j
und den Vollzug der magischen Handlung wie des
Offenbarungsprozesses stören. Diese „Kraft" mag dann
geradezu als die (Hauch)-„Seele" des getöteten Tieres i
erscheinen, die ihrerseits als identisch gelten kann mit
der „Seele" anderer früherer Wesen, welche in dem
Tiere verkörpert war. Die Mantik und die Lehre von
der sog. Seelenwanderung, deren Geschichte und Übermittlung
an Pythagoras — Haußleiter denkt mit guten
Gründen an orphische Vermittlung von Thrakien her —
hier nicht verfolgt werden kann, verschlingen sich, und
chtbonische Motive sind von diesem ganzen Komplex
naturgemäß nicht zu trennen. Durch die von Jamblich |
bezeugte pythagoreische Ausnahmestellung der opferbaren
Tiere (Haußl. S. 134), in welche eine Menschen-
'seele nicht eingehe, sodaß sie eßbar seien, ist der Ausgleich
mit der (jüngeren) Kulttradition, welche die I
Opferung und damit das Verzehren bestimmter Tierarten ■
fordert, in ziemlich willkürlicher Weise vollzogen. Umgekehrt
gilt dann ganz folgerichtig der nicht opferbare
, „von der Sonne verwünschte" Hahn als ein Tier,
das eine Menschenseele beherbergt und Ähnliches gilt
zum Teil auch von den Fischen.

Mit der Lehre von der Metempsychose ist aber ein
dritter Motivkomplex gestreift, die allgemeine M i t -
1 e i d sf or d e r u n g mit den Tieren und der Gedanke
an ihr den Menschen gleiches Daseinsrecht. Dieser
„Humanität" ist der Gedanke unerträglich, daß durch
die Tötung des Tieres der Mensch zur Grausamkeit
des Tötens, des Blutvergießens überhaupt erzogen und
damit in seinen edleren Regungen gehemmt werde. So
mündet das ganze Problem im letzten ein in eine grundsätzliche
ethische Besinnung auf das Herrenrecht des
Menschen in der Natur, auf seine Verfügungsgewalt über
das Leben als solches und auf seine schlechthinnige
Sonderstellung im Kosmos. Ist die Tötung eines Tieres
grundsätzlich etwas der Tötung eines Menschen Analoges
, Vernichtung eines dem menschlichen „gleichberechtigten
" Lebens oder stellt das Menschenleben einen
eigenartigen und schlechthin unvergleichlichen Wert dar?
Und würde der Mensch, selbst wenn er auf die Tötung
des Tieres verzichten wollte, die Härte des Kampfes
ums Dasein, in dem das stärkere Tier das schwächere
vernichtet und verzehrt, irgendwie nennenswert beeinflussen
, oder dient der genannte Verzicht in erster
Linie der sittlichen Selbstveredelung des Menschen durch
Ausschaltung aller „Grausamkeit" und allen „Blutrausches
" aus seinem Handeln. Die Geschichte des menschlichen
Selbstbewußtseins gegenüber dem Tier sollte einmal
geschrieben werden, auch in ihrem Zusammenhang
mit dem menschlichen Kulturbewußtsein, das die Wirklichkeit
des Lebenskampfes anerkennt, oder in einem
lebendigen Friedensbedürfnis aus dieser bösen Welt hinausflüchtet
in einen Paradieseszustand, der keine Tötung
lebender Wesen untereinander mehr kenint und in solcher
Friedenssehnsucht schon damit beginnt, die Tötung zum
eigenen Nutzen einzuschränken. Die Stellung zum Tier
wird zur Stellung zum Leben schlechthin.

Göttingen. Joh. Hempel.

Monumenta Palaeographica Vetera herausgegeben von der American
Academy of Arts and Sciences, Boston, Mass. London: Christophers.
First Series : Dated Qreek Minusculc Manuscripts to the Year 1200
edited by Kirsopp Lake and Silva Lake. Fase. I—VI 1934—36.

Preis für Jahrg. (2 Hefte) £ 2—.
Seit dem Jahre 1934 läßt The American Academy of
Arts and Sciences, Boston, eine Sammlung von Wiedergaben
aus alten Handschriften erscheinen, die den Sammeltitel
Monumenta Palaeographica führt.

Die erste Serie enthält Datierte griechische Minuskel-
handschriften aus der Zeit bis 1200, die von Kirsopp
und Silva Lake veröffentlicht und kurz beschrieben werden
. Das Studium der griechischen Paläographie war
bisher dadurch stark behindert worden, daß kein Gelehrter
die zusammengehörigen Handschriften bei sich
vereinigen und mit einander vergleichen konnte, um
auf diesem Wege Gesichtspunkte zu gewinnen für die
Aufstellung allgemein gültiger Regeln. Die große Mehrzahl
der Handschriften ist ja noch keinem Reproduk-
tionsverfahren unterworfen worden; manche von ihnen
warten bis heute noch auf Herausgabe überhaupt. Jetzt
aber strömen dem Forscher in regem Fluß wundervoll
gelungene Wiedergaben aus den alten Manuskripten zu,
die ihm für die Zwecke der Paläographie die Originale
ersetzen — oft mehr als das, und die leichter als diese
zu handhaben sind.

Von den datierten Stücken ausgehend wird er Einsichten
gewinnen, die ihm gestatten, auch die undatierten
richtig zu bewerten und einzuordnen. So rechtfertigt
es sich, daß von jenen der Ausgang genommen wird,
trotzdem sie die jüngeren sind.

Um den Gebrauchern und ihren jeweiligen Sonderwünschen
entgegenzukommen, liegen die Tafeln ungebunden
in Mappen. Man ist demnach in der Lage, die
einzelnen Stücke in immer neue Zusammenhänge einzustellen
, was die Benützung, die ja sehr verschiedenen
Zielen dienen kann, außerordentlich erleichtert. Der Stoff
ist geographisch angeordnet, insofern die Orte, an denen
die Handschriften heute aufbewahrt werden, sich an-