Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1937 Nr. 22

Spalte:

405-406

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Joyce, George H.

Titel/Untertitel:

Die christliche Ehe 1937

Rezensent:

Wünsch, Georg

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

405

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 22.

406

die klare Frage gekleidet: ist Nietzsche heute der i grundlegenden Kapitel schildern die Prinzipien, aus
Prophet für unser deutsches Volk? Die Antwort lautet | denen die katholische Auffassung von der Ehe erverneinend
. Die Auswahl christentumsfeindlicher wie das
deutsche Volk abfällig beurteilender Worte, die Auswertung
von Forschungsergebnissen Hofmillers wie die
neueren Untersuchungen Podachs über die Krankheit
des Philosophen, endlich N.'s an Größenwahn grenzende
Selbstbeurteilung lassen bei aller Sachlichkeit der Darstellung
die Abneigung des Lesers von Seite zu Seite
wachsen. (Besonders muß den Christen eine auf S. 51
wiedergegebene Äußerung empören: „Ich finde selbst
den Stifter des Christentums oberflächlich im Vergleich
zu mir".) Würde der Verfasser bei aller Richtigkeit
der Zitate mehr den Akzent darauf gelegt haben, zu
zeigen, wie hier in titanischem Ringen ein Mensch
im Kampf gegen Christus zerbricht und somit einen
bemerkenswerten Grenzfall jenes Antichristentumes darstellt
, welches noch im tiefsten Haß von der Beschäftigung
mit der Gestalt des Christus nicht loskommt,
so würde die in ihrer Zitatenhäufung abstoßend wirkende
Darstellung unter diesem größeren Gesichtspunkte
menschliches Mitleid erregen. Freilich — für gesunde
deutsche Menschen ist dieses Leben kein Vorbild; denn
ein solcher an der Grenze der Gesundheit lebender
Mensch eignet sich -weder zur Nachahmung noch kann
man seine überstiegenen Gedanken zum Allgemeingut
für jedermann machen. Darin ist dem Verfasser durchaus
Recht zu geben (S. 83). So ist seine ablehnende
Antwort m. E. nicht bloß die des evangelischen Deutschen
, sondern die jedes gesund empfindenden Deutschen
.

„Aus den fixen Ideen eines seit langem unheilbaren
Geisteskranken kann man keine großen Leitgedanken
für die Zukunft des deutschen Volkes machen. Im
dritten Reiche strebt man mit allen Kräften danach,
daß die Volksgenossen gesund sind, gesund an Leib
und Geist. N.'s Schriften sind kein Mittel zur Gesundung
und Gesunderhaltung des deutschen Geistes".

Jena. Erich Fascher.

Joyce, O. H. : Die christliche Ehe. Eine geschichtliche u. dogmatische
Studie. Leipzig: J. Hegner [1934]. (665 S.) 8°. geb. RM 28—.

Das umfangreiche Buch stellt nicht, wie der Titel
sagt, die christliche Ehe dar, sondern das römischkatholische
Eherecht mit einigen Streiflichtern auf die
griechisch-orthodoxe Kirche, die Reformation und die
anglikanische Kirche. Seine Absicht ist nicht nur die
Darstellung — die ist andernorts auch geleistet —,
sondern erneute Begründung mit apologetischem Zweck
gegenüber dem Eherecht der beutigen Staaten, das für
den Verf. gleichbedeutend mit der Auflösung der Ehe,
unu diese wieder gleichbedeutend mit der Auflösung
echter Ordnung und Kultur überhaupt ist. Wie durch
viele derartige katholische Werke geht auch durch
dieses die Tendenz zu zeigen, wie nur die katholische
Theorie und Praxis die aHein sachgemäße, d. h. Gott
und Natur entsprechende, sein, und nur die Rückkehr
zu ihr den Verfall in ZucfotLosigkeit verhindern kann.

Der Verf. hat sich seiner Aufgabe mit gelehrter i Sexualität nirgends gerecht wird, so ist der Hinweis

wächst. Hauptthema ist, wie auch sonst bekannt, hier
aber besonders eindringlich gemacht, die unauflösliche
Einehe als Sakrament. Einehe und Unauflöslichkeit
lehrt schon das Naturgesetz aus dem
Zweck der Nachkornmenerzeugung und aus dem Zweck
für die Ehegatten selbst. Das Naturgesetz wird bestätigt
und ergänzt durch die Offenbarung. Was die
Ehe zur Ehe macht, ist die Willenskundgebung durch
die gleichstehenden Vertragspartner, die Kirche gibt nur
den Segen. Dabei wird ausführlich das Problem der
„heimlichen Ehen" erörtert. Das Schwergewicht der
Darstellung liegt auf dem Erweis des sakramentalen
Charakters der Ehe (Kap. IV) mit Exegese von Eph. 5,
27—32 und Darstellung der Meinung der Kirchenväter,
von denen Hieronymus im Vers 32 nutrafawv mit sa-
cramentum übersetzt. Der Verf. aber lehnt es ausdrücklich
ab, daß die Erklärung der Ehe zum Sakrament
auf diese Übersetzung zurückginge, sie beruhe vielmehr
auf der Offenbarung der Schrift selbst. Das umstrittene
Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe wird allein
durch drei Kapitel hindurch erörtert (Kap. VII—IX)
mit viel Aufwand von historischen Kenntnissen und
dogmatisch-juristischem Scharfsinn.

So bildet das Buch eine ausgezeichnete Quelle für
die Kenntnis des römisch-katholischen Eherechts und
kann zur Orientierung nur empfohlen werden. Ich
brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß der protestantische
Theologe viel einzuwenden hätte. Das aber kann
nicht im Rahmen einer Rezension erledigt werden. Schon
die Darstellung des Naturrechts reizt zum Widerspruch;
die katholische Auffassung wird in es schon hineininterpretiert
. In welche Schwierigkeiten der statische Begriff
des Naturrechts unter Vernachlässigung seiner historischen
Bedingtheit führt, zeigen die unbefriedigenden
Erörterungen über die Vielehe der Patriarchen. Von
der falschen Interpretation von Eph. 5 sei gar nicht geredet
, sondern darauf hingewiesen, wie die sakramentale
Auffassung der Ehe die Handhabe bietet, diese wichtigste
Angelegenheit menschlicher Gemeinschaft der
kirchlichen Gerichtsbarkeit zu reservieren und jede weltliche
Instanz auszuschalten. Die Lehre von der Ehe
wird so zu einem Mittel des Kampfes um kirchliche
Macht. Unerträglich sind auch die falschen Alternativen
: entweder Ehe als Sakrament oder nur weltlich
bürgerlicher Vertrag, als ob es nicht andere Möglichkeiten
der Heiligung der Ehe gäbe — entweder Unauflöslichkeit
der Ehe oder Zuchtlosigkeit, als ob nicht
gerade die Auflöslichkeit der Ehe unter bestimmten
Umständen die wahre Zucht ermöglichte. Überall wirkt
das katholische Vorurteil mit, als ob das Verlangen
nach Ehe auf Befriedigung von Begierden beruhe, als
ob die Ehe nicht gerade Beschränkung, Zucht, Aufgabe
, Entbehrung bedeute, wie uns Luther gelehrt hat.
Die besondere Hochschätzung des ehelosen Standes
dringt immer wieder durch. Wenn uns die ganze scholastische
Argumentierung fremd ist, die der lebendigen

Gründlichkeit unterzogen, ein vollständiges Bild sei- j auf die geschlechtslose Ehe der Eltern Jesu als Be-

nes Gegenstandes gegeben, bei allen Einzellehren die i weisgrund historisch und sachlich gänzlich unmöglich,

geschichtliche Entwicklung aufgezeigt und ist bei aller ! So ist das Buch für den protestantischen Sozialethiker

Fülle stets knapp geblieben. Die Sprache ist im ein- j wohl eine Quelle für die Erkenntnis der katholi-

zelnen gelegentlich steif (der Text ist von einem Unge- i sehen Auffassung der Ehe, aber nicht ein Vorbild

nannten übersetzt). Als Ganzes stellt das Werk eine ! dessen, was christliche Ehe ist.

gründlich ausgebaute Fundgrube für das Werden und ! Ein sinnstörender Druckfehler findet sich auf S. 144, wo Z. 11 v

den Inhalt des kanonischen Eherechts dar. j »• <™H« statt «aoxu steht.

Die entscheidenden Kapitel sind I—IV und VII—IX
Die übrigen enthalten Einzelthemen wie Ehen
von Nichtgetauften und Nichtkatholiken, die kirchliche
Gerichtsbarkeit in Ehesachen, die Auflösung
nicht konsumierter Ehe, Scheidung und Wiederver-
heiratung von Neubekehrten, die verbotenen Grade

Marburg a. L. Georg Wünsch.

Dibelius, Otto: Die Kraft der Deutschen, in Gegensätzen zu
leben Berlin: Kranz-Verlag 1936. (83 S.) 8°. = Christus u. die
Deutschen. 5. Heft. j jq

An das Motto, welches Möller van den Bruck dem
von Verwandtschaft und Schwägerschaft, Einehe, j Schlußkapitel seines Buches „das dritte Reich" vorans-
zweite und spätere Ehe. Die oben bezeichneten j schickte, knüpft Dibelius an. „Wir müssen die Kraft