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Ausgabe:

1937 Nr. 13

Spalte:

240

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eidem, Erling

Titel/Untertitel:

Der Seele Jakobskampf 1937

Rezensent:

Laasch, Theodor

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 13.

240

sachlich ist das Urteil falsch, unzutreffend, schief. Ne- I Calvin und Melanchthon eingehend gewürdigt. Interes-

ben besserem Wissen steht es da, nur erklärlich aus dem 1 sant ist der Nachweis, daß der Terminus „Sittengesetz"

merkwürdigen Umstand, daß er fast ausschließlich jü- i auf eine Verschmelzung der christlich-jüdischen Ge-

dische Gelehrte heranzieht als Gewährsmänner für ein , setzeslehre mit Elementen der antiken Moralphilosophie

Verständnis Jesu: J. Abrahams, J. Klaußner, C. G. zurückgeht, während der imperativistische Legismus spe-

Montefiore u. a. Ob überhaupt und inwieweit sie im zifisch jüdisch-christlicher Herkunft ist. Diese ursprüng-

Stande sind, Gestalt und Lehre Jesu in ihrer ganzen Urlich
theologische Tradition wird erst durch Kant wirk-

sprünglichkeit zu erfassen, diese Frage bleibe uner- j lieh gebrochen, der den Begriff des Sittengesetzes säku-
örtert. Aber bei einem so eigenwilligen und freien Mann I larisiert und zum philosophischen Terminus umprägt,
wie Bischof Henson von Durham mutet jene Hörigkeit | Es ergibt sich ferner, daß die bisher meist allein beseltsam
an. I achtete legistische Strömung in der Ethik begleitet wird
Erlangen. Wilh. Vollrath. von machtvollen Neben- und Unterströmungen, die auf

-— eine gesetzesfreie Ethik der autarken Ordnungen hin-

Spiegelberg, Herbert: Gesetz und Sittengesetz.Strukturanaly- drängen.

tische u. historische Vorstudien zu einer gesetzesfreien Ethik. Zürich : Max I nnttinaen • h»™.™ 7,i(m„,

Niehans [1935]. (380 S. u. ei. Übersichtstaf.) gr. 8°. RM 12.80. 1

Das Buch will die Möglichkeit und darüber hinaus
auch das ausschließliche Recht einer gesetzesfreien Ethik
innerhalb der Philosophie, zugleich jedoch den absoluten,
von jeder Setzung unabhängigen Charakter ethischer
Pflicht, Berechtigung, Verbindlichkeit und verwandter
„praktologischer" Gebilde ersichtlich machen. Damit wendet
sich der Vf. auch gegen jede theonome Ethik und
stellt ihr gegenüber die These auf, daß auch „die höchsten
Attribute Gottes, seine Gerechtigkeit und Allgüte,
erst am Maßstab einer setzungsunabhängigen Ethik ihren
voller. Gehalt gewinnen" (17).

Die Durchführung dieses Programms beschränkt sich
auf eine „Kritik des wissenschaftlichen Legismus", insbesondere
all der vielen Spielarten einer auf einen Gesetzesbegriff
aufgebauten Ethik. Die Maßstäbe dieser
Kritik gewinnt der Vf., indem er innerhalb des Sittengesetzes
eine sprachliche, eine logische und eine onti-
sche Schicht unterscheidet und deren wesensmäßige Herkunft
untersucht. Dabei ergibt sich eine wesensmäßige
Verschiedenheit von theoretischen und praktischen Gesetzen
: während im praktischen Gesetz (z. B. Staatsgesetz
) die logische Schicht und damit letztlich der Gesetzgeber
den Primat haben, dominiert in der Struktur des
theoretischen Gesetzes (z. B. des Naturgesetzes) die optische
Schicht der Gesetzlichkeit und des konkreten gesetzmäßigen
Verhaltens der konkreten Sachen. Das Sittengesetz
steht gleichsam in der Mitte zwischen beiden:
durch seine ideale Gültigkeit vor allem ist es von der
theoretischen Gesetzlichkeit unterschieden; andererseits
aber setzt es eine objektiv vorgegebene ethische Ordnung
voraus, wodurch es sich von dem praktischen Gesetz
und seiner Willkürlichkeit abhebt. Diese ethische
Ordnung ist demnach die höchste Gegebenheit aller
praktischen Philosophie. Ihre Erfassung wird einer Intuition
von eigener Art zugewiesen.

Hier hätte nun die eigentliche philosophische Arbeit
einzusetzen. Aber die Entwicklung bricht gerade an diesem
problematischen Punkt ab, und das hat seine Folgen
auch für den kritischen Teil: der eigene philosophische
Ansatz scheint zwar den Anstoß, nicht aber die
gestaltende Kraft der Kritik hergegeben zu haben. Das
verrät sich schon in der merkwürdig schematischen
Durchführung dieser Kritik. Außerdem stößt sie sozusagen
ins Leere: sie zerstört ja nicht etwa eine Position
, hinter der sich heute noch ein ernsthafter Gegner
verschanzt hielte. Um aber Kant zu treffen, setzt

Eidem, Erzbischof D.Erling: Der Seele Jakobskampf. Biblische
Betrachtungen. Gotha: Leopold Klotz 1936. (80 S.) 8°. RM 1.80.
Das erste Buch in deutscher Sprache von dem Nachfolger
Söderbloms. Der Übersetzer W. Rodemann widmet
es seinen Lehrern D. Ihmels und D. Bachmann. Es
sind erbauliche Betrachtungen zu Gen. 32, die 1927 vor
einer schwedischen christlichen Studentenkonferenz gehalten
wurden. Wie das grüne Rankenwerk des Efeus
sich an die alte Mauer klammert, so läßt der Verfasser
seine christliche Meditation emporwachsen aus den alten
Worten der Schrift. Er will mit ihr nicht das tiefste
und einzig wahre Verständnis des Textes ermitteln —
das war der Irrtum der Allegorese, daß sie den Efeu
zur Wand machte — aber er benutzt das Geschehen
der Geschichte, ja, ihre einzelnen Worte als Spiegelbilder
, er betrachtet „den Jakobskampf als symbolische
Darstellung der Not und des Kampfes und Sieges der
Menschenseele" und zeigt an ihm, „wie Gott sucht und
überwindet, indem er sich überwinden läßt". In tiefgrabenden
und geistvollen Ausführungen spricht der Verfasser
von der Gottverlassenheit als Schmerz, der Gottesbegegnung
als Kampf, der Gottesnähe als Gabe.
Das Büchlein ist zugleich ein Versuch zur Lösung der
Frage: historisch-kritische oder christologische Deutung
des Alten Testaments?

Hannover. Th. Laasch.

Soeben erscheint:

Der Sinn der Bergpredigt

Ein Beitrag zum geschichtlichen Verständnis
der Evangelien und zum Problem der richtigen Exegese.

Von D. Dr. Hans Windisch f

Professor an der Universität Halle-Wittenberg
Zweite, stark umgearbeitete, erweiterte und verbesserte Auflage.
VIII, 190 Seiten. 8°. Preis RM 9—; gebunden RM 11.50.
Untersuchungen zum Neuen Testament, hrsg. von H. Windisch, Heft 16.

Zeugt schon die Tatsache einer zweiten Auflage für das Interesse, das
das Buch gefunden hat, so werden Notwendigkeit und Nutzen dieser
Neuauflage noch dadurch unterstrichen, daß Professor M. Dibelius, Heidelberg
, nach dem Tode des Verfassers die Herausgabe übernommen hat,
obwohl gerade auch seine Auffassung der Bergpredigt von Windisch
kritisch behandelt wird. Die Bedeutung des Buches ist seit seinem ersten
Erscheinen nicht geringer geworden. Im Gegenteil, die große Wendung
sie nicht tief genug an: es ist ein zu äußerlicher Ein- des deutschen Schicksais hat allen grundsätzlichen Fragen der christwand
, wenn man gegen Kants Idee der Selbstgesetz- , ,ichen Ethik besondere Gegenwartsnähe verliehen. Zugleich haben Angebung
des Willens geltend macht, daß das Sittenge- j grjffe gegen das Christentum in mehr als einem Teil der Welt die
setz sich auf eine vorgegebene ethische Ordnung be- I symbolische Bedeutung der Bergpredigt wesentlich gesteigert. Endlich
ziehen müsse, der Wille also nicht in einem strengen ! hat die Verschiedenheit theologischer Auffassungen auf dem Gebiet der
Sinne autonom sein könne (160 ff.). Dieser Einwand j angewandten Sozialethik eine Orientierung am biblischen Evangelium als
Setzt Kants Idee des Sittengesetzes gleich mit dem von ' notwendig erwiesen. In allen diesen Fragen gewährt das Buch eine be-
Sd ia vorläiifio- rein formal entwickelten Betriff sonnene und sichere Einfuhrung. Möge es nicht nur von wissenschaft-
c:+J vo^futlg rein tormal entWICKeiten D eig r 11T Bemühungen um die Bergpredigt Kunde geben, sondern un-

„Sittengesetz" und ist darum notwendig inadäquat. ! mittdbar dem Verständn^ desK Evangeiiums dienCn.

Fruchtbarer werden die gewonnenen Unterscheidungen
in den reichgegliederten historischen Untersuchungen ' J. C. HINRICHS VERLAG, LEIPZIG C 1
des zweiten Teils. Hier werden u. a. Augustin, Thomas, _uwimmmmhb.......imiwwm—h

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 3. Juli 1937.

Verantwortlich: Prof. D.W.Bauer in Göttingen, Düstere Eichenweg 14.
J. C. Hinrichs Verlag, Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.