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Ausgabe:

1937 Nr. 13

Spalte:

237-239

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Henson, Herbert Hensley

Titel/Untertitel:

Christian morality 1937

Rezensent:

Vollrath, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 13.

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friedigen die territorialen Aufsätze deswegen deutsche
Interessenten nicht, weil der Kulturwille der katholischen
Allslanddeutschen überhaupt nicht zu Worte
kommt, und das wäre doch das Mindeste, was man
heute von einem deutschen Autor verlangen kann, der
über internationale Bildungsfragen handelt. Der Kulturwille
der katholischen Auslanddeutschen ist doch eine
die ganze Welt überstrahlende Bildungskraft!

Der zitierte schwache Aufsatz von Drinkwater über
England veranlaßt uns, bei dieser Gelegerrheit ein paar
Worte über das Bündel autobiographischer Skizzen —
Lausbubengeschichten, Studentenulk, Segelfahrten stehen
im Vordergründe — von Sutherland zu sagen. Der
Verfasser, Mediziner und aus einem Arzthause, stand
offenbar von Anfang an der schottischen Freikirche
nicht fern; zuweilen, zumal im Anekdotischen, wird
man stark an J. Maclarens „Beim wilden Rosenbusch.
Lang, lang ist's her" erinnert. Zu Beginn des Weltkrieges
trat S. in die schottische Staatskirche über, 1919
wurde er katholisch. Der Abschnitt XVIII „Mein Weg
nach Rom" ist Hilaire Belloc („The path to Rome,
1902) nachempfunden, und der Abschnitt XIX „Eine
Verleumdungsklage" bricht eine Lanze für die Katholische
Kirche in ihrem Kampf gegen den birth eontrol;
in diesem Kampfe stand Sutherland dem Kardinal Bourne
nahe. Das Buch Sutherlands ist eine nicht unbedenkliche,
weil geschickte und anregende Konvertitengeschichte, und
die Behauptung: ich bin katholisch durch die Gnade
Gottes" wird in ihrer flachen Banalität bei den vielen
Lesern, die das Buch offenbar finden wird, nicht immer
erkannt werden. Im Übrigen ist das Buch S.'s ein Beweis
dafür, daß der Katholizismus in England doch andere
Probleme bietet als Driinkwaters wenige Zahlen und
Namen ahnen lassen.
Berlin. Otto Lerche.

Christian Morality. Natural, Developing, Final. Bein<; the Qifford
Lectures 1935 6 by Herbert Hensley Henson, Bishop of
Durliam. Oxford: Clarendon Press 1936. «r. ä°. Preis 12 s. 6 d.

Der Verfasser gehört unter die namhaften Fiih-
der der anglikanischen Kirche und des englischen
Volkes. Neben Dean Inge, Bischof Barnes u. a.
zählt er zu jenen Männern, die durch alles, was
sie sagen oder schreiben, herausfordernd wirken. Sie
rufen Erregung hervor, bereiten oft Verlegenheit, die
von beharrlichen Gemütern als Störung der Ruhe
empfunden wird. Wie sie, so ist auch Bischof Hensley
Henson stets eine Kämpfernatur gewesen und ein Widerpart
geblieben bis ins Alter. Ein Kirchenmann, der auf
Laien hört und auf die Seite der Weitleute treten kann,
als ein Theologe, der gegen den Anglokatholizismus
Und gegen die neue Oxfordbewegung Partei ergriffen,
dabei für Selbständigkeit, ja Entstaatlichung der englischen
Kirche sich eingesetzt, hat er immer Stellung genommen
im Spiel zeitgenössischer Ereignisse.

Als Gifford Lecturer wählte er hier Christian
Morality zum Gegenstand einer Vortragsreihe, aufgefeilt
in geschichtliche und sachliche Betrachtungen. Ihr
wusch sei Lehre, verkörpert im Leben Jesu. Der Redner
zerstreut die Meinung, als handele es sich dabei um
Zwangsgesetze, die aller Erfahrung vorausgehen, etwa
durch kirchliche Obrigkeiten geboten oder durch das
Ansehen von Schriftstücken allein erhärtet. Maßgebend
si"d „the principles of the teaching of Jesus", ist „the
■noral ideal embodied in His life". Nach beiden Richtungen
geben die Evangelisten zuverlässige Auskünfte.
Auf dieser festen Grundlage werden mögliche Antworten
erörtert auf ethische Fragestellungen, geboren aus den
Wechselnden Anforderungen des menschlichen Lebens
'n seiner geschichtlichen Entwicklung. Der sittliche
Wahrheitsgehalt und seine Verwirklichung werden stets
!n Beziehung zu einander gesehen. Ihre Übereinstimmung
'st bei Jesus erfüllt, in der Folgezeit geschah sie nur
bedingt und annäherungsweise.

Jeweils in einem besonderen Kapitel kommen Ge-
schlechtsmoral, Rassenproblem, Staatsgesinnung und

Gewerbstätigkeit (Industrialism) zur Sprache. Beim Gang
durch diese Gebiete führt der Redner den Nachweis,
daß die Normen christlichen Verhaltens, menschlichem
Wesen überhaupt angemessen, auch eine Bürgschaft seiner
irdischen Wohlfahrt sind, in einzigartiger Weise
aber anpassungsfähig dem Wandel der Verhältnisse, und
doch eine Gewähr der Endgültigkeit in sich tragend. Mit
den Kennworten „developing" und „final" stellen sie
„the climax or perfected version of natural morality"
dar. Werden aber alle Religionen nach ihren ethischen
Grundsätzen und nach dem Grade ihres Vollzugs beurteilt
, dann bleibt das Christentum „the most ethical,
in its influence the most penetrating". Denn es besitzt
die Kraft, der „society", soweit sie sich dazu versteht,
ein Gepräge der Einheit und Gemeinschaft zu verleihen.
Dieser Gebrauch des Begriffes „Gesellschaft" verrät die
anglikanische Grundrichtung des Redners. Ihm gesellt
sich ein zweiter bei: „Zivilisation", und so ergibt sich
der Schluß: „Christian civilisation is unique, and, like
the religion which it reflects, potentially universal".
(327/8).

Diese Schau in sein Wirkungsvermögen scheint sich
zu verlieren im Grenzenlosen und dem Allgemeinbegriff
von einer Weltangelegenheit entspricht ein anderer in
dem Satz: „morality belongs to humanity itself".
Auch die ethische Vorstellung von Mensch und
Menschheit wird ihres rassenmäßigen, örtlichen, völkischen
und staatlich bestimmten Einschlages nahezu
entleert. Dafür werden als Beispiele einer Verwirklichung
des Christentums der Völkerbund (242ff.,
258, 269), und eine self-gover n in g d emoeraey
(173) namhaft gemacht. Die Empfehlung dieser Gebilde
zeigt, daß der Moraltheologe und Kirchenmann hier
einem politischen System verschrieben ist, das übernational
und liberalistisch ist. Zwar wird die Vaterlandsliebe
(patriotisni) anerkannt als a generous sentiment
und als Voraussetzung des Verstehens verwandter Gefühle
bei anderen. Der Nationalismus aber, in seinen
Zielen verkannt, wird geächtet als „arrogant" und als
„selfish". (269).

Er gedachte damit in erster Linie Deutschland zu
treffen und spricht von einem „wahnsinnigen — demen-
ted — nationalism" (101), der hier die Köpfe verwirre
. Eine leidenschaftliche Entgleisung, nur daraus zu
erklären, daß der englische Bischof sein Wissen nicht
aus erster Hand hat, sondern es ganz offenbar falscher
Berichterstattung und trüben Quellen verdankt. Daher
die völlige Verkennung des Nationalsozialismus, der tatsächlichen
Lage Deutschlands, das seine eigenen Kräfte
entwickeln muß, sowie der Beweggründe und Ziele des
Führers. Ferner beruft er sich bei seinen ablehnenden
Urteilen über die deutsche Rassengesetzgebung auf ein
Werk „We Europeans", das 1935 bei Janathan Cape
erschienen ist (223, 230). Die drei Herausgeber zeichnen
für Zoologie, Ethnologie und Sozialwis&enschaft.
Als Prediger einer Humanitätslehre indessen machen sie
den deutschen Aufbauwillen verächtlich und leisten darüber
hinaus dem Kommunismus in England Förderung
und tätigen Vorschub. In den diesbezüglichen Absätzen
möchte man sich von dem schlecht unterrichteten an
einen besser zu unterrichtenden Würdenträger wenden.
Sonst erübrigt es sich zu erwähnen, daß das Buch verständlich
geschrieben und anregend zu lesen ist, fesselnd
durch neue Einblicke in bekannte Dinge, gelegentlich
auch überraschend infolge seiner Deutung von Einzelheiten
und Zusammenhängen. Anschaulich, frisch und
unbefangen weiß Hensley Henson alles zu sagen, gemäß
dem Vorsatz „as simply and directly as I can". Auch
darin hat der Bischof recht, daß dunkele Rede noch kein
Beweis von Tiefsinn ist. (25).

Weniger glücklich ist er mit Begriffsbestimmungen.
Nur ein Beispiel: „Original Christianity was the synthe-
sis of traditional Judaism and the teaching of Jesus"
(92). Schon in der Form dieses Leitsatzes steckt ein
Widerspruch im Beiwort: original und synthesis! Auch