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Ausgabe:

1937 Nr. 12

Spalte:

217-222

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weissleder, Karlernst W.

Titel/Untertitel:

Goethes "Faust" und das Christentum 1937

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 12.

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ganz in der Praxis pietatis aufgehend, und zugleich Gegner
der Taufgesimnten war. — W. Lütjeharrns:
Twee Hernhutters handelt von Isaae Le Long und Johannes
Petsch, von denen der erstere sich als Übersetzer
Zinzendorfscher Schriften ins Holländische bewahrte
, während der letztere nach langen Streitigkeiten
über die Herrnhutische Finanzverwaltung und den Spe-
zialbund mit Christus schließlich aus der Gemeinde ausgeschlossen
wurde und sich nun der Leibnizschen Philosophie
widmete. — W. J. Fournier: Antonius van
der Os te Beverwijk stellt gegen Knappert fest, daß
die Gemeinde zu Beverwijk 1758 keine aus Remonstran-
ten und Taufgesinnten gemischte war. — G. P. Ma-
rang: Nieuw licht over de Zwijndrechtsche Nieuw-
lichters ergänzt seine 1909 erschienene Dissertation über
die von Stoffel Müller begründete Sekte der „Lichtfreunde
" durch Mitteilung der üründungsurkunde von
1823, die Besprechung einiger Flugschriften zur Sache,
und der Schicksale des Wilhelm Heystek, der mit der
Gemeinschaft 1864 nach Amerika auswanderte, wo ein
Teil zu den Mormonen übertrat. Es handelt sich um eine
kommunistische Bruderschaft (doch mußte später der
Kommunismus aufgegeben werden) mit stark determi-
nistisch-pantheistischem Einschlag (woher stammt der?
von Spinoza?). Die Vorwürfe der Unsittlichkeit scheinen
unberechtigt zu sein. — A. A. van Schelven: Brieven
van den Hongaarschen Hervormer Szenczi Molnar Al-
hert teilt aus der Münchener Collectio Camerariana 7
Briefe mit, die den niederländischen Calvinismus und
seine internationalen Beziehungen 1624 ff. beleuchten.
'— J. Ii. Goslings-Lijsen: Uit het leven van Elisabeth
van de Palz, Abdis van Herford (1618—1680)
teilt einige Briefe m.it den Aufenthalt der Labadisten in
Herford bei der Tochter des Winterkönigs betreffend.
Ihr Urteil über Anna Maria Schürmann: „ich halte sie
nich vor eine von den weibren, davon der apostel Paulus
2. Tim. am 3. spricht, dann sie ist weder einfaltich,
noch mit sunden beladen". — M. D. Lammerts:
De Predikanten der Ncderduitsche hervormde Kerk te
Keimerswaal, gibt, soweit bekannt, ihre vitae von 1581
bis 1639. — P. van Itterzon: De Doleantie in de
Synode van 1886, referiert über diese für die niederländische
reformierte Kirche wichtige allgemeine Synode.
-— In die Geschichte des Pietismus führen die beiden
Abhandlungen von P. J. Meertens: Cornelia Teelinck
(1554_76, Verfasserin eines 1607 herausgegebenen
Büchleins „Corte belijdenisse des geloofs") Eewoud Teelinck
(Bruder des bekannten Wilhelm T.), dessen zahlreiche
, gegen die Remonstranten gerichtete Schriften
charakterisiert werden. — „Uit middelnederlandsche
Handschriften" teilt de Man Bruchstücke mystischer
Schriften mit. — Bücherbesprechungen sind den einzelnen
Heften beigegeben.

^Heidelberg.___W. Köhler.

W" e i ß 1 e d e r, Karlernst W.: Goethes „Faust" und das Christentum
. Leipzig: S. Hirzel 1936. (XI, 39 S.) gr. 8°. = Stud. u. Bibliogr.
zur Gegenwartspliilosophie. H. 19. RM 1.40.

Die Sammlung, die schon eine Anzahl bedeutender
Hefte aufweist, kommt dem „Rufe nach Überschau und
Synthese" entgegen, und auch dieses Heft verzichtet
yuf Einzelforschung, versucht sich eines „Ganzen zu bemächtigen
" und ist auf den Sinn eingestellt.
Weißleder sagt (S. VIII f.):

„Als das Verwunderlichere und Unnatürlichere muß man es vielmehr
üeradc bezeichnen, wenn das Problem des Sinnes als fernliegend und
""aktuell genommen wird. In Wahrheit ist ihm eine entschiedene Aktualität
stets immanent, und in der Gegenwart tritt ein Moment hinzu,
das diese Aktualität gleichsam in die Potenz erhebt: in unserer Gegen-
*W1 wird das Problem des Sinnes spruchreif."

Ein erheblicher Teil des Heftes beschäftigt sich
^nindsätzlich mit dem Verhältnis zwischen Kunst bzw.
wortkunst und Religion, mit Dingen, „die ebenso wie
a,t1 „Faust" an jeder anderen Dichtung behandelt werben
könnten" (S. 2). W. begründet das mit folgenden
Gatzen (S. 2f):

,,Man dürfte sich dieser Mühe mit Recht entziehen, wenn es sich
um Überlegungen handelte, die bereits zum sicheren Bestände unseres
i Allgemeinwissens gehören, wenn man sich über die ganz prinzipielle und
sehr exakt zu bezeichnende Situation im Verhältnis zwischen Dichtung
und Religion gemeinhin im klaren befände. Da dem aber nicht so ist,
muß die Untersuchung bereits hier einhaken, muß auf einen fundamentalen
Tatbestand, eine kritische Struktur hinweisen, welche auch unser
spezielles Problem in eine neue und durchaus fixierte Perspektive rückt,
im Gang der Überlegung eine überaus wichtige Komponente ausmacht,
gleichsam ein konstantes Glied der Funktion bedeutet, in der unsere
Problematik verborgen liegt und der Auflösung harrt".

Die beiden Zitate zeigen, in welchem „Deutsch" das Heft geschrieben
ist. Selbst die einfachsten Gedanken werden in einer verkrampften,
j gewundenen und übergelehrten Form gesagt, und eine Menge von Fremd-
j Wörtern wird auch da gebraucht, wo die Sache deutsch ebenso
| klar und scharf gesagt werden kann. Ich war nahe daran, mich zu
weigern, ein solches Werk zu lesen und zu besprechen. Aber ich hätte
dem Verf. damit insofern unrecht getan, als viele Philosophen (und
1 Theologen!) heute noch unangefochten ähnlich schreiben.

Den entscheidenden Problemansatz findet Weißleder
bei Nie. Hartmann. Er geht aber doch wesentlich über
ihn hinaus, sodaß wir uns bei unserer Auseinandersetzung
nur auf das Werk Weißleders einstellen. In dem
ersten Teil behauptet W. einen „p rinzi p ie 111 e n Widerstreit
zwischen Dichtung und Religion
als metaphysischen Instanz« n", und dieser Widerstreit
liegt nach seiner Meinung, wie die Teilüberschrift
S. 3 sagt, in der „Diesseitsrichtung der Kunst"
und der „Jenseitsrichtung der Religion". Mit „Religion"
meint er das Christentum; zwischen „Religion" im allgemeinen
und „Christentum" macht er keinen Unterschied;
doch wir gehen über diesen Mangel hinweg, da es sich
ja in der Untersuchung tatsächlich um das Christentum
handelt. Der Begriff des Christentums aber, von dem
I W. ausgeht, — ohne den geringsten Versuch, ihn zu
beweisen, als sei er selbstverständlich —, ist verkehrt
und abwegig, und damit sind alle weiteren Thesen
Weißleders hinfällig. W. setzt das Christentum mit
der Richtung auf ein besseres Jenseits und mit der
Flucht aus dem Diesseits gleich; das Ziel seiner Energien
sehe es jenseits des gelebten Lebens, und den Schwerpunkt
verlege es in ein entsinnlichtes Dasein. Wir müssen
zugeben, daß manche sogenannten Christen zu dieser
falschen Auffassung Anlaß gegeben haben und daß
orthodoxe bzw. „dialektische" Theologen dafür einige
Waffen liefern. (Es ist sehr begreiflich, daß Weißleder
i gleich zu Anfang das „tief aufschlußreiche" Werk von
Heinrich Vogel: Die Krisis des Schönen, Berlin 1932, zi-
j tiert.) Im Evangelium und in der ganzen Welt der
I Bibel ist es ganz und gar nicht so, wie es W. ansieht.
Die eschatologische Haltung des Urchristentums kann
für den, der den Sinn des Christentums sucht, nicht
entscheidend sein, Und den Sinn will W. ja gerade
suchen. Den Sinn aber findet man nicht °aii
der Oberfläche, sondern durch eine Betrachtungsweise
wie die „religionspsychologische Methode"
Wobbermins. Die großen Männer der Kirchengeschichte
(man denke auch an die Innere Mission)
! waren a.lles andere als weltflüchtig. Gerade für die Chri-
| sten ist diese Welt, dieses Leben, ist die Natur und
{ der Leib wichtig; hier ist die Schöpfung Gottes, hier
I ist die Stätte der Erlösung, hier soll die Heiligung ge-
! schehen, der Dienst umd der Kampf, hier fällt die letzte
Entscheidung. Daß Sinn, Wert und Bedeutung des Jr-
: dischen von einer überirdischen Größe, von Gott, her
| kommt und in ein überirdisches Ziel ausläuft, verkürzt
I nicht diesen Sinn, diesen Wert und diese Bedeutung, sondern
erhöht sie, ja macht sie, genau genommen, erst
möglich, denn Sinngebung kann nie von der betreffenden
Größe selbst erfolgen, also Sinngebung des
i Diesseits nicht vom Diesseits. Wenn sich im Kunstwerk
„ein Glauben daran ausspricht, daß das sinnenhafte
Leben sehr wohl Werte in sich trägt" (S 5-
wir würden sagen: daß dem sinnenhaften Leben Werte
zukommen) und „es sich verlohnt, an solchen sinnenhaften
Werten zu arbeiten", so liegt darin an sich
kein Gegensatz zum Christentum, wie W. meint. Es