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Ausgabe:

1937 Nr. 11

Spalte:

196-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sevenster, Jan Nicholaas

Titel/Untertitel:

Het verlossingsbegrip bij Philo 1937

Rezensent:

Jeremias, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 11.

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findet". Der germanische Führer geht unter mit seiner
Welt. Dane aber, wenn die Welt vergangen ist, gibt es
keine Leere, kein Ende, aber auch kein eschatologisches
Reich, sondern im Kreislauf des Werdens kommt eine
neue Welt mit neuen Oöttern und neuen Menschen, und
der Schicksalsweg geht von neuem an.

Das Eigene dieses klaren Buches ist nun aber der
Versuch, das Arteigene des germanischen Glaubens dadurch
aufzuzeigen, daß er in engste Verbindung mit der
deutschen Philosophie gebracht wird. Was der Germane
im Mythos meinte, das hat Heidegger mit seiner
Existenzphilosophie der Stufe unseres Daseins entsprechend
gesagt. „Wir gehen mit keiner andern Haltung
aus dem germanischen Mythos hervor als aus der
Heideggerschen Philosophie, nicht mit einem guten oder
schlechten Gewissen, nicht mit Reue oder Sündengefühl,
mit Selbstzufriedenheit oder Vorsatz zur Besserung, sondern
nur mit dem Bewußtsein von unserer Existenz als
einer schicksalhaften Gegeben- und Geworfenheit". Das
wird an einer Reihe Heideggerscher Begriffe erhärtet:
Bedrohtheit, Sorge, Betroffenheit, Bereitschaft usw. Dazu
kommt Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr
. Diese Parallelen zwischen Mythos und Philosophie
sind zunächst verblüffend, aber die Frage sei
erlaubt, ob da nicht doch von unserm heutigen Lebens-
gefühl zu viel Verwandtes in jene alten Zeiten hineingetragen
wird. Die Geschichte steht nicht still, und wir
steigen niemals in denselben Fluß. Wie dem aber auch
sei, es bleibt ein Verdienst des Buches, daß es auf
Grund umfassenden Materials den Schicksalsglauben als
konstitutiv für die germanische Weltanschauung und
die Gestalt Odins als urgermanisch herausgestellt hat.
Hier liegen die entscheidenden Antithesen gegen die rationalistischen
Konstruktionen Kummers.

Ein ernstes Bedenken gegen Naumanns Buch erhebt
sich aber bei der Frage nach der Frömmigkeit der
alten Germanen. Philosophie ist nicht Religion, Weltanschauung
nicht Glaube. Naumann deutet selber an,
daß er dem Germanen religiös wenig zutraut. „Poetisch
und philosophisch sind jene Leute mit dem Schicksal
fertig geworden, ob auch religiös? Aber die Germanen
waren zu allen Zeiten in Poesie und Philosophie größer
als in Religion. Es gibt verschiedene Bewältigungs-
methoden in den verschiedenen Räumen der Welt. Man
soll nicht morgenländische von uns verlangen. Die
unsrige ist hier erfüllt". Man kann demgegenüber einfach
auf den Germanen Martin Luther hinweisen. Hier
zollt Naumann seinen Tribut an moderne Verständnis-
losigkeiten. Es ist schade, daß das schöne Buch damit
belastet ist. Freilich: solange man philosophisch nach
der Philosophie der Germanen fragt, kann natürlich
kein religiöses Bild herauskommen. Wer aber wirklich
mit religiösem Verstehen sich um ihr religiöses Leben bemüht
, wie das Walter Baetke getan hat, der wird auch
andere Töne aufklingen hören und Zweifel an der religiösen
Unbegabung der Germanen bekommen. In Wirklichkeit
war dem Germanen das Numinosum, auch das
Tremendum des Göttlichen garnicht so fremd, wie es
rein volkskundlicher oder rein philosophischer Betrachtung
scheinen mag. Und gerade, weil die Germanen
als religiöse Menschen mit dem Schicksal nicht fertig
wurden, weil trotz alles Heroismus eine letzte Frage
offen blieb, darum konnte das Christentum bei ihnen
durchdringen, indem es ihnen von Gott her die Antwort
auf die Schicksalsfrage gab, die vom Menschen her, der
auf seine eigene Kraft und Stärke vertraute, ungelöst
blieb und bleiben mußte.

Lanz (Weslprignitz). Kurt Kesseler.

Clemen, Prof. D. Dr. Carl: Das Problem der Sünde. Berlin:
Töpelmann 1936. (IV, 57 S.) 8°. = Aus der Welt der Religion.
H. 25. RM 2.90.

Lebhaft bedauert habe ich beim Studium dieser

Schrift, daß der Altmeister der Religionsgeschichte C.

Clemen bei der Behandlung dieses auch religionsge-

geschichtlich fundamentalen Problems der Sünde das

Gebiet der Religionsgeschichte so stark zurücktreten
ließ gegenüber der biblischen Auffassung, die ausfünr-
liche Würdigung findet. Es mag das wohl damit zusammenhängen
, daß der Verfasser vielfach auf eine vor fast
vierzig Jahren veröffentlichte Arbeit über die christliche
Lehre von der Sünde zurückgriff, die ihm das
Material dazu darbot. Doch hätten wir erwartet,
er würde ähnlich wie in seiner eben erschienenen
Studie: ,Die göttliche Offenbarung nach dem
Zeugnis der Religionsgeschichte' (Zeitschr. f. Theologie
und Kirche NF, (XVII, 1936), S. 333 ff.) das ihm
zu Gebote stehende ungemein reiche religionsgeschichtliche
Material zum Vergleich heranziehen; finden sich
doch in diesem Aufsatz Ausführungen über die Sündenvergebung
(S. 347 f.), die wir in obiger Schrift
schmerzlich vermissen. Es ist mir auch nicht ganz klar
geworden, weshalb Clemen das religionswissenschaftlich
bedeutsame Werk ,La Confessione dei Peccati' (Bd.
I—III, 1929/36) von Raffaele Pettazoni (Rom) unerwähnt
ließ. In drei Abschnitte: ,Das Wesen der
Sünde'; ,Die Ursachen der Sünde' und ,Die Aufhebung
der Sünde' wurde der Stoff eingeteilt, was vielleicht
etwas zu schematisch gefaßt ist. Gerade in der Gegen-
I wart, der das religiöse Phänomen der Sünde zum Pro-
j blem geworden, würde eine nicht nur religionsverglei-
' chend fundierte, sondern auch religionspsychologisch ver-
[ tiefte Untersuchung von hohem Wert gewesen sein,
! wie sie ähnlich G. Mensching in seiner Abhandlung ,Die
Idee der Sünde, ihre Entwicklung in den Hochreligionen
des Orients und Okzidents' (1931) dargeboten hat.
München. R.F.Merkel.

Sevenster, Dr. J. N.: Het Verlossingsbegrip bij Philo. Ver-

geleken met de verlossingsgedachten van de synoptische evangelien.
Assen: van Gorcum & Comp. 1936. (190 S.) gr. 8°. = van Oorcum's
Theologische Bibliotheck, Deel IV.

Der Verfasser geht von der scharfen Einstellung
des Heidelberger Katechismus gegen jeden Gedanken
menschlicher Selbsterlösung aus. Er bestreitet, daß
Selbsterlösung und Erlösung durch Gnade das unterschiedliche
Merkmal außerchristlicher und christlicher
Religionen sei und will im Einzelfall nachweisen, daß
sich echte Erlösungsgedanken bei Philo und echte Selbsterlösungsgedanken
im Neuen Testament finden (p. 100).

Der Abhandlung liegt nicht nur eine umfassende
Kenntnis und Wertung Philonischen Schrifttums zugrunde
, sie vermittelt auch dem Leser durch eine Überfülle
von eingestreuten Zitaten aus Philo's Schriften
einen Einblick in die gesamte Philonische Theologie,
Anthropologie und Soteriologie. Allerdings nirgends in

[ geschlossenem Zusammenhang. In 2 Hauptstücken wird

| auf Grund einer Auslese von Zitaten der Gedankenkreis
der Erlösung aus eigener Kraft und der Erlösung durch
göttliche Gnade bei Philo behandelt. Die „optimistische"
Auffassung im 1. Hauptstück geht von dem schroffen
Dualismus zwischen himmlischer und irdischer Welt und
ihrer Verbindung durch den Logos aus. Der „Weise"
wohnt in seinem Leibe nicht als in seinem Vaterland,
sondern als Fremdling im fremden Land. Denn an der
Schöpfung des Menschen sind 2 Götter beteiligt, was
den ständigen Kampf zwischen f|8ooT| und doern zur

I Folge hat. In ihm erwacht das Heimweh nach dem,
was er durch den Fall verloren hat. Der sittlich Reine
kann kraft des gottverwandten vovq zur Überwindung
des sündigen leiblichen Lebens kommen, der Mensch

I ist willensfrei, er kann die niedere Natur zügeln. So
kann er Erlösung aus eigener Kraft erreichen.

Neben diese Aufstellungen stellt das 2. Hauptstück
die „pessimistische" Linie. Derselbe Philo, der das neugeborene
Kind als sittlich neutral, ein unbeschriebenes
Blatt, beschreibt, spricht von der völligen Sündigkeit
und Ohnmacht des Menschen, dem von Geburt an alle
Untugenden angeboren sind, mit einem Leib begabt, der
ein besudeltes Gefängnis ist, in dem die Lüste die Wacht
halten. Sündigen ist dem Menschen angeboren. Der
Mensch ist ohnmächtig ohne Gottes Gnade. Sie liegt